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Ein großer, leerer Platz. Dunkler Hintergrund. Der Prinz von Homburg, von einem preußischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt, hängt in der Luft, zwischen Himmel und Erde schwankend. Michael Thalheimers Frankfurter Inszenierung von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ zeigt zwar überzeugende Ansätze, kann aber im Ganzen nicht überzeugen, meint Martin Lüdke.

Theater

In den märkischen Sand gesetzt?

Szenenfoto Prinz Friedrich von Homburg, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

DER PRINZ VON HOMBURG: Nein, sagt! Ist es ein Traum?
KOTTWITZ: Ein Traum, was sonst?

Ein wahrer Höllenlärm. Wohl noch nie hat man im Frankfurter Schauspielhaus die Kanonen so laut gehört wie hier. Es donnert und kracht. Die Erde bebt. Die Luft zittert. So wird, mit mächtigem Dröhnen, unüberhörbar, das Leitmotiv dieser Inszenierung angeschlagen: Krieg. Doch diese Kämpfe finden, wie meist bei Kleist, hinter der Bühne statt, wenn auch der Pulverdampf die Szene vernebelt. Im Vordergrund steht nämlich ein anderes Drama. Vor der Schlacht träumt der Prinz von Homburg bereits von Sieg und Triumph und davon, dass ihn die Prinzessin von Oranien, Natalie, mit einem Lorbeerkranz schmückt. Noch ganz benommen von seinem Traum verschläft er gleichsam die Befehlsausgabe, bevor er mit seinen Truppen in die Schlacht zieht.

Ein Traum?

Beeindruckende Bilder. Ein großer, leerer Platz. Dunkler Hintergrund. Ein schwarzer Himmel über der ganzen Szenerie. Der Prinz von Homburg, von einem preußischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt, hängt buchstäblich in der Luft, bereits zwischen Himmel und Erde schwankend. Überzeugende Bilder.

Die Todesfurcht hat ihn alle Selbstachtung verlieren lassen. Er strampelt verzweifelt mit den Beinen, schlägt mit den Armen um sich, jammert, schreit, bettelt um sein Leben. Er ist bereit, alles aufzugeben, auch Natalie, seine Verlobte, die Prinzessin von Oranien. Der große, mutige Held, der für seinen Kurfürsten die Schlacht von Fehrbellin gewann, dabei den Schweden die entscheidende Niederlage zufügte, präsentiert sich hier, den Tod vor Augen, als jämmerlicher Jammerlappen. Der Prinz hatte, entgegen dem klaren Befehl seines Kurfürsten, die Schweden angegriffen und (allerdings) auch vernichtend geschlagen. Doch Befehl bleibt Befehl. Und ein Kriegsgericht verurteilt ihn konsequenterweise wegen Befehlsverweigerung in der Schlacht zum Tode.

Michael Thalheimers Inszenierung, Dramaturgie Sibylle Baschung, zeigt zwar überzeugende Ansätze, kann aber im Ganzen nicht überzeugen. Ganz kurios sogar eine (offenbar) unfreiwillige Slapstick-Nummer, die Yohanna Schwertfeger als Natalie bietet. Sie schlitzt sich, auf offener Bühne, mit einem Messer die Kehle auf. Das Blut spritzt heraus und die Zuschauer, direkt vor ihr, in den ersten Reihen, zuckten erkennbar ängstlich zurück. Doch Natalie, das weiße Kleid jetzt blutgetränkt, spricht ungerührt weiter, als wäre es ihr nur darum gegangen, ein wenig Farbe in die Sache zu bringen. Bei Kleist ist übrigens nirgends von einem Selbstmord oder auch nur Selbstmordversuch der Natalie die Rede. Eine seltsame Ergänzung.

Die Kürzungen hingegen sind konsequent und einleuchtend. Die Problematik tritt deutlich hervor. Die Handlung wird transparenter. Alle verzichtbaren Windungen und Wendungen sind gestrichen. Verstärkt durch das klare, schnörkellose Bühnenbild werden auch die Positionen, die sich hier gegenüberstehen, deutlich herausgestellt: das Gesetz, das den Anspruch auf allgemeine Geltung erhebt, und die Gnade, die diesen Anspruch des Gesetzes bestätigt, indem sie ihn (im Hegelschen Sinne) aufhebt, das heißt: negiert und zugleich auf einer höheren Stufe bewahrt. So sind keinerlei äußerliche Aktualisierungen nötig, um die noch immer aktuelle Brisanz des Stoffes zu zeigen.

Der Kurfürst macht hier die Probe aufs Exempel. Natalie fleht ihren Oheim an, den Prinzen zu begnadigen. Der nutzt, bei Thalheimer deutlich intensiver als bei Kleist vorgesehen, die Gelegenheit, um Natalie mit erkennbarer Inbrunst zu küssen. Natalie greift sich danach mit einer Geste an den Bauch, als wäre sie geschwängert worden. Warum das? (Vielleicht weiß es Thalheimer. Dem Betrachter vermittelt es sich nicht.) Der Kurfürst schickt danach Natalie mit einer Botschaft an den Prinzen. Bei Kleist: „wenn er den Spruch für ungerecht kann halten / Kassier ich die Artikel: er ist frei“. Genau das kann der Prinz, wieder zur Vernunft gekommen, aber nicht. Die Frankfurter Inszenierung will hier nun leider die Willkür des absolutistischen Herrschers zeigen. Die Dramaturgin erklärt: „Vielmehr steht Homburgs Disziplinierung modellhaft für die den Siegeszug eines autoritären, gewaltbereiten Denkens, das auch heutzutage an verschiedenen Stellen zu beobachten ist.“ Der Prinz werde „in seinem persönlichen Ehrgeiz gebrochen und von einer exzentrischen, enthusiastischen Persönlichkeit zu einem autoritätshörigen Vertreter des Systems, vom narzisstischen Träumer zu einer Marionette des sich selbst absolut setzenden Herrschers.“

Klug gedacht, aber – mit Ernst Jandl gesagt: „werch ein illtum“! – falsch. Das Gegenteil ist richtig: Der autoritäre Herrscher unterstellt sich auch selbst dem Gesetz, das eben, hier liegt die Pointe, für alle gilt. Er zeigt sich damit als fortschrittlicher Geist, weil er keine Ausnahmen zulässt. Erst als der Prinz sich ebenfalls, aus eigener Einsicht und, daraus folgend, aus freiem Willen dem Gesetz unterwirft, damit dessen Geltung bestätigt, ist es dem Herrscher möglich, Gnade vor Recht ergehen zulassen. Das Gesetz bleibt nämlich unangetastet. Der Kurfürst stellt sich damit gerade nicht willkürlich und „autoritär“ über das Gesetz.
Freiheit meinte Hegel einst, Zeitgenosse von Kleist, sei „Einsicht in Notwendigkeit“. Dafür ist er oft gescholten worden. Doch seine Kritiker hatten übersehen, dass auch die „Notwendigkeit“ einer vernünftigen Begründung bedarf.

Das Bühnenbild von Olaf Altmann überzeugte in seiner spartanischen Opulenz. Großräumig, großzügig, klar und doch fast abstrakt. Die Schauspieler, überzeugend Felix Rech als Prinz von Homburg, waren nicht immer gut zu verstehen, vor allem die Offiziere haben zu oft und leider zu undeutlich gebrüllt. Trotz allem: der Abend hatte durchaus etwas Beeindruckendes. Entsprechend der Beifall, kräftig aber nicht stürmisch.

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erstellt am 08.11.2016

Szenenfoto Prinz Friedrich von Homburg, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Theater

Prinz Friedrich von Homburg

Heinrich von Kleist

Regie Michael Thalheimer
Bühne Olaf Altmann
Kostüme Nehle Balkhausen
Musik Bert Wrede
Dramaturgie Sibylle Baschung

Besetzung Wolfgang Michael (Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg), Corinna Kirchhoff (Die Kurfürstin), Yohanna Schwertfeger (Prinzessin Natalie von Oranien), Felix Rec*h (Prinz Friedrich Arthur von Homburg), *Martin Rentzsch (Obrist Kottwitz)

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto Prinz Friedrich von Homburg, Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld