Foto: SWR, Ralf Brunner

Solistin in Péter Eötvös „The Sirens Cycle”: Audrey Luna. Foto: SWR, Ralf Brunner

Björn Gottstein, neuer Leiter der Donaueschinger Musiktage, möchte Verbindungslinien zwischen exponierter E-Musik und tagesaktueller U-Musik schaffen. Von einer auffälligen Trendwende kann man bei den diesjährigen Musiktagen indes nicht sprechen. Die Ernte des Donaueschinger Jahrgangs 2016 war gar nicht so schlecht, meint Hans-Klaus Jungheinrich.

Donaueschinger Musiktage 2016

Alte Hüte als neue Tendenzen

Einer, der sich unterfängt, in einer Viertelminute eine der vermeintlichen Hauptthesen Hegels zu referieren, ist entweder ein Einfaltspinsel oder ein Scharlatan. Wenn er dann noch die Musikphilosophie Theodor W. Adornos auf den Satz herunterbringt „die Tonalität gehört genauso weg wie die bürgerliche Gesellschaft“, macht er sich endgültig untauglich für ein Lehramt auf Volkshochschulniveau. Roger Scruton, Redner bei den jüngsten Donaueschinger Musiktagen, wird hier jedoch als „bedeutender Schriftsteller und Philosoph“ gehandelt und darf (wenn auch zu nachtschlafender Zeit am Sonntagmorgen um 10) eine eigene Veranstaltung bestreiten. Nicht, dass man in diesem Avantgarde-Mekka zu übertrieben geißlerischer Selbstbesinnung tendierte. Der gute Besuch des englischsprachigen Vortrags galt aber wohl einem mutmaßlich besonderen, exotisch parfümierten Bonbon, das man sich gerne einmal zwischen anstrengenden Hör-Exzessen gönnen wollte.

Dabei konnte die Erinnerung zurückschweifen zu früheren Polemiken gegen die musikalische Moderne, an denen man sich (ohne Masochist zu sein) zu weiden vermochte. Vor 60 Jahren etwa wetterte ein Alois Melichar, noch unverkennbar geprägt vom hierzulande einmal mächtigen „gesunden Volksempfinden“, sprachberserkerisch wider die Schönbergschule („Musik in der Zwangsjacke“). Etwas später war Peter Jona Korn tonangebend mit nicht unintelligenten Einsprüchen gegen avantgardistische Keckheit. Vor 25 Jahren schließlich amüsierte der Südtiroler Hubert Stuppner mit witzig halbernsten Diagnosen, die Donaueschingen samt seiner Entourage als Irrenanstalt bezeichneten. Vom Schwung und Biss solcher spielverderberischen Würzigkeiten ist Scruton weit entfernt. Treuherzig und fast rührend unbelehrt reklamiert er die „Gefühlsmusik“ als Antidotum für eine Moderne, die noch immer in kompositorischen Rechnereien und Klügeleien befangen sei. Das war vielleicht die Aktualität von 1955. Boulez selbst bezeichnete die „serielle“ Periode als einen „Tunnel von zwei Jahren“; er musste es ja wissen. Tja, um Adorno abzuwandeln: Es gibt auch ein Altern der Polemik gegen neue Musik.

Die Jugend erreichen

Natürlich war der Auftritt eines Scruton nur eine Randnotiz der diesjährigen Donaueschinger Musiktage. Besorgte Habitués mochten ihn aber als Signal für eine veränderte Konzeption einschätzen, die der neue Leiter Björn Gottstein diesem ehrwürdigen Forum zu oktroyieren sich anschicke. Da leuchten Warnlampen. Gottstein kommt von der U-Musik und will Donaueschingen eventuell „entrümpeln“ – von was? Vom hier scheinbar konsequenten Nonkonformismus? Nun, auch der ist diesenorts keine ganz zuverlässige Richtschnur – wenn man gelegentlich vom „Donaueschinger Stil“ sprach, wurde angetönt, was man hier erwartete und was besser zu vermeiden war. Auch das ist Dialektik: Verbissenes Eintreten für die Radikalität des Neuen als profund konservative Geste. Was nicht heißen soll, dass Donaueschingen sich dem Bequemen und Kommerziellen zu öffnen hätte.

Eben diesen Verdacht wecken einige Maßnahmen Gottsteins – die Verpflichtung Scrutons als eines womöglich programmatischen Einpeitschers (zugegeben, das ging daneben und wurde zur milden Lachnummer) sowie die Parole, neue Verbindungslinien zu schaffen zwischen exponierter E-Musik und tagesaktueller U-Musik – letzteres verbunden mit dem immer wohlfeilen Hinweis, „die Jugend“ erreichen zu wollen. Könnte aber auch sein, dass die Jungen den originalen Heavy -Metal-Sound den anschmeißerischen Bemühungen aus dem E-Lager auf jeden Fall vorziehen und die Alten sowieso vergrault werden. Donaueschingen ist derzeit ein Publikumsmagnet. Das könnte sich auch ändern. Genau genommen, sind Crossover-Aktivitäten der E-Musik ähnlich alte Hüte wie die Argumente wider die Moderne – jüngst runderneuert von den Hirnforschern, die die Reichweite ihres naturwissenschaftlich-positivistischen Denkens unzulässig auch auf Philosophie (die kläglich schrille Debatte um den „freien Willen“) und die Musikästhetik auszudehnen trachten. Dass der hörenden Rezeptionsfähigkeit Grenzen gesetzt sind, ist nicht zu leugnen – umso reizvoller könnte es sein, sich in unmittelbarer Nähe zu diesen Grenzen hörend umzutun. Von ganz weit oben betrachtet, könnte man auch die rigorose musikalische Moderne als Sackgasse apostrophieren – aber ohne Rancune; eingedenk der unverzichtbaren und unwiederholbaren Schönheiten und Heldentaten auf diesem Wege.

Nun ja, solche Pathosformeln greifen vielleicht schon allzu hoch, wenn es gilt, die Ernte des Donaueschinger Jahrgangs 2016 zu begutachten. Sie war gar nicht so schlecht. Von einer auffälligen Trendwende kann schon deshalb nicht gesprochen werden, weil etliche Kompositionsaufträge noch auf den früheren Leiter Armin Köhler zurückgehen. Aber auch in Zukunft wird sich die besondere „Institution“ Donaueschingen in erheblichem Maße programmatisch behaupten, auch dank eines Komponisten-Reservoirs, das sich durch keine Einflüsse von außen beirren lässt.

Meisterwerke und Rambo-Stücke

In welcher Richtung etwa sollte der 72jährige Peter Eötvös noch „einknicken“ – er hat längst zu einem unverwechselbaren, multiperspektivischen „Personalstil“ gefunden und exemplifizierte das hier an seiner neuen Komposition „The Siren Circle“ für Koloratursopran, Streichquartett und interludierende elektronische Einspielungen. Ein Meisterwerk – wenn auch ohne die ironischen Doppelbödigkeiten des vor kurzem in Salzburg kreierten „Halleluja“ nach Texten von Péter Esterházy. Im Sirenenstück betritt Eötvös die Sphäre von Joyce, Homer und Kafka, eine auch von dem Frankfurter Rolf Riehm ausgiebig aufgesuchte Welt. In virtuoser Subtilität exzellierte die Sopranistin Audrey Luna (dreisprachig!), und das Calder-Quartett zeigte Spitzenniveau. Von ähnlicher Überzeugungskraft war die Kammerensemblestudie „Skin“ von Rebecca Saunders, obwohl die „taktile“ oder womöglich „olfaktorische“ Assoziation im Titel sich nicht ohne weiteres akustisch vermittelte.

Ein ebenfalls als „Meisterwerk“ zu bezeichnendes Stück stand völlig isoliert im Programm, ließ sich also keiner „Tendenz“ zuordnen: Joanna Bailies halbstündige „Music from Public Places“. Ausgangsmaterial waren hier zwei Aufnahmen von Straßengeräuschen aus Berlin-Wilmersdorf und von einem Brüsseler Bahnhof. Sie werden allerdings erst in der Mitte des Stückes eingespielt und verbinden sich dann auf raffinierte Weise mit dem Streichquartettklang und dem 24-stimmigen Chor (Améi-Quartett, SWR Vokalensemble, Dirigent: Marcus Creed). Die konsistente, in sich geschlossene Form changiert zwischen Avo Pärt und Luc Ferraris so wenig wie möglich „bearbeitetem“ akustischen Realismus. Eine quasi sakrale Atmosphäre stellt sich zwanglos ein, ohne dass derlei als „Botschaft“ fixiert wäre.

Hervorstechendste „Rambo“-Stücke waren Klaus Schedls „Blutrausch“ und Bernhard Ganders „Cold Cadaver with Thirteen Scary Scars“, ersteres eine eindimensional dumpfe Adaptation gewaltförmiger Popmusik-Gestikulationen für großes Orchester (SWR-Symphonieorchester, im Jahr eins nach der Auflösung des Baden-Baden/Freiburger Klangkörpers merklich eine Spur unengagierter am Werk), letzteres eine teils gekonnte Parodie auf Bigband-Topoi mit knalligen Riffs und aufgezwirbelten Soli (Klangforum Wien), leider aber auch geisttötend einmontierten Beethoven- und Strawinsky-Zitaten nach dem Motto „Klassiker zum Abgewöhnen“.

Ein anderer Fall waren „Die schönsten Schlager der 60er und 70er Jahre“ des Österreichers Peter Ablinger. Eine ebenso gewitzte wie trostlose Parade von Musikschnipseln, deren Zusammenhang niemals deutlich wird (statt auch nur einen einzigen Schlager wiederzuerkennen, ging mir nur dauernd die Zeile „denn ohne dich ist`s halb so schön“ im Kopf herum). Das gackert, drisselt und tuckert 20 Minuten hühnerhofmäßig so vor sich hin (ensemble recherche), wird dabei im Laufe der Zeit auch eintönig und erbringt fast pedantisch den „Beweis“ für die „Gleichgültigkeit“ eines depravierten Materials, dessen zerstörte Konturen sich verselbständigen zum anarchischen Gewusel – Musik als minuziös, ja „meisterlich“ austarierte Schrumpfform. Das wirkt aber doch unbedingt als eine höhnische Demontage von jeglicher Crossover-Euphorie.

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erstellt am 23.10.2016

Juliet Frase, Solistin in Rebecca Saunders »Skin«, begleitet vom Klangforum Wien unter der Leitung von Titus Engel. Foto: SWR, Ralf Brunner

Donaueschinger Musiktage 2016

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