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Von den Dionysischen Dithyramben bis zum Klugeschen Kraftwerk der Gefühle ist es ein kleiner Schritt, aber ein langer Weg. Die Oper hat ihn beharrlich mit ihren Leidenschaften und emotionalen Katastrophen zurückgelegt. Insbesondere Tenöre halten die Schlüssel zu den Seelen in ihren Händen. Sie leben, leiden, kämpfen und sterben für die Liebe. Sie werden dafür begehrt und vergöttert. Der Autorin der folgenden Geschichte geht es nicht anders. Deshalb ist es ihr unerklärlich, wie Elsa Lohengrin abweisen konnte, und sie sprach anlässlich der Wiederaufnahme von Richard Wagners Lohengrin in der Oper Frankfurt mit ihr – von Frau zu Frau.

Ein Gespräch mit Elsa von Brabant

Lohengrins Affären

Ach Elsa, jetzt sitzt du hier und führst Klage. Gedemütigt fühlst du dich durch diesen Film. Wäre ich an deiner Stelle, ginge es mir vermutlich genauso. Es ist nicht schön, den Fehler seines Lebens auf der Leinwand zu sehen. Nein, sie hätten die Geschichte nicht verfilmen müssen, da gebe ich dir Recht. Doch nun ist es einmal geschehen. Und du musst eingestehen, dass er handwerklich gut gemacht ist.
Du bist nun einmal ein Star der Weltkulturgeschichte. Freund Richard hat dich dazu gemacht. Du bist ihm sicherlich einerseits dankbar dafür. Andererseits traf dich der Fluch des Berühmtseins. Mit der medialen Ausschlachtung deines Schicksals war zu rechnen. In Anbetracht der Tatsache, dass Telramund hassgetrieben schon Kohorten von Ratten auf dich gehetzt hat, finde ich diese Form der Vergangenheitsbewältigung entschieden humaner. Du brauchst nur dein Äußeres ein bisschen zu verändern, deinen Namen und deinen Wohnort zu wechseln, und schon wird dich niemand mehr als die erkennen, die du bist. Ich rate dir, zieh von Brabant nach Frankfurt um. Du willst du sein, dort wo du bist. Du willst deine persönliche Würde gewahrt wissen. Ach, Elsa, du träumst noch immer. Erst zerstörst du die Lebensträume zweier Männer und dann wunderst du dich, wie sie darauf reagieren. Und du sprichst von Würde, die du ihnen genommen hast.
Von Lohengrin fand ich es immerhin sehr anständig, sich einfach nur zurückzuziehen. Er ist zweifelsohne von edlerer Art als Telramund, dem der Sinn ausschließlich nach Rache stand und steht. Von seiner Seite hast du für meine Begriffe mit weiteren Attacken zu rechnen. Ich denke, er steckte auch hinter der Sache mit den Ratten. Wie konnte es so weit kommen, dass er sich Hoffnungen auf dich machte? Warum hast du das nicht rechtzeitig unterbunden?
Gib es zu, du hast selbst nicht daran geglaubt, dass dein Held kommen würde. Du hast es dir gewünscht und erträumt, aber nicht daran geglaubt und dir deshalb die Hintertür Telramund offen gehalten. Keine gute Idee. Du musstest doch seinen unbedingten Wunsch nach Macht und deine Rolle in diesem Kampf an die Spitze erkennen. Seine zweifelsohne von deiner Busenfreundin Ortrud, die selbst nach oben wollte, angestachelten Absichten lagen offen wie das Buch seines schlechten und dummen Charakters. Dann gabst du ihm einen Tritt, als – ich muss eingestehen auch zu meiner Überraschung – dein Held auftauchte. Aus dem Nichts wie in einem romantischen Film von Rosamunde Pilcher. Doch selbst dort sind die Figuren nicht so blöd, einem Typen, der behauptet, auf einem Schwan angereist zu sein, Glauben zu schenken. Ein Schwan, Elsa, ich bitte dich!!! Bei mir hätte er jedenfalls mit diesem Unsinn nicht landen können.
Das erste „Elsa, ich liebe dich“ hätte ich ihm nach der Schwanenstory ganz sicher nicht abgenommen. Du hast es getan. Und nun wirfst du mir vor, nicht an die Liebe auf den ersten Blick zu glauben. Vielleicht nicht auf den ersten Blick, ganz sicher aber auf den zwanzigsten Ton.
Willst du die Wahrheit wissen? In ihn habe ich mich schon Jahre bevor er bei dir mit seiner Schwanenstory aufschlug, verliebt. Ja, genau in Lohengrin. Ja, ich kenne ihn gut, sehr gut sogar. Ich bete ihn seit dem ersten Moment, als ich ihn singen hörte, an. Bin ihm regelrecht verfallen. Obwohl ich anders als du sofort erkannte, dass er kein besonders heldenhafter Mensch ist.
Es war in einer Kneipe in Spanien, wo ich Urlaub machte. Dort jobbte er als Sänger. Er nannte sich Don José. Gerade als ich die Lokalität betrat, kam er auf mich zu und fuhr mich auf Französisch an, ich solle mich nicht über ihn lustig machen, weil er in die Kaserne gehen müsse. Er tat, als kennte er mich gut und nannte mich Carmen. Meine Verblüffung kannst du dir sicherlich vorstellen, denn ich hatte ihn jemals weder gesehen noch ein Wort zu ihm gesagt. Ob ich nicht an seine Liebe glaube, fuhr er fort. Ein Irrer, dachte ich, einer von diesen heißblütigen Spaniern, mit denen die Leidenschaft durchgeht, sobald sie eine Frau sehen. Doch dann kam´s: Er sang von einer Blume, die ich ihm angeblich zugeworfen hatte, eine, die ihn während seiner Zeit im Gefängnis ununterbrochen hatte an mich denken lassen. Sein Gesang erreichte meine Seele, und ich verstand, dass wir uns schon immer geahnt hatten. Keine Frage: ich musste bei ihm bleiben, wusste allerdings nicht, worauf ich mich einließ.
Seit zehn Jahren ertrage ich nun schon seine Seitensprünge und kann nicht anders, als ihm immer wieder zu verzeihen. Mal ist es Manon, dann Eva oder Elisabeth, oder Leonora oder Santuzza. Die ganzen Namen kann ich mir nicht merken. Nein, ich frage ihn nie danach. Er nennt sie mir von allein. Er weiß, ich merke sowieso, wenn er wieder einmal in Selbstmitleid versinkt, weil eine Affäre dramatisch endete. Er sagt, dass ich die Einzige bin, die er wirklich liebt, dass wir Seelenverwandte sind. Das denke ich auch. Was mich nicht davor schützt, auf der Achterbahn der Gefühle von Höhepunkten des Glücks in die Abgründe tiefster Depression und zurück zu rasen.
Elsa, ich war eifersüchtig auf dich. Wie ich eigentlich laufend eifersüchtig bin. Sogar vor meinen Augen nimmt er Andere ungeniert in den Arm, streicht ihnen sanft über Haar und Wangen, über Schultern und Arme, über den ganzen Körper. Und wenn er zwischendurch mit einer Angebeteten verschwindet, weiß ich, was läuft. Ja Elsa, manchmal könnte ich ihn umbringen. So ist dein Held Lohengrin. Du hättest es niemals mit ihm ausgehalten, weil du an die ewige Treue glaubst. Darunter tust du es nicht. Diesbezüglich unterscheiden wir uns sehr.
