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Es gibt kein kulturelles Segment, das vom anhaltenden Sog Berlins nicht betroffen wäre. Junge Künstler, Literaten, Musiker und Kreative ziehen unablässig in die Hauptstadt. Sie kommen aus Deutschland und aus aller Welt. Christian Janecke nähert sich dem Phänomen und zeigt seine Auswirkungen am Beispiel der Kunstwelt.

Essay

Nichtberlinern

Kaum ein vielversprechender Künstler, kaum eine Akademieabsolventin, die sich dem Tross Richtung Hauptstadt verweigern und stattdessen ein Leben in kleineren Städten, gar als Landei würden vorziehen wollen: dort also, wo die Anzahl ernstzunehmender Galerien eher überschaubar ist, wo es zwar erstaunlich viele Museen und Ausstellungen in ziemlich guter Verteilung gibt, wo Kuratoren sich aber selten hin verirren und wo all die anderen derzeitigen und künftig noch möglichen Künstlerfreunde leider auch nicht leben.

Abgesehen von mäßig beleumundeten Geltungserfolgen eines Lokalmatadorentums und tapferem Idealismus spricht, wie es scheint, wenig für das hier empfohlene ‚Nichtberlinern‘ (= Kunst studiert haben und dennoch nicht direktemang nach Berlin ziehen). Es wird dann zwar doch das übrig bleibende ‚Berlinern‘ Gegenstand des Nachfolgenden, aber im Modus einer Philippika, versteht sich!

Künstler wollen in die Städte – und am liebsten nach Berlin

Mit Hof und Kirche als Auftraggebern, in etwa zeitgleich mit der Emanzipation der Kunst vom Handwerk, zieht es die Künstler in die Städte. Die Stadt macht die Künstler. Und wie man heute merkt – nicht zuletzt wurde Ausdruck dieser Erkenntnis ja die sogenannte Kreativwirtschaft –, gilt auch das Umgekehrte: Die Künstler machen die Stadt. Zur Unverbrüchlichkeit des Verhältnisses von Stadt und Künstlertum gehören späterhin die Akademien, in welcher Form auch immer – dazu später mehr.

Am Fuße der modernen Kunst (sagen wir, da es verschiedene Moderne-Begriffe gibt, ab den 1860er Jahren in Frankreich, als die Leute die Künstler nicht mehr so richtig verstehen oder ihnen nurmehr zögerlich folgen wollen,) bleiben zwar die großen Städte Orte der Avantgarde. Für Künstler kann es in dieser Zeit recht ungemütlich oder einsam werden, so sie provinziellere Flecken bevorzugen. Und dennoch kann zweierlei geschehen: Zum einen wenden manche Künstler sich gänzlich ab von den Städten, gehen aufs Land, gründen Künstlerkolonien, wenngleich ebendort, da draußen, nach dem Worte Klees, erst recht gilt, dass kein Volk sie mehr trägt. Das ist jetzt die radikalere Variante jenes Primitivismus oder jener Ethnofolklore, die z. B. beim Blauen Reiter umgekehrt dazu führt, die Volkskunst in die Stadt zu holen. Und zum anderen können nun Auftraggeber- und Künstlerschaft geographisch auseinandertreten: Mit der Industrie, später im Dienstleistungssektor, wird zwar überall im Lande Geld verdient, besonders in Ländern wie Deutschland und so noch bis heute. Die Künstler indessen wollen lieber dort sein, wo ihresgleichen bereits lebt, nebst Sammlerschaft und vor allem jener Sorte Mensch, die ihnen zu weiterer Bekanntheit und Durchsetzung verhilft: Kritikern, Museumsleuten, Galeristen und Ausstellungsmachern.

Im Prinzip also folgen Kunst und Künstlerschaft dem Geld, nicht anders als in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts oder zuvor schon bei El Greco. Und die Künstler hierzulande, die bis in die 1980er Jahre gut im Rheinland lebten, hätte es demzufolge dann eigentlich auch in Metropolen wie Stuttgart, München oder Frankfurt ziehen müssen, die dem Kölnischen in wirtschaftlicher Hinsicht ja nicht nachstehen. Wie jeder weiß, zogen sie stattdessen in Heerscharen nach Berlin. Und das hat tatsächlich einige, wirtschaftlich insgesamt freilich kaum ins Gewicht fallende, aber kunstsoziologisch nicht anders als kurios beschreibbare Anziehungskräfte entfesselt: dass nämlich wohlhabende Sammler und kunstbegeisterte Nichtkünstler seit längerem schon nach Berlin wollen, weil die Künstler schon da sind! Bekanntermaßen beruht auf genau diesem Effekt die klamme Hoffnung der Kreativwirtschaftler, die gerne von Kultur als Standortfaktor reden – inklusive der Debatten um ‚Gentrifizierung‘ (über die der Offenbacher Oberbürgermeister allerdings einmal verlauten ließ, sie wäre in seiner Stadt das geringste Problem).

Zur speziellen Gemengelage von Berlin oder genauer von dem, was zum heutigen Berliner Künstlerauftrieb führte, gehören: Großflächigkeit und etliche Museen, durchsubventionierte Kultur, mehr als 40 Jahre Kapitalismusbremse inklusive Infrastrukturbrachen im östlichen, nehmerfreudige linke Milieus im westlichen Teil der Stadt, schließlich der Bröckel- wie im Gegenzug auch Aufbruch-Charme des Zusammenwachsens mentalitär, politisch und baulich unterschiedlicher Sphären. Mittlerweile finden sich in Berlin zahlreiche Kunstinstitutionen (obwohl gemeckert wird, es seien zu wenige), unzählige Galerien, vielfältige Initiativen zur und vor allem zahllose Erzeuger von Kunst. In Berlin lässt es sich billig leben – und sogar spottbillig eingedenk des Vergleichs zu anderen Hotspots der Kunstwelt wie etwa New York oder London. Die offizielle Touristikseite der Hauptstadt weiß über die Unmengen zuströmender Künstler denn auch nur Gutes zu berichten. Dazu gehört auch, dass immer neue Räume für Künstler aufgetan bzw. umgewandelt werden:

„Das Interesse an coolen alten und umwandelbaren Locations reißt nicht ab. Investoren, unter ihnen diverse Kunstsammler, erschaffen immer wieder neue kreative Orte oder Atelierkontexte in ehemaligen Brauereien, Krematorien oder gar SED-Fuhrparks.“

Ein Schelm, wer die letztgenannte Aufzählung allegorisch auf Berlin münzt! Dass auf Vernissagen hunderte nicht ausgestellter dann dem einen ausgestellten Künstler sowie dem Galeristen und dem einen Sammler (der schief angeguckt wird) gegenüberstehen, stört niemanden. Eher stört es Berliner, wenn in weitaus selteneren Fällen das Publikum ungefähr widerspiegelt, wozu Galerien doch eigentlich da sind, wenn dort, mit anderen Worten, eher kaufkräftige Menschen sich ihr Stelldichein geben. Dass gutbezahlte Arbeit in Berlin knapp ist und die Aufmerksamkeitsökonomie den Einzelnen nur geringe bis gegen Null tendierende Aussichten bietet, ins Visier der förderlichen, also der gebenden Seite des Kunstbetriebs zu gelangen, ist zumal den betroffenen Künstlern selbst zwar bekannt, aber zugleich schnuppe. Jährlich ziehen unbeirrt Hundertschaften von Künstlern nach, meist ausgebildet an jenen Kunstakademien, die gut föderalistisch noch recht verteilt liegen in der Republik.

Abstrahlungen auf Kunsthochschulen und Kunstszenen im Lande

Auch das ein Kollateraleffekt: Die weitaus meisten jüngeren deutschen Künstler (nebst der zugewanderten aus dem Auslande) konnten und können gar nicht in Berlin ausgebildet werden. Und ein noch geringerer Prozentsatz stammt familiär aus Berlin, gar aus einem Berliner Künstlerhaushalt (das eine wie das andere scheint Heranwachsende nicht gerade zu einem Kunststudium zu beflügeln). Wer also zum Löwenanteil angehender Künstler gehört, die, bevor sie in die Stadt an der Spree wechseln werden, an einer der ungefähr zwei Duzend deutschen Akademien bzw. Kunsthochschulen (im Universitätsrang) studieren, der hat, ob in Münster, Düsseldorf oder Hamburg, meist Professoren und Professorinnen, die selbst bereits in Berlin leben. Diese Professorenschaft legt großen Wert auf eine Ausbildung, die statt aus wöchentlichem lieber aus nur zwei- oder gar nur dreiwöchentlich anberaumtem, dafür freilich desto intensiverem Gespräch besteht – in der Sache, weniger in der Taktung, ganz dem romantischen Akademiemodell nach Schadow verpflichtet.

