Hubert, Vogelkundler und Liebhaber der schönen Schrift, muss raus. Dreißig Jahre unter einem Dach mit seinem Onkel sind genug. Zwei Möglichkeiten hat der talentierte Kauz: Flucht oder Rache, denn sein Onkel hat ihn jahrelang missbraucht. Doch wohin fliehen? Vielleicht in die Welt von Jan und Daniel, einem hinreißenden Liebes- und Diebespaar, das mit leichter Hand Kunst aus Museen stiehlt und bravourös übermalt. Oder zu Jakob, dem eigensinnigen Dichter, der mit einem einzigen legendären Gedicht sein späteres Schicksal besiegelt. Vielleicht ist die Zeit auch reif, sich zu rächen. Ermutigt durch Jill, die rebellische Tochter eines skrupellosen Investors, schmiedet Hubert Pläne. Nicht blutig soll der Rachefeldzug gegen seinen Peiniger werden, aber tödlich. Da erfährt er von fünf jungen Frauen, allesamt Opfer ungeklärter Morde. Hubert schreibt vier Briefe, mit fatalen Folgen.
Faust-Kultur veröffentlicht einen Auszug aus Joachim Geils Roman „Ruhe auf der Flucht“. Darin geht es um die Erinnerung an Schorsch, einen Jugendfreund des Protagonisten Hubert, eine nicht ganz erwiderte Jugendliebe, um Schorschs Tod und Auferstehung.

Originaltext

Ruhe auf der Flucht

Es war der letzte feste und schöne, festlich schöne, eisig lebendige Wintertag. Im Tropftakt des nebligen Tauwetters klang das Wintergoldhähnchen heiser, als käme es aus dem Takt, denn der Tautropfen fällt übermächtig mechanisch nach unten, weil er nicht anders kann, und gräbt sich mit klackendem Plopp durch die Schneeschicht bis zum rostnassen Blatt.

Ich erinnere mich genau: Am nächsten Tag sah ich allein das Männchen, erst das Männchen, dann das Weibchen. Der Schorsch tat an dem Nachmittag, was ich nicht konnte, was ich in meiner motorischen Schusseligkeit, meiner grundsätzlichen Bewegungspeinlichkeit, meiner schräg danebengehenden Gliedmaßenfremdheit einfach nicht konnte – auf zwei Schlittschuhen stehen, Fahrt aufnehmen. Schon saß ich auf dem Arsch, jedes Mal. Der Schorsch hatte die Musik auch in den Beinen, konnte Pirouetten drehen, dann rückwärts übers Eis gleiten, als würde er die Kleinheit des Stauweihers nicht nur missachten, sondern aufheben, die Berge ringsum wegschieben mit seiner Pirouette, die Welt davor und dahinter einfach nach Lust & Laune erweitern. Zusammen mit Ernst, am Flügel, auf dem Eis. Die beiden wie so oft zu zweit, die Wunderkinder der Region. Bei den Harmonischen Freunden e. V., die sich der Pflege der Kammermusik verschrieben hatten. In der Schlosskirche, zähneknirschend auch zu dritt mit der doppelzöpfigen Pfarrerstochter an der Querflöte.

Beim Einbruch ins Eis versuchte der Schorsch den Ernst noch zu retten. An dieser feuchten Stelle in Auflösung, wo er wohl versucht hatte zu bremsen und wie ein Geschoss in die knisternde Eisfläche gezischt war. Der Schorsch sah die sprudelnde offene Stelle im Eis … wie eine Wunde … das klaffende Loch, das der Ernst hinterlassen hatte. Und auch der pensionierte Lehrer und passionierte Spaziergänger und Rundendreher Herr Holz, der vom Ufer aus schrie, er solle vorsichtig sein, und später alles erzählte. Das Gefrorene gab knackend nach. Erst am nächsten Tag fanden Taucher die beiden unterm Eis, angeblich (und das gab mir einen kleinen Stich, gerührt, aber zugegeben auch eifersüchtig) eng umschlungen. Der Geiger hatte nach dem Pianisten greifen können und noch versucht, ihn „letztzufluchtstark“ herauszuziehen, so der Lehrer Herr Holz. Arno Holz wie der Dichter, „wie der große Holz, Herrschaften, landfernhin schauend, landfernhin lugend“, Chronist der Stadt, in diesem Augenblick Zeuge, wie er sagte, eines ausgesprochen traurigen Kapitels, „das vielleicht … zwei zukünftigen großen Söhnen der Stadt vor ihrer Zeit … weit vor ihrer Zeit … im Eis den Tod gebracht.“
Herr Holz hatte seine Rede am Grab beendet. Während ich meine Tränen übers kalte Gesicht wischte, ging Schorschs ertaubender Vater zum Grab, warf eine Schippe nasse Erde hinein, ging an mir vorbei, sah mich heulen, sah mich an: Ekel. Es war Ekel in seinem Gesicht. Das arme dissonante Wurm, stand darin zu lesen …

Als die Trauergemeinde stummstarrend und kiesknirschend zum Parkplatz schlurfte, hatte ich ein letztes Mal den Schorsch für mich, vor mir, unter mir. Blumen und Erde da unten auf dem Deckel über ihm. Zwischen uns. Ich versuchte es weiter oben, ein Blick in den Himmel, wo seine Seele schon jubilieren könnte, wenn es, nach Pfarrer Stroll, mit rechten Dingen zuging, auf einer Wolke sitzend und Geige spielend, andere Wolken beobachtend. Vögel gab es ganz da oben ja nicht, vielleicht die Seelen toter Vögel. Erwartungsvoll sah ich hinauf: ein Kondensstreifen in Auflösung, der in den letzten hellen Minuten des schwächelnden Winterblaus zu einem Fischgerippe sich entformte, bevor eine verquollene Schneewolke vor das Weiß schwappte. Nichts sonst.

Da piepste es vor mir auf dem Aushub. Ein Zaunkönig mit aufgerichtetem Schwänzchen pfiff Unverständliches auf seiner lehmigen Singwarte, Trauerruf?

„Hau ab!“, sagte ich. Warnruf zerrr. Ich warf die kleine Trauerschaufel nach ihm. Doch der Zaunkönig flog nicht davon. Kein schnurrendes Wegflattern. Auf dem Aushub lag die Schaufel, und ich dachte, gibt’s doch nicht! Neben der Schaufel lag der Vogel. Tot. Hatte den Zaunkönig mit der Schaufel erwischt. Hätte ich nie für möglich gehalten, dass ich schneller war als dieser flinke Kerl. Wollte ihn doch nicht töten. Wollte ich ihn töten? Wer eine Schaufel nach einem Vogel wirft, will ihn töten. Ich hatte den Zaunkönig auf dem Gewissen. Er lag auf dem Rücken und starrte ins Nichts. Gibt’s doch nicht! Dieser schmächtige und dabei so stimmgewaltige Sänger und ruhelose Kerbtierfresser stammte also aus der Familie der Schwächlinge.

Ich hatte noch nie einen Vogel getötet. Auch dafür gab es ein erstes Mal. Im trostlosesten Moment meines Lebens hatte ich getötet. Ich nahm ein Taschentuch, griff das Vögelchen und steckte es in die Manteltasche. Noch warm in meiner Hand. Erkaltend wie das dämmernde Ende des Nachmittags. Der Schorsch in meiner Tasche. Konnte doch nichts dafür. Schorschs Mutter hatte mich eben noch mit gut sitzender Höflichkeit aus dem Seitenfenster zum Leichenschmaus geladen, während sie im Rückwärtsgang des tauben Vaters sich schon entzog.

Ich ging nach Hause. Die Naturgesetze sind nicht böse, nur amoralisch. Die Naturgesetze hatte ich in der Tasche. Die Natur des Menschen liegt in der Kultur (Quatsch!). Den Schorsch würde ich im Garten begraben. Ich wäre eine vollzählige Trauergemeinde. Vor mir lag der tote Vogel. Kalt wie ich. Er wurde mir fremd, ich wurde taub, gleichgültig, kälter, kaltblütig. Mir fremd. Ihm fremd. Der Vogel wurde Material. Der Ornithologe beherrscht sein Material. Begutachtet & untersucht. Der Ornithologe neigt dazu, sich die faszinierende Anatomie eines frischtoten Vogels anzuschauen, gerade die Brustmuskulatur. Der Ornithologe bevorzugt eigentlich einen größeren Vogel. Der Ornithologe verfügt über Gummihandschuhe und ein Skalpell. Der Ornithologe hat gerade ein Teppichmesser zur Hand.

Der Bauchteil war nach dem Öffnen sofort zugänglich. Wunder des Vogelmagens: Drüsenmagen, Kaumagen, Muskelmagen. Kein beschwerender zähfließender Nahrungsbrei, alles sofort Energie. Alles klein und zart im Innern des schwächlichen Winzlings. Glatte Magenmuskeln. Gelbgrün. Darm rot wie ein langer schlaffer, dünner, dann wieder ausgebeulter Regenwurm. Ein Würmchen. Ganz anders das wahre Vogelwunder: der schwer zugängliche Brustraum mit Herz & Lunge. Zwei Dinge lässt sich der Ornithologe nicht entgehen: die beiden Brustmuskeln und die Lunge. Der äußere große Brustmuskel senkt den Flügel, schafft den Flügelschlag, der darunterliegende kleinere zieht den Flügel wieder nach oben. So einfach.

Der erkaltete Sänger muss dem Ornithologen nun die Lunge zeigen. Während der Ornithologe Lungensäcke sucht, begriff ich das Ganze trotz vorsichtiger Schnitte nicht. Indem ich mir hastig den Weg freischnitt, wurde mir klar, dass die Suche nach dem Eigentlichen längst gescheitert, gänzlich unmöglich war, denn die Frage, die mich, den untröstlich und fassungslos zurückgelassenen Vierzehnjährigen, bei aller Kälte antrieb, war zwischen den kleinen quellenden Organen nicht zu ergründen. Hatte mich der Schorsch geliebt wie ich ihn? Stattdessen stieg mir ein dumpfblutiger Geruch in die Nase, waidwund noch und doch schon tot. Das würde nie wieder singen und hüpfen. Vor mir lag in Stücken ein stinkender Scheißvogel. Der Schorsch war fort. Ich kippte zur Seite.

Anfang März, in einer noch schmuck- und geschenklosen Besinnungsphase des Waldes, abtropfend, knisternd, zwischen feuchtem Verfall alten Laubes und erhaltenen Nadeln stumme Flügelschläge von Baum zu Baum, Schorschs langer dünner Schnabel auf dem Weg in die Rinde. Es war kein Zaunkönig, es war ein Waldbaumläufer, in dem er steckte, in dem ich ihn dort wiedertraf, wo ich mit ihm, umgeben von überlebensgroßen Heiligenfiguren an der Zellerbergkapelle, zwei Jahre zuvor, am ersten Märzmontag, den kaum von Rinde unterscheidbaren Vogelrücken gesehen hatte. Wenn man den weißbäuchigen Waldbaumläufer beobachtet, wie er am Stamm einer Fichte hinaufläuft, immer nach oben, um den ganzen Baum herum, manchmal auf der Rückseite verschwindet, sodass man ihn nur mit einem erwartungsvoll geduldigen Blick und ruhig gehaltenem Glas verfolgen kann, dann denkt man: Mal ist er da, mal ist er weg, er hat alle Freiheit. Doch er läuft denselben Stamm hinauf, und wenn er den Baum abgesucht hat und in der Krone angekommen ist, fliegt er herunter zur Wurzel des nächsten Baumes. Dass man dem Waldbaumläufer eine Seltenheit zuschreibt, liegt nicht an ihm, sondern daran, dass man ihn hinter dem Stamm aus dem Blick verliert. Er ist immer in der Nähe, irgendwann zeigt er sich ganz sicher. Aber das Flattern zum nächsten Baum ist nicht nur ein Zwischenspiel von Stamm zu Stamm. Der Waldbaumläufer kann eben fliegen und macht sirr srieh uísiri uit tierrrr uit (wir hören es und denken: Ah, er ist da). Wenn er glaubt, dass er muss, fliegt er davon.

Textauszug aus: Joachim Geil, Ruhe auf der Flucht, S. 119–126
Mit freundlicher Genehmigung © Steidl Verlag Göttingen 2016

Siehe auch

Joachim Geil, Heimaturlaub
Joachim Geil, Tischlers Auftritt

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erstellt am 04.11.2016

Joachim Geil
Ruhe auf der Flucht
Roman
Gebunden, 376 Seiten mit 12 Fotografien von Reinhard Doubrawa im angehängten Verwahrstückverzeichnis,
ISBN-13: 9783958292062
Steidl Verlag, Göttingen 2016

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Zur Person

Joachim Geil, geboren 1970, lebt und arbeitet als Autor, Ausstellungskurator und freier Lektor in Köln. Er hat Kurzgeschichten, zahlreiche Essays zur Kunst und eine Künstler-Monografie geschrieben. Sein vielbeachtetes Romandebüt Heimaturlaub ist ebenfalls bei Steidl erschienen. Für einen Auszug aus Tischlers Auftritt erhielt Joachim Geil 2011 den Georg-K.-Glaser-Förderpreis, für beide Romane 2013 den Pfalzpreis für Literatur.

Joachim Geil — Ruhe auf der Flucht from Steidl on Vimeo.

Reinhard Doubrawa, Verwahrstücke. Das Objekt enthält alle Fotos aus dem Buch und wurde bereits auf Lesungen des Autors in Köln und Berlin ausgestellt.