Auf die Geschehnisse zurückblickend denke ich, dass dich deine Intuition vor ihm gewarnt hat. Du hast – seine Untreue ahnend – sozusagen in vorausschauender Leidbekämpfung die verhängnisvolle Frage gestellt. Um Klarheit zu schaffen, ohne jede Risikofolgeabschätzung. Ich hätte es trotzdem nicht getan. Einen solchen Mann könnte ich nicht aus meinem Leben vertreiben, fort von Tisch und Bett. Wenn du seinen Körper je gespürt hättest, Elsa, würdest du ihn nicht gefragt haben. Was ist ein Name schon gegen seine Umarmungen? Nichts, Elsa, gar nichts. Ich hätte seiner Bitte, besser seinem Befehl „Nie sollst du mich befragen“ Folge geleistet. Ich hätte ihn einfach Vincent oder Pjotr oder Jonas genannt. Seine Herkunft und Art sind mir gleich. Ich weiß bis heute weder, wo er herkommt, noch wer seine Eltern sind. Für mich zählt er allein als wunderbarer Mann. Hättest du ihn nicht bedrängt, würde er möglicherweise jetzt dir statt mir morgens frischen, duftenden Espresso ans Bett bringen oder auch Cappuccino, wenn dir das lieber wäre.
Zunächst dachte ich wirklich, die Sache zwischen euch könnte ernst werden. Er fand es großartig, als dein Retter, als dein Held auftreten zu können, und erntete große Dankbarkeit von dir. Da wuchs er geradezu über sich hinaus. Ich kenne das von ihm. Wenn man ihn bewundert, glaubt er tatsächlich ein Held zu sein. I´m the greatest. Natürlich nicht so platt. Dafür ist er zu gut erzogen, zu intelligent, zu begabt, zu gebildet, ein besonderes Exemplar von Tenor, zweifelsohne.
Du hast ihn mit deiner Reinheit eine Weile lang fasziniert. Wirklich, das war eine gänzlich neue Situation für ihn. Eine gerade wegen ihrer Neuheit kurzfristig Begehrenswerte. Elsa, die Jungfrau, die reine Braut, so hat er dich schließlich selbst genannt, war eine reizvolle Option. Mit dir glaubte er an seine eigene, heldenhafte Rein- und Tugendhaftigkeit. So, als hätte es vor dir noch nie eine andere Frau gegeben. Er hat sich in jenem Moment so hineingesteigert, dass es für ihn wahr wurde. Genau an dieser Stelle dachte ich, du würdest siegen, und ich würde ihn verlieren.
Elsa, war dir denn nicht klar, wie glücklich ihr hättet werden können, als er zum ersten Mal mit dir allein war, als er dir mit samtweicher Stimme gestand, dass sein Herz für dich entbrannt war? Er hatte sich so darauf gefreut, dich endlich in die Arme nehmen und lieben zu dürfen, was bei Adligen deines Schlages erst nach der Hochzeit erlaubt ist. Das hat er mir später erklärt. Hast du denn nicht gemerkt, wie er wieder und wieder versuchte, sich dir zu nähern? Elsa, du hast den zärtlichsten Mann auf der Welt verpasst. Sag, glaubst du wirklich, dass dir jemals wieder ein Mann solche Liebesschwüre darbieten wird? Undenkbar. Weil kein anderer Mann in der Lage ist, Liebe so zu empfinden und so zu singen. Ja er singt die Liebe, er besingt sie nicht. Doch du hast es nicht gehört, wie du selbst sagst.
Du hast in ihm nur den Heil versprechenden Helden gesehen. Du hättest ihn aus Dankbarkeit genommen, nicht aus Liebe. Ja, doch, er liebte dich wirklich. Er ist keiner, der lügt. Du hättest ihm vertrauen können. Ich habe gesehen, wie verunsichert er in deiner Gegenwart war. Er hatte großen Respekt vor dir. Was kann eine sich Frau mehr wünschen als Liebe plus Respekt? Er versuchte anfangs kein einziges Mal, dich anzufassen. Das tut er normalerweise immer ziemlich schnell. Er kommt mir manchmal wie ein Blinder vor, der Dinge und Personen nur durch Anfassen und Abtasten verstehen kann. Alles, alles fasst er an: Menschen, Wände, Böden, sich selbst, so als käme er durch seine Hände zur Erkenntnis. In deiner Gegenwart zelebrierte edle Distanz. Sogar noch im Brautgemach. Er wusste zeitweilig nicht, was er tun sollte angesichts deiner emotionalen Distanz, Verwirrung und der gleichzeitigen Bewunderung für ihn, den Helden.
Dann hast du zu fragen begonnen. Hast du nicht gehört, wie das Orchester dich noch warnte? Du hast trotzdem weitergemacht, hast herumgeschrien. Geduldig versuchte er, dich zu beruhigen. Doch du wurdest immer hysterischer. Das hat ihn unglaublich genervt, und als Telramund ihn mit dem Messer angriff, war er so sauer auf dich und ihn und all diese Brabanter, dass er ihn auf der Stelle erschlug. Für die Polizei Notwehr. Buchstäblich mit einem Schlag begriff er, welcher Selbsttäuschung er aufgesessen war, und machte die Kehrwendung. Elegant und überaus gekonnt, das muss man ihm lassen. Ich zumindest war völlig hingerissen. Vom Dass und vom Wie er es tat.
Die Geschichte vom Gral, von Vater Parsifal und vom Gralsritter Lohengrin von Wolfram von Eschenbach hatte er im Deutschunterricht in der Schule durchgenommen, und sie fiel ihm in diesem Augenblick wieder ein. Mein Lohengrin ein Grals-Ritter! Ich hätte mich totlachen können! Aber man muss ihm lassen: Er hat sie wunderbar erzählt. Ich hörte, wie er jeden Ton so modulierte, dass einem das Herz vor Glück, dass solche Töne die Kehle eines Mannes überhaupt verlassen können, stehen bleiben musste. Erinnerst du dich an die Stelle, als die Taube kam? Ich hörte sie regelrecht in weiten Bögen vom Himmel hinab gleiten und landen. Du hörtest nur seine Worte? Nun ja, wenn es so ist, ist es so. Du hast wieder einmal Etwas verpasst. Das Beste: Du hast die ganze Geschichte geglaubt. Alle Brabanter haben sie geglaubt. Genau wie die mit dem Schwan. Und dann hat er ihn auch noch theatralisch herbeigesungen. Mein Gott, hörtest du nicht, wie er sang? Du hast diese Klänge des Himmels nicht wahrgenommen? Elsa, das kann nicht sein. Sein Gesang erweicht Steine. Er ist Gesang. Er würde in solchen Situationen nie sprechen, sondern immer nur singen.
Ich durchschaute seinen Schachzug sofort und wusste, dass er dich und diese Brabanter nur noch loswerden wollte. Ich kenne ihn halt so gut wie niemand sonst. Deinetwegen war er jedenfalls nicht verzweifelt. Im Gegenteil, du tust ihm bis heute leid. Weil du wahre Leidenschaft nicht kennst, Elsa. Du bist eine Tochter aus bestem Hause, gedrillt auf Ehre und Anstand. Leidenschaft kommt in deinem Vokabular so wenig wie in deinem Gefühlsleben vor. Er ist völlig anders. Er ist die fleischgewordene Leidenschaft. Alles an und in ihm ist leidenschaftlich. Er ist es vor allem gewohnt, dass Frauen, wenn er erst einmal den Mund aufmacht und singt, ihm verfallen.
Ich habe den Moment, als er dich innerlich aufgab, genau gehört. Ich habe auch gehört, wie verzweifelt er damals war, als ihm klar wurde, dass er Elisabeth von Valois, diese Französin, mit Philipp II. von Spanien verheiratet, in diesem Leben nicht würde haben können und ihr sagte, sie würden sich in einer besseren Welt im Himmel wiedersehen. Da dachte ich, er wollte Selbstmord begehen, und habe mir große Sorgen gemacht. Und wie er trauerte, als die Macht des Schicksals zuschlug, und er litt, als sein Freund-Feind Carlo seine geliebte Leonora erstach. Oder wie er mit anschauen musste, wie Manon sich