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Flandern und die Niederlande sind Ehrengäste auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Traditionell bringt der Buchmessen-Ehrengast auch die Kunst mit nach Frankfurt. Petra Kammann hat sich die aktuellen Gastland-Ausstellungen im Deutschen Architekturmuseum und im Museum für Moderne Kunst angeschaut.

Flandern und die Niederlande in Frankfurt

Gemischtes Doppel

„Wir teilen nicht nur eine Sprache, Niederländisch, sondern auch eine Geschichte im Bereich Kunst, Kultur und Literatur. Wir teilen Dynamik“, sagte der flämische Autor Bart Moeyaert, der auch künstlerischer Leiter des diesjährigen Ehrengastlands ist. So trifft diese Aussage sowohl auf die aktuelle Architektur als auch auf die zeitgenössische bildende Kunst zu.

MAS (Museum aan de Stroom), Antwerpen, Belgien, Architekten: Neutelings Riedijk Architects © Museum aan de Stroom, Antwerpen / Karin Borghouts

Maß nehmen an der Architektur

Nehmen wir mal das belgische Antwerpen, eine Stadt mit unterschiedlichsten Baustilen, die sowohl von der kolonialen Vergangenheit zeugen als auch von einer aufregenden Gegenwart. Da wechseln sich mittelalterliche Bauten mit Jugendstil- und Art-déco-Häusern ab, mit einem spektakulären Hauptbahnhof, der im Volksmund „Eisenbahnkathedrale“ genannt wird, mit modernster Architektur. Denn auch heute wird in Antwerpen weitergebaut. Verfallene Gebäude werden renoviert, ganze Viertel modernisiert. In manchem ähnelt die Stadt dem niederländischen Amsterdam, wo es schon im Mittelalter ein weitläufiges Netz von Kanälen, Fleeten und Wallgräben gab. Beide Städte blicken auf eine bewegte Geschichte zurück. Und beide haben eine Beziehung zum Exotismus. Antwerpen hat ein Tropeninstitut, Amsterdam ein Tropenmuseum, was auf die Kolonialgeschichte beider Länder verweist.

Und doch sind auch die architektonischen Unterschiede gravierend, vor allem in ihren realen Dimensionen, welche die niederländischen Städte anders geprägt haben als die belgisch-flämischen. Während in den 90er Jahren vor allem die niederländische Architekturszene mit Stararchitekten wie Rem Koolhaas oder Ben van Berkel und deren Einzelbauwerken unter dem Stichwort „Super Dutch“ – auch international – auf sich aufmerksam machte, dachte man in Flandern noch nicht groß über urbane Konzepte nach und baute stattdessen vor allem Eigenheime. Heute zeichnet sich die flämische Architektur vor allem durch den Einfluss der Arts-and-Crafts-Bewegung aus, was sich beim „Bauen im Bestand“ vorteilhaft bemerkbar macht. So ist in Antwerpen ein Quartier um ein ehemaliges Militärkrankenhaus entstanden, in dem die Altbauten in Sozialwohnungen, Apartments und Lofts verwandelt wurden und auf dem großen Areal außerdem neue Wohnhäuser im Entstehen begriffen ist.

Als die Niederlande 2008 stark von der Finanzkrise betroffen waren, schraubten die niederländischen Architekten ihre Ansprüche herunter. Sie tasteten sich mit ihren Starbauten organisch an die aktuelle urbane Situation heran und entwickelten sowohl Interesse am Handwerk als auch an der Kontinuität. Dies erklärt den Titel der Ausstellung „Maatwerk“, zu deutsch „Maßarbeit“, im Frankfurter Architekturmuseum (DAM), die in Zusammenarbeit mit dem Flämischen Architekturinstitut in Antwerpen (VAI) entstand. Diese Maßarbeit bezieht sich sowohl auf den Entwurf, die Kontrolle wie auch auf die Realisierung des jeweiligen Baus. Er verweist außerdem auf das Verhältnis der einzelnen Bauten zu ihrem städtebaulichen Kontext, d.h. zu den sie umgebenden Stadträumen, zu den gesellschaftlichen, historischen und kulturellen Hintergründen, vor denen inzwischen sowohl die Niederländer als auch die Flamen operieren und über die sie inzwischen auch kooperieren. So gibt es nach holländischem Vorbild seit 1999 in Antwerpen inzwischen auch das Amt des Stadtbaumeisters (Vlaams Bouwmeester).

