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Der LiBeraturpreis wird seit 1988 jährlich an eine freie Frau, aber auch für ein besonderes Buch verliehen. Die Preisträgerin 2016 ist die indonesische Schriftstellerin Laksmi Pamuntjak. Ihr Roman „Alle Farben rot“ handelt von der jüngsten Geschichte Indonesiens. In seiner Laudatio würdigt Ruthard Stäblein den Mut der Autorin.

Laudatio LiBeraturpreis 2016

Keine Angst vor der Macht

Im Namen des heutigen Preises stecken mehrere Bedeutungen. LiBeratur, da höre ich Literatur, es geht also in erster Linie um einen Preis für gute Literatur. Dann steckt aber auch noch das lateinische Wort „liber“ drinnen. Das heißt „Buch“, und „Frei“. „liberatio“ ist die Befreiung. Liberatur, als Verbform, heißt dann er, sie, es wird befreit. Aber hier geht es um eine sie, selbst wenn hier ausnahmsweise ein Er sprechen darf. Denn die Silbe lib erinnert sofort an women´s lib, women’s liberation movement, an die Befreiungsbewegung der Frauen. Als auch an das französische „libération“, womit die Befreiung von einer Diktatur, von einer Fremdherrschaft, von Kolonialherren, gemeint ist, also auf die Befreiungsbewegungen in Afrika, Lateinamerika und Asien verweist. Im Namen „LiBeratur“ wird das Buch mit der Befreiung der Frau und mit der Befreiung von Fremdbestimmung verschränkt, zur untrennbaren Einheit. Und diese Einheit verkörpert Laksmi Pamuntjak. In der würdigen Nachfolge der großen Schriftstellerinnen und freiheitsbewegten Frauen, die diesen Preis erhalten haben. Ich erwähne nur die ersten beiden: Maryse Condé aus Guadeloupe im Jahr 1988. So lange gibt es diesen Preis schon. Und an Assia Djebar, aus Algerien, die später den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat.

Der Preis wird an die freie Frau, aber auch für ein besonderes Buch verliehen. Und das ist in diesem Jahr „Alle Farben rot“ von Laksmi Pamuntjak.

Und da geht es erst einmal um einen uralten Mythos, der sich wie viele Gründungsmythen brutal anhört:

Bhisma raubt die Königstochter Amba, vergewaltigt sie. Ihr Mann Salwa erobert sie zurück. Will sie nicht behalten, da sie schon gebraucht wurde. Amba versteinert. Im nächsten Leben, als Srikandi verwandelt, entwaffnet ihre Weiblichkeit Bhisma, besiegt ihn. Durch ihre Tat versöhnt sie die verfeindeten Zweige der Bharata-Familie.

Laksmi Pamuntjak hat diesen Ausschnitt aus dem Hindu-Mythos der Mahabharata auf die heutige politische Situation übertragen. Bei ihr kulminiert der Raub, die Gewalt, im Putsch von 1965, nach dem hunderttausende Kommunisten und Verdächtige ermordet, gefoltert, gefangen gehalten wurden.

Pamuntjak übernimmt zunächst die Dreiecksbeziehung aus dem Mythos. Sie behält sogar die Namen bei. Bei Pamuntjak läuft das so: Die Studentin Amba nähert sich dem Lehrer Salwa an, der ist fleißig, könnte ein guter Familienvater werden. Nur Amba langweilt sich mit ihm. Da lernt sie den älteren, politisch engagierten Arzt Bhisma kennen. Der wird 1965 verhaftet, landet später auf einer Gefangeneninsel, verschwindet aus Ambas Blickfeld. Der biedere Lehrer Salwa ahnt, dass der charismatische Arzt Bhisma seine Braut Amba entjungfert hat. Er entscheidet, Amba nicht zurück zu nehmen. Soweit folgt Pamuntjak dem Modell des Mythos. Dann aber können sich ihre Figuren vom mythischen Schicksal, das ihnen bei der Geburt durch die Namensgebung auferlegt wurde, befreien. Amba begnügt sich mit einem anderen Mann, einem Amerikaner. Nach dessen Tod macht sie sich auf die Suche von Bhisma. Sie sucht ihn auf der Insel Buru, wo der antikommunistische Militärdiktator Suharto nach seiner Machtergreifung von 1966 tausende politische Gefangene interniert hat.

Darunter auch den damals bekanntesten indonesischen Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer. Pram, wie er auch kurz genannt wird, wurde ein Jahrzehnt lang auf der Insel festgehalten und hat dort seine berühmt gewordene Buru-Tetralogie verfasst, z.T. wohl auch diktiert, als ihm das Schreiben verboten wurde.

