In Haiti gehören die in den 20er Jahren Geborenen zu einer besonderen Generation. Auseinandersetzungen mit den indianischen, afrikanischen und europäischen Wurzeln Haitis beeinflussten ihr Denken ebenso wie die Erfahrung der Okkupation durch die USA und das Leben in einer grausamen Diktatur. Anthony Phelps gehört zu dieser Generation. Wer sein in Deutschland noch kaum entdecktes literarisches Werk liest, begegnet einem wachen, die politische Gegenwart mit menschlicher Klugheit analysierenden Autor. Die beiden Romane, Der Zwang des Unvollendeten (Litradukt 2015) und Wer hat Guy und Jacques Colin verraten (Litradukt 2016), in denen er sich mit Fragen des Widerstands und des Verlusts von Heimat auseinandersetzt, sind jetzt dank des in Deutschland einzigen, auf haitianische Literatur spezialisierten Verlages übersetzt worden. Marlène Séraphin und Andrea Pollmeier stellen den Autor im Rahmen des Haiti-Schwerpunkts in einem zweisprachigen Tandem-Beitrag vor.

Haïti

Ewiges Exil

Anthony Phelps – Ein Autorenporträt

„Wer hat Guy und Jacques Colin verraten?“ Diese Frage ist Leitmotiv eines Romans, der soeben unter diesem Titel im Litradukt-Verlag erschienen ist. Autor ist der in Kanada lebende haitianische Schriftsteller Anthony Phelps, der wenige Jahre nach der Machtergreifung des Diktators Francois Duvalier (1957-1971) seine Heimat verlassen musste. Der 1976 publizierte Roman zählt zu den Hauptwerken des renommierten, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Schriftstellers. In ihm setzt er sich mit den inhumanen Regierungspraktiken des Diktators auseinander und leuchtet die Grenzen menschlicher Widerstandsfähigkeit aus. 2015 wurde der Roman in Frankreich unter dem Titel Mémoire en colin-maillard (Verlag Le Temps des Cérises) neu aufgelegt und ist nun auch erstmals in der Übersetzung von Ingeborg Schmutte einem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich.

Anthony Phelps hat ein literarisches Werk geschaffen, das von der Erfahrung des Exils geprägt ist. Als Gegner des Duvalier-Regimes kam der 1928 in Port-au-Prince geborene Autor in Haft, konnte Haiti jedoch 1964 verlassen. Nach Aufenthalten in den USA und Mexiko, ließ er sich in Québec nieder, wo er bis heute lebt. Seine Schriften widmen sich im Kontext der Diktatur den Herausforderungen von Widerstand und Menschenwürde. Phelps ist ein international anerkannter Autor und Dichter, dessen raffinierter, anspielungsreicher Stil schon im Titel der französischsprachigen Buchausgabe Mémoire en colin-maillard erkennbar wird. Der Name „colin-maillard“ verweist einerseits auf ein Kinderspiel (dt: „Blinde Kuh“) und spielt zugleich auf den Familiennamen der Kinder Guy und Jacques Colin an, deren Versteck den Milizen Duvaliers von einer unbekannten Person verraten worden ist. Wer also war derjenige, der die Kinder denunziert hat.

Die Struktur der Erzählung spiegelt sich wider im Spiel „Blinde Kuh“. Einem „Jäger“ werden darin die Augen verbunden. Er muss versuchen, mit ausgestreckten Armen einen der Mitspieler zu fangen und ihn trotz der verbunden Augen zu identifizieren. