Die letzte Zusammenarbeit zwischen Benjamin Britten und W.H. Auden war eine Operette um die Märchenfigur Paul Bunyan. Erzählt wird in ironischer Brechung von der Besiedlung der amerikanischen Wildnis, vom Leben in einer Holzfällersiedlung. Brigitte Fassbaender hat „Paul Bunyan“ an der Oper Frankfurt inszeniert. Stefana Sabin findet die Inszenierung rundum gelungen.

»Paul Bunyan« in Frankfurt

Brittens amerikanische Operette

Als „kleine Oper“, als „Operette“ wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ein musikalisches Bühnenwerk populär, dessen Musik eingängiger, dessen Handlung lustiger und dessen Dauer kürzer waren als bei einer Oper. Vielleicht auch deshalb haben sich Komponisten immer wieder an Operetten versucht – so Benjamin Britten, der mit dem Dichter W. H. Auden als Librettisten ein amerikanisches Holzfäller-Märchen als Grundlage für eine Operette nahm.

Das Geschichte vom Holzfäller-Riesen Paul Bunyan erschien in einer Provinzzeitung um 1900 und wurde kurz danach in eine Geschichtensammlung aufgenommen, aber es war erst eine kalifornische Holzfirma, die die Gestalt in einer großangelegten Werbekampagne benutzte und sie zum Volksheld machte. Seitdem ist Paul Bunyan Teil der amerikanischen Folklore – und die Operette, die die britischen Expatriierten Britten und Auden in nur wenigen Monaten schufen, war eine Art Integrationsarbeit.

Die Handlung erzählt in ironischer Brechung von der Besiedlung der amerikanischen Wildnis, vom Leben in einer Holzfällersiedlung, wobei die Titelfigur nur als Stimme aus dem Off, als Überstimme sozusagen, vorkommt. Dazu gibt es einen Erzähler, der zwischen den Episoden Balladen spielt, in denen er das Geschehen in großen Sprüngen vorantreibt. Und obwohl einzelne Figuren – ein Vorarbeiter, ein Koch, ein Buchhalter, Bunyans Tochter – vorkommen, ist die Hauptfigur dieser Operette die Gruppe der Holzfäller, also der Chor, für den Britten effektvolle Nummern geschrieben hat. Britten schuf eine eklektische Musik, indem er Schlager der Opernliteratur zitierte und sie mit Country- und Folk-Musik kombinierte und Auden seinerseits verdichte umgangssprachliche Ausdrücke mit solchen der Werbe- und Polit-Rhetorik.

Aber obwohl die Operette in Stil und Handlung an die Broadway Musicals der Zeit angelehnt war, wurde die Uraufführung in New York 1941 ein Misserfolg. Erst die Überarbeitung, die Britten dreißig Jahre später vornahm, bescherte der Operette einen gewissen Erfolg. Nun ist sie von der Oper Frankfurt ins Programm genommen und in ihrer Dependance im Bockenheimer Depot inszeniert worden.

Es ist weniger eine Operette als ein Musical, das die Regisseurin Brigitte Fassbaender in Brittens Werk gesehen hat – und das Ensemble singt und tanzt im Musicalstil mit gekonnter Munterkeit. Die Erzählerfigur in Jeans und mit Gitarre gibt den Countrysänger und die Holzfäller in bräunlich gestreiften Hosen und weißem Hemd agieren zwischen riesigen zerbeulten Campbell’s Soup Cans, die im doppelten Sinn – kulinarisch und popkulturell – als amerikanische Symbole fungieren. Den Wald deutet Johannes Leiacker in seinem Bühnenbild durch einen Riesenbaumstamm an, aus dem Bunyans Stimme ertönt. Fassbaender verzichtet auf jede Aktualisierung und nutzt stattdessen die märchenhaften Elemente der Handlung, um ein surreales Geschehen zu entfachen und das Orchester unter Nikolai Petersen entlockt seinerseits der Brittenschen Musik eine unerwartete Frische. So ist diese Britten-Inszenierung rundum gelungen: werktreu und verspielt, parodistisch und amüsant.

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erstellt am 13.10.2016

Szenenfoto Paul Bunyan, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Operette in zwei Akten und einem Prolog

Paul Bunyan

Von Benjamin Britten
Text von W. H. Auden

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Nikolai Petersen
Regie Brigitte Fassbaender
Bühnenbild Johannes Leiacker

Oper Frankfurt

Szenenfoto Paul Bunyan, Oper Frankfurt: Barbara Aumüller