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Am 13. Oktober 2016 verkündete das Nobelpreiskomitee die Vergabe des Literaturnobelpreises 2016 an Bob Dylan. Martin Wimmer fragt in seinen Essay, welche Facette des Dylanschen Werks eigentlich ausgezeichnet wird. Wimmer kommt zu dem Schluss, dass vor allem die Sprache Dylans, zugleich die Sprache einer Generation, den Nobelpreis legitimiert.

Literaturnobelpreis 2016 an Bob Dylan

Ein literarisches Versprechen

Am 13. Oktober 2016 erreichte mich die Meldung, dass Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur erhält. Für mich eine der wunderbarsten Entscheidungen, die je ein Gremium getroffen hat. Im Laufe des Tages sprach ich darüber mit vielen Menschen in meinem Umfeld, Freunden, Journalisten, Kollegen, Politikern, Künstlern. Ein paar hatten die Arbeit niedergelegt und sich mit glänzenden Augen in eine rauschartige Dylan-Party verabschiedet. Viele begegneten dem Thema Bob Dylan mit völliger Gleichgültigkeit, und es gab sogar jüngere Kolleginnen, die den Namen noch nie gehört hatten oder ihn nur zaghaft mit Musik und der Zeit lang vor ihrer Geburt, einem Schatten aus der Mitte des letzten Jahrhunderts in Verbindung brachten.

Wer also hat da eigentlich den Literaturnobelpreis 2016 gewonnen? Ein Songwriter? Ein Lyriker? Ein Verfasser autobiografischer Prosastücke? Ein Sänger? Ein Musiker? Ein Gitarrist? Mundharmonikaspieler? Ein Keyboarder? Ein Filmemacher? Ein Schauspieler? Ein Maler? Der Mann von Joan Baez? Der Vater von Jakob Dylan? Ein Chronist des Zeitgeschehens? Ein drogen- und alkoholabhängiger Symbolist? Ein Friedensaktivist? Ein chauvinistisches Arschloch? Eine Ikone? Ein Mythos? Ein PR-Genie? Ein Self-Made-Multimillionär? Die Erfindung seines Managers? Ein vergessener 68er? Ein hochaktueller Künstler? Ein Minnesotian? Ein New Yorker? Ein Amerikaner? Ein Weltbürger? Ein Jude? Ein Christ? Ein Evangelist? Judas? Der Messias? Dante? Homer? Dylan Thomas? Woody Guthrie? Frank Sinatra? Robert Allen Zimmerman?

Wer oder was Bob Dylan ist, das wurde hinreichend erforscht. Auch dass sein Werk Weltliteraturrang hat ist ausführlich in wissenschaftlichen Studien, Symposien, Zeitschriftenfeatures und millionenhaften persönlichen Textexegesen nachgewiesen und wird vom Nobelpreiskomitee nun nur noch einmal bestätigt.

Den Literaturnobelpreis nimmt er aber nur stellvertretend entgegen. Bei allem persönlichen Genie, trotz des ausufernden Œuvres, der Neverending Tour, der einzigartigen Wirkmacht, und aller Verehrung, die His Bobness von den Fans zuteil wird. Den Literaturnobelpreis 2016 erhält der herausragende Vertreter der ältesten Literaturgattung, des Lieds. Und mit ihm alle Songwriter, die von Stephen Foster über Woody Guthrie und Townes Van Zandt, Robert Johnson, Chuck Berry und Prince, bis Madonna, Missy Elliott und Taylor Swift diese von den Vögeln erlernte und den Maschinen vererbte Kunstform mit ihren Worten zu ungeahnten Höhen führten.

Unglaublich und unerreichbar gut

Ich habe Dylan live gesehen, die Filme, Videos, ich habe tausendfach ihn oder jemand anders einen seiner Songs singen hören. Vor allem aber habe ich auf Plattencovern, auf bobdylan.com oder im dicksten aller Schinken, seinen bei Zweitausendeins erschienenen Gesammelten Lyrics bis 1985 inklusive der legendären Übersetzungen von Carl Weissner die Texte nachgeschlagen, meist ohne je auch nur in Ansätzen zu verstehen, „worum es nun wirklich ging“, immer aber mit dem Ergebnis, dass das ganz unfassbar große Kunst ist und einfach nur unglaublich und unerreichbar gut.

Dylan ist auch deshalb der meistgecoverte Songwriter, weil die Texte völlig unabhängig von der dazu gespielten Musik und vom Interpreten den eigentlichen Kern, die Substanz, den Wert des Werks darstellen.

Als Aristoteles in seiner Poetik die Lyrik beschrieb, meinte er rhythmisierte, gereimte Texte, die zum Spiel von Lyra oder Kithara vorgetragen wurden. Der Minnesang war mit das bedeutendste Genre des Mittelalters. In der Neuzeit ist das Lied nach einem ersten Hoch durch Kunst- und Volkslied in der europäischen Klassik und Romantik dann im 20. Jahrhundert zur vollen Blüte erwacht. In Amerika.

