Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


LiBeraturpreisträgerin Laksmi Pamuntjak spricht über Redefreiheit in Indonesien from Andrea Pollmeier on Vimeo.

„Literatur habe ich nicht studiert, sondern schon immer gelebt“, sagt Laksmi Pamuntjak, die in diesem Jahr mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet wird. Die renommierte Autorin aus Indonesien ist in den 70er Jahren im Umfeld eines der bedeutendsten Verlagshäuser ihrer Heimat aufgewachsen. Bücher und Buchhandlungen prägten schon in jungen Jahren ihren Lebensalltag. Nach ihrer Ausbildung in Singapur und Australien zog es sie zurück nach Jakarta. Dort gründete sie 2001 die erste bilinguale Buchhandlung »Aksara« und arbeitete für die Wochenzeitung »Tempo«. Heute ist sie nicht nur als politische Kolumnistin aktiv, sondern veröffentlicht Lyrikanthologien, philosophische Essays und kulinarische Ratgeber. 2012 war Laksmi Pamuntjak Repräsentantin ihres Landes beim Poetry Parnassus, dem größten Lyrikfestival in Großbritannien, das im Rahmen der Olympischen Spiele in London stattfand. Im selben Jahr erschien Pamuntjaks erster Roman »Amba« (dt. »Alle Farben rot«, 2015). In Anknüpfung an das indonesische Nationalepos »Mahabharata« erzählt Laksmi Pamuntjak darin die Geschichte des Liebespaares Amba und Bishma, welches bei einer Demonstration gegen die Machtergreifung von General Suharto in den Wirren einer Straßenschlacht voneinander getrennt wird. Jahrzehnte später wird Amba auf der Gefängnisinsel Buru nach den Spuren ihres einstigen Geliebten suchen. Über Hintergründe ihres Schreibens spricht Laksmi Pamuntjak mit Andrea Pollmeier.

Gespräch mit Laksmi Pamuntjak

Ambas stille Stärke

Andrea Pollmeier: In der indonesischen Gegenwartsliteratur tritt die Gruppe starker, weiblicher Autorinnen besonders hervor. Seit dem Gastlandschwerpunkt „Indonesien“ der Buchmesse sind Personen wie Sie oder auch Ayu Utami bei uns präsent. Sie selbst sind jetzt für ihr Werk Alle Farben rot mit dem LiBeraturpreis 2016 ausgezeichnet worden. Was macht die Literatur der Frauen so kraftvoll, warum sind gerade die AutorInnen in Indonesien so mutig?

Laksmi Pamuntjak: Vielleicht war es eine Art historischer Zufall, dass gerade Frauen in Indonesien an der vordersten Front für die Redefreiheit gekämpft haben. Dies begann 1998 mit Ayu Utami, die nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich alle Tabus brach. Sie hat vielen die Augen geöffnet und Frauen ermutigt, in einer offenen und herausfordernden Weise zu schreiben. Ich glaube jedoch nicht, dass Frauen grundsätzlich mutiger sind als Männer. In einer patriarchalen Gesellschaft sind sie jedoch auf vielen Ebenen besonders eingeengt. In dem Moment, in dem ihnen Freiheit zugesprochen wird, erleben sie das sehr bewusst und nutzen ihre Möglichkeiten rückhaltlos, als wenn sie nichts zu verlieren hätten. Ich selbst fühle genau dies.

Von außen schauend wären Sie im Übrigen überrascht, zu sehen, wie präsent Frauen zurzeit im öffentlichen Leben in Indonesien sind. Sie initiieren, gestalten und reflektieren, es gibt kein gesellschaftliches Problem, das sie nicht öffentlich anprangern. Sie sprechen über Korruption, interethnische Gewalt, religiöse Intoleranz, unaufgeklärte Morde an Aktivisten, die Todesstrafe, Frauendiskriminierung und Machtmissbrauch.

Gibt es gegenwärtig noch Zensur in Indonesien?

