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Dmitrij Kapitelman wurde 1986 in Kiew geboren und kam im Alter von acht Jahren als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland. Heute arbeitet er als freier Journalist in Berlin. Kürzlich erschien sein Buch „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“. Im Mittelpunkt stehen Kapitelmans jüdischer Vater und ihre gemeinsame Reise nach Israel. Eugen El hat mit Dmitrij Kapitelman über den Preis der Auswanderung, über Loyalität, Zugehörigkeit und öffentliche Rollen gesprochen.

Gespräch mit Dmitrij Kapitelman

Wir Juden, wir Russen, wir Deutschen

Eugen El: Welche Leser wünschen Sie sich für Ihr Buch „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“? Richtet es sich an 'Eingeweihte' oder an ein möglichst breites, allgemeines Publikum?

Dmitrij Kapitelman: Ich wünsche mir Leser, die lachen und weinen können. Wer beides beherrscht, beziehungsweise nicht beherrschen will und geschehen lässt, ist meine Zielperson.

Welche Eindrücke waren für Sie während ihrer mehrmonatigen Reise nach Israel am prägendsten und beschäftigen Sie bis heute?

Wenn ich einen Eindruck hervorheben müsste, dann die Traurigkeit der israelischen Gesellschaft. Klar, an Purim knallen die Korken, und Tel Aviv könnte kaum hedonistischer sein. Aber unter diesem kollektiven Lächeln zucken so viele Traumata. Zumindest habe ich es so empfunden.
Für mich persönlich war zudem unfassbar zu sehen, wie sehr mein Vater in diesem Land aufblühte, als Jude unter Juden. Seine Freude darüber, nicht mehr wegen seiner Herkunft gefährdet zu sein. Die erlösende Sicherheit, in der Heimat der Juden angekommen zu sein.

Sie sind derzeit mit Ihrem Buch auf Lesereise durch Deutschland. Welches Bild von der Republik bietet sich Ihnen? Kommt dabei Material für ein mögliches Deutschland-Buch zusammen?

Ich habe gelernt, dass man wie ein Volltrottel angesehen wird, wenn man in Gütersloh nach dem Weg zum Hauptbahnhof fragt. Dass das Weserstadion Bremens tatsächlich unmittelbar an der Weser steht. Und dass der Döner in Frankfurt sieben (!) Euro kostet. Ich habe Hanser auch schon mitgeteilt, dass der Döner in Frankfurt sieben Euro kostet und dass ich dagegen anschreiben muss. Aber die haben die Dringlichkeit meines Dönerromans verlagsintern noch nicht verstanden.

Welche Reaktionen auf Ihr Buch begegnen Ihnen bei den Lesungen?

Die Leute lachen sehr viel. Die Leute schweigen oft teilnahmsvoll. Beides ist unheimlich schön. Irritierend wird es manchmal, wenn bei den traurigen Stellen gekichert und den heiteren geschluchzt wird. Grundsätzlich habe ich aber das Gefühl, sehr viele Menschen mit meiner Geschichte zu erreichen. Ganz unabhängig von den genauen biografischen Koordinaten. Nach der Lesung im Jüdischen Museum Frankfurt beispielsweise, kamen zwei Deutsch-Iraner auf mich zu, um sich zu bedanken. Weil sie sich im Buch verstanden fühlten. Das war wunderbar.

Die Söhne und Töchter 'Kontingentflüchtlinge', der jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR, zu denen auch Sie zählen, werden in der deutschen Öffentlichkeit immer präsenter. Was verbindet diese 2. Generation? Kann man überhaupt von einer Generation sprechen oder vielmehr von Individuen, die ihre eigenen Wege gehen?

Bis vor kurzem hätte ich gesagt, dass man nicht von einer tiefer verbundenen Generation der osteuropäischen Kontingentflüchtlinge sprechen kann. Aber ein beträchtlicher Teil der Leserbriefe, die ich bisher erhielt, ist von den inzwischen erwachsenen Kindern ebendieser Gruppe geschrieben. Sie teilen mit mir, dass sie nicht nur ihre eigenen Familienkonflikte in meinem Buch wiederfanden, sondern überhaupt ihre Väter. Deren Ansichten, deren Paradoxien, deren Kämpfe, sogar deren Rückzug aus Deutschland bis zur Unsichtbarkeit. Das hätte ich nicht vermutet. Nicht in so einer Deutlichkeit zumindest.

Ist Ihr Buch auch eine Art Hommage an die Elterngeneration, die das Wagnis der Auswanderung auf sich genommen hat?

Nein, als Hommage an den elterlichen Auswanderungsmut würde ich mein Buch nicht bezeichnen. Dafür ist das Wort Hommage zu positiv besetzt. Ja, es ist eine Anerkennung für die riesige Leistung meiner Eltern, sich und mir ein zweites Leben in der Fremde aufzubauen. Aber es ist auch ein kritischer Blick darauf, wie sie das geschafft haben. Und zu welchem Preis. Diese Fragen zu stellen und zu spüren, war eine große Emanzipation für mich. Besonders da mein Vater mir bis heute aufbürdet, dass ich der Grund bin, weshalb wir nicht nach Israel zogen.

Wo verorten Sie sich zwischen der postsowjetischen Welt, Deutschland und der jüdischen Welt? Kann man seine Loyalität und Zugehörigkeit überhaupt so klar eingrenzen, wie das neuerdings z.B. von Politikern der CDU/CSU verlangt wird?

Nein, Loyalitäten und Zugehörigkeiten lassen sich kaum klar eingrenzen. Wir Juden können das schon mal gar nicht. Wir Russen etwas besser. Und wir Deutschen umzingeln uns eher selbst damit. Ausgenommen sind hierbei natürlich sämtliche CSU-Mitglieder – die verstehen sich prima darauf.

Sie arbeiten auch journalistisch, unter anderem schreiben Sie für DIE ZEIT. Wo liegt für Sie die Abgrenzung vom Journalismus zur Literatur, und wo gibt es Überschneidungen?

Literarische Texte sind frei, möglichst eigene Welten. Die abstrakt sein dürfen, mit Sprache experimentieren, langsam schleichen oder rasen können. Und fühlen, vor allem dürfen sie fühlen. Journalistische Texte haben in der Regel einen viel sachlicheren Anspruch (zum Glück). Sie sind nicht Kunst, sondern Dienst.

Wie sehen Sie Ihre Rolle in der medialen Öffentlichkeit? Haben Sie schon Versuche erlebt, Ihnen eine bestimmte Rolle zuzuweisen, etwa als Jude, Russe, Migrant 'vom Dienst'?

In den vergangenen Monaten war ich in der Öffentlichkeit schon Wunderkind, trauriges Naziopfer, Posterboy der Migranten, Katzenliebhaber, Flüchtling, Tugenddeutscher, Jude. Ein „der Schriftsteller“ hätte mir persönlich vollkommen ausgereicht.

Ihr Buch „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ ist sehr persönlich und autobiografisch. Können Sie sich vorstellen, ein fiktionales Werk zu schreiben? Würde das Ihrer Arbeitsweise entsprechen?

Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Die Frage ist nur, ob ich mir das auch vorstellen kann.

Das Gespräch führte Eugen El

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erstellt am 03.11.2016

Dmitrij Kapitelman
Dmitrij Kapitelman © Nadine Kunath

Dmitrij Kapitelman
Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters
Fester Einband, 288 Seiten
ISBN 978-3-446-25318-6
Hanser Berlin, 2016

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Dmitrij Kapitelman liest aus „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“