Wiederum im Unterschied zu dieser romantischen Anwandlung (in Düsseldorf, München, Frankfurt oder Dresden hatte man sich einst ja in die jeweiligen Kulturlandschaften verliebt!) gilt es dann doch, die jungen Menschen rechtzeitig vertraut zu machen mit dem Ort ihrer späteren Bestimmung: Beispielsweise wird von meiner Kunsthochschule in Offenbach ein Ausstellungsraum finanziert, der als Schaufenster in der Hauptstadt dient. Ob der schöne Name dieser Einrichtung, er lautet „Satellit“, auf eine Art Umlaufbahn in einer Entfernung von stattlichen 400 Kilometern Luftlinie zu unserer Hochschule anspielt, habe ich noch nicht herausbekommen. Neuerdings gibt es bei uns auch eine turnusmäßige Berlin-Exkursion für Erstsemester, zu der die Professoren praktischerweise gar nicht anreisen müssen, weil sie ja am Exkursionsort bereits leben. Den Novizen aus dem Rhein-Main-Gebiet oder dem hessischen Umland wird dann manch unvergessliches Erlebnis zuteil: wie und wo man in Berlin Vortragende hört, die in dieser Stadt ausnahmsweise nicht residieren, dort aber glücklicherweise zu Gast sind (wie man selbst!); wie Kontakte zu knüpfen und in Galerien Kunst anzugucken ist, deren Käuferschaft noch mehrheitlich im alten Westen lebt; und wie man all die tollen anderen Künstler kennenlernt, deren Humankapital außerhalb von Berlin aufgebaut wurde.

Doch wer wollte es denen, die Berlin-Experience auf den Lehrplan setzen, verdenken? Wo es doch an den nördlich, westlich und südlich weitab von Berlin gelegenen Akademiestandorten kaum mehr gestandene Künstler von Rang gibt, die den jungen Studierenden Ansporn oder auch Reibefläche sein könnten, wie es das im Rheinland bis vor kurzem noch gab. In den großen deutschen Städten oder Ballungsgebieten, gesegnet mit renommierten und mitunter mehreren Kunsthochschulen, vegetiert meist nur eine bescheidene, manchenorts jämmerliche Szene lokaler Künstler. Wer dort sein Studium absolviert, der verschwindet leise, wird hiesiger Verbandskünstler, Lokalmatador, Hinterhof-Artist, Kunstlehrer oder hört irgendwann auf mit Kunst. Wer sich nicht zu solch einer Regionalclique hingezogen fühlt, der streicht alsbald die Segel und, dito, zieht nach Berlin.

Während Bohème oder weiter gefasst die Kunstszene einer Stadt seit dem 19. Jahrhundert und noch bis weit hinein in Zeiten der alten Bonner Republik gar keine Frage einer schmalen Kohorte bzw. einer bestimmten Generation, sondern einer altersmäßig prinzipiell übergreifenden (darin freilich gerade spannungsvoll konkurrenten!) kunstnahen Gesinnung und Lebensweise war, ist all das heute weitestgehend verpufft, bildet es für die an diesen Orten tätigen Akademien jedenfalls keine kulturellen Resonanzräume mehr, wie es in Dresden, Düsseldorf, München oder andernorts einmal der Fall war. Braunschweiger oder Leipziger Kunststudenten begeben sich heute eher wie ungeladene Forscher in gewisse (sub)urbane Areale, um sich an skurillen Trouvaillen als Signum einer ihnen eigentlich fremden Zivilisation zu ergötzen. Die Akademien jedenfalls halten sich heute (oder werden von vorneherein hochgezogen) als gegen ihre Heimatorte tendenziell gleichgültige Institutionen, als nimmermüde Durchlauferhitzer junger Leute, rekrutiert von nirgendwo und überall, danach in Vergessenheit eintauchend oder eben ihr Glück in Berlin suchend. Übrigens ein gespenstisches Beispiel liefert die kleine Frankfurter Städelschule, die mithilfe einer internationalen, renommierten Professorenschaft und dank einander die Klinke in die Hand gebender Gäste aus der Kunstwelt als funktionierende Kontaktschmiede Jahr um Jahr ebenso internationale, vergleichsweise erfolgreiche Absolventen entlässt – nur eben leider kaum ins prosperierende Frankfurt nebst Umland, sondern, wie es scheint, per Rohrpost direkt nach Berlin.

Dieser Entwicklung mögen gewiss auch allgemeine Entbürgerlichungstendenzen korrelieren, oder nun genauer: Entmischungen einer ehemals Kulturschaffende und Kulturkonsumierende umgreifenden, von wechselseitiger Verachtung oder Sprachlosigkeit noch verschonten Sphäre. In boshafter Analogie: So wie früher der Kunstinteressierte entnervt vom Land in die nächste Stadt wechselte, so wechselt man heute von allen Städten des Landes nach Berlin.

