Museen leben – trotz sich häufender Ausstellungsspektakel – noch immer von ihren Sammlungen. Die eigenen Bestände zu pflegen und zu erweitern, gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Museums. Neue Sammlungsobjekte werden zwar nicht immer sogleich präsentiert, verdienen dennoch Aufmerksamkeit. Eugen El hat sich in einigen Frankfurter Museen nach solchen Neuerwerbungen umgesehen.

Museen in Frankfurt

Perfekte Ergänzungen

Im Städel Museum, das auf eine mehr als 200-jährige Sammlungsgeschichte zurückblicken kann, entdeckt man, in einem Kabinett versteckt, das 1932 entstandene Gemälde „Das rote Flugzeug“ von Franz Radziwill (1895-1983). Es zeigt eine Junkers-Propellermaschine, die wie ein lauerndes Raubtier kurz vor dem Sprung wirkt. Auf dem Feld im Hintergrund erscheint ein Sensenmann. Dorf und Industrieanlagen sind am Horizont angedeutet. „Das rote Flugzeug“ wurde anlässlich der Verabschiedung des Direktors Max Hollein angekauft. Hollein wechselte zum 1. Juni 2016 zu den Fine Arts Museums in San Francisco.

An Radziwills Gemälde „scheiden sich die Geister“, erzählt Felix Krämer, Sammlungsleiter für die Kunst der Moderne am Städel. Es sei aber besser als ein Ankauf, „der einfach nur langweilig ist“. Die Erwerbung des Radziwill-Gemäldes ergänzt die seit einigen Jahren kontinuierlich gewachsenen Sammlungsbestände im Bereich der Neuen Sachlichkeit. Arbeiten von Otto Dix, Karl Hofer, Lotte Laserstein und August Sander ermöglichen einen präzisen Einblick in die Kunst der Weimarer Republik. Franz Radziwill ist in der Öffentlichkeit weniger bekannt. Seinen Arbeiten begegnet man vor allem in norddeutschen Museen. Im Nordseebad Dangast ist Radziwill ein eigenes Haus gewidmet.

In den 1920er Jahren malte Franz Radziwill Landschaften, Interieurs und Figurenbilder, interessierte sich stark für Technik und Maschinen. 1933 trat er in die NSDAP ein und ersetzte Paul Klee als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, wurde aber schon wenig später wegen seines expressionistischen Frühwerks entlassen. Radziwills NS-Verstrickung sieht Felix Krämer als „einen Teil der deutschen Kunstgeschichte“. Für ihn ist die Qualität von Radziwills Arbeit ausschlaggebend: „Ich kaufe lieber ein gutes Bild eines weniger bekannten Künstlers als ein schlechtes Bild eines bekannten Künstlers.“

Architekturmuseum: Modelle der Europäischen Zentralbank

Um Architekturprojekte zu dokumentieren, greift man zur Fotografie. Besonders anschaulich können aber auch Modelle sein. Man unterscheidet dabei zwischen detaillierten Präsentationsmodellen, die für den Bauherrn entstehen, Wettbewerbsmodellen und internen Arbeitsmodellen, die im Entwurfsprozess produziert werden. Seit Oktober 2015 besitzt das Deutsche Architekturmuseum (DAM) zwei Arbeitsmodelle des Neubaus der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend. Die EZB-Modelle lagern im DAM-Archiv in Frankfurt-Sachsenhausen. Entworfen wurde der Bau vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au. Dessen Mitbegründer Wolf D. Prix schenkte die beiden Modelle dem Frankfurter Museum.

Coop Himmelb(l)au hat beim EZB-Entwurf mit sehr vielen Modellen gearbeitet. „Man denkt heute, dass Architektur ausschließlich am Computer entsteht“, sagt Yorck Förster, freier Kurator am DAM. Mit Modellen könne man jedoch viel direkter umgehen. Die beiden EZB-Arbeitsmodelle sind aus hellblauem Styrodur im Maßstab 1:500 und 1:1000 gefertigt. Styrodur ist ein Hartschaum, der für Dämmungen verwendet wird. Er lasse sich gut schneiden und fein bearbeiten, erläutert Förster. Allzu detailliert sind die beiden EZB-Modelle indes nicht. Eher dienen sie der Klärung der Form. Die Modelle zeigen noch nicht die endgültige Gestalt des Hochhauses. Der gebaute Entwurf stand erst 2007 fest.

