Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Kurz vor der Präsidentschaftswahl ist Michael Eberth an die Westküste der USA gereist. Im zweiten Teil seiner Reportage berichtet Eberth von einer Begegnung mit Anhängern Donald Trumps.

Reportage, Teil II

Der amerikanische Monarch

Eine Laune der Natur hat das kalifornische Küstenstädtchen Pacific Grove zu einem der Winterquartiere des amerikanischen Monarchen gemacht, eines orangefarbenen, bei den Männchen eher weißen Wanderfalters mit schwarzer Zeichnung, der sich im Herbst an einigen Orten der Küste zu Zigtausenden an die Blätter der Eukalyptusbäume und Nadeln der Monterey Pinien hängt, um Schutz vor der Kälte zu finden. Das Männchen ist unter Forschern berüchtigt für die rüde Art, in der es das Weibchen einfängt und auf die Erde drückt, um es zu begatten. Eine Forscherin nannte es „das beste Beispiel der Natur für das männliche chauvinistische Schwein“.

Die rüde Art eines anderen Chauvinisten beschäftigt die Gemüter Amerikas in diesen Tagen so unaufhörlich, dass sich auch die heldenhafte Amy Goodman, Moderatorin des TV-Senders Democracy Now!, dem Treiben des Trump zuwenden muss. Democracy Now! wird von Organisationen und privaten Spendern finanziert, die die Redaktion ohne jede Einflussnahme gewähren lassen. Die Sympathien der Moderatorin gelten dem Kampf der Standing Rock Sioux von South Dakota gegen das Milliardenprojekt einer Pipeline, deren Bau ihre heiligen Stätten aufreißen und ihr Trinkwasser gefährden wird. In friedlichem Protest stellen sich diese Nachkommen der von weißen Eroberern über Jahrhunderte geschändeten Ureinwohner Amerikas den Baumaschinen in den Weg. Die Betreiber setzen Sicherheitspersonal mit scharfen Hunden gegen sie ein. Einige der Hunde wurden von der Leine gelassen. Amy Goodman zeigte das Bild eines Hundes, von dessen Lefzen Menschenblut tropfte. Sie wurde wegen Aufruhrs angezeigt und vor Gericht gestellt. Die Pipeline soll das Öl transportieren, das in North Dakota durch Fracking gewonnen wird. Der Kandidat Trump hat in das Projekt Geld investiert. Das Gerede von der Klimakatastrophe hält er für eine Fopperei der Chinesen. Das Gericht sprach die Moderatorin frei.

Was ich über den Chauvinisten Tag für Tag höre, lässt den Wunsch aufkommen, einen der Verblendeten, die sich von keiner seiner Entgleisungen abstoßen lassen, „im Fleisch zu erleben“, und meine Freunde sorgen dafür, dass wir von einer seiner Anhängerinnen zum Dinner in deren Haus in Carmel eingeladen werden. Als Gastgeschenk bringen wir die Schokotorte eines elsässischen Konditors mit. „Wenn du ein Stück davon abkriegen willst, solltest du dich hüten, den Namen Trump zu erwähnen“, sagen die Freunde, bevor wir an die Tür der Gastgeberin klopfen.

Emily ist die Tochter eines Mexikaners und einer Holländerin, deren Vater ein deutsches Konzentrationslager überlebt hat. Auf die Frage, ob er Jude war, verweigert sie mir die Antwort. Sie leidet darunter, dass sie die braune Haut und die schwarzen Haare des Vaters geerbt hat. Die jüngere Schwester ist blond und weiß. Als die Eltern sich trennten, gab die Mutter das braune Kind dem Mexikaner mit und behielt das weiße. Der Vater überließ die Tochter sich selbst. Der gelang es, sich zur Heilerin ausbilden zu lassen. Mit Nadeln und Kräutern erlöst sie die Schönen und Reichen der Gegend von deren wahren und eingebildeten Leiden.

Ich möchte sie fragen, was eine attraktive junge Frau dazu bewegen kann, auf einen Menschen wie Trump zu setzen, der das andre Geschlecht und die anderen Hautfarben niedermachen muss, um sich selbst aufzublasen. Verhilft ihr dessen Versprechen, die weiße Anmaßung aufzuwerten, zu einer Identität, mit der sie übermalen kann, was sie für den Makel ihrer Herkunft hält? Hat die Verstoßung durch die weiße Mutter sie so traumatisiert, dass sie nicht akzeptieren kann, was sie im Spiegel sieht?

Während der Vorspeise erzähle ich der Runde, dass ich vor Jahren in New York in die Feiern zum Independence Day geraten bin und über Stunden bestaunen konnte, wie die Bewohner der Weltmetropole in allen Paarungen, die Rasse, Hautfarbe, Alter, Geschlecht erlauben, mit ihren Kindern zum Feuerwerk auf dem East River strömten. „Ich hatte den Eindruck, in dieser Stadt wird Tag für Tag die Befürchtung widerlegt, dass der Turmbau von Babel, der sämtliche Rassen zum gemeinsamen Tun vereint, nur in die Katastrophe führen kann.“

Mishra erinnert mich daran, dass der Gott der Bibel die Sprachen der Bauleute verwirrt hat, weil er verhindern wollte, dass sie sich ihm gleich wähnen, wenn ihnen das Werk gelingt. Ein paar Abende davor war der Kandidat Trump vor einem der Fenster des Turms gesessen, das seinen Namen trägt, und entschuldigte sich vor einer Kamera für seinen rüden Umgang mit Frauen. „Wenn du dir vorstellst, wie dieser Mann von seinem Turm aus auf den Rest der Welt herabschaut, siehst du ein Sinnbild unsrer Epoche“, halte ich Mishra entgegen. „In einer Welt ohne Gott erliegt das amerikanische Super-Ego dem Wahn, dazu bestimmt zu sein, dem Chaos ein Ende zu machen, das Gott mit seiner Schöpfung angerichtet hat.“

Mishra tritt mir unterm Tisch gegen das Schienbein und ich lasse den Blick durch ein Fenster ins Offene wandern. Aus dem Lichtrand, den die untergegangene Sonne auf dem Ozean hinterlassen hat, steigen die Chemtrails von Flugzeugen auf. Wie die Finger einer gespreizten Hand streben sie auseinander und durchziehen das dunkle Blau des Himmels mit Streifen von glühendem Rot. In das Bild ragen die Silhouetten der gekrümmten Stämme uralter Pinien.

„Dieser Wahlkampf zerstört den Traum von einem Amerika, das den Fluch des Identitären transzendieren kann“, werfe ich in die Stille, die am Tisch aufkam. „Aus dem Albtraum von Berechnung, Korruption, Niedertracht und Verleumdung, in den sich das Land verwandelt, tritt eine einzige Figur hervor, die noch Hoffnung verkörpert, und zwar Michelle Obama. Als Nachfahrin schwarzer Sklavinnen erinnert sie in einer Sprache des Herzens an den Schmerz, als schwarze Frau einer der Minderheiten anzugehören, die der weißen Rasse seit Jahrhunderten als Trittbrett für deren angemaßte Erhabenheit dienen.“

Unsere Gastgeberin legt Messer und Gabel zur Seite und greift nach dem IPad. Wir schieben die Teller und Stühle zusammen, und während das Essen kalt wird, hören wir uns auf Youtube an, was die vom Hass auf alles Gegenwärtige angetriebenen Kronzeugen ihrer Verblendung über den Zustand des Landes zu sagen haben. Die Frau des schwarzen Präsidenten halten sie für eine Närrin, die sich dazu missbrauchen lässt, die Wiedergeburt des weißen Amerika zu hintertreiben. Die Argumente der Kronzeugen führen vom Hundertsten ins Tausendste. Es sind krasse, auch krass antisemitische Thesen darunter. In ihren Worten versinkt das Land in einem Dunkel, in dem nur der Mann aus dem Tower für Licht sorgen kann.