Es ist wahr, dass Verlagshäuser, die den Mainstream vertreten, nicht mehr, wie einst in der Suharto-Zeit, kontroversen Themen wie Kommunismus, offener Sexualität und abweichendem sexuellem Verhalten oder Atheismus aus dem Weg gehen. Es gibt jedoch eine Art Selbstzensur. So hat man Angst, Texte mit Inhalten zu veröffentlichen, die nicht halal sind (wie beispielsweise das Essen von Schweinefleisch), weil man fürchtet, muslimische Leser zu beleidigen oder zu befremden.

Welche Art der Zensur es auch gibt, sie erfolgt nicht mehr allein durch die Regierung, sondern mehr noch durch Islamisten oder intolerante islamisch-religiöse Gruppen oder durch religiöse Fundamentalisten, die mit Teilen der Regierung, der Polizei oder des Militärs zusammenarbeiten. Es handelt sich um den klassischen Fall, in dem Religion und Faschismus Seite an Seite zusammengehen.
Die besorgniserregendste Entwicklung der letzten Monate ist das Erstarken einer konservativen Gruppe von Predigern, Wissenschaftlern und Rechtsexperten, die sich The Family Love Alliance (AILA) nennt. Diese Gruppe strebt danach, unser Land zivilisierter zu machen, indem sie sich auf „Familienwerte“ bezieht. Diese Art, sich zu legitimieren, macht sie attraktiv für eine große Mehrheit der städtischen Mittelschicht. AILA ist darum eventuell noch gefährlicher als die bereits bestehende Islam Defenders Front Miliz, die oft ober- und außerhalb des Rechtssystems agiert und als Spitze des konservativen Islam in Indonesien eingestuft wird.

In der Originalfassung haben Sie Ihren Roman nach der Hauptfigur „Amba“ benannt. Dies macht deutlich, wie stark die Protagonistin im Zentrum der Handlung steht. Zugleich geht es Ihnen aber auch darum, eine wichtige historische Zeitphase umfassend zu beschreiben. Warum haben Sie Ihr Werk mit diesem starken Fokus auf die weibliche Hauptfigur entwickelt?

Als ich begann, einen Roman über die Zeit 1965 zu schreiben, tat ich dies nicht, um die Geschichtsschreibung zu verändern. Dies ist, glaube ich, nicht die Aufgabe eines Romans. Ein Roman soll nicht urteilen oder strafen, sondern – in Anlehnung an Novalis – Geschichten erneut erzählen.

Im Roman wollte ich einerseits festhalten, dass während der Diktatur von General Suharto ein Genozid stattgefunden hat, der eine Million Menschen getötet hat. Andererseits wollte ich die Geschichte meines Landes aus der Perspektive der normalen Menschen zeigen, sie werden bei der allgemeinen Geschichtsschreibung oft übersehen. Im Blick auf den Einzelnen werden nicht nur Menschen sichtbar, die sich ideologisch eindeutig positioniert haben. Es werden auch diejenigen erkennbar, die ambivalente politische Haltungen hatten. Das Leben ist nicht einfach schwarz oder weiß, es gibt nicht nur ein Hier oder Dort.

Ich wollte auch zeigen, wie sich eine Tragödie von solchem Ausmaß auf die Menschen auswirkt, egal, ob sie engagierte Kommunisten, Sympathisanten oder Unpolitische waren, egal, ob sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort standen. Wie haben sie gelernt, mit den Niederlagen und Verlusten, dem Unverständnis und dem Zwang zu Schweigen umzugehen? Waren Freundschaften zwischen Unterdrücker und Unterdrückten möglich? War Vergeben möglich? Solche Fragen führen zweifellos in Grauzonen der menschlichen Psyche, all die Zweifel und Ambivalenzen, Unstimmigkeiten und Gegensätze, das Gute gegen das Böse, Mann gegen Frau, Freund gegen Feind, all dies sind wunderbare Materialien für einen Roman.

Doch es gibt auch noch einen persönlichen Grund, warum ich den Roman schreiben wollte. Als ich in den 70er Jahren zur Schule ging, lehrte man uns eine einseitige Version der Geschichte, ich war darüber schon damals sehr irritiert. Unser Unterricht war kategorisch, er ließ keinen Raum für Interpretationen. Es hieß, dass alle Kommunisten Atheisten und Feinde des indonesischen Staates seien. Die Kommunistische Partei Indonesiens machte man für die Ermordung der Generäle am 1. Oktober 1965 verantwortlich. Alle Kommunisten wurden verteufelt.