Optisch konsequent wurden im DAM rund 60 architektonische und urbane Modelle aus 30 Jahren zusammengetragen, die größtenteils aus dem Flämischen Architekturinstitut in Antwerpen (VAI) ausgeliehen und von Sofie de Caigny sehr geschickt kuratiert wurden. Das niederländisch-deutsche, in Antwerpen lebende Architektenduo Jantje Engels und Marius Grootveld präsentiert sie konzentriert auf schlichten Holztischen und mit abgeteilten Vorhängen als kleine Guckkastenbühnen.

„Das ist, was wir teilen.“ Man möchte zum diesjährigen Buchmessenmotto ergänzen: Die Vielfalt in der einheitlichen Präsentation. Modelle ganz unterschiedlichen Charakters bekommen hier den gleichen Rahmen, der renommierte Bau des MAS, des Antwerpener Museum aan de Stroom von Neutelings Riedijk Architects – eine 60 Meter hohe Stahlbetonkonstruktion mit virtuos übereinander gestapelten Kuben aus rötlichem Sandstein aus Rajasthan und großflächigen Fronten aus wellenförmig gegossenem italienischen Glas, welche den Blick auf die Stadt aus den unterschiedlichsten Perspektiven freigeben – ebenso wie auch ein schlichtes flämisches Einfamilienhaus, das Modell der gigantischen Bebauung des Rotterdamer Hafens oder so etwas wie die renommierte Möbius-Villa bei Amsterdam (1998), entworfen von Ben van Berkel, mit den drei ineinander verschlungenen Ebenen.

Sie alle stehen gleichberechtigt nebeneinander, und der Zuschauer wird somit – trotz aller Unterschiede der Projekte – zur demokratischen Betrachtung aufgefordert. Eingebettet wurde die Präsentation zudem in fünf Kapitel, vom Wohnen, über den Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart, bis hin zur Stadtplanung. Zu jedem Projekt/Modell gibt es ein begleitendes Foto der Fotografen Michiel De Cleene und Stijn Bollaert vom realisierten Gebäude und vom Kontext des Standorts (ca. 80 Prozent der Gebäude sind immerhin realisiert worden).

Besonders spannend ist die abgeteilte „Wonderkamer“ im Miniformat, in der vorzugsweise Modelle von jungen Architekten ausgestellt sind, die originelle und kostengünstige Lösungen finden. Die oft nicht einmal dreißigjährigen Architekten haben außerdem in beiden Ländern größere Chancen als bei uns, auch bei bedeutenden Wettbewerben berücksichtigt zu werden. Hiervon könnten deutsche Städteplaner und dafür Verantwortliche durchaus lernen, wie man den nachkriegszerstörten Städten wieder ein einheitlicheres und unverwechselbares Gesicht geben könnte.

Direktorin des MMK Susanne Gaensheimer, Willem de Rooij und Kurator Klaus Görner vor den Schaufensterpuppen in Sportkleidung der Designerin Fong Leng. Foto: Petra Kammann

Willem de Rooij: Künstlerische Kontexte und Konzepte als Synthese

Um die Spannung zwischen Vielfalt und Einheit und um die Gestaltung von Raum geht es ebenfalls in der Ausstellung „Entitled“ des niederländischen, seit 2006 an der Städelschule lehrenden Professors und Künstlers Willem de Rooij im MMK 2. Auf raffinierte und puristische Weise hat er in der Schau Exponate aus drei Werkgruppen arrangiert, die größtenteils noch aus der Zusammenarbeit mit dem langjährigen und 2006 verstorbenen Partner und ehemaligen Studienkollegen Jeroen de Rijke entstanden sind.