Bei der Wahl vom 8. November können die Wähler einiger Bundesstaaten auch darüber abstimmen, ob der Erwerb von Marihuana zum privaten Gebrauch straffrei gestellt werden soll. Den Erwerb aus medizinischen Gründen hat Kalifornien bereits vor 20 Jahren legalisiert. Wer sich das Marihuana von einem Arzt als Heilmittel verschrieben lässt, kann sich den Cannabis-Mann ins Haus bestellen wie einen Pizzaboten. Er bietet das grüne Gras pur an, aber auch in der Vermischung mit Schokolade, Keksen, Brownies oder Ölen, Cremes und Lotionen.

Mishra hat den Kampf um die Legalisierung der Wunderpflanze als Professor für Public Health aktiv begleitet. Er kennt die Statistiken, die von deren Anhängern und Gegnern ins Feld geführt werden. Meinem Einwand, dass sie dazu verführt, dem Elend der Welt den Rücken zu kehren, begegnet er mit dem Hinweis auf den millionenfachen Gebrauch von Antidepressiva, die den Abgestürzten dabei helfen müssen, ihren Alltag zu ertragen. „Ist Trump eine Droge?“, frage ich ihn. „Eine Droge, die sie im Stich lassen wird, wenn sie sie brauchen, weil er sich nur für sich selbst interessiert“, sagt er. „Und Marihuana?“ „Die Antidepressiva betäuben den Schmerz“, sagt er. „Marihuana kann den Geplagten bewusst machen, was der Dalai Lama im Sinn hat, wenn er von einer Religion der loving kindness spricht.“

Ich probiere aus, was der Cannabis-Mann ins Haus gebracht hat, und werde beim täglichen Gang zum Meer überwältigt von der Erfahrung, dass die Farben der Pflanzen, an denen ich zwei Monate lang vorbeigegangen bin, ohne sie zu beachten, wie von innen her glühend zu leuchten beginnen. Am Strand tritt das Klackern der rollenden Steine, die von den anbrandenden Wellen über den Sand getrieben werden, wie ein Gesang aus dem ewigen Rauschen des Wassers hervor, und das Lichtspiel, das die untergehende Sonne auf Himmel und Nebeldunst aufführt, erinnert daran, dass alles von Menschen gemachte Schöne dem Wunsch entspringt, dem gleich zu werden, der das unfassbar Schöne geschaffen hat.

Die Küstenstraße von Pacific Grove nach Monterey führt durch die Straße der Ölsardinen, die John Steinbeck in seinem Roman Cannery Row verherrlicht hat. Die Hallen, in denen die Fische eingedost wurden, säumen noch immer die Straße. Im Innern haben sich die Boutiquen, Ramschläden, Restaurants und Cafés eingerichtet, die um das Geld der Touristen rivalisieren.

In einer der Hallen verkauft der nepalesische Maler Bratap Lama den Sommer über die Thangkas, die er mit den Göttern der buddhistischen Religion bemalt. Für Ende Oktober hat er den Heimflug nach Nepal gebucht. In der letzten Woche hat er die Preise herabgesetzt. Die Freunde raten mir, die Gunst der Stunde zu nutzen.

Die weißen und blauen, roten und grünen Götter, die auf den Bildern des malenden Mönches zu sehen sind, bedeuten mir nichts. Eine Darstellung des Wegs ins Nirwana, der schwarze Elefanten durch alle Stadien der Erleuchtung führt, bis sie ins Weiße verwandelt sind, zieht meinen Blick aber an. Müsste es nicht umgekehrt sein?, möchte ich den Maler aus Nepal fragen. Denn was ist uns von Anspruch und Traum der weißen Monarchen geblieben?

Kurz vor der Präsidentschaftswahl ist Michael Eberth an die Westküste der USA gereist. Die Schönheit Kaliforniens konnte nicht verbergen, unter welcher Spannung das gesamte Land steht. Denn über allem schwebt die reale Gefahr, dass sich Donald Trump bei der Wahl am 8. November durchsetzen könnte.