Bis heute irritiert mich, wie geübt wir darin sind, zu verschweigen und zu vergessen. Besonders gravierend finde ich, dass die nachfolgende Generation von den Ereignissen dieser Zeit nichts mehr weiß. Eine Untersuchung, die im Jakarta Globe 2009 veröffentlicht worden ist, zeigt, dass mehr als die Hälfte der Befragten, zu denen auch Universitätsstudenten in Jakarta zählten, nichts von den Ermordungen der Jahre 1965 bis 1966 gehört hatten.

Wenn diese Zeit im Roman beschrieben wird, wünsche ich mir, dass trotz der tragischen Ereignisse eine Haltung der Transzendenz erkennbar wird. Es soll ein Geist des Vergebens und der Empathie spürbar sein. Auch wenn es rührselig klingt: Es gilt, den Glauben an die Liebe zu bewahren, die Hoffnung in die Kraft der Menschheit soll nicht verloren gehen.

Amba führt ein für die 60er Jahre ungewöhnlich eigenständiges Leben in Indonesien. Sie entspricht somit nicht dem typischen Frauenbild dieser Zeit. Warum?

Ambas Leben ist sicher ungewöhnlich. Möglich ist dies durch die besondere Unterstützung ihres Vaters. Trotz seiner eigenen traditionellen Lebensweise, weiß er den freien Geist und die Unabhängigkeit seiner ältesten Tochter zu schätzen. Er vertritt moderate Werte, die religionsübergreifend gültig sind. Bewusst gab er seiner Tochter sogar einen subversiven, aus der indonesischen Mythologie abgeleiteten Namen. Amba ist darin Sinnbild für „die gefallene Tochter“. Im Roman hinterfragt die Mutter offen diese Entscheidung. Sie fürchtet, man werde sie für grausam halten, weil sie ihrer erstgeborenen Tochter solch einen schicksalsschweren Namen gab. Amba hat jedoch eine stille Stärke. Ihr Triumph, entgegnet der Vater, komme später. Selbst in der Erzählung des Mahabharata sei nur Amba in der Lage, einen Krieg zu beenden.

Was hat sie motiviert, ihren Roman mit dem Epos des Mahabharata zu verbinden?

Lange schon bin ich fasziniert von den großen Epen der Welt, nicht nur vom indonesischen Mahabharata, sondern beispielsweise auch von der Ilias. In all meinen Werken der letzen zehn Jahre – in Gedichten, Kurzgeschichten, Dramen und Essays – findet sich einen Bezug zur Mythologie. Außerdem habe mich mit den Werken von Simone Weil und Rachel Bespaloff auseinandergesetzt. Beide Philosophinnen schrieben am Vorabend des Zweiten Weltkrieges und versuchten zu erklären, warum Gewalt in der Menschheit so allgegenwärtig ist. Beide Autorinnen nahmen Bezug auf Homers Epos Ilias, um die Muster der Gewalt zu deuten.

Doch bin ich auch als Kind schon früh durch die große javanesische Schattenspieltradition mit dem Mahabharata-Mythos in Berührung gekommen. Immer fühlte ich mich zu denen hingezogen, die eher am Rand standen. Auch Ambas Geschichte ist in Indonesien nicht sehr populär. Das Bild von einer Frau, die zweimal zurückgewiesen wird und als gefallene Frau gilt, ist sehr traurig. Dieses Thema interessiert mich jedoch, ebenso wie Fragen von Wiedergeburt, Adoption und Identität, sie bilden eine Art Leitmotiv meines Schreibens.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 18.10.2016

Laksmi Pamuntjak, Foto: Hans Scherhaufer

Laksmi Pamuntjak
Alle Farben Rot
Roman
Aus dem Indonesischen übersetzt von Martina Heinschke
Broschur, 672 Seiten
ISBN-13 9783548288451
Ullstein Verlag, Berlin 2016

Buch bestellen