Der Künstler de Rooij hat die Räume des MMK 2 in Innen- und Außenräume so umgestaltet und umstrukturiert, dass der Blick vom Taunusturm auf die Hochhausszene freigegeben ist. Jetzt steht dort vor den Fensterausschnitten eine Gruppe von gesichtslosen schwarzgelackten Schaufensterpuppen in Sportkleidung der Designerin Fong Leng, die in den Siebzigern in den Niederlanden Kult war und die zunächst Mode für ein paar „happy few“ machte, bevor sie größere und billigere Auflagen produzieren ließ.

Das ethnische Design auf den von Fong Leng kreierten Fleece-Jacken wurde bewusst von de Rooij, der über zehn Jahre lang verschiedene Sportbekleidungsstücke gesammelt hat, farblich und vom Muster her aufeinander abgestimmt. Die Muster der Sportjacken verweisen auf unterschiedliche kulturelle Sphären und Herkünfte. Da scheinen Muster kaukasischer Teppiche bis hin zu Mustern von Navajo-Decken auf. Einige der Puppen schauen in den Raum hinein auf eine farblich schillernde Tapisserie von 2012: „Taping Precognitive Tribes“, in der alle in der Ausstellung vorkommenden Farben verwebt sind, während einer der männlichen Figurengruppe hinaus auf die Stadt schaut. Diese Puppen stellen eine Beziehung zwischen Werk und Betrachter, zwischen Museum und der Stadt her, somit auch zwischen Außenraum und Innenraum.

Die Exponate der Ausstellung sind im wahrsten Wortsinn miteinander verknüpft und verwoben: die Farben der Muster der „Fong-Leng“- Sportkleidungskollektion werden mit den farblich abgestimmten Fäden der „Weavings“, der monochrom erscheinenden gewebten riesengroßen Bilder, wieder aufgenommen. Deren subtile Verläufe und minimale Strukturen schärfen den Blick des Betrachters auf differenzierte Farbwerte. Der changierende Eindruck der großen monochromen Flächen entsteht aus Kett- und Schussfäden, die aus unterschiedlichen Einzelfäden gedreht wurden.

De Rooij hat sie in einer kleinen Weberei in der Nähe von Potsdam weben lassen. Und nur auf den ersten Blick scheinen die 18 ebenso großformatigen Collage-Tafeln „Index“ im Eingangsbereich, die in sozialem, kulturellem oder politischem Kontext stehen, nichts mit dieser Werkgruppe zu tun zu haben. Auch nicht die kleinen Exponate und Filme aus früherer Zeit in den Kabinetten mit „Hidden Places“, Loops und Fotografien oder aber mit den opulent arrangierten Blumenbouquets, die als Blickfang in der Schau inszeniert sind.

Willem de Rooij, Bouquet V, 2010, Installationsansicht MMK 2, Courtesy Sammlung Haubrok, Berlin. Foto: Axel Schneider

Betrachten wir nur einmal die Farbe selbst. Sie ist für den Künstler sowohl materiell wie auch symbolisch aufgeladen. Nicht nur die Räume sind strahlend weiß und pur, auch in den Blumensträußen ist die Basis jeweils eine weiße Blume, die in verschiedenen Arten und Ausprägungen vorkommen kann. In einem der Kabinette wiederum zeigt eine Diaprojektion aus dem Jahre 2005 die Farbe „Orange“ in 81 monochromen Variationen. Der Begleittext diskutiert Assoziationen verschiedener politischer Couleurs der Orange-Töne, von Gefangenen der Guantánamo Bay zum niederländischen Königshaus, der Oranjes, bis hin zum Fußball oder den nationalistischen Tendenzen in Holland. Und auch ganz real gibt diese Farbe in fotografischen Materialien wie Zelluloid Hauttönen einen unrealistischen Stich. Entstanden ist eine Loop-Projektion mithilfe eines Orange-Filters, der in der Schwarzweiß-Fotografie zur Verstärkung von Kontrasten eingesetzt wird.

Überall stehen in der Ausstellung auch bei den Sichtbeziehungen Begriffe wie Individualität und Gemeinschaft im Raum. Die Blumenbouquets wiederum sind Teil einer Reihe, die noch in Rooijs Studentenzeit entstand. Anders als bei uns, wo große Blumensträuße als Luxus gelten, war es für den Amsterdamer ökonomisch günstig, auf den holländischen Blumengroßmärkten Blumen zu erwerben und ein Leichtes, mit den Blumen als Gestaltungsmaterial zu arbeiten. Gleichzeitig war es eine Reminiszenz an die kostbare niederländische Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts, des „Goldenen Zeitalters“ der Niederlande.

