Jan Brandt, Foto: Jamal Tuschick
Jan Brandt, Foto: Jamal Tuschick

22. Oktober 2016

Jan Brandt: Stadt ohne Engel

Fear and Loathing in Los Angeles

Jan Brandt überrascht musikalische Gangster mit manischem Realismus

Der Literaturnobelpreis geht nach Malibu. Das ist die Nachricht des Tages. Zuckerberg & Zimmermann – Auf Facebook begrüßen Verehrer die Stockholmer Entscheidung; nach Jahrzehnten des Kopfschüttelns endlich Zustimmung. Eine ergraute Moderne kommt noch einmal zurück auf die Cover der Welt. Don’t Think Twice, It’s All Right. Hunter S. Thompson widmete „Fear and Loathing in Las Vegas” seinem Helden Bob Dylan. Auf Thompsons Beerdigung lief „Mr. Tambourine Man”, auch Moderator Florian Werner flicht Dylan ins Gespräch mit Jan Brandt, der ein Gonzo-Paket voller Gedichte und Reportagen unter der Aufschrift „Stadt ohne Engel – Wahre Geschichten aus Los Angeles” im Berliner me Collectors Room präsentiert. Die Dimensionen des Schauraums bringen fast alles zum Verschwinden außer den in kalifornischen Farben pyrotechnische Sensationen und gestockte Wucht zugleich evozierenden Bildern. Brandt nutzt den keinesfalls molestierenden Effekt, um sich ganz schmal zu inszenieren. Beobachtungen in der LA-Problemzone Watts verführten ihn zu einer Verdichtung von Dylans „All Along The Watchtower” zu „All Along The Watts-Towers”. Heute Abend wächst dieser phonetische Minicoup über sich hinaus.

Brandt erlebte Los Angeles als Stipendiat der Villa Aurora, in der sich Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta einst von bettelarmen Emigranten unterschieden. Kurz vor seinem Tod war Heiner Müller 1995 erster Stipendiat. Aus der Satzung: “Die Villa Aurora vergibt jährlich insgesamt bis zu zwölf dreimonatige Stipendien für … Die Stipendienrate beträgt monatlich 1.800 Euro. Zudem übernimmt die Villa Aurora die Hin- und Rückreise (economy class) Deutschland – Los Angeles.” Kein Wort vom Earthquake Kit, das Überleben in einem Trümmergefängnis verspricht.

Nach Los Angeles kam Brandt mit dem Vorsatz einer „extremen Wachsamkeit” über die Lust an der Eintrübung Herrschaft zu geben. Der Autor koordinierte seine Arbeit zwischen „Abstinenz”, „Beobachtungsmanie” und „manischem Realismus”.

Unterdessen legt kein Mensch sein Telefon aus der Hand. Man hört zu und sieht fern. Ein Verspäteter lässt sich vor mir und alles Mögliche hinter sich fallen. Er wirkt abgeschottet. Gleich wird er ganz anders in Erscheinung treten.

Brandt begegnete dem Moskauer Komponisten Sergej, „dessen Werke … in der ganzen Welt gespielt werden”. Auf dem Parkplatz der Fairfax High School traf er die vierzehnjährige Auftragsdichterin Maia an ihrem „poem stop – name your subject, name your price”. Am Tag ihrer ersten Begegnung hatte sie vor Mittag bereits zwanzig Gedichte geschrieben und hundert Dollar verdient. Maias kompromisslos-schwindelfreies Wesen drängte Brandt in die Verehrerrolle. Auch wenn er sich weit davon entfernt sah, zum Humbert zu werden, gab es doch Peinlichkeiten in der Nähe des Lolitathemas. Vielleicht half Praktikantin Nina mit ihrem erwachsenen Dekolletee: „Unter ihrer halbtransparenten weißen Bluse zeichnet sich ein schwarzer BH ab”.

Brandt las Zeitung, er sammelte Beispiele für rassistische Gewalt. Er fragte sich, was bedeutet es in dem Einwanderungsland USA schwarz zu sein. Er mied den von sozialen Infarkten ständig bedrohten Süden der Stadt, bis ihn eine Einsicht in die Notwendigkeit am Kragen packte, das „Herz der Finsternis” schlagen zu hören. Man erklärte ihn für verrückt, South Central ist ein Ballungsraum von Ängsten. Brandt machte Lil Drawz – Kleine Unterhose zu seinem Hirten. Der Kleinkünstler trägt die Farben der Crips, „neben den Bloods und Mara Salvatrucha eine der drei großen Gangs … bekannt für Drogenhandel … Morde”. Lil Drawz verspricht sich die weltweite Verbreitung seines Namens im Gegenzug für Einblicke in eine Unterwelt. Nun kennt man ihn in Deutschland, Brandt hält die Balance zwischen dem satirischen Potential der Rapper-Biografie und ihren poetischen Chancen. Er bittet Sergej ans Pult, zur Lebhaftigkeit bekehrt, springt der Mann vor mir auf.

Jan Brandt, Stadt ohne Engel, Dumont, 304 Seiten
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erstellt am 22.10.2016

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.