Im Fall der Europäischen Zentralbank habe man es mit einem freistehenden Hochhaus zu tun, sagt Yorck Förster. Für ihn ist das EZB-Hochhaus „ein exzeptionelles Projekt“. Man habe sich lange mit der Rolle der ehemaligen Großmarkthalle und mit Fragen des Denkmalschutzes beschäftigt. Die skulpturale Form des Hochhauses, das als „vertikale Stadt“ konzipiert ist, sieht Förster ebenfalls als Faktor. Als Beispiel nennt er das Atrium, den verglasten, „gewaltigen“ Innenraum zwischen den beiden EZB-Türmen. Im Gegensatz zum Commerzbank-Hochhaus sei das Atrium von außen sichtbar.

Deutsches Filminstitut: Nachlass Maximilian Schell

„Erst einmal ist es wie Wundertüten auspacken“, freut sich Hans-Peter Reichmann, Sammlungsleiter am Deutschen Filminstitut (DIF). Die Wundertüten, das sind über 130 Umzugskisten, die den künstlerischen Nachlass des Schauspielers, Regisseurs und Produzenten Maximilian Schell (1930-2014) enthalten. Vor kurzem erst wurden sie, ermöglicht durch eine Förderung der Hessischen Kulturstiftung, für die Sammlung des DIF angekauft. Vorausgegangen waren Verhandlungen mit dem Nachlassverwalter, der die Interessen von Maximilian Schells Erben vertrat. Reichmann und sein Team trugen das Material schließlich an mehreren Tagen auf der Schell'schen Familienalm im österreichischen Preitenegg zusammen. Nun lagern die Kisten im Archiv des Filminstituts in Frankfurt-Rödelheim.

Der Nachlass wird gesichtet und sortiert. Eine Katalogpublikation und eine Ausstellung im Deutschen Filmmuseum sollen bis Ende 2018 entstehen. „So ein Nachlass hat nichts mit Ordnung zu tun, wie es sich ein Archivar oder ein Kurator vorstellt“, betont Reichmann. Schells Nachlass bezieht sich auf sein Film- und Theaterschaffen und klammert das Private weitgehend aus. Er umfasst Fotografien, Filmrollen und Notizen, Skizzen, Texte und Drehbücher, Geschäftsbriefe und Pressebelege. So lässt sich beispielsweise nachvollziehen, dass Maximilian Schell ein leidenschaftlicher Sammler von Autographen berühmter Künstlerkollegen war. Mit Marlene Dietrich führte Schell in Paris ein Interview, das 1984 in den Dokumentarfilm „Marlene“ mündete. Die Tonaufnahmen des Gesprächs sind Teil des Nachlasses.

Die Abschrift des Gesprächs studierte Dietrich aufmerksam – und versah den maschinengeschriebenen Text mit eigenhändigen Anmerkungen. „Solch einen Quatsch habe ich lange nicht gelesen“, notierte sie auf einem der Blätter. Auch eine Schallplatte mit der Aufzeichnung von Maximilian Schells Oscar-Preisrede von 1962 findet sich im Nachlass. Jemand schenkte Schell die Platte, die fehlerhaft mit „Oskar Speech“ beschriftet ist. Die Oscar-Statue, die Schell für seine Rolle in „Judgment at Nuremberg“ („Das Urteil von Nürnberg“) erhielt, ist seit 2011 in der Dauerausstellung des Deutschen Filmmuseums zu sehen.

Weltkulturen Museum: Nachlass Milli Bau

Milli Bau, 1906 in Darmstadt geboren, brach 1956 mit dem Bus zu einer dreieinhalbjährigen Reise entlang der Seidenstraße auf. Zuvor war ihr Mann, ein hochdotierter Siemens-Mitarbeiter, verstorben. Bau gab ihren Beruf als Feuilleton-Chefin bei der Zeitung „Die Welt“ auf. Sie habe dem konservativen Frauenbild der Adenauer-Zeit „zum Trotz gehandelt“, sagt Alice Pawlik, Kustodin am Weltkulturen Museum in Frankfurt. Im Februar 2016 hat das Museum Bild- und Archivmaterial aus dem Nachlass Milli Bau erhalten.

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt schenkte das neun Umzugskartons mit etwa 3000 Dias und Zeitschriften umfassende Konvolut dem Weltkulturen Museum. Die jüngste Schenkung ergänzt schon vorhandene Bestände. Im Jahr 2005 übergab die Stadt Darmstadt zahlreiche Kisten mit Dias, Abzügen, Negativen und Filmspulen aus dem Nachlass Milli Bau dem Museum. Daraus konnten mittlerweile 3200 fotografische Objekte bearbeitet werden.

Milli Bau, so scheint es, war nichts fremder als Sesshaftigkeit. Ihr Nachlass zeugt von mehr als 40 Jahren auf Reisen. Noch als Journalistin fuhr sie nach Südamerika und erkundete das Quellgebiet des Amazonas. Die meisten Reisen führten Bau nach Asien. Nach ihrer Rückkehr nach Darmstadt in den 1970er Jahren gründete Milli Bau dort ein „Asien-Archiv“, das Fotos und Tagebucheinträge, Berichte und Literatur enthielt. Noch in den 1990er Jahren reiste sie ins russische Jakutsk. 2005 starb Milli Bau.

„Das Konvolut zeigt Bilder, die wir heute aus diesen Ländern nicht mehr kennen“, sagt Alice Pawlik. Milli Bau lebte in den 1960ern sieben Jahre lang in Teheran. Dort porträtierte sie den Schah und dessen Familie. In Baus Nachlass finden sich Aufnahmen junger Frauen im Bikini an iranischen Stränden. Milli Bau fotografierte auch Militärübungen von Soldatinnen in Pakistan. Sie war am Bild der Frau interessiert. Baus Fotografien dokumentieren zudem Port-au-Prince, die Hauptstadt Haitis, die 2010 durch ein schweres Erdbeben weitgehend zerstört wurde.

Historisches Museum: Porträts von Adolf und Martha Gans

Sie wirken wohlsituiert, ihre Erscheinung ist von Eleganz und demonstrativem Selbstbewusstsein geprägt. Der Frankfurter Industrielle Adolf Gans (1842-1912) und seine Gattin Martha Gans (1851-1918) ließen sich im Jahr 1902 vom Maler Friedrich August von Kaulbach porträtieren. Zu den Kunden des hoch angesehenen Porträtisten zählten Wissenschaftler, Künstler und Vertreter der Hochfinanz. Neben Franz von Lenbach und Franz von Stuck gehörte Kaulbach zu den „Malerfürsten“ Münchens. Unter anderem malte er Alix von Hessen-Darmstadt, die 1894 den späteren letzten Zar Russlands, Nikolaus II., heiratete.

„Friedrich August von Kaulbach legte Wert auf die Darstellung der Kleidung und der Accessoires“, erzählt Maren Christine Härtel, Kuratorin am Historischen Museum Frankfurt. Die beiden großformatigen Gans-Porträts kamen kürzlich in die Sammlung des Museums. Die Gemälde sind Teil eines Konvoluts, neben einem Kabinettschrank aus dem 17. Jahrhundert und einem Renaissancetisch. Der Tisch gehörte ursprünglich der Frankfurter Familie von Weinberg, die mit der weitverzweigten Familie von Gans vielfältig verbunden war.

Die Industriellenfamilie von Gans ist „immens wichtig“, so Maren Christine Härtel, denn sie habe sich für die Stadt Frankfurt engagiert, Kunst und Wissenschaft gefördert. Adolf Gans zählte mit seinen Brüdern Friedrich Ludwig und Leo 1870 zu den Mitbegründern der Farbwerke in Fechenheim, die später als „Cassella Farbwerke Mainkur“ bekannt wurden. Im der NS-Zeit wurden viele Familienmitglieder wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Arthur von Weinberg, Teilhaber der Cassella Farbwerke, Ehrenpräsident der Senckenbergischen Gesellschaft und einer der Stifter der Goethe-Universität, starb 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Leo Gans (1843-1935) zählte ebenfalls zu den Gründern der Frankfurter Universität. 1933 musste er alle Ämter und Ehrenämter abgeben.

Museum für Moderne Kunst: Werke von Dayanita Singh

Sie sieht sich selbst als „book maker working with photography“. Mehrere Werke und Werkgruppen der 1961 in Neu-Delhi geborenen Künstlerin sind im Jahr 2014 in die Sammlung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) gekommen. Bis Ende 2016 sind sie im Rahmen der Sammlungspräsentation im Hauptgebäude des Museums zu sehen. 2014 wurden Singhs Arbeiten in einer Einzelausstellung in der Museumsdependance MMK 3 gezeigt. Die Künstlerin schenkte daraufhin einige Werke dem Museum. „Seit 25 Jahren werden unsere Neuerwerbungen hauptsächlich aus den Ausstellungen getätigt und aus enger Zusammenarbeit mit den Künstlern“, erzählt Mario Kramer, Sammlungsleiter des Museums für Moderne Kunst.

Dayanita Singh hat ihre Karriere in der journalistischen Fotografie begonnen. In den 1980er Jahren produzierte sie ihr erstes Künstlerbuch. Singh arbeitet mit dem Göttinger Verleger Gerhard Steidl zusammen und kommt daher oft nach Deutschland. Im MMK sieht man einige zu Leporellos zusammengefasste Fotoserien. Eine davon ist ihrer im heutigen Pakistan geborenen Mutter gewidmet. Die Serie enthält von Singhs Mutter aufgenommene Fotografien ihrer Hochzeitsreise, aber auch Bilder der kleinen Dayanita und ihrer Schwester. Ein anderes Leporello zeigt Aufnahmen aus dem ehemaligen Victoria and Albert Museum in Bombay.

In dieser Form entfalten die Bilder einen interessanten Rhythmus und laden dazu ein, als Erzählung gelesen zu werden. Die in Holzvitrinen präsentierten Leporellos bezeichnet Singh als „portable museums“. Überhaupt spielen die Ideen des Archivs und des Museums eine wichtige Rolle in ihrem Werk. „Museum of Chance“ heißt ein Buch, das Dayanita Singh 2014 bei Steidl anlässlich ihrer Frankfurter Ausstellung publizierte. Es enthält 88 Fotografien. Der Buchumschlag ist vorne und hinten mit jeweils einem immer wieder variierenden Foto aus dem Buch versehen. Auch die Farbe des Umschlags ist von Exemplar zu Exemplar unterschiedlich. 88 Exemplare von „Museum of Chance“ sind nun im MMK zu sehen – alle Aufnahmen aus dem kostbaren Buch sind auf diese Weise nachvollziehbar.

Die Texte sind in einer längeren Fassung in der Zeitung Frankfurter Neue Presse erschienen.

Kommentare


Kammann - ( 11-10-2016 06:33:40 )
Ein sehr spannender Beitrag!

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erstellt am 29.9.2016

Franz Radziwill (1895–1983), Das rote Flugzeug, 1932
Öl auf Holz, 63 × 89 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main © VG Bild-Kunst Bonn

Modelle der Europäischen Zentralbank von Coop Himmelb(l)au im Deutschen Architekturmuseum, Foto: © Uwe Dettmar

Maximilian Schell in „Judgment at Nuremberg“ (1962), Foto: Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main

Milli Bau in Selcuk (Türkei), ca. 1976. Foto: Nachlass Milli Bau, Weltkulturen Museum, Frankfurt am Main

Friedrich August von Kaulbach, Porträts von Adolf und Martha Gans, 1902, Historisches Museum, Frankfurt am Main

Dayanita Singh, Museum of Chance, 2014 / Museum of Little Ladies, 1961-2014 / Send a Letter, 2008
MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Installationsansicht, Foto: Axel Schneider