Die Autorin Pamuntjak hat nach eigenem Bekunden lange auf Buru recherchiert. Ihr Bhisma hat manche Ähnlichkeiten mit der historischen Person von Pram. Und, wie sie im Gespräch gesteht, auch mit ihrem eigenen Vater, der in Deutschland studiert hat. So kommen in ihrem aktuellen Roman auch einige deutsche Szenen vor. Am Ende aber wird Bhisma auf der Insel Buru immer mehr zu einer mythologischen Figur, zu einem geheimnisvollen Zauberer.

Im Gegensatz zu Amba. Sie versteinert nicht wie im Mythos, sondern wird zu einer modernen, emanzipierten Frau, die selbst dann nicht resigniert, als sie erfährt, dass ihre erste große Liebe Bhisma auf Buru unerreichbar geworden ist.

Ich finde, dass der Roman “Alle Farben rot” den Mythos verwandelt und dabei geschickt die jüngste Geschichte Indonesiens vermittelt. Die Tabus bricht, die mit dem Terror der Militärdiktatur verbunden sind. Im Grunde bricht Pamuntjak in ihrer Liebesgeschichte sogar mit einem westlichen, aktuellen Tabu. Denn sie schildert die Liebe einer Frau, die unbedingt ist, absolut ist, die blind macht, eine amour fou, die in der aktuellen westlichen Literatur höchstens als zerbrochene, enttäuschte, fragmentierte Liebe vorkommt.

Insgesamt kann ihr Roman aufgrund der historischen Recherchen als Einführung in die jüngste Geschichte von Indonesien gelesen werden. Man versteht nach der Lektüre den Archipel viel besser, auch weil sie ihre Figuren nicht alle einfach in Schwarz und Weiß malt.

So wird zum Beispiel geschildert, wie die indonesischen Kommunisten sich in der Kulturpolitik ziemlich dogmatisch, ja stalinistisch gebärdeten und dabei vor 1965 von dem damaligen Präsidenten Sukarno gedeckt wurden. Was man heute noch im Stadtbild von Jakarta erkennen kann, z.B. an den heroischen Heldenstatuen, v.a. am monumentalen Nationaldenkmal. Dieser weit sichtbare, über hundert Meter hohe Baukoloss wird im Volksmund „die letzte Erektion Sukarnos“ genannt.

Pamuntjak mischt die Geschichte mit Leidenschaften auf. Ihr Roman schillert richtig, vor allem in Rottönen: die rote Bluse, rot wie der Teufel, rot wie Blut, wie die Revolution, wie der Sozialismus, wie das Abendrot, wie die Liebe – für ihren Roman „Alle Farben rot“ hat Laksmi Pamuntjak in Indonesien viel Anerkennung erhalten. Aber eine Versöhnung der verfeindeten Lager ist weder in ihrem Roman und noch weniger im aktuellen Indonesien in Sicht. Zu tief sind die Wunden, zu zahlreich die Opfer, zu mächtig noch die damaligen Täter, als dass eine einzige Amba das schaffen könnte.

Und damit komme ich zur anderen Seite von Laksmi Pamuntjak, zur engagierten Frau, die sich in die Politik einmischt und für die Freiheiten in ihrem Land kämpft. Denn Laksmi Pamuntjak schreibt nicht nur Romane und Gedichtbände und Essays, zum Beispiel über die Beziehung zwischen Männlichkeit und Gewalt. Sie erscheinen in verschiedenen internationalen Literaturmagazinen.

Zwei Bände sind in deutscher Übersetzung bei Ullstein angekündigt. Nun: Laksmi Pamuntjak schreibt auch Kochbücher. Und die sind, wie wir gleich hören werden, so was von „LiBeratur“.

Als intellektuelle Autorin in der Nachfolge von Frauen wie Simone de Beauvoir äußert sie sich aber auch in Zeitschriften und Zeitungen wie dem wichtigsten indonesischen Magazin ihres Freundes Goenawan Mohamad, in „Tempo“, wie auch im englischen Guardian.

Sie attackiert, z.B. im Guardian, die Paranoia der immer noch mächtigen Militärs, die ihre schrecklichen Terroreinsätze von damals nicht aufgedeckt, ja nicht einmal erwähnt wissen wollen, wie das Joshua Oppenheimer in seinen Filmen „The Act of Killing“ und „The Look of Silence“ getan hat. Sie kritisiert die aktuelle Zensur, die solche Filme und auch Bücher verbietet. Und sie schreibt auch von Vorfällen, die sich im Umkreis der Buchmesse ereigneten, als letztes Jahr ihr Inselland Gast in Frankfurt war. Während sich Laksmi hier in Frankfurt aufhielt, demonstrierten Muslime gegen sie vor einem Ministerium in Jakarta. Die Muslime bezichtigten sie als Kommunistin und das Nationalkomitee, das die indonesischen Schriftsteller nach Frankfurt geschickt hatte, als Erfüllungsgehilfen der Kommunisten. Pamuntjak schließt daraus: Heute attackieren bestimmte Muslime die freiheitlichen, bürgerrechtlichen Bewegungen in der Zivilgesellschaft, so wie es damals, bis zum Sturz von Suharto, im Jahr 1998, der Staatsapparat getan hatte.

