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Thomas Rothschild zeigt am Beispiel eines Literaturwettbewerbs die Dominanz des Englischen, die im Geschäftsverkehr ihren Sinn haben mag, für die Literatur aber von Übel ist.

Kontrapunkt

Schreibt Englisch

In der aktuellen Ausgabe des „Merkur“ findet sich ein interessanter Aufsatz von Dirk Knipphals über Literaturjurys. Der taz-Redakteur beruft sich auf eigene Erfahrungen, und was er da beobachtet hat, trifft in der Tat meist zu. Wenn er am Ende seines Textes die Möglichkeiten umfangreicherer Jurys diskutiert, vergisst er allerdings zu erwähnen, dass die Chancen von Außenseitern, von Extremisten umso geringer wird, je größer die Jury ist. Am Ende bleibt bei jeder Auszählung der kleinste gemeinsame Nenner übrig. Das gilt umso mehr, wenn die Juroren, wie bei der von Knipphals erwähnten SWR-Bestenliste, die Gesamtheit der zu bewertenden Bücher unmöglich kennen kann. Heraus kommt am Ende, was zum gemeinsamen Repertoire zählt, in der Regel also die Produktion der großen Verlage.

Ein zusätzliches Problem gesellt sich hinzu, wenn ein Literaturwettbewerb international ausgeschrieben wird. Seit 2013 vergibt der Internationale PEN auf seiner Jahrestagung den so genannten New Voices Award an eine Nachwuchsautorin oder einen Nachwuchsautor. Die nationalen Zentren wählen ihrerseits Kandidaten aus, deren Gesamtheit dann von einer internationalen Jury zunächst auf eine Longlist und danach auf eine Shortlist von drei Finalisten reduziert wird. Die nicht englischsprachigen Texte müssen dafür ins Englische, die Lingua franca unserer Tage, übersetzt werden.

Außer im Jahr 2014, als es keine englischsprachige Einreichung auf die Shortlist schaffte, haben immer nur originale englischsprachige Texte den Preis erhalten. In diesem Jahr reüssierte eine kanadische Autorin vor der rumänischen und der deutschen Konkurrenz. Vielleicht hat sie ja tatsächlich den besten Beitrag geschrieben. Aber die Gesetze der Wahrscheinlichkeit sprechen dagegen, dass in drei von vier Fällen ein englischsprachiger Text besser sein soll als die Texte in zahllosen anderen Sprachen.

Die Wahrheit ist: die englischsprachigen Einreichungen sind die einzigen, die die gesamte Jury gelesen hat. Alle anderen Bewerbungen waren die Texte der Übersetzer, nicht der Autoren. Wer das verschweigt, ignoriert die Tatsache, dass Sprache nicht Beiwerk, sondern die eigentliche Substanz von Literatur ist. Es gibt bessere und schlechtere Übersetzer, und jene, die dem Internationalen PEN lieferten, hatten für ihre Arbeit nur wenig Zeit. Aber wer Puschkin, Mallarmé oder TS Eliot, aber auch Babel, Maupassant oder Gertrude Stein nur in einer Übersetzung gelesen hat, kennt Puschkin, Mallarmé, TS Eliot, Babel, Maupassant und Gertrude Stein nicht. Das gilt auch für die nicht englischsprachigen Konkurrenten um den New Voices Award. Und das ist keine Überraschung, sondern ließ sich voraussagen. Die Gewinnerin stand fest, bevor die Jury über die Shortlist zu diskutieren begann. Man hätte die übrigen Bewerber warnen sollen. Jedenfalls müssen sie sich nicht selbst bezichtigen. Schuld ist die Dominanz des Englischen, die im Geschäftsverkehr ihren Sinn haben mag, für die Literatur aber von Übel ist.

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erstellt am 12.10.2016