prostituierte. Gott, hat er da gelitten. Das hast du in der Zeitung gelesen? Ja genau, das war für mich eine schlimme Zeit, weil er derart in sie vernarrt war, dass er mit ihr nach Amerika reiste. Ich habe mich damals sofort in den Flieger gesetzt, weil ich ahnte, dass er in Lebensgefahr schwebte. Und als ich die Beiden endlich in der Wüste fand, lag sie verdurstet in seinen Armen und er war schon völlig ausgetrocknet. Einen Tag später wäre auch er tot gewesen. Wie sie sich dorthin verirrt haben? Gute Frage, Elsa. Nein, an Sprachschwierigkeiten hat es nicht gelegen. Er spricht ausgezeichnet Englisch. Ich ging der Sache nach. Es stellte sich heraus, dass der Pförtner der Metropolitan Opera in New York, ein gewisser Puccini, den beiden den Weg zum italienischen Restaurant falsch erklärt und sie so buchstäblich in die Wüste geschickt hatte. Er tat es absichtlich, aus purer Eifersucht, weil Manon von ihm nichts wissen wollte.
Ich kenne keinen zweiten Fall, bei dem sich die enge Beziehung von Eros und Thanatos so genau nachweisen ließe wie bei Lohengrin und den Frauen. Sobald er und eine Frau sich einander annähern, öffnet der Todesengel seine Flügel. Warum ich bisher verschont blieb, weiß ich nicht. Natürlich ist er rein intellektuell in der Lage, das zu begreifen. Meine Güte, er ist wie gesagt, alles andere als dumm. Doch die Leidenschaft holt seine guten Vorsätze immer wieder ein. Solchen Leidenschaftsschüben ist niemand gewachsen. Niemand, außer dir, die du sie nicht kennst.
Falls du jemals heiraten solltest, wird es eine Vernunftehe sein. Du wirst deine Pflicht erfüllen. Du wirst nie einen anderen Mann außer deinem Gatten berühren, höchstens deinen Bruder in den schwesterlichen Arm nehmen. Zu mehr bist du nicht fähig. Nein, Elsa, du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn man den Kopf verliert. Wenn man nicht mehr weiß, wer man ist. Wenn jeder Gedanke nur noch dem anderen gehört, wenn man gleichzeitig glüht und zu Eis erstarrt, wenn man gleichzeitig liebt und sich selbst hasst, wenn man seufzt und Tränen der Sehnsucht chromatisch fließen. Lies Petrarcas Gedichte für Laura und hör dir ihre Vertonungen von Liszt an. Dann wirst du vielleicht eine Ahnung davon bekommen, wie es sein kann. Wirklich fühlen wirst du es, so wie du gestrickt bist, nie. Ich bin dem Schicksal durchaus dankbar, dass du bist, wie du bist. Denn so bist du zu einer der Wenigen geworden, mit denen er mich nicht betrogen hat.
Nein, so war er nicht immer. Wahrlich nicht. Seine ersten Lieben, als solche hat er sie durchaus verstanden und gefühlt, galten Pamina und Dorabella. Wie unschuldig und harmlos aus heutiger Sicht! Von tiefer, verwirrender, seine Existenz bedrohender Passion war da noch nichts zu spüren. Das begann erst mit der Liebe zu Violetta, der französischen Kurtisane, die von allen Traviata, die vom Weg Abgekommene, genannt wurde. Sie, durch Krankheit geschwächt, hat ihm beigebracht, was es mit Liebe und Leidenschaft auf sich hat. Mit ihr begann dieses unendliche, unerträgliche Passionsspiel seines Lebens. Ja, Violetta ist gestorben. Wenn wir in Paris sind, gehen wir manchmal zu ihrem Grab. Er wird bis heute von einem schlechten Gewissen geplagt, weil er sich ihr gegenüber wirklich schofelig benommen hat.
