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Augustinus wurde als Heide im römischen Nordafrika geboren, begann lebenslustig sein Studium, ließ sich bekehren und schrieb schließlich als Bischof von Hippo Regius reuig seine Bekenntnisse auf. Als einer der Kirchenväter und streitbarer Philosoph verteidigte er die christliche Staatsreligion gegen Andersdenkende und Heiden. Gegen Ende seines Lebens hatte er, wie Otto A. Böhmer weiß, sogar ein ‚Gesicht’.

Der Philosoph Augustinus

Zu leicht befunden

Der Philosoph Augustinus saß im Schatten unter seinem Lieblingsbaum und dachte über sein Lebensende nach, von dem er meinte, dass es ihm bald schon bevorstünde. Mein Tod wird von sanfter Unauffälligkeit sein, dachte Augustinus, und meiner Bedeutung und Bescheidenheit gemäß möchte ich mit den mir zustehenden höheren Ehren zu Grabe getragen werden. Schließlich habe ich Großes geleistet – auch wenn es letztlich nicht der anhaltenden Rede wert ist. Was ich lehrte, war, dass ich glaube, ja – aber glaube, um verstehen zu können. Ein stilles Lächeln legte sich auf Augustinus’ Gesicht, von dem Septimus, sein liebster und standhaftester Gegner, sicher wieder behauptet hätte, daß es ein selbstgefälliges, ja: eitles Lächeln war, dem er, der Philosoph und Kirchenlehrer und Bischof von Hippo Regius, nur allzu bereitwillig nachgebe. Ja, dieser Septimus war ein rechter Unruhestifter; er wagte es, an den Schriften des Philosophen öffentlich herumzunörgeln; dabei verstand er es, dezent aufzutreten: Stets gab er sich wohlmeinend und an der Sache Christi interessiert, so daß die heimtückische Kritik den Schwachen im Geiste so einleuchtend vorkommen konnte wie das aus Sorge verfolgte Mahnwesen eines arg gutherzigen Verwandten.

Ein leiser Wind strich durch die Zweige, und er besänftigte den sehr einsichtigen Groll im Gemüt des Philosophen. Augustinus schloss die Augen. In seinem Kopfe legte sich die Hitze des Tages und wurde zur Kühle der Nacht; der Himmel senkte sich, und in der Wüste waren winzige, sternengleiche Blumen zu sehen und ein zähes, alles überwucherndes Grünzeug, das zum Überleben bestimmt war. In die herrliche Ruhe hinein kamen auf einmal Schritte; jemand schüttelte ihn. Wer war der Frechling? Der Philosoph öffnete die Augen. Vor ihm stand einer der Diener des Septimus. „Kommt, Herr“, rief er und hatte vor Aufregung kleine rote Brandflecken im Gesicht. „Mit meinem Herrn Septimus geht es zu Ende, und er begehrt Euch noch einmal zu sehen.“ „Das freut mich zu hören“, sagte Augustinus und erhob sich. „Ich bin tief bestürzt. Natürlich werde ich meinem Freund Septimus Beistand leisten in der ihm zugedachten letzten Stunde. Ich könnte mir denken, daß er mir einiges zu sagen hat.“

Augustinus eilte mit dem Diener in das Haus des Septimus. Er wurde ins Schlafgemach geführt, in dem es angenehm kühl war und dunkel; an der Decke tanzte ein dünner Lichtstrahl hin und her, der so aussah, als sei er noch unschlüssig, wann er endlich zustechen dürfte. „Da bin ich, mein lieber Septimus“, sagte Augustinus. „Wie ich hörte, geht es Euch schlecht, und so hegtet ihr den verständlichen Wunsch, mich noch einmal zu sehen …“ „Freut Euch nicht zu früh“, krächzte Septimus. Sein Kopf war verhüllt; nur die spitze Nase ragte hervor, und seine Augen glühten. „Ich weiß nicht, was Ihr meint, Septimus“, sagte Augustinus. „Von Freude kann doch gar keine Rede sein. Ihr tut mir unrecht – wie Ihr mir überhaupt so oft schon Unrecht angetan habt.“ „Seht, so seid Ihr, Augustin“, rief Septimus aus. „Ihr schreckt noch nicht einmal davor zurück, mit einem Todkranken Streit anzufangen und ihn, der sich nicht wehren kann, mit haltlosen Beschuldigungen einzudecken.“ „Also seid Ihr tatsächlich todkrank“, sagte der Philosoph. „Ich höre es …“ „Mit Vergnügen, ich weiß“, knurrte Septimus. „Aber nein“, sagte Augustinus, „ich wünsche Euch innigst den Ewigen Frieden. – Du hast uns, o Gott, für Dich gemacht, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir!“

Für einen Moment war es ganz ruhig im Zimmer; der Lichtstrahl über ihren Köpfen zuckte nur noch schwach und stand dann ganz still. „Warum müssen wir uns immer streiten?“ sagte Augustinus nach einer Weile. „Ja, es scheint, als wären wir nichts weiter als alte zänkische Kinder“, murmelte Septimus. „Dabei bewundere ich Euren Fleiß, Augustin.“ „Wirklich?“ fragte der Philosoph. „Das freut mich zu hören.“ „Ja, wirklich“, sagte Septimus und richtete sich ächzend auf. „So viele Ämter und Ehren gingen auf Euch hernieder – und trotzdem habt Ihr noch die Zeit gefunden, ein gewaltiges Werk niederzuschreiben …“ „Ein gewaltiges Werk – in der Tat“, sagte der Philosoph. „Ja, es ist sehr umfangreich“, meinte Septimus. „Aber, wie Ihr selbst einmal so richtig bemerktet: Solche Dinge verstehen, Herr und Gott der Wahrheit, heißt noch nicht: Dir gefallen … Selig dagegen, wer von Dir weiß, auch wenn er von jenem nichts weiß …‘ “ „Ich höre, dass Ihr gar nichts wisst, Septimus“, sagte Augustinus und erhob sich. „Und richtig lesen könnt Ihr auch nicht. Möge Gott Euch noch ein wenig von der Einsicht zuteil werden lassen, die er mir so überreich zukommen ließ.“ „Lebt wohl, Augustin“, rief ihm Septimus nach. „In der Ewigkeit wird für Eure Werke kein Platz sein. Sie sind schon auf Erden für zu leicht befunden worden.“

Als der Philosoph erwachte, saß er noch immer im Schatten unter seinem Lieblingsbaum. Vor ihm aber stand einer von Septimus’ Dienern, der vor Aufregung kleine rote Brandflecken im Gesicht hatte. „Ich weiß“, sagte Augustinus gähnend. „Mit meinem Freund Septimus geht es zu Ende. Deswegen warst du so kühn, mich zu wecken. Was dein Herr mir zu sagen gedenkt, habe ich gerade erfahren. Ich sehe also keine Notwendigkeit, ihn noch einmal aufzusuchen. Grüße Septimus von mir und lass ihn wissen, dass seine Wünsche auch die meinen sind. Der Mensch ist, der er ist. Die Jahre Gottes aber sind seine Ewigkeit.“

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erstellt am 12.10.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Der Philosoph Augustinus
Der Philosoph Augustinus