Reportage, Teil I

Die Gewissenlosen

„Komm im September oder Oktober, da ist es bei uns am Schönsten“, mailten die Freunde aus Pacific Grove, Santa Fe und New York, bei denen ich die Zeit bis zur Wahl und den Monat danach verbringen will. „Im November wird’s scheußlich.“ Ein halbes Jahr lang habe ich im Netz studiert, wie der Kandidat Trump bei seinen Anhängern mit den Kapriolen eines Narzissmus punktet, dem kein Gewissen mehr Grenzen setzt. Jetzt will ich im Land der Kapriolen erkunden, wo die neue Schamlosigkeit herkommt und hinführt, die sich hierzulande auch unter denen ausbreitet, die sich als Alternative für Deutschland aufspielen.

Ich beschließe, von Ost nach West zu reisen. Am Pazifik wird’s im November immerhin schöne Stürme geben. Dann mailen die Freunde, dass sie ihr Haus aufgeben müssen. Die Stadtverwaltung hat entdeckt, dass es ohne Genehmigung gebaut wurde. Die Besitzerin hat einen Prozess geführt und hat ihn verloren. Die Freunde müssen jeden Tag mit dem Rauswurf rechnen. „Unsere Küste ist ein Naturschutzgebiet“, mailt M. „Trotzdem wird eine Villa nach der anderen in die Dünen gesetzt. Mit Geld kriegst du hier alles geregelt. Zum Ausgleich geht die Stadt gegen Leute vor, die die Willkür ihrer Verordnungen nicht mit Geld abwehren können. Wenn Du erleben willst, was hier läuft, musst Du sofort kommen.“

Ich fliege von Berlin nach Keflavik und von Keflavik nach San Francisco. Die Fensterplätze sind auf beiden Strecken ausgebucht. Kaum ist die Maschine in der Luft, rattern vor den Fenstern die Blenden herunter. Der neue Reisende will seine Sinne nicht mehr mit Bildern von der wirklichen Welt aufladen. Er will nur noch die Bilder auf seinem Notebook in satten Farben zum Leuchten bringen. Von Island sehe ich das grüne Gras neben den Landebahnen im Nebel. Von Amerika das Eintauchen der Sonne in den Pazifik.

In San Francisco werde ich vom Sohn der Freunde abgeholt. Während der Fahrt nach Palo Alto weist er mich auf ein Fahrzeug mit Applikationen auf dem Dach und an den vier Seiten hin: „Eines der self-steering vehicles, die Google im Silicon Valley testen lässt.“ „Es sitzt aber jemand hinterm Steuer!“, protestiere ich, „Ich dachte, die Idee ist, dass man im Fond sitzt und Zeitung liest, während die Technik einen durch den Verkehr lotst.“ „Das erlauben unsre Gesetze noch nicht“, sagt er. Ich frage ihn, ob er sich in eines der Dinger reinsetzen würde, wenn niemand hinterm Steuer sitzt. „Eher nicht“, sagt er, „Es wächst aber eine Generation heran, die nicht mehr weiß, dass man’s mal für riskant hielt.“

Zwei Tage später berichtet die New York Times, dass in Pittsburgh im Osten des Landes jeden Tag mit der Einführung von 100 selbstgesteuerten Taxis (mit Mann hinterm Steuer) in den Straßenverkehr gerechnet wird. Die einstige Stahl-Metropole wurde durch die Importe von chinesischem Billig-Stahl um ihren Wohlstand gebracht. Der Bürgermeister muss einen Ausweg aus der Misere suchen und hat die Stadt der Firma Uber als Experimentierfeld für die neue Technologie angeboten. 500 Experten bereiten an Ort und Stelle den Start des Projekts vor. Mit dem Pittsburgh-Coup hat sich Uber unter den Rivalen Google, Apple und Lyft einen Startvorteil verschafft. Allein die Zeit kann entscheiden, ob der Bürgermeister als Visionär oder als „Hasardeur aus Verzweiflung“ in die Annalen der Stadt eingehen wird.