Da die Blumen immer wieder frisch im Museum arrangiert werden, gibt es niemals denselben Strauß, obwohl der Künstler die Zusammensetzung des jeweiligen Straußes penibel in einem Zertifikat dokumentiert und in Grauabstufungen fotografiert hat. Schließlich fließt jeweils die Subjektivität desjenigen ein, der den Strauß zusammenstellt. So sieht der Blumenstrauß nie gleich aus. Und das, obwohl in „Bouquet IX“ alle Blumen weiß sind, gleich ob weiße Gerbera, Nelken oder Flamingoblumen. In anderen Kontexten hat die Farbe Weiß ihre je eigene symbolische Konnotation – etwa die einer Hochzeit, eines Begräbnisses oder eines Avantgarde-Shops oder auch – wie der der Kurator Klaus Görner es nahelegt – für eine dominierende Hautfarbe. Honi soit qui mal y pense.

Anders übrigens bei „Bouquet IV“, das aus der Sammlung des MMK stammt; hier sind die Farben so gewählt, dass auf einem Schwarz-Weiß-Foto mittlere Grautöne entstehen. Diese „Mittelwerte des Mainstream“ wiederum werden andernorts in einem Kabinett als fotografischer Streifen, als „Grey scale“, nach der Lichtintensität angeordnet – von Hell nach Dunkel. Während der Ausstellung werden die Blumen immer wieder erneuert, jede Blumenart kommt nur einmal vor, und nach der Ausstellung beansprucht die voluminöse Arbeit im Depot keinen Platz mehr. Dann existiert sie auf dem Papier oder in den Köpfen der Besucher. Hier klingt sowohl das Vergänglichkeitsmotiv an als auch das Verhältnis von Blume zu Strauß, von Individuum zu Gemeinschaft, von Identität und Differenz, was sich als Frage und Betrachtung durch de Rooijs Werk zieht.

Insgesamt arbeitet der 1969 geborene, in Berlin lebende Niederländer häufig mit archivalischen Systemen. Stets geht es ihm in den Werken auch um Fragen nach der Repräsentation in künstlerischen und medialen Bildern, um kulturgeschichtliche Artefakte, um Kultur, weswegen er auch regelmäßig seine Amsterdamer Lieblingsorte wie das Stedelijk Museum, das Rijksmuseum als auch das Tropenmuseum aufsucht. In der Werkgruppe „Index“ hat er rund 500 Fotos aus Publikums-Printmedien aufgegriffen, die weltweit zwischen 2000 und 2002 in den verschiedensten Presseorganen erschienen sind. Mit ihren Aussagen stehen gesellschaftspolitische Formen, menschliches Verhalten in Massenaufläufen und das archetypische Verhalten der Menschen in entsprechenden Situationen im Zentrum.

Entstanden ist in dieser Werkgruppe eine Art „Archiv sozialer Aufstände“, die man über die von den Fotografen inszenierten Bilder aus der ganzen Welt erlebt. Die dazugehörigen Bildunterschriften wurden systematisch von ihm zusammengetragen. In einem eigens ausgelegten Booklet geben sie Aufklärung über die jeweiligen tatsächlichen Anlässe.

Als Einwohner eines ehemaligen Kolonialstaates erlebt der kosmopolitische Bürger de Rooij in einer globalisierten Welt die Erscheinungsformen und Probleme kultureller Adaption als identitätsstiftend. Er thematisiert das Zusammenleben, erlebt das „Eigene“ und das „Fremde“ als positiv und fordert dabei die Verfeinerung der Differenz ebenso wie die intensivierte Aufmerksamkeit für Unterschiede ein.

