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Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In diesem Jahr ging der Preis an die Journalistin, Philosophin und Schriftstellerin Carolin Emcke, die viele Jahre als Redakteurin und Krisengebietsreporterin beim „Spiegel“ und für DIE ZEIT arbeitete, seit 2008 als freie Publizistin, u.a. als Kolumnistin für die Süddeutsche Zeitung. Emcke wurde mehrfach für ihre journalistische Arbeit ausgezeichnet, am Ende der Frankfurter Buchmesse 2016 mit dem renommierten Friedenspreis. Die Laudatio hielt die Philosophin Seyla Benhabib. Petra Kammann hat die Preisverleihung besucht und berichtet von ihren Eindrücken.

Friedenpreis für Carolin Emcke

»Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel«

„Wow!“ So begann die zunächst scheinbar so improvisierte Wucht und Überraschung einer frischen Rede der diesjährigen Preisträgerin Carolin Emcke. Als sie mit „Wow!“ endete, schloss sich ein klug komponierter Kreis aus Fragen, Argumenten und Antworten, mit dem sich das angesprochene Publikum auseinandersetzen konnte. Carolin Emcke ist in jeder Hinsicht eine moderne, wachsame und behutsam formulierende Frau. Angesprochen auf die Maximen der Französischen Revolution formulierte sie kürzlich in ihrer Rede zur Eröffnung der diesjährigen Ruhrtriennale: „Es braucht Erzählungen davon, wie die Freiheit schmeckt, wie die Gleichheit sich anfühlt, wie die Brüderlichkeit klingt.“

Dass sie solche der Realität abgeschaute Geschichten erzählen kann, bescheinigte ihr die in Istanbul geborene und in den Vereinigten Staaten an der Yale University lehrende Seyla Benhabib, bei der Emcke promovierte und welche selbst über Flucht und Migration geschrieben hat, in ihrer Laudatio folgendermaßen: „Carolin Emcke hat die Gabe, die Dinge so benennen und erzählen zu können, dass das Schweigen, in das sich Gewalt, Grausamkeit und Folter hüllen, durchbrochen wird. Es ist diese Gabe, die sie heute zu einer der einflussreichsten öffentlichen Intellektuellen unserer Zeit macht.“

Darauf folgte Emckes Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche – ein Meisterstück an Klarheit und Selbstbewusstsein, stilistisch und rhetorisch brillant und in jeder Hinsicht bemerkenswert. Breite und Tiefe ihrer Reflexionen über das Fremde und das nicht zuletzt sexuell Andere waren überzeugend und authentisch. Die Realität blitzte immer wieder durch in der wohlgefeilten Sonntagsrede, so, wenn sie als Kind des Ruhrgebiets etwa über ihre Liebe zu den Dortmunder Borussen sprach, was dennoch nicht ausschließe, dass sie auch den Schalkern ihren Respekt zolle. Und die Rede war gewissermaßen eine hervorragende Ergänzung zur letztjährigen vom kosmopolitischen Orientalisten Navid Kermani.

Die Ansprache kulminierte dann in dem bekenntnishaften Satz: „Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird. Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft.“ Dass es diese zu schützen gilt, zog sich als roter Faden durch die Rede.

So etwas wie Aufbruchsstimmung

Als stets akribisch recherchierende Publizistin weiß die diesjährige Preisträgerin Emcke, wovon sie spricht, hat sie sich doch immer wieder schwierigen Lebenssituationen in den Krisengebieten unserer Erde (u.a. Afghanistan, Pakistan, Kosovo, Irak, Kolumbien, Libanon) ausgesetzt und hingeschaut, wo andere wegschauen: gleich ob Krieg, Terror oder Folter. Ihre Reportagen und Briefe über ihre Reisen zu den Brennpunkten unserer Welt sind packend, weil auch persönlich. Warum? Sie seien auch mehr als nüchterne Berichte, so der Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, der seine Rede mit einem inzwischen wieder aktuellen Gedicht der jüdischen Lyrikerin Rose Ausländer begann: „Niemand argwöhnt
 / dass ich ein König bin /
und in der Tasche / 
trage mein heimatloses Land“.

