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28. Oktober 2016

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses

Das Kind im Nebel

„Nach einem Wesen, das Unglück bringt, sucht man immer in den dunkelsten Ecken” – Elif Shafak erzählt in „Der Geruch des Paradieses” von einer Türkei, die nicht mehr laizistisch ist. Der Roman profitiert von Paradoxien einer konservativen Revolution

Bei dem – von Erscheinungen nicht allein aus dem christlichen Themenkreis heimgesuchten – Görlitzer Schuhmacher Jacob Böhme finden wir den “Feuerschrack, der aufsteiget aus der ängstlichkeit des wassers in die hitze”. Der islamische Kollege wird – gleich dem Schrack – vom Feuer erschaffen. Er heißt Dschinn und zeigt sich nur in äußersten Fällen ausgesuchten Personen. Schrack und Dschinn sind dem Monotheismus inkorporierte Knechte himmlischer Oligarchen aus der Dämonenklasse. Der Besessenheit liefern sie eine milde Form. Etwas, dass Entgrenzung mit Rückfahrkarte in die Normalität gestattet.

Unterdrückte helfen sich mit derart eingreifenden Erzählungen, sie haben die gleichen Funktionen wie gestaltete Träume. In Elif Shafaks jüngstem Roman “Der Geruch des Paradieses” ist der Dschinn “das Kind im Nebel”. Es erscheint und verflüchtigt sich ebenso zum Trost wie zur Beunruhigung des Mädchens Peri. Als früh auf ihre Rolle festgelegte Betrachterin des Schauspiels Leben hat die Vierjährige dem Erstickungstod eines Zwillings beigewohnt ohne Alarm zu schlagen. Peri wird einem Exorzisten zugeführt, der sich als Scharlatan der durchsichtigen Art verrät. Sie existiert auf einem familiären Spannungsfeld mit der Sprengkraft bipolarer Störungen. Der Vater ist ein abgesoffener Kemalist, die Mutter ertrotzt im Glauben gesellschaftliche Teilhabe und Achtung. Das Ehepaar erscheint so zerrissen wie die Türkei.

Der Roman profitiert von den Paradoxien einer konservativen Revolution. Shafak nutzt Erzählchancen, wie sie nur Umwälzungen bieten. Eine Gemeinschaft verweigert ihre Emanzipation zugunsten eines religiösen Cocooning – als Reaktion auf Schock und Scham in Konfrontationen mit mehr als einer Moderne seit den letzten osmanischen Zuckungen. Die Türkei startet nun hinter den Markierungen von Atatürk.

Shafak entwirft der Polarität Konstellationen. Peris Brüder loten das Spektrum zwischen Anpassung und Widerstand aus. Einer zahlt für sein Engagement mit Folterhaft und erlebt die Verwandlung zum Zombie als Triumph der Regression. Der andere geht mit geringen Nebenwirkungen (kaum) zu weit beim Pochen auf männliche Vorrechte.
Die Istanbuler Gegenwart des Geschehens erschöpft sich in einem Tag im Jahr 2016. Der Tag beginnt und endet für die grundsätzlich freudlose Peri mit verstörenden Erlebnissen. Sie wird beraubt und beinah vergewaltigt. Schließlich gerät sie in einen Überfall. In der Zwischenzeit langweilt sich die „Protokollantin schmerzlicher Empfindungen” auf einer Party schwer besorgter Superreicher. Diese Leute halten sich nicht für master of the universe. Sie sehen sich in Abhängigkeiten und Duldungsverhältnissen verstrickt. In der Öffentlichkeit treten sie wie Regierungssprecher auf. Ihre Villen verwandeln sie aber in Tollhäuser der Meinungsfreiheit.
„Ihre Apathie verwandelte sich in Unverfrorenheit, ihr Gemurmel in Gebrüll”.

Zu Wildreisrisotto und Kaviar sehnt sich die Creme nach einer fürsorglichen Diktatur, „Demokratie ist reine Zeit- und Geldverschwendung”. Ein Hellseher behauptet, die Chakren der Türkei seien blockiert. Eine Bombe detoniert in der Nachbarschaft.
Die zweite Erzählachse durchstößt das Jahr von 9/11. Peri studiert in Oxford, verfällt vorübergehend einem charismatischen, seinen Studentinnen gegenüber riskant aufgeschlossenen Dozenten und lebt in engster Verbindung mit der ungezwungenen Shirin und der muslimischen Glaubensaktivistin Mona zusammen. Die Studentinnen erregen sich permanent, sie gehen aufeinander los und wachsen in der Bereitschaft zum Konflikt. In einer Hochburg des Wissens begreift Peri, dass sie und ihre Freundinnen als Angehörige einer gefährlichen Religion wahrgenommen werden. Ob iranisch, ägyptisch oder türkisch: die Differenz zur englischen Mehrheitsgesellschaft bleibt über die Muslima-Zuschreibung hinaus unbeachtet. Peri flieht zurück in die Beschränkungen einer säkularen Oberschichtsexistenz. Sie heiratet, bekommt Zwillinge. Sie variiert und wiederholt das Schicksal ihrer Mutter. In einer späten Offenbarung gesteht sie Shirin ihre Zufriedenheit als Hausfrau. Das ist eine Bankrotterklärung.

Elif Shafak, Der Geruch des Paradieses, Roman. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Kein und Aber Verlag, 560 Seiten

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erstellt am 28.10.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.