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Das literarische Werk von Marcel Proust begleitet unseren Autor Martin Lüdke schon seit Jahrzehnten. Nun sind im Suhrkamp Verlag Prousts Briefe von 1879 bis 1922 erschienen. Die Bände sind liebevoll gestaltet. Man spürt, dass Menschen am Werk waren, die noch einen Zusammenhang zwischen Leben und Lesen sehen, meint Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Marcel Proust: Briefe 1879–1922

Sofort erinnerte ich mich wieder. Ich packte, es ist erst ein paar Tage her, einige Bücher-Sendungen aus, darunter, ein wahrlich gewichtiges Paket von Suhrkamp: „Marcel Proust. Briefe. 1879 bis 1922“, herausgegeben, ausgewählt und kommentiert von Jürgen Ritte“. Zwei Prachtbände in einer stabilen Kassette, die so liebevoll gestaltet ist, dass man sofort spürt, hier waren Menschen am Werk, die noch einen Zusammenhang sehen zwischen Leben und Lesen.

Und ich erinnerte mich wieder, auch an die Blasen an meinen Händen. Mir tat alles weh, doch ich war glücklich. Denn endlich hatte ich sie: Sieben Bände Proust, die komplette „Recherche“, also Marcel Prousts monumentales Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, die erste vollständige deutsche Ausgabe aus dem Frankfurter Suhrkamp Verlag, übersetzt von der damals dafür hoch gelobten Eva Rechel-Mertens. Ich erinnere mich genau, ein Arztsohn, den ich vom Fußballspielen her kannte, hatte mir, gebraucht, wenn auch ohne jegliche Gebrauchsspuren, der keinen Blick reingeworfen, die sieben Bände zum Kauf angeboten. Fünfzig Mark, damals. Weil ich das Geld nicht hatte, meine Eltern, wir waren gerade aus der DDR geflohen und nach Frankfurt gekommen, konnten oder wollten mir das Geld auch nicht geben und verwiesen mich gerne auf unsere damals gut bestückte Stadtteil- Bibliothek, deshalb bemühte ich mich beim Studentenschnelldienst, einer Arbeitsvermittlung für alle möglichen, meist kurzfristigen Tätigkeiten, um einen Job. Man musste dazu eine Nummer ziehen, die Jobs wurden ausgelost. Niedrige Nummern hatten die Wahl. Hohe Nummern das Nachsehen, da musste man nehmen, was übrig geblieben war. Ich hatte an jenem Tag ziemliches Pech. Sehr hohe Nummer und der einzige Job, den ich bekommen konnte, Teppich-Klopfen in einem Professorenhaushalt in der Hansa-Allee. Eine Alternative gab es nicht, so prügelte ich mit eben so viel Kraft wie Verachtung auf die wertvollen „Perser“ ein, holte mir Blasen an den Händen, aber eben auch, damals viel Geld, ganze dreißig Mark. Den Rest legten meine Eltern, die erkannt hatten, was mir die Bücher bedeuteten, doch noch drauf. So kehrte ich an jenem Abend, mit leuchtenden Augen, nach Hause zurück, im Besitz dieses buchstäblich gewichtigen Meilensteins der Literaturgeschichte.

Es hat dann allerdings lange Jahre gedauert, bis ich alle sieben Bände auch gelesen hatte. Über die Sekundärliteratur habe ich mich mehr und mehr angenähert. Biographien, wie die zweibändige von Painter. Erinnerungsbücher, schließlich Studien wie die von Curtius. Die „Recherche“ selbst hatte ich mir stets für die Sommerferien aufgehoben. Aber ich kam jahrelang nie durch, mal kam ich auf zwei, mal auf drei Bände und habe dann, im nächsten Sommer, wieder von vorn angefangen. Die ersten Bände kann ich heute noch fast auswendig, die „Wiedergefundene Zeit“ habe ich nur ein einziges Mal gelesen.

In der Zwischenzeit waren auch Briefe Prousts erschienen, die ich natürlich gleich nach Erscheinen gelesen, ja geradezu verschlungen hatte. Dann die zweibändige Ausgabe des „Jean Santeuil“, eine Art Vorstudie zur „Suche nach der verlorenen Zeit“. Schließlich, es muss Anfang der siebziger Jahre gewesen sein, hatte ich im Sommer vier ganze Bände geschafft und zu Hause die jetzt nur noch drei ausstehenden gleich drangehängt. Das heißt, kurz und schlicht gesagt, Proust war nicht nur zu einem ständigen Begleiter meiner (damals immer recht ausgedehnten) Sommerferien und damit, zum Leidwesen meiner Frau, auch zu einem wahrnehmbaren Teil unsres Urlaubsgepäcks, sondern mehr noch zu einem Stück meines Lebens, geworden.

Eine der letzten Sendungen meiner Reihe „Literatur im Foyer“, in SWR und 3sat ausgestrahlt, war darum auch noch einmal Proust gewidmet, Anlass die deutsche Ausgabe der großen Proust-Biographie von Jean-Yves Tadié.

Proust wusste, ohne sich auf eine Religion beziehen zu müssen, dass ihm, nach seinem Tod, ein ewiges Leben bevorstand. Durch sein Werk, das bleiben wird, über die Jahrhunderte hinweg, als großes poetisches Zeugnis vergangener Zeiten. Proust hat eine Welt geschaffen. Eine Welt, die damals schon, als er sie unter Qualen schuf, vergangen war. Die Briefe, die jetzt in dieser wahrlich wunderbaren Ausgabe vorliegen, bezeugen es noch einmal auf beeindruckende Weise.

Vor allem erfahren wir aus diesen Briefen aber auch noch einmal, unter welchen Mühsal dieses Werk entstanden ist. So schreibt er am 10. oder 11. Dezember 1920 an den Namensvetter einer seiner Helden in der „Recherche“, einen Harry Swann, nur übertrieben, aber keineswegs falsch: „ein wahres Wunder hat bewirkt, dass ich Ihnen antworten kann. Seitdem ich krank bin, stapeln sich Tausende von ungeöffneten Briefen. Welcher Zufall dem Ihren ein anderes Schicksal bescheiden und mir für eine kurze Weile die Kraft zum Antworten gegeben hat, ich weiß es nicht.“ Proust hat gewiss sein Werk mit seinem Leben bezahlt. Aber, so viel lässt sich ohne Zynismus sagen, gelohnt hat es sich.

Eine Überraschung bleibt noch: nimmt man die beiden, edel gestalteten Bände aus ihrer edel gestalteten Kassette, dann wird ein Bild sichtbar. Am Boden der Kassette findet sich ein Gemälde des jungen Dandys Marcel Proust, mit schmalen Bart auf der Oberlippe, Stehkragen, einem seidenen Halstuch und einer Orchidee im Revers. Der Dandy Proust, auf seinem Weg zum Weltruhm.

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erstellt am 14.10.2016

Der junge Marcel Proust

Porträt von Marcel Proust, Gemälde von Jacques-Emile Blanche, 1892, Musée d'Orsay, Ausschnitt

Marcel Proust: Briefe 1879–1922
Hrsg. von Jürgen Ritte
Aus dem Französischen von Jürgen Ritte, Achim Russer und Bernd Schwibs
2 Bände im Schuber, 1479 Seiten
ISBN-13: 9783518425404
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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