Unter den zehn-, hunderttausenden Liedern, die in den USA entstanden und durch die audiovisuellen Massenmedien von Radio über TV bis zum Internet enormen Einfluss auf die Kultur mehrerer Generationen des amerikanischen, europäischen, teils auch asiatischen und afrikanischen Kontinents ausübten, sticht das Werk Bob Dylans als Solitär heraus. Kein anderer Lyricist hat in seinen Texten auch nur in Ansätzen so weit und brillant in die europäische Kulturgeschichte zurückgegriffen, niemand zeitgenössische Strömungen so aus der Tradition in die Moderne überführt, vom Idiom der irischen Ballade über die Beat Generation zum Rap, niemand so sehr geprägt, was in Amerika als Liedtext möglich war und ist. Dylan ist literaturhistorisch der Knoten vieler Fäden, ein Transmissionsriemen vieler Kräfte, die aus Vergangenheit und Zukunft auf ihn einwirkten. Er markiert aber auch mehr als jeder andere einen symbolischen Bruch. Es gibt eine Zeit vor Dylan und nach Dylan. Und das liegt eben nicht an seinen Themen, nicht an seinem Hut und nicht an dem Anstöpseln einer Gitarre an einen Verstärker. Es liegt an seiner Sprache.

Die Sprache Dylans, und die Sprache ist das Einzige, was einen Literaturnobelpreis legitimiert – nicht Sujets, Plots, Rezeptionsgeschichte oder Amazon-Rankings, auch nicht Melodien, Singstimmen oder Plattencover – die Sprache, die Bob Dylan für das Genre des Liedtextes ermöglichte, war vorher nur in Spurenelementen bei anderen Autoren anzutreffen. Dank Bob Dylan breitete sie sich wie ein Virus durch Nachahmer, Coverversionen, Übersetzungen auch in anderen Weltsprachen als anerkannt höchster anzustrebender Status aus – nicht nur über Tonträger, Singles, LPs, Kassetten, CDs, sondern auch über das im Radio Gehörte, das im Film als Soundtrack Unterlegte, das im Internet Angeschaute, das in Songbüchern Abgedruckte, das in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und Werbemitteln Zitierte. Dylan steht mehr als alles andere genau dafür: dass ein Liedtext unabhängig von der Musik und der unmittelbaren Aufführungspraxis Bestand hatte. Dylan war immer ein literarisches Versprechen, ein musikalisches oder weltanschauliches gab er spätestens mit Newport 1965 nicht mehr.

Dylans Worte waren auch Waffen

Die Sprache Dylans war nie die Sprache Dylans, es war die Sprache seiner Generation. Dylan erfand für seine Zeitgenossen eine Sprache, in der sie sich wiederfanden, er schrieb Texte, über die sich verständigen konnten – und abgrenzen gegen jene, die ihre Sprache nicht verstanden. Dylans Worte waren auch Waffen, man konnte sie bei Demonstrationen gegen Panzer richten, in Beziehungskrisen gegen die Beliebigkeit und in akademischen Debatten gegen die Dummen. Wer Dylan zitierte, war immer besser und klüger und cooler als die anderen.

Wie auch andere Autoren ist der Ruf Dylans auf einige Hauptwerke gegründet. Man kann zwar auch Tarantula lesen oder die Texte von Empire Burlesque studieren, wird dann aber nicht verstehen, warum dieser Mann einen Nobelpreis verdient hat. Die einschlägigen Meisterwerke kann ja jeder recherchieren, und mancher hat ohnehin seinen Favoriten. Meine Inselplatte wäre Blood On The Tracks, und darauf Shelter From The Storm. Von diesem Insellied und If You See Her Say Hello habe ich mich einmal inspirieren lassen. Daraus entstanden ist Wennst as sieghst, der einzige meiner Songtexte, der auch in meinem Buch Ich bin der neue Hilmar und trauriger als Townes Einzug halten durfte. Das Buch beginnt übrigens mit einem Zitat, in dem ich Zeilen aus Goethes Osterspaziergang und Dylans Thunder On The Mountain ineinander gemischt habe. Faust auf Englisch und die Single aus dem 2006er Album, das ausgerechnet Modern Times betitelt ist: Weltliteratur.

Das alles erklärte ich so oder so ähnlich auch meinen jungen Kolleginnen. Sie waren danach überzeugt davon, dass Dr Dre auch mal einen Nobelpreis bekommen würde.

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erstellt am 15.10.2016

Bob Dylan
Lyrics 1962 – 2001
Englisch-Deutsch. Übersetzung: Gisbert Haefs
Leinen im Schuber, 1152 Seiten
ISBN-13: 9783455015959
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2014

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Bob Dylan
Blood On The Tracks
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