Ja, Elsa, es ist hart, manchmal unerträglich für mich. Früher habe ich mehr darunter gelitten als heute. Ich habe mich beinahe daran gewöhnt, dass er jede Frau ins Bett singen kann. Bis auf dich, die seinen Gesang nie hörte. Deshalb, ich muss es ganz egoistisch eingestehen, hat es mich unglaublich gefreut, als eine gewisse Tosca, eine Römerin, ihn neulich hat sitzen lassen. Sie erschien schlicht nicht zum verabredeten Date. Er war sprachlos, kam zu mir und beschwerte sich empört. Ihm, der gerade noch von süßen Umarmungen geträumt und gedacht hatte, dass er das Leben noch nie so geliebt hatte wie jetzt, war von einer selbstbewussten Vertreterin des angeblich schwachen Geschlechts gezeigt worden, wie es gehen kann. Es dauerte ziemlich lange, bis er sich beruhigt hatte.
Ich ahne, wer die nächste sein wird: Desdemona. Wieder eine Italienerin. Er hat mir von ihr vorgeschwärmt. Er hat sie kürzlich in London kennen gelernt. Noch ist es nicht mehr als Schwärmerei. Vielleicht bleibt es dabei. Mal sehen, wie lange die Leidenschaft, falls es eine werden sollte, anhalten und welch tragisches Ende sie, unter dem geht es bei ihm nicht, nehmen wird. Und wenn dieses süße Lied verhallt sein wird, werden wir allein sein. Hoffentlich zum ersten Mal wirklich allein. Das erhoffe ich mir jedes Mal und gebe nicht auf, es zu tun.
Ob ich fremd gehe? Natürlich tue ich das, nicht weniger als er und meistens mit ebenso viel Leidenschaft. Nein, das sage ich ihm nie. Nein, er merkt es auch nicht. Ich lasse ihn in dem Glauben, er sei in jeder Hinsicht the greatest for me. Das gibt ihm die Sicherheit, die er braucht. Mit wem ich es tue? Mit Carlos, Alvaro und José aus Spanien, mit des Grieux und Chenier aus Frankreich, mit Caravadossi und Alfredo aus Italien, mit Riccardo aus Boston und Gustav aus Schweden oder mit Max, Stolzing und Siegfried aus Deutschland. Willst du noch mehr Namen? Gerade bahnt sich etwas mit einem gewissen Otello an, einem aus Venedig stammenden Londoner. Ein faszinierender Typ, allerdings wahnsinnig eifersüchtig. Das mag ich nicht.
Elsa, schau mich nicht so entsetzt an. So spielt das echte Leben. Du siehst, neben deinen Sorgen wegen des Films gibt es andere. Jeder hat die seinen.
Warum unsere Beziehung nicht bekannt ist? Weil ich es nicht will. Ich möchte im Hintergrund bleiben. Diese Rolle gefällt mir. Wäre es anders, würde mich alle Welt wegen seiner vielen Affären bemitleiden. Unser Privatleben geht niemanden etwas an. Mach dir keine Gedanken, ich bin fast immer mit diesem Vagabunden unterwegs, sitze in Kneipen und verliebe mich jedes Mal wieder in ihn, wenn er den Mund öffnet und seinen Gesang in den Äther schickt. Selten bleibe ich zuhause. Er möchte, dass ich ihn begleite. Für mich ist das okay. So sind wir zusammen. Ich kann schließlich meinen Computer überall aufklappen und Geschichten hinein tippen.

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erstellt am 28.10.2016

Annette Dasch als Elsa von Brabant, Lohengrin-Inszenierung an der Oper Frankfurt, Foto: Barbara Aumüller

Oper

Lohengrin

Von Richard Wagner

Musikalische Leitung Stefan Blunier
Regie Jens-Daniel Herzog
Szenische Leitung der Wiederaufnahme
Hans Walter Richter
Bühnenbild und Kostüme Mathis Neidhardt

Heinrich der Vogler Andreas Bauer
Lohengrin Vincent Wolfsteiner
Elsa von Brabant Annette Dasch

Oper Frankfurt