Selbst wenn Poesie die Realität, dass „die Welt in Aufruhr ist, dass es an allen Ecken und Enden brennt“, unmittelbar nicht verändern kann, so gehörte der Aktualitätsbezug in der Paulskirchen-Rede aus dem Munde eines Spitzenfunktionärs des Buchhandels mit zum Besonderen der unpathetischen Feier, die so etwas wie Aufbruchsstimmung aufkommen ließ. Was aber bleibet, das stiften – frei nach Hölderlin – nun mal die Dichter. Sie sind es, die den Menschen immer wieder Hoffnung machen. Und in diesem Zusammenhang ist auch die engagierte Unterschriftenkampagne des Börsenvereins „Für das Wort und die Freiheit“, #FreeTheWords, besonders zu loben.

Ganz natürlich und authentisch ging Carolin Emcke dann auch die Dankesrede über die Lippen, die gespickt war mit Fragen, die sich jeder oder jede von uns stellen kann. Die Antworten auf diese brennenden Fragen konnte sie dann selbst geben. „Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut. Säkularisierung ist kein fertiges Ding, sondern ein unabgeschlossenes Projekt. Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik. […] Was es dazu braucht? Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, dass wir alle sagen: Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.“

Der Stiftungsrat hatte seine Entscheidung für die diesjährige Preisträgerin so begründet: Carolin Emcke beschreibe „auf sehr persönliche und ungeschützte Weise, wie Gewalt, Hass und Sprachlosigkeit Menschen verändern können. Mit analytischer Empathie appelliert sie an das Vermögen aller Beteiligten, zu Verständigung und Austausch zurückzufinden”.

Durch ihr Schreiben und unerbittliches Nachfragen wird die Notsituation einzelner Menschen dem Vergessen entrissen. Nicht zuletzt durch die Auseinandersetzung mit der Ermordung ihres geliebten Patenonkels Alfred Herrhausen, die sie bis heute nicht von dem Trauma des verlorenen Menschen erlöst hat. „Wie lange braucht es, um zu begreifen, dass ein Freund ermordet worden ist? Wie lange braucht es, um zu verstehen, dass es keinen Abschied gab?“, fragt sie über den bis heute unaufgeklärten Terrorakt, indem sie auch grundsätzlich an die Hinterbliebenen von Terroropfern denkt.

Dafür die angemessene Sprache und den Dialog zu finden, ist ihr auch nach inzwischen 27 Jahren immer noch ein Anliegen. Dabei gedenkt sie nicht zuletzt voller Reue des Taxifahrers, den sie für die Fahrt vom Frankfurter Flughafen nach Bad Homburg in ihrem Schock vergessen hat zu bezahlen.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist nun mal kein politischer Ratgeber. Er „lebt von der Sprache und setzt mit den Reden seiner Preisträger Zeichen für Frieden und Verständigung.

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erstellt am 25.10.2016

Carolin Emcke, Foto: Petra Kammann
Carolin Emcke bei der Friedenspreisverleihung am 23. Oktober 2016 in der Frankfurter Paulskirche. Foto: Petra Kammann

Zu Emckes Buchveröffentlichungen zählen „Von den Kriegen – Briefe an Freunde“, „Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF“, „Wie wir begehren“ und der Essayband „Weil es sagbar ist – Zeugenschaft und Gerechtigkeit“. Gerade erschien ihr neues Buch „Gegen den Hass“ im Verlag S. Fischer.

Bundespräsident Joachim Gauck gratuliert Carolin Emcke, Foto: Petra Kammann
Friedenspreisverleihung am 23. Oktober 2016 in der Frankfurter Paulskirche: Bundespräsident Joachim Gauck gratuliert Carolin Emcke. Foto: Petra Kammann