Die Welt im Rücken

Der Küstenort Pacific Grove liegt wie eine Faust vor der Stadt Monterey im Pazifik. Gelbe, braune und graue Felsformationen ragen ins Meer und fangen die Wellen auf, die in Kaskaden von weißer Gischt drüberschlagen. Buchten mit Stränden aus feinem Sand liegen dazwischen. Auf den Felsen aalen sich Seehunde. Kormorane und Kraniche stehen in stoischer Reglosigkeit daneben. Pelikane fliegen in Staffeln so nah überm Wasser, als wollten sie es nach Nahrung durchscannen. Wenn die Sonne dem Horizont zustrebt, rollen die Wellen als schwarze Schatten über einen Spiegel aus silbernem Licht. Bevor sie untergeht, versammeln sich die Bewohner der Küstenorte an den Stränden und geben sich reglos dem Spektakel der glühenden, ins Kühle changierenden Farben hin. Wenn man den Blick auf den Horizont richtet, hat man die Welt mit ihren Gewissenlosen im Rücken, und kommt nicht von der Frage los, wie man es anstellen kann, hier für immer zu bleiben.

„Vor 150 Jahren sind die Chinesen in ihren Dschunken hier gelandet“, sagt M., und weckt mich aus meinen Träumen. „Hier haben sie das erste Chinatown aufgebaut. Die Methodisten haben es niedergebrannt. Sie sind nach San Francisco weitergewandert. Dort haben sie besser aufgepasst.“

Beim Gang durch den Ort sehe ich alle paar Schritte das Schild eines Maklers hängen, der ein Haus zum Verkauf anbietet. „Alles Zweitwohnsitze“, sagt M. „Die Zinsen sind so niedrig, dass die Leute ihr Geld in Immobilien gesteckt haben. Ihre Gier hat die Preise bis ins Aberwitzige hochgetrieben. Für eine Garage mit Wohngeschoss haben sie eine Million Dollar und mehr bezahlt. Jetzt spüren sie, dass die Immobilienblase platzen wird, und versuchen, ihr Geld zu retten. Ihr Pech ist, dass alle den gleichen Einfall haben. Das stärkt meinen Glauben, dass im großen Ganzen trotz allem ein Hauch Gerechtigkeit waltet.“

M. ist Professor für Public Health an der größten Online-Universität des Landes. Eine seiner schwarzen Studentinnen promoviert über die Exzesse der Polizeigewalt gegen Schwarze in Chicago und legt ihm erschreckende Statistiken vor. Er selbst wertet die Ergebnisse einer Umfrage unter Ärzten und Therapeuten über die Zusammenhänge zwischen Public Health und den Gefühlen aus. „Die Weißen sind inzwischen in der Minderheit“, sagt er. „Das weckt die Angst, dass die Schwarzen uns heimzahlen werden, was wir ihnen seit den Zeiten der Sklaverei angetan haben. Wenn ein weißer Polizist einen Schwarzen auffordert, die Hände zu heben, und der hat eine Cola-Büchse in der Hand, hält der Weiße sie in seiner Hysterie für eine Knarre und fängt zu schießen an. Trump will Amerika wieder groß machen. Er gaukelt seinen Anhängern vor, dass er sie davor bewahren kann, in die Defensive zu geraten. Der Prozess lässt sich aber nicht umkehren. Wenn er sich vom Gewissen leiten lassen würde, müsste er sich für eine Politik der Versöhnung einsetzen.“

„Er ist der Pseudo-Messias“, sage ich. „Das Verstörende an diesen Figuren ist, dass sie den Leuten, die sich in Zeiten des Niedergangs an den Rand gedrängt fühlen, das Blaue vom Himmel versprechen, was mit grausamer Konsequenz dazu führt, dass die falsche Verheißungen im Moment der Ernüchterung in einen alles verzehrenden Feuersturm umschlagen.“