Fiona Tan, Rise and Fall, 2009, Videostill, Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London

Strom der Zeit: Fiona Tans Environments

Den Spuren der Zeitgeschichte und der Zeitläufe bieten die Videoinstallationen und Filme der in Indonesien geborenen und in Amsterdam und Los Angeles lebenden Künstlerin Fiona Tan. Sie hat das Erdgeschoss des Museums für Moderne Kunst, MMK 1, auf besondere Weise in einen Ruhe ausstrahlenden Parcours verwandelt, in dessen Bann sich der Betrachter begibt, begeben kann, so er eine Grundregel beachtet: Ein schnelles Abhaken des zu Sehenden ist hier nicht hilfreich. Die Ausstellung „Geografie der Zeit“ im MMK 1 macht Zeit und Raum konzentriert spürbar, wenn man ihr auch Zeit schenkt.

Fiona Tan nimmt die Besucher von Kammer zu Kammer mit auf ihre Reisen in eine globalisierte Welt, die aus den Fugen zu geraten ist und an der sich der Fortschritt ins Gegenteil verkehrt hat. Spektakulär ist die Installation der „Ghost Dwellings I-III“, für die Fiona Tan 2014 an drei spezifische Orte nach Irland, in die USA und nach Japan reiste, um Szenen zu filmen, die vom Verfall gezeichnet sind, was sich in der Verwüstung von Gebäuden niederschlägt wie in der einst florierende Autostadt Detroit, die 2009 durch die Insolvenz von General Motors den Bankrott erklären musste, während im südirischen Cork, ausgelöst durch den Finanzcrash 2008, ganze und zum Teil noch unfertige Wohnkomplexe aufgegeben und verlassen wurden. Fukushima wiederum wurde 2011 durch das Erdbeben, den Tsunami und die damit verbundene Nuklearkatastrophe verwüstet. Hier hat sich die Künstlerin in die Sperrzone des kontaminierten Gebiets begeben und gefilmt. Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Die Videos über diese endzeitlichen Orte sind eingebettet in individuelle, etwas schummrig beleuchtete Räume, die von außen betrachtet aussehen wie die Container im Zollfreilager für Kunst und Luxusgüter. Im Inneren scheinen sie von einer fiktiven Person bewohnt zu sein. Man sieht im schwachen Licht spärliches Mobiliar, an den Wänden hängende Zeitungsausschnitte, auf dem Boden liegende gestapelte Decken. Kann hier noch Leben stattfinden? Und doch sprießen an den postapokalyptischen Schauplätzen wie Fukushima oder Detroit ganz sachte und fast unmerklich erste Keime für neues Leben…

In der raumgreifenden Doppelprojektion „Rise and Fall“, welche die Künstlerin 2009 für den niederländischen Pavillon der Biennale in Venedig produzierte, können wir hautnah den schlichten Bewegungen einer alten und einer jungen Frau folgen, die möglicherweise Facetten ein und derselben Person sind, die sich in manchem ähnlich verhalten und doch auch voneinander abweichen, allein durch ihr Äußeres. Ist die ältere Frau blond und hellhäutig, so wirkt die jüngere dunkelhaarige Frau wie eine Asiatin. Der Blick verweilt so intensiv auf dem Gesicht, dass man den Eindruck hat, man könnte auch den Träumen und der inneren Erregung dieser Frauen nachspüren. Mit dieser nahe an die Person tretenden Kameraführung öffnet Tan einen Raum für die eigene Imagination des Betrachters. Diese tief sich einprägenden Bilder werden konterkariert von der Bewegung des Wassers, das mal ruhig vor sich hinströmt oder aber sich tosend bricht.

Auch in den Arbeiten „Nellie“ von 2013 und „Diptych“ (2006 bis 2011), in der sie in einer Art Video-Diptychon Langzeitbeobachtungen von eineiigen Zwillingen auf der schwedischen Insel Gotland macht, beschäftigt sich Tan vor allem mit dem Individuum und ist dabei sowohl auf der Suche nach der persönlichen Identität als auch nach ihrer kulturellen Prägung. Auf die Bedeutung niederländischer Malereigeschichte stößt man in dem kleinen intimen Raum zur Linken, in dem zur Rechten nur ein Stück gerahmter Stofftapete hängt, eine blau-weiße Toile de jouy mit tropischer Fauna und Flora. Diese Stofftapete, die sich als Bildmotiv durch das Video zieht, entstammt dem ehemaligen Kolonialherrenhaus der niederländischen Patrizierfamilie van Loon, die an der Gründung der holländischen Ostindischen Kompagnie beteiligt war.

