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In seinem Stück „Vater“ widmet sich der französische Boulevardautor Florian Zeller der Altersdemenz. Verglichen mit anderen Dramen über das Altern wirkt Zellers „Vater“ platt und unbeleckt von dramaturgischem Raffinement. Das Stuttgarter Publikum spendete dennoch großherzig Applaus, berichtet Thomas Rothschild.

Theater

Genau wie der demente Onkel

Das Theater nähert sich dem Alltag an. Mehr und mehr werden auf der Bühne die gleichen Themen verhandelt wie im „Spiegel“, im „Stern“ oder in der TV-Dokumentation. Was Heiner Müller einmal das „Genau-wie-Onkel-Otto“-Theater genannt hat, verdrängt die Kunstanstrengung.

In seinem Stück „Vater“ widmet sich der zurzeit ubiquitäre französische Boulevardautor Florian Zeller der Altersdemenz, dem Alzheimer-Syndrom, das kontinuierlich Schlagzeilen macht, seit die Menschen immer älter werden und jene Krankheit zum Ausbruch kommt, die man in früheren Jahren im wörtlichen Sinne nicht er-lebt hat. In diesem Stück verzichtet Zeller weitgehend auf Komik. Vielmehr teilt er die Ängste, die einen großen Teil seines Publikums bewegen dürften.

Nun gibt es in der Weltliteratur eine ganze Reihe mehr oder weniger hervorragender und bis heute gültiger Dramen über das Altern, die Lebenslüge und den Verlust der Wirklichkeitsperzeption, von Ibsens „Wildente“ über Gorkis „Nachtasyl“, Tennessee Williams‘ „Glasmenagerie“, Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ bis zu Eugene O'Neills „Fast ein Poet“ und „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Verglichen mit diesen Stücken wirkt Florian Zellers „Vater“ platt und unbeleckt von dramaturgischem Raffinement. Erst recht Michael Hanekes thematisch verwandter Film „Amour“ verweist „Vater“ in de Bereich der Belanglosigkeit. Der einzige interessante Einfall Zellers besteht darin, die Welt, wie der Vater sie wahrnimmt, unmerklich mit der „realen“ Welt zu vermengen und den Zuschauer so anfangs in ein Labyrinth zu entführen. Aber es gelingt ihm nicht, diesen Einfall zu entwickeln.

Nun lassen sich selbst aus solch einer Petitesse Funken schlagen, wenn man für die zentrale Rolle, den zunehmend dementen Vater, einen großen Schauspieler findet. Das Alte Schauspielhaus in Stuttgart hatte für diese Rolle Peter Striebeck angekündigt. Das machte neugierig. Doch Striebeck kam nicht. Für ihn ist Ernst Wilhelm Lenik eingesprungen, und der verfügt, so ungern man das feststellt, nicht über das Differenzierungsvermögen, das dem Stück Spannung einzuhauchen vermöchte. So putzmunter, wie er über die Bühne hüpfte, wollte man ihm nicht recht glauben, dass er vom Adenauer, den er kürzlich verkörpern durfte, zu einem verwirrten Pflegebedürftigen geworden ist.

Die Programmhefte der Schauspielbühnen in Stuttgart, zu denen auch das Alte Schauspielhaus zählt, sind stets sorgfältig und informativ gestaltet. Diesmal ist das Heft gefüllt mit Fakten zu Alzheimer, die Zellers Stück, was die Botschaft angeht, eigentlich überflüssig machen. Und künstlerisch? Da macht das Programm den Fehler, aus Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“ zu zitieren. Das fordert zu einem Vergleich heraus, der nicht zu Gunsten des aufgeführten Dramas ausfällt.

Das Alte Schauspielhaus freilich hat ein treues Publikum, das schon dafür dankbar ist, dass ihm die Mühen des Staatstheaters erspart bleiben. Es spendete auch diesmal großherzig Applaus, und der Intendant dankte dem Ensemble für die „großartige und berührende Premiere“ – ein Zeremoniell, das zu Manfred Langner gehört wie die Suche nach der vermeintlich gestohlenen Armbanduhr zum Vater in Zellers Stück. Was sollte er auch anderes sagen? Man will den Beteiligten ja nicht den Spaß verderben. Und schließlich trägt der Intendant die Verantwortung. Sein Lob schließt ihn ein: und siehe, es war sehr gut.

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erstellt am 10.11.2016

Szenenfoto Vater, Altes Schauspielhaus Stuttgart: Sabine Haymann

Theater

Vater

Schauspiel von Florian Zeller

Inszenierung Rüdiger Hentzschel

Ausstattung Marcus Ganser

Mit Irene Christ, Ernst Wilhelm Lenik, Deborah Müller, Maja Müller, Dieter Bach, Marius Hubel

Altes Schauspielhaus Stuttgart

Szenenfoto Vater, Altes Schauspielhaus Stuttgart: Sabine Haymann