Und sie erinnert an ein anderes Detail: Bei Suhartos Machtergreifung unterstützten damals Mitte der 60er Jahre mehrere islamische Gruppen, insbesondere die Nahdlatul Ulama, das blutige Vorgehen der Suharto-Anhänger, bei dem, wie gesagt, hunderttausende Menschen massakriert wurden. Polizei und Islamisten, Hand in Hand, der Vorwurf ist ungeheuerlich und mutig.

Laksmi Pamuntjak gehörte 2014 zu den Unterstützern des Kandidaten Joko Widodo. Er gewann damals die Wahlen auch mit Unterstützung der Intellektuellen. Inzwischen sind die Hoffnungen auf Jokowi, wie er im Volksmund freundlich genannt wird, gesunken. Er hat die Todesstrafe an mehreren ausländischen Drogendealern exekutieren lassen. Ausgerechnet auf der Insel Buru, die wir/die Leser von Pamuntjak aus ihrem Roman „Alle Farben rot“ kennen. Es ist die Gefangeneninsel von Amba. Und bei den Gedenkfeiern für die Massaker von 1965 weigerte sich Jokowi, sich bei den Opfern zu entschuldigen. Und das ausgerechnet in Anwesenheit der zweitgrößten Muslimbewegung Indonesiens, der Muhammadiyah.

In der Schule lernte Laksmi, dass alle Kommunisten Atheisten und Staatsfeinde seien. Und dass Atheismus immer noch fast ein Staatsverbrechen ist, spürt man, wenn man heute durch Indonesien reist. Der Streit mit dem Islam wird oft verkürzt auf Schleier, Burka und Burkini. Er ist aber auch ein Streit um das Essen. Ein Beispiel: In Makassar, in der Hauptstadt von Südsulawesi, ist die islamische Organisation FPI (in etwa Verteidigungsfront des Islams) dazu übergegangen, während des Ramadan ihnen unangenehme Nahrungsmittel aus den Regalen zu holen.

Nun hat Laksmi Pamuntjak ein Kochbuch geschrieben, das in Indonesien weit verbreitet und preisgekrönt ist. Sie veröffentlichte darin auch ein Rezept ihrer Mutter für Schweinebraten. Das ist in den Augen eines fundamentalistischen Muslims mehr als ein Staatsverbrechen.Was bei uns als den Konsumentenmassen gefällige Kochshow abgetan werden kann, ist in Indonesien ein politischer Akt. Selig die Zeiten, in denen ein Gespräch am Herd noch unschuldig war. In Indonesien kann es brenzlig werden.

Und Laksmi Pamuntjak hat keine Angst, sich die Finger zu verbrennen.
Sie würzt ihre Gerichte scharf – auf indonesische und auch auf weltbürgerliche Art!

Im Grunde könnte der Inselstaat Indonesien stolz auf seine Spielart des „tropischen Islam“ sein. Denn seine Verfassung gründet auf der Gleichberechtigung der fünf monotheistischen Weltreligionen. Aber die radikalen Islamisten gewinnen nicht nur in der fernen Scharia-Provinz Aceh mit ihrer Religionspolizei (seit 2003 an der Macht) sondern auch im Zentrum, in Jakarta, immer mehr an Einfluss. Und ihre ersten Ziele und Opfer sind die Frauen, insbesondere die Frauen, die unabhängig, frei und mutig sind, wie Laksmi Pamuntjak.

Laksmi Pamuntjak hat keine Angst vor der Macht. Sie greift die Zensoren an – es sind meistens Männer –, die als Staatsbeamte, als Muslime, als Militärs, als aufgebrachte Massen die Freiheit der Meinung und der Religion einschränken und die Freiheit der Frauen fürchten. Sie träumt von der Frau, die sich selbst befreit und schreibt dafür einen so köstlichen, einen so romantischen Roman wie „Alle Farben rot“. Sie setzt auf das freie Wort, auf das Buch. Laksmi Pamuntjak, das ist die freie Frau in Person, das ist die Befreiung der Frau im Buch, Laksmi Pamuntjak, das ist LiBeratur pur.

Laudatio zur Verleihung des LiBeraturpreises am 22. Oktober 2016 in Frankfurt am Main

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erstellt am 18.10.2016

Laksmi Pamuntjak
Laksmi Pamuntjak, Foto: © Jacky Suharto

Laksmi Pamuntjak
Alle Farben Rot
Roman
Übersetzt von Martina Heinschke
Broschiert, 670 Seiten
ISBN-13: 9783548288451
Ullstein Verlag, Berlin 2016

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1987 von der Initiative LiBeraturpreis e.V. ins Leben gerufen, wird der LiBeraturpreis seit 2013 von Litprom vergeben. Der Publikumspreis zeichnet jährlich einen besonders beliebten Titel einer Autorin aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der arabischen Welt aus.

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