Thomas Rothschild kritisiert in seiner Kolumne die zu starke Spezialisierung der deutschen Universitätsprofessoren und ihr oft unzureichendes Engagement in Lehre und Forschung.

Kontrapunkt

Der Hochschulschwindel

Man könnte es für eine Satire halten, wenn es sich nicht auf der ganz und gar seriösen Homepage einer Universität überprüfen ließe: Gleich zwei Mal lässt sich der inzwischen geschasste Rektor auf einer Seite mit nicht weniger als fünf akademischen Titeln vorstellen.

Akademische Titel haben nach wie vor einen Einschüchterungswert, der sich in Prestige, Arbeitsmöglichkeiten und nicht zuletzt in Geld umwandeln lässt. Die Volksmeinung, dass sie auf Intelligenz verwiesen, hält sich hartnäckig. Die Wahrheit ist: Jeder Trottel kann einen akademischen Grad erwerben, wenn er bloß aus einem Elternhaus kommt, wo man ihn zum Studium ermutigt und schon zur Erreichung des Abiturs die erforderlichen Nachhilfestunden bezahlt. Wer in einem Milieu aufwächst, in dem keine Bücher im Regal stehen, kein Theater besucht wird, es hingegen als ausgemacht gilt, dass man etwas „Ordentliches“ tun und so bald wie möglich Geld verdienen solle, hat eine deutlich geringere Chance, ein Studium abzuschließen – und dieser permanente Skandal ist in den vergangenen Jahre nicht weniger aktuell geworden.

Wenn Intelligenz die Fähigkeit bedeutet, das Gedächtnis, das Wissen, die Erfahrung, das Verständnis, das logische Denken, die Vorstellungs- und die Urteilskraft zur Lösung von Problemen und für die Anpassung an neue Situationen anzuwenden, dann gibt es kaum einen Ort mit einem kleineren Anteil von intelligenten Menschen als die Universität. Und das gilt insbesondere für die Professoren. Vorweg: selbstverständlich gibt es auch intelligente Professorinnen und Professoren, die auf ihrem Fachgebiet und darüber hinaus beachtliche und originelle Leistungen vollbringen. Aber die Quote jener Professoren, die über alles, was ihre Spezialisierung überschreitet, weniger wissen als ein Arbeiter am Fließband, die selbst in ihrer Disziplin noch niemals einen eigenen Gedanken formuliert, sondern lediglich fremdes Wissen gesammelt und archiviert haben, ist beträchtlich. Wenn Universitätsprofessoren zusammen kommen, sind ihre bevorzugten Gesprächsthemen die aktuellen Immobilienpreise und die günstigsten Anlagemöglichkeiten.

Nirgends existieren so viele Schwindler und Hochstapler wie an den Universitäten. Die öffentliche Wahrnehmung ist auf Plagiate fixiert, die schlimm genug sind. Darüber aber wird übersehen, dass es jede Menge Professorinnen und Professoren gibt, die seit ihrer Berufung nichts oder allenfalls zwei, drei Aufsätze oder von Hilfskräften verfasste Gutachten veröffentlicht haben, die mit den immer gleichen Lehrveranstaltungen langweilen, in denen sie den Kenntnisstand ihrer eigenen Studienzeit weitergeben, die ihre Karriere der Beschränkung auf ein sehr enges Gebiet verdanken, das sie exklusiv und mit Scheuklappen für größere Zusammenhänge beackern, die oft nur zwei Tage in der Woche am Standort der Universität erreichbar sind, wo sie – auch das ist belegbar – ihre Sprechstunden gleichzeitig mit Seminaren ansetzen, die braungebrannt, aber ohne eine niedergeschriebene Zeile aus ihrem Forschungsfreisemester zurückkehren, kurz: die ihrer Verpflichtung zu Forschung und Lehre, für die sie gut bezahlt werden, nicht nachkommen. Würde man an Hochschullehrer die Maßstäbe anlegen, die für jede Supermarktkassiererin und jeden Straßenbahnfahrer gelten, müsste ein hoher Prozentsatz – jedenfalls weit mehr, als es Plagiatoren gibt – fristlos entlassen werden. Aber die Kollegen-Omertà nach dem Prinzip, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, und mit der Selbstrechtfertigung, dass man ja kein Denunziant sein wolle – wohl wissend, dass die durch Prüfungen abhängigen Studenten ebenso wie der wegen seiner Aufstiegswünsche erpressbare Mittelbau ihr Wissen für sich behalten –, schützen die Parasiten an den Universitäten vor Kontrolle und Bestrafung. Auch die Ministerien, die die Berufungen in letzter Konsequenz zu verantworten haben, machen mit ihnen gemeinsame Sache, weil sie sich ihre Fehlentscheidungen nicht vorhalten lassen wollen.

Nicht auszudenken, wie sich deutsche Professorinnen und Professoren verhielten, wenn wir hierzulande türkische Verhältnisse bekämen. Nicht auszudenken? Na ja, ein Blick zurück ins Jahr 1933 hilft der Fantasie auf die Sprünge. Noch sind sie nicht in der Lage, einem deutschen Erdogan einen Ehrendoktor verleihen zu müssen. Aber sie haben keine Probleme damit, irgendwelchen Wirtschaftsbossen, deren einzige Beziehung zur Wissenschaft darin besteht, dass sie Spenden verteilen, universitäre Würden zu schenken, sie zu Senatoren oder ähnlichem Klimbim zu ernennen. Dass sie ihnen häufig auch für ein Trinkgeld zu Willen sind, die angeblich freie Forschung und Lehre in deren Sinn regulieren, mögen sie wirkungsvoll verdrängen. Dass es zutrifft, kann man ebenso auf Websites überprüfen wie die lächerlichen akademischen Titel, mit denen sich intellektuelle Nullen schmücken.

Dies alles, wie gesagt, könnte man für Satire halten. Leider ist es die Wirklichkeit. Und Besserung ist nicht in Sicht.

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erstellt am 08.11.2016