Berlinern

Nicht allzu knifflig ist mithin die Frage, warum Künstler es vorziehen, in Berlin zwar billig, aber prekarisiert, auftragslos, unbeachtet und mithin nicht glorreicher zu leben als in anderen, teureren deutschen Städten, in denen sie jedoch relativ größere Chancen auf ein Publikum hätten und wo sie wahrscheinlich mehr verdienen würden. Die Antwort müsste lauten, dass für das Lebensglück der Einzelnen eben die Nähe von Gleichgesinnten erheblichen Stellenwert habe. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen: Frage ich nämlich Berlin-Geher-in-spe (von denen es, wie bereits gesagt, unzählige an Kunsthochschulen gibt) nach ihren Gründen, so heißt es: Viele Freunde, vor allem aus Kunst und Kultur, seien doch auch schon da!

Spätestens hier würde ich aber einmal nachschieben, dass sich unsere Berlin-liebenden Künstler damit ganz unübersehbar als ‚auch nur Menschen‘ entpuppen, nicht weniger konform als der Rest der Gesellschaft, die Ofenwärme ähnlich denkender und lebender Zeitgenossen suchend. Denn während beispielsweise religiös Kulturschaffende, also Pastoren, Missionare und dergleichen, mitunter bewusst die Regionen der Un- oder Andersgläubigen, also die Diaspora aufsuchen, um dort zu wirken, ebenso Wissenschaftler jeglicher Couleur Orte für sich wählen, die ihren vielfältigen Fragen, Forschungsaufgaben und nicht zuletzt ihrer Neugier korrespondieren, zieht es die Künstler partout nicht weg von ihresgleichen. Wenn Berliner Künstler ein Stipendium auf dem Land ergattern (aus unerfindlichen Gründen ist Erfüllungsort der meisten Kunststipendien nicht Berlin!), so muss man ihnen eiserne Residenzpflicht auferlegen.

Gegen das Untersichseinwollen der Künstlerschaft in Berlin zu polemisieren, so könnte man mir nun entgegenhalten, wäre doch müßig; Künstler seien eben weder Heilige bzw. bußwillige Eremiten, noch auch Sozialeudämonisten. Andererseits wollen wir aber nicht verschweigen, dass gerade die von der Kunstszene turmhoch gehaltenen Werte – Engagement, Partizipation, weltverbessernder Vororteinsatz, Intersubjektivierbarkeit, Beglückung aller ins Einzugsgebiet von Kunst Geratenden durch eben diese Kunst – ja nicht übermäßig an Glaubwürdigkeit zulegen, wenn Berliner Künstler sich sozusagen per Heimspiel mit der Bekehrung der bereits Bekehrten aufhalten.

Was einem Künstler in Berlin indessen fehlt (und was ihn nur anweht, wenn er seine Verwandten in Wanne-Eickel oder am Titisee besucht), das ist der Widerstand, das Unverständnis oder auch der lauwarme Zuspruch seitens der Laien oder Banausen. Jüngst hat Diedrich Diederichsen (1) im Blick auf Mike Kelley und dessen „Lieblingsantagonismus“ von New York (als der europäisch unterstützten Deutungsmetropole) versus Provinz zu zeigen versucht, dass hier weniger postmoderner Regionalismus im Spiel war, denn vielmehr die Erfahrung, „nur die Sätze des Subalternen gäben einen nicht redundanten Sinn“, und „die Provinz [mache] die bessere Kunst, weil sie sie an einem kunstfremden und kunstfernen Gegenüber entwickeln musste“. Ohne dieser Zuspitzung folgen zu müssen, erhält man hier dennoch eine Ahnung vom Berliner Einlullungspotential des schieren Gegenteils bzw. positiv gewendet: vom Pyrrhussieg Berliner Massenkünstlerschaft!

Was Berliner Künstler denn auch nicht so recht verspüren, ist jene seit der Moderne, ja bereits seit der Entlassung der Künstler aus den Zünften charakteristische Asymmetrie, derzufolge sie, relativ zu ihrem Wirkungsfeld, stets nur eine kleine Minderheit darstellen – geduldet, geliebt, verachtet wie dereinst in Thornton Wilders „Our Town“. Hingegen wollen die Berliner das Beuys-Diktum „Jeder Mensch ein Künstler“ nicht etwa nur umdrehen wie einst Kippenberger zum kalauernd tiefsinnigen „Jeder Künstler ist auch ein Mensch“, sondern buchstäblich wahrmachen: Man ist unter sich und man will unter sich bleiben, und zwar en masse. Damit widerlegen die Berlinkünstler freilich auch jene grundlegende Erkenntnis der modernen Soziologie, etwa bei Talcott Parsons, derzufolge berufliche Spezialisierungen als Fortschrittsmanifestationen sich entwickelnder Gesellschaften ohne Asymmetrien nicht zu haben sind. Beispielsweise kann ein Schamane als geisterbeschwörende und metaphysische Instanz einer Gesellschaft erst auf den Plan treten, wo die Anzahl derer, die ihn wertschätzen, aber freilich auch durchfüttern, groß genug wird. Wer nun glaubt, eine entsprechende Asymmetrie vieler Nichtkünstler gegenüber vergleichsweise wenigen Künstlern werde doch auch im immerhin vier Millionen Menschen zählenden Berlin gewahrt, der unterschätzt möglicherweise die Hermetik künstlerischer Bezugssysteme, sozialer Anschlusswahrscheinlichkeiten und Lebenssphären.

Berlinkunst

Zuletzt sollte man nicht der Schwachheit verfallen, hier statt eines bloß faktisch deutschen ein wesentlich deutsches Phänomen begreifen zu wollen. Denn viel plausibler ist die – freilich ihrerseits beunruhigende – Annahme, dass mit dem Berliner Massenkünstlertum nur etwas geschah, was auch in London oder New York, ja überall geschehen wäre, so es dort bloß vergleichbare Bedingungen gegeben hätte.

Das aber ist ein Grund mehr, sich zu fragen, was es über Kunst sagt, wenn ein Gros der jüngeren wie der nachwachsenden Künstlerschaft – nun eben nur exemplarisch in unseren Breiten – einem ganzen Land den Rücken kehrt (respektive an einem Punkt dieses Landes sich einigelt), das diese Leute fast sämtlich hervorbrachte, das sie oftmals direkt und fast durchwegs indirekt nährt, das einen unglaublichen Reichtum an Kulturgütern, Museen, Ausstellungen, an charakteristischer Baukunst und an vielgestaltiger Natur, an anderweitig nicht ersetzbarer Gestalt der Lebensweisen, landschaftlichen Eigenheiten, an sozialen, sprachlichen, mentalitären, religiösen Färbungen aufweist. Dass die Lust auf Vereinheitlichung, oder umgekehrt gesagt, die stupende Unlust auf diesbezügliche Vielgestalt des Landes einhergeht mit der leidenschaftlichen Auskundschaftung und Selbstbespiegelung des eigenen Künstler-Biotops Berlin –, das fügt sich zu einer Kunst, die, was ihr an gemachter und einfließender Erfahrung durch den Künstler ermangelt bzw. verzichtbar erscheint, von ästhetischer Erfahrung durch die Betrachter stopfen lässt. Denn diese Betrachter kommen ja tatsächlich von überall aus dem Lande und aus der ganzen Welt nach Berlin. Und, ja: Indem ständig von woanders her auch junge Künstler/innen nach Berlin ziehen, die woanders dann fehlen, kann auch auf diese Weise der Ideeninzest doch noch ein Weilchen hinausgezögert bzw. überspielt werden.

Wer ein Beispiel zum Ausklang schätzt: Die Neuen Wilden bzw. allgemeiner die neoexpressiv Malenden waren zu Anfang der 1980er Jahre ein bundesrepublikanisch komplexes Phänomen, das Berliner, aber eben auch Köln-Mülheimer und Hamburger, sogar Münchner Schauplätze und Ausprägungen hatte – leicht sich auszumalen, wie monokulturell ein entsprechender Trend sich heute ausnehmen müsste.

1 Diedrich Diedrichsen: Mike Kelley. In „Texte zur Kunst“, H. 100, Dez. 2015, S. 40-45, hier S. 41.

Kommentare


Schröder - ( 14-10-2016 01:14:10 )
Das Bedrückendste an der Kunst ist wohl die große Zahl der lebenden Künstler. Sie könnten so viel anders machen. ;Leider ist es nicht offensichtlich. Die dadaistischen Quälgeister feiert man auch erst heute und bei mancheinem glaubt man, die Freude verdankt sich der Erleichterung darüber, das nicht mehr viel von ihnen geblieben ist.

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erstellt am 07.10.2016

Eingang zu den Kunst-Werken, Berlin, 2007
Foto: Richard Barrett-Small, Quelle: Wikimedia Commons