Im Vogelzimmer dieses Hauses, das heute Museum ist, drehte Fiona Tan in einem dreiminütigen Loop die Geschichte der unehelichen Tochter Rembrandts, Cornelia van Rijn, die, 1654 in Amsterdam geboren, mit 16 Jahren heiratete und in die niederländische Kolonie Batavia, ins heutige Jakarta, emigrierte und dort an Malaria starb. Hierbei entstanden äußerst subtile Bilder, die untermalt werden mit den Vogelstimmen der Paradiesvögel, welche die Künstlerin Tan durch das ruhige Führen der Kamera gleichsam zum Leben erweckt hat. Ihre Lichtregie erinnert an die hohe Qualität niederländischer Malerei, zwar weniger an die Rembrandts, dafür aber an die magische Kunst Vermeers. Mit dieser dreiminütigen Videominiatur ist ihr ein kleines Kunst-Stück gelungen, nicht zuletzt als Reminiszenz an die niederländisch geprägte Kunstgeschichte, welche gleichzeitig diskret auch auf die Kolonialgeschichte des Landes verweist.

Fiona Tan kommt aus der entgegengesetzten Richtung. War Rembrandts Tochter Cornelia van Rijn noch nach dem Tod des Vaters nach Indonesien gegangen, so vollzog Fiona Tan den umgekehrten Weg: Sie wurde 1966 als Tochter von chinesisch-australischen Eltern in Indonesien geboren, wuchs in Australien auf und zog später zum Studium in die Niederlande nach Amsterdam. Im Video „Nellie“ verknüpft sie mit schlichten optischen wie akustischen Mitteln die Geschichte Cornelias mit Szenen aus dem Leben einer Adoleszenten mit ihren Träumen und Alpträumen und einer Hommage an die vergessene Tochter und Frau.

„Geografie der Zeit” ist die erste große Werkschau von Fiona Tan in Deutschland. Zur „Vermessung der Welt“, welche die Aufklärer im Sinne hatten, entwirft sie mit dieser Schau ein zeitgenössisches Pendant oder Palimpsest zur Verwobenheit von Zeit- und Raumebenen. Ihre Filme, Fotos, Installationen kreisen um die Frage nach der Identität des Menschen im 21. Jahrhundert. Und sie lösen die Grenzen zwischen dem persönlichen und dem kollektiven Gedächtnis auf.

Über die atmosphärisch äußerst dichten Filme und Installationen legen sich nämlich immer wieder persönliche Erinnerungen über die Geschichte. Zeiten und Orte beginnen zu verschwimmen, wobei wir bei der Meeresmetaphorik des diesjährigen Gastlanddoppels angekommen wären: Auch das bewegte Meer ist es, das wir teilen, nicht zuletzt geografisch. Und man könnte ergänzen. Das Gastland bietet uns auch den offenen Blick auf den weiten Horizont, der an Landesgrenzen nicht Halt macht. Dabei zeigt es uns ein paar besondere Leuchttürme, die in die Zukunft weisen.

Kommentare


Peter Albert - ( 18-10-2016 11:02:34 )
Sehr informativer Artikel. Neugier für Ausstellung hergestellt. Danke.

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erstellt am 17.10.2016

Fiona Tan, Nellie, 2013, Videostill, Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London

Ausstellungen in Frankfurt

Maatwerk / Maßarbeit – Architektur aus Flandern und den Niederlanden

8. Oktober 2016 – 12. Februar 2017

Deutsches Architekturmuseum

Willem de Rooij. Entitled

14. Oktober 2016 — 8. Januar 2017

MMK Museum für Moderne Kunst

Fiona Tan. Geografie der Zeit

17. September 2016 — 15. Januar 2017

Sie inszenierten die Ausstellung „Maatwerk“ im DAM: Marius Grootveld und Jantje Engels, Antwerpen, Foto: Petra Kammann

Ausstellungskuratorin Sofie de Caigny, Foto: Petra Kammann