Die Gefahr ist groß

Meldungen über einen Schwächeanfall der Kandidatin Clinton sorgen bei den Freunden für einen Moment des Erschreckens. Sie haben Bernie Sanders unterstützt. Er ist in ihren Augen der Einzige, der für die Krise des Landes hilfreiche Rezepte hat. Die ausgebuffte Hilary Clinton verachten sie. Deren Kollaps macht ihnen bewusst, wie groß die Gefahr ist, dass der Gewissenlose sich durchsetzt. Das kann sie aber nicht dazu bewegen, sich auf ihre Seite zu stellen. Stattdessen denken sie darüber nach, ihr Domizil nach Europa zu verlegen. An einer Online-Universität sind auch die Dozenten nicht mehr an Orte, Länder und Kontinente gebunden. „Ich hoffe, du hast deinen Rückflug gebucht“, sagt M. „Nach dem 8. November wirst du keinen mehr kriegen.“

Liberale Zeitungen wie die Washington Post und die New York Times schießen gegen den Gewissenlosen aus allen Rohren („Wir sind die hohlen Männer,“ schrieb T. S. Eliot, als er den Faschismus des letzten Jahrhunderts aufkeimen sah. „Wir sind die Ausgestopften/ Wir stecken zusammen/Die Köpfe, alas!, mit nichts als Stroh gefüllt“). Dessen Bewunderer ficht das nicht an. Zu erleben, dass die „Stimme der Vernunft“ von den Verstockten abprallt, ist eine verstörende Erfahrung. Und es gibt in dem Land keine unangefochtene Autorität mehr, die davor warnen könnte, einem Mann das wichtigste Amt der Welt anzuvertrauen, der es für smart hält, das Prinzip des solidarischen Handelns außer Kraft zu setzen, das der Idee der staatlichen Gemeinschaft zugrunde liegt, indem er keine Steuern bezahlt.

Ein deutscher Theaterverlag schickt mir das neue Stück des New Yorker Dramatikers David Mamet zu: The Penitent. Ein Therapeut rebelliert darin gegen den Auftrag, zugunsten eines Massenmörders, den er vor dessen Taten behandelt hat, als Zeuge der Verteidigung vor Gericht aufzutreten. Abgestoßen von einer Gesellschaft, deren Presse beim Darstellen gesellschaftlicher Entgleisungen nur noch auf das Spektakel setzt, und von einer Justiz, die hochbezahlte Anwälte dazu einlädt, vor den Geschworenen eine Show zu veranstalten, die den Schuldigen reinwäscht, sucht der Therapeut Rat bei einem Rabbi und findet Halt in der Religion. Im Gespräch mit einem Staatsanwalt, das an die Großinquisitoren von Schiller und Dostojewski erinnert, erinnert er an Nadab und Abihu hin, die Söhne Aarons, die sich über die von Gott festgesetzte Regel für das Brandopfer hinwegsetzten und zur Strafe vom Feuer verschlungen wurden. Die Erinnerung an die Strenge von Gottes Gesetz bewegt ihn dazu, sich den Regeln des Spiels der Gewissenlosen zu verweigern. In selbstzerstörerischem Trotz beharrt er auf dem Diktat eines Gewissens, das sein bisheriges Leben entwertet. Man wünscht sich, dass das Beispiel denen zu denken gibt, die unsere moralischen Anstalten für Schauplätze ihres Narzissmus halten.

Kommentare


Dieter Kief - ( 02-11-2016 12:38:41 )
Er ist der Pseudo-Messias“, sage ich. „Das Verstörende an diesen Figuren ist, dass sie den Leuten, die sich in Zeiten des Niedergangs an den Rand gedrängt fühlen, das Blaue vom Himmel versprechen, was mit grausamer Konsequenz dazu führt, dass die falsche Verheißungen im Moment der Ernüchterung in einen alles verzehrenden Feuersturm umschlagen.“

Großer Gott! - - (der Grammatikfehler ist der Riss, durch den das Licht reinfließt... - danke Grammatikfehler! - jetzt lache ich wieder).

Kommentar eintragen









erstellt am 30.10.2016

Sonnenuntergang am Strand von Carmel, Foto: Chuniyo Yvonne Rodriguez

Küste bei Big Sur, Foto: Chuniyo Yvonne Rodriguez