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Zum Auftakt ihrer Reihe »Meine Klassiker«, die in loser Folge bei Faust-Kultur erscheinen wird, erinnert Stefana Sabin an Stéphane Mallarmé als den Übervater der modernen Lyrik, von dem der Satz stammt: „Le monde est fait pour aboutir à un beau livre“ – „Die Welt ist dazu da, um zu einem Buch zu werden.“

Stéphane Mallarmé und die moderne Lyrik

Der befreite Vers

Als 1925 mehrere Gedichte von Stéphane Mallarmé in die Anthologie französischer Lyrik des 19. Jahrhunderts aufgenommen wurden, die zur Pflichtlektüre fürs baccalauréat, fürs Abitur, gehörte, brach in Frankreich eine öffentliche Diskussion los. Denn damit machten die Erziehungsfunktionäre einen Dichter, der in der Larousse-Enzyklopädie als „unverständlich“ bezeichnet worden war, gleichsam zum Klassiker. Durfte man diese Gedichte, die sich trotz ihrer traditionellen Form und ihres erlesenen Wortschatzes jeder „explication de texte“, der immanenten Textinterpretation, verweigerten, Gymnasiasten zumuten? Und stand diese Unverständlichkeit nicht geradezu im Widerspruch zur vielbeschworenen „Klarheit“ der französischen Sprache? Der „Mallarmé-Skandal“, mit Umfragen, Kommentaren und Leserbriefen von der Presse vorangetrieben, lenkte die Aufmerksamkeit auf einen Dichter, der sich der Öffentlichkeit durch die Bescheidenheit seiner bürgerlichen Existenz verweigert hatte, und auf ein Werk, das die Erneuerung der Sprache zum Inhalt hat. So wurden Mallarmés Gedichte, die bis dahin von einem eher kleinen Kreis gewürdigt worden waren – die „man sich gegenseitig zuschickte“, wie Paul Valéry erzählte, und „die auf diese Weise die in Frankreich verstreuten Anhänger vereinten“ -, als Schullektüre dem nationalen Literaturkanon integriert.

Seitdem ist Mallarmés Ruhm unangefochten. Eine erste Biographie in den 30er Jahren, die Veröffentlichung der Œuvres complètes, der „Gesammelten Werke“ in der ehrwürdigen Bibliothèque de la Pleíade und eine elfbändige Ausgabe der Briefe etablierten den „unverständlichen“ Dichter als eine der bedeutendsten Erscheinungen der französischen Literatur, der inzwischen unzählige Studien gewidmet worden sind. Dennoch bleibt nicht nur Mallarmés Dichtung, sondern auch seine Existenz geheimnisvoll.

Geboren am 18. März 1842 in eine Pariser Beamtenfamilie, die ihn als Étienne ins Stammbuch eintragen ließ, wird Mallarmé schon mit fünf Jahren Halbwaise; auf der Einladung zur Trauerfeier für die verstorbene Mutter erscheint zum ersten Mal der gräzisierte Name Stéphane. Der Vater heiratet bald wieder und gründet eine neue Familie, und Stéphane wird auf ein Internat in Passy geschickt, dann auf das Gymnasium in Sens. „Einer seiner Lehrer hat sich über seinen unbeugsamen Charakter bitter beklagt“, schreibt 1858 die Großmutter an eine Verwandte. Aber obwohl er Jahr für Jahr für Jahr die Preise für Rhetorik und Englisch erhält und erste Gedichte von ihm in der Schulzeitung erscheinen – keine pubertäre Liebeslyrik, sondern romantische Poeme von über hundert Versen -, fällt er im Sommer 1860 durchs Abitur. Erst bei der Wiederholungsprüfung im Herbst wird er doch noch bachelier. Nun soll Stéphane, wie sie sein Vater und seine Großväter, die Verwaltungslaufbahn einschlagen, doch tritt er die Anwärterstelle lustlos an.

Begeisterung für Baudelaire

Denn inzwischen hat er sich mit einem jungen Lehrer angefreundet: Emmanuel des Essarts, Sohn eines renommierten Schriftstellers und selber Dichter. Es ist die Begeisterung für die gerade erschienene zweite, erweiterte Auflage von Baudelaires Fleurs du mal – Blumen des Bösen, was die neuen Freunde eint. Des Essarts kennt sich in der Literatur und dem literarischen Milieu aus, er bestärkt Mallarmé bei seinen dichterischen Versuchen und macht ihn mit seinen eigenen Freunden bekannt. Umso unerträglicher wird Mallarmé der Verwaltungsdienst. „Ansätze, eine Feder für etwas anderes zu benutzen als für Beurkundungen, finde ich schon bei einigen meiner Vorfahren“, schreibt Mallarmé an Des Essarts und will damit seine Weigerung erklären, eine Verwaltungslaufbahn anzustreben. Nicht zuletzt dank der Unterstützung seiner Stiefmutter erlangt er von der Familie die Erlaubnis zum Berufswechsel.

Anfang 1862 werden sein erster Artikel – eine Besprechung des Bandes Poésies parisiennes von Des Essarts – und ein Gedicht in der Literaturzeitschrift Le Papillon abgedruckt. Und neben weiteren Gedichten, die den Einfluss von Baudelaire und von Edgar Allen Poe verraten und dennoch eine eigenwillige Sprachlichkeit zeigen, schreibt er Essays, in denen er über die ästhetische und soziale Bedeutung von Dichtung nachdenkt. So wendet er sich in Kunst für alle mit der Vehemenz des Zwanzigjährigen gegen eine Kunst für alle: „Der Mensch kann Demokrat sein“, schreibt er, „der Künstler muss Aristokrat bleiben“. Er greift er eine Erziehungspolitik an, die statt Moral Kunst unterrichten lassen will, polemisiert gegen den populistischen Griff nach der Hohen Kunst und gegen die Anbiederung der Dichter an den Massengeschmack. Er benutzt religiöse Begriffe, um die Erhabenheit der Kunst zu erklären, und plädiert für einen ästhetischen Elitarismus, der ihm der Kunst inhärent zu sein scheint. „Alles Heilige und was heilig bleiben will, hüllt sich ins Mysterium“. Hier formuliert Mallarmé nicht nur eine allgemeine Verteidigung der Kunst, sondern eine ganz besondere Poetik, der das Geheimnis, das Mehrdeutige und Unfassbare zugrundeliegt.

Unterdessen lernt er „eine ganz hübsche junge Frau“ kennen, wie er 1862 schreibt. „Eine Deutsche, Gouvernante bei einer reichen Familie hier. Wie besessen mache ich ihr den Hof. Zurückweisung, Flucht, Erschrecken, Rotwerden auf ihrer Seite; Hartnäckigkeit auf meiner. Immerhin, seit einigen Tagen wird sie zugänglicher, und ich fange an, in ihr Leben einzutreten.“ Mallarmés Briefe an Maria Gerhard sind mehr als jugendliche Liebesbeteuerungen – sie sind auch stilistische Feuerwerke, in denen er alle sprachlichen Register zieht, von der eindeutigen Aussage zur mehrdeutigen Anspielung, von der Beschreibung zur Beschwörung. Im Herbst 1862 gibt sie ihm schließlich nach und fährt mit ihm nach London, wo er einen Sprachkurs besucht, um Englischlehrer zu werden.

„Ich lese, ich schreibe; sie stickt, sie strickt“, berichtet Mallarmé nach der Ankunft in London. Die häusliche Idylle trügt, denn die Beziehung ist stürmisch; sie streiten sich, trennen sich, versöhnen sich wieder. „Meine Aussprache ist phantastisch, wenn ich sage: ich liebe dich. Wenn man diese drei Wörter kennt, kann man eine Sprache.“ Nach einem bewegten Jahr heiraten Maria Gerhard und Mallarmé im August 1863 in London.

Romantik und Ironie

In London fängt Mallarmé eine umfangreiche Korrespondenz an, die er auch danach, in seinem „Exil“ in der französischen Provinz, beibehalten wird. Er lässt sich über die laufenden literarischen Arbeiten seiner Freunde berichten und berichtet ihnen von seinen eigenen. Hier in London überträgt er Poe ins Französische, hier entstehen Gedichte, in denen eine romantische Stimmung ironisch gebrochen wird. Apparition, „Erscheinung“, in London geschrieben, aber erst Anfang der 80er Jahre in Paris veröffentlicht, wird zu seinem populärsten Gedicht werden:

La lune s'attristait. . […]
J'errais donc, l'oeil rivé sur le pavé vieilli
Quand avec du soleil aux cheveux, dans la rue
Et dans le soir, tu m'es en riant apparue.

Der Mond betrübte sich. […]
So irrte ich, den Blick auf altes Pflaster starr
Geheftet, als mit Sonne im Haar, auf der Straße
Und abends schon, du mir erschienen bist.

Die Geliebte, die hier beschworen wird, ist wirklich und unwirklich zugleich, sie erscheint nachts im Traum und tags auf der Straße – zwischen Nacht und Tag, Traum und Wirklichkeit ist das Gedicht angesiedelt.

Den alten romantischen Gegensatz zwischen Traum und Wirklichkeit löst Mallarmé, indem er die Sprache selbst zum Ideal erhebt. „Reinen Sinn den Worten“ zu geben, sei das Ziel des Dichters. Die Sprache selbst ist immer auch das Thema seiner Gedichte; ob Liebes- oder Naturlyrik, ob Gedichte über Alltagsvorkommnisse oder zu Ehren befreundeten Dichter – immer geht es auch um die Sprache als lyrisches Material, um das sprachliche Konstrukt.

Inzwischen ist Mallarmé Englischlehrer, zuerst in Tournon, dann in Besançon und Avignon. „Jeden Tag überfällt mich Mutlosigkeit“, schreibt er 1864 über den Schulalltag in Tournon, „ich bin wie betäubt. Wenn ich da herauskomme, dann verblödet, vernichtet.“ Die Schuldirektoren halten seine Zurückgezogenheit für arrogantes Desinteresse, die Schüler nutzen seine höfliche Überheblichkeit aus. Seine „grausame Lage“ klagt er dem provenzalischen Dichterfreund Frédéric Mistral in demselben Brief, in dem er ihm die Geburt einer Tochter anzeigt. In Besançon nimmt das berufliche Unglück psychosomatische Dimensionen an: Migräne, aphasische Schübe und Schreibhemmungen quälen ihn. „Die Dinge des Lebens sind für mich zu ungenau“, schreibt er an Mistral, „als dass ich sie mögen könnte, und ich glaube nur dann zu leben, wenn ich Verse schreibe.“ Verzweifelt versucht Mallarmé zwischen der äußeren und seiner inneren Welt einen Kompromiss zu finden, so dass er sowohl eine bürgerliche als auch eine dichterische Existenz führen kann.

„Er war nicht groß, schmächtig, mit einem zugleich strengen und klagenden Gesicht, das eine weiche Bitterkeit zeigte und schon von der Verwüstungen der Not und der Enttäuschung gezeichnet war. Er hatte ganz kleine und gepflegte Hände und gestikulierte wie ein Dandy“, erzählt Catulle Mendès über seinen ersten Zusammentreffen mit Mallarmé. „Dann gab er mir Verse zu lesen. Sie waren in einer feinen, korrekten und unendlich genauen Schrift in einem dieser Hefte geschrieben, die in Karton gebunden sind und mit einer Kupferschnalle geschlossen werden.“

Kosmologische und erotische Bilder

Mit 24 Jahren kennt Mallarmé London ganz gut, Paris und die französische Provinz, hat eine Familie und unzählige literarische Freundschaften – von alledem geht nichts in seine Lyrik ein. Die zehn Gedichte, die im Mai-Heft der in Paris neugegründeten Literaturzeitschrift Le Parnasse contemporain erscheinen, kombinieren kosmologische und erotische Bilder zu abstrakten poetischen Arabesken. In dem Gedicht Les Fleurs, „Die Blumen“, das der Form nach fast ein Psalm ist, wird eine Art Schöpfungsgeschichte erzählt: nicht die Entstehung der Welt, sondern die Entstehung des Gedichts, das die Welt festhält.

Des avalanches d'or du vieil azur, au jour
Premier et de la neige éternelle des astres
Jadis tu détachas les grands calices pour
La terre.

Aus Goldlawinen vom alten Azur am Tag
Der Schöpfung und aus ewigem Schnee der Gestirne
Einst löstest du heraus die großen Kelche für
Die Erde.

In Mallarmés metaphorischem Gewebe wird die Poesie zum neuen Glauben erhoben, denn: „Le Ciel est mort.“ – „Tot ist der Himmel“, heißt es – lange vor Nietzsche – in dem Gedicht L’Azur, „Azur“, aber es ist ein Glaube ohne Transzendenz: „Vers toi, j'accours! donne, ô matière“ – „Hin zu dir eil ich, Materie“. Und im Gedicht Sainte, „Sancta“, werden die religiösen Gegenstände entmystifiziert:

À la fenêtre recelant
Le santal vieux qui se dédore
De sa viole étincelant
Jadis avec flûte ou mandore,
Est la Sainte pâle, étalant
Le livre vieux qui se déplie

Hinter dem Fenster, das verhehlt
Das alte Sandel, sich entgoldend
Ihrer Viola, welche einst
Zu Flöt’ und Mandora gefunkelt,
Ist die Heilige, blaß, sie hält
Das alte Buch hin, sich entblätternd.

Das „alte Buch“, das Gesangbuch, „entblättert“ sich, die heiligen Instrumente sind bloßes Holz, die Heilige ist eine „musicienne du silence“ – eine „Musikerin des Verstummens“.

Das Verstummen lauert in seinen Gedichten als Eingeständnis einer dichterischen Unmöglichkeit. Mallarmés Briefe aus Besançon und Avignon lassen eine rührende Intuition erkennen, dass jene sprachliche Reinheit, die das absolute Gedicht bestimmen soll, unerreichbar ist – wie später Hofmannsthals Lord Chandos, verzweifelt Mallarmé an der Sprache. Geschriebenes schreibt er um, legt die Seiten weg, holt sie wieder vor.

Wechsel zur symbolistischen Abstraktion

Das szenische Gedicht Hérodiade und L’Aprés-midi d’un faune, „Der Nachmittag eines Fauns“ markieren einen stilistischen Wechsel von der Bildhaftigkeit des Parnasse contemporain hin zu symbolistischer Abstraktion. „Ich erfinde eine Sprache“, heißt es in einem Brief, „die aus einer neuen Poetik hervorgehen muss und die ich so beschreiben kann: nicht die Sache, sondern deren Wirkung abbilden! Der Vers darf also nicht aus Wörtern bestehen, sondern aus Andeutungen.“ Die Andeutung aber versteht Mallarmé als objektive sprachliche Re-Konstruktion. In Hérodiade beschreibt er die innere Krise der Figur, die um Selbsterkenntnis ringt. Durch den Wechsel von Alexandrinern und freien Versen, in langen Sätzen, die sich von Adjektiv zu Adjektiv fortbewegen, und mit sexuellen Andeutungen formt er den antiken Herodes-Stoff zu einem modernen Stück um – ein psychoanalytisches Stück vor der Psychoanalyse.

Aber Andeutung verweigert sich der Deutlichkeit. „Dunkel durch zuviel Lyrismus“ tadelt Armand Renaud ihn. Während seine Gedichte nur noch musikalischer, ihre Metaphorik noch konzentrierter wird, entwickelt er in mehreren poetologischen Essays eine Sprachphilosophie. Unter den Überschriften „Verskrise“, „Das Buch als geistiges Werkzeug“, „Das Mysterium in der Literatur“, und in einem autobiographischen Artikel von 1885 dissoziiert er die Sprache von der zu versprachlichenden Welt. „Ich sage: eine Blume! und außerhalb des Vergessens, in das meine Stimme jeglichen Umriß verbannt, erhebt sich klanglich, als etwas anderes als die bekannten Kelche, die Idee selbst in ihrer Anmut, die allen Sträußen fehlende“. Das Wort ist da, wo das Ding nicht ist – Sprache und Welt schließen einander aus; Mallarmé bricht den „Kontrakt zwischen Wort und Welt“, wie George Steiner es formuliert hat. Steiner sieht darin nicht nur den Ursprung von Mallarmés Hermetik, sondern den Anfang der Moderne überhaupt: Die Einsicht, dass die überlieferte Sprache verbraucht ist, dass sie den dichterischen Bedürfnissen nicht mehr genügt, bestimmt die literarische Moderne, aber der hochgesteckte Anspruch der Dichter, die Welt in der neuen Sprache neu zu erschaffen, verurteilt sie zum Scheitern. Das moderne Gedicht – wie Mallarmé, Stefan George oder Ezra Pound erfahren haben – ist, so Steiner, „ein Nachdenken über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten seines Werdens, über das Gedicht, das hätte entstehen können, das vielleicht entstehen wird, wenn das Wort neu geschaffen wird.“

Nach langen Bemühungen erreicht Mallarmé die Versetzung an ein Pariser Gymnasium und zieht schließlich 1871 um. In Paris lernt er Emile Zola und Victor Hugo kennen, festigt seine Freundschaft mit Paul Verlaine und freundet sich mit Edouard Manet an; mit seinem Freund Catulle Mendès betreibt er die Gründung einer internationalen Lyrikervereinigung; und er gibt eine Modezeitschrift heraus, „La Nouvelle Mode“, die er fast alleine bestreitet: Er schreibt über Kleider und Schmuck oder über den Pariser Alltag (z.B. die zunehmende Zahl amerikanischer Touristen) und über kulturelle Ereignisse – literarische Skizzen, scharf beobachtet und ironisch formuliert. In den Briefen träumte er von der Erlösung vom Lehrerdasein und von einer unabhängigen Dichterexistenz – die blutige Niederschlagung der Pariser Kommune findet nur beiläufig Erwähnung.

Zusammenarbeit mit Manet

Mallarmé schreibt Gedichte, Prosagedichte, Studien über die englische Sprache, Literatur-, Musik- und Kunstkritiken und übersetzt weiter aus dem Englischen. 1875 erscheint seine Übersetzung von Edgar Allen Poes berühmtem Gedicht „Der Rabe“ mit Illustrationen von Manet, der ein Jahr später auch „Den Nachmittag eines Fauns“ illustriert. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Künstlern wird fast ein Jahrzehnt, bis zu Manets Tod, anhalten.

Wie Manets Gemälde sind auch Mallarmés Gedichte eine realistische Darstellung der Welt und zugleich deren ästhetische Verfremdung.

Avec comme pour langage
Rien qu’un battement aux cieux
Le futur vers se dégage.

Mit gleichsam als Sprache gar nichts
Als Flügelschlag himmelwärts
Befreit der künftige Vers sich.

- so fängt das Gedicht Eventail, „Fächer“ an, das eine Ars poetica ist und zugleich die banale Handbewegung des Wedelns mit einem Fächer beschreibt. Auch im Gedicht_ À la nue accablante tu_, „Der drückenden Wolke verhehlt“ wird eine Seelandschaft und zugleich der Untergang der Poesie beschrieben.

A la nue accablante tu
Basse de basalte et de laves
A même les échos esclaves
Par une trompe sans vertu
Quel sépulcral naufrage.

Der drückenden Wolke verhehlt
Klippe aus Basalt und aus Lava
Ganz dicht an den hörigen Echos
Durch ein kraftloses Nebelhorn
Welcher grabtiefe Schiffbruch.

Mallarmé verwendet das abstrakte statt des konkreten Wortes, löst die Eigenschaft von ihrem Träger, kürzt den Vergleich um das Verglichene, spielt mit Synonymie und Polysemie. Seine Gedichte stoßen an die Grenze der Verständlichkeit, verlangen nach förmlicher Dechiffrierung. „Mallarmé schuf also in Frankreich den Begriff des schwierigen Autors“, wird Paul Valéry später schreiben. „Er führte in die Kunst die Verpflichtung zur intellektuellen Anstrengung ein. Dadurch betonte er den Status des Lesers; und mit einem bewundernswerten Gefühl für wahren Ruhm wählte er sich diese wenigen besonderen Liebhaber aus, die, nachdem sie ihn einmal verstanden haben, keine unreinen, direkten und wehrlosen Gedichte mehr ertragen könnten.“

In den achtziger Jahren wächst Mallarmés Ruhm. Sein jour fixe, der Dienstagabend in der Rue de Rome, wird zum Treffpunkt des intellektuellen tout Paris und macht seine rhetorische Eleganz sprichwörtlich. Die Auseinandersetzung um den Symbolismus, die in Zeitungen und Zeitschriften geführt wird, trägt seinen Namen über die literarischen Zirkel hinaus. Verlaine porträtiert ihn in seiner Artikelserie Les poétes maudits, „Die verfemten Dichter“, und Joris-Karl Huysmans lässt in seinem Roman À rebours, „Gegen den Strich“ seinen dekadent-dandyhaften Helden Mallarmé-Gedichte lesen.

Dabei gibt es noch gar keine Bücher von Mallarmé. Erst 1887 entschließt er sich, seine Gedichte in einem Band zu sammeln: Auf feinstem Japanpapier in einer Auflage von 47 Exemplaren zu dem damals exorbitanten Preis von 100 Francs gedruckt, zeugt dieser Band wieder für seinen Elitarismus. Aber schon im gleichen Jahr erscheinen eine Auswahl von Gedichten und Prosa in einer Volksausgabe für nur 15 Centimes und zwei Neuauflagen vom Nachmittag eines Fauns, die ihn einer breiteren Leserschaft zugänglich machen.

Eine Studie in experimenteller Ästhetik

Populär allerdings wird sein Werk damit nicht. Zu gewunden sind seine Sätze, zu gesucht die symbolistischen Assoziationen seiner Wortwahl, zu willkürlich seine Metaphern. Hatte schon Rimbaud mit seinem berühmten Satz „Ich ist ein anderer“ den Lyriker von seinem lyrischen Ich geschieden, strebt Mallarmé „das rhetorische Verschwinden des Dichters“ an, „der den Wörtern den Vorrang überlässt“. Überzeugt, dass in der Lyrik die Bedeutung eines Wortes, sein signifié, nur nebensächlich ist, überlässt er der Bezeichnung, dem signifiant, die metaphorische Leistung. Das Gedicht wird zu einer Studie in experimenteller Ästhetik, seine Bilder verselbständigen sich, werden nicht mehr der kulturellen Überlieferung entnommen, sondern neu erfunden, und wechseln von Gedicht zu Gedicht. „Eine Sache benennen“, schreibt Mallarmé einmal, „unterschlägt Dreiviertel des Vergnügens an einem Gedicht, dessen Glück darin besteht, ein bisschen zu raten; sie suggerieren, das ist das Ziel.“

Dasè sie suggerieren, macht die Gedichte auch für diejenigen schwer zugänglich, die ihre kompositorische Eleganz und ihre klangvolle Sprache bewundern. „Wenn man diesen Versen die fulminante Klarheit absprechen kann – wenigstens die Harmonie und Grazie wird ihnen niemand absprechen“, lautet der Kommentar der Redaktion zu einem Gedicht, das im Februar 1896 im Figaro abgedruckt wird, als Mallarmé nach dem Tod Verlaines zum „Prince des poètes“, zum „Dichterfürsten“ gewählt worden ist. Der Pressewirbel um die von der Zeitschrift La Plume unter zweihundert Schriftstellern veranstaltete Abstimmung macht ihn zunächst hilflos, aber dann antwortet er den Journalisten, überlässt den Zeitungen Gedichte, beantwortet Leserbriefe, liefert sogar eigene Interpretationen nach.

Fast wird er nun zu einer öffentlichen Figur. Nachdem er sich 1893 vom Schuldienst hat frühpensionieren lassen, reist er nach England, wo er in den Hochburgen britischer Bildung, in Oxford und Cambridge, Vorträge hält. An den „Dienstagen“ trifft sich schon eine zweite Generation der literarischen Moderne – Paul Valéry, André Gide, Paul Claudel und Stefan George -, und mit Claude Debussys Prélude à l’Aprés-midi d’un Faune, an der École nationale de musique 1897 uraufgeführt, geht Mallarmés Gedicht ins musikalische Repertoire ein. Im selben Jahr erscheint eine Sammlung seiner Prosaschriften und Vorträgen und schließlich sein Meisterwerk Un coup de des, „Ein Würfelwurf“, die Krönung seiner dichterischen und sprach-philosophischen Experimente: Wörter, die ohne Interpunktion über die Doppelseiten verteilt sind, wie gewürfelt eben, und die keiner semantischen, sondern einer typographischen Ordnung zu gehorchen scheinen. So wird nicht nur die Kohärenz des Satzes endgültig aufgehoben, sondern auch der Dichter aus dem Gedicht verdrängt; das Gedicht, schreibt Jean-Paul Sartre, „ist nur noch das einsame Spiel der Sprache“. Es ist eine Textpartitur mit einander kontrapunktisch zugeordneten, typographisch dargestellten Motiven, in der der Würfelwurf sowohl eine ontologische als auch eine ästhetische Bedeutung bekommt, so dass das eigentliche Thema des einzigen, von vielen Nebensätzen umgebenen Hauptsatzes die Poesie als allumfassende Welterkenntnis ist. Erst in der Interpretation, die die Wörter und Motive ordnet, scheint das Gedicht zu entstehen und sich zugleich aufzuheben: inhaltlich und graphisch inszeniert es einen Schiffbruch, den Untergang des Menschen und der Poesie. Es ist das Gedicht als Anti-Gedicht, das die Subjektivität als dichterisches Moment durch die Objektivität der sprachlichen Architektur ersetzt und den Verzicht auf einen vorgegebenen Sinn zugunsten der Mehrdeutigkeit ausprobiert. Damit kommt Mallarmé seinem Begriff des „Großen Werks“ am nächsten, jenes Werks, dessen Ziel „die orphische Auslegung der Erde“ ist.

Der Würfelwurf simuliert eine formale Offenheit, die alle nachfolgende Lyrik entscheidend beeinflussen wird. Von René Char bis Yves Bonnefoy, von Pierre Jean Jouve bis Henri Michaux beruht die französische Lyrik des 20. Jahrhunderts auf einem linguistischen Spiel, das seine eigenen Regeln festlegt und sich selbst zum Inhalt hat. Auch die erzählerischen Experimente des nouveau roman und des OULIPO können in der Elaboriertheit ihrer sprachlichen Entwürfe auf Mallarmé zurückgeführt werden; Rilke, Stefan George und später Paul Celan machen Mallarmés Sprach-Kunst für sich fruchtbar und gewinnen in ihren Übersetzungen selbst dem Deutschen neue lyrische Dimensionen ab. „Mallarmé,“ schreibt Philippe Sollers, „setzt aller Dichtung nach ihm das Unmögliche zum Ziel.“

Von geradezu unheimlicher Paradoxie erscheint Mallarmés überraschender Tod: am 9. September 1898 erstickt er an einem Kehlkopfkrampf. Der Dichter, der die Sprache neuerschaffen wollte, stirbt an ihrem Verstummen.

Die Übersetzungen stammen aus: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt und kommentiert von Gerhard Goebel. Lambert Schneider. 1993.

Siehe auch

Musikfest Debussy, »Nachmittag eines Fauns«, Alte Oper Frankfurt

Kommentare


Walter Zimmermann - ( 06-10-2016 12:00:42 )
Hinweis zum literarischen Umfeld Mallarmé:
Felix Philipp Ingold Fortschrift
Ein Gedicht in fu?nfzehn Wu?rfen
www.ritterbooks.com
Stéphane Mallarmés Gedicht „Un coup de dés jamais n’ abolira
le hasard“ aus dem Jahr 1897 gilt als einer der Kardinaltexte der
Moderne. Dessen hervorstechende typographische Gestaltung,
die unter Verwendung verschiedener Schriftarten, -größen und
-schnitte Text auf eine bis dahin nicht gekannte Weise am Papier
positioniert, ru?ckte erstmals konsequent die Bildqualitäten des
gedruckten Wortes ins Zentrum der Betrachtung. Inspiriert von
solch konstellativer Präsentationsweise machte sich Felix Philipp
Ingold an eine frei improvisierende Nachdichtung des französischen
„Wu?rfelwurfs“ und an dessen Fortschreibung in deutscher
Sprache. Sein in 15 Abschnitte gegliedertes Langgedicht, das
reich ist an gedanklichen und motivlichen Allusionen, setzt einen
expansiven Rezeptionsprozess in Gang. Die semantische Offenheit
von Mallarmés Sprachkunstwerk im Ohr spielt Ingold virtuos
Wort- und Satzmaterial aus, das Prozesse der Sprachverarbeitung
und poetischer Sinnkonstruktion widerspiegelt. „Fortschrift“
ist ein Palimpsest, das die Bedingungen seiner eigenen Sinnentfaltung,
aber auch Fragen von Originalität und ku?nstlerischer
Nachahmung unmittelbar im dichterischen Vollzug reflektiert.
Ein irisierendes Sprachkunstwerk eines Autors, der mit einem
vielfach bearbeiteten Monument der Moderne höchst Originelles
anzufangen weiß.
Literatur
Felix Philipp Ingold, geb. 1942. Schriftsteller, Literaturwissenschaftler
und Übersetzer, em. Ordinarius fu?r Kultur- und Sozialgeschichte
Russlands an der Univ. St. Gallen, lebt in Zu?rich und Romainmôtier.

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erstellt am 28.9.2016

Stéphane Mallarmé
Stéphane Mallarmé, um 1890

Édouard Manet, Porträt von Stéphane Mallarmé, 1876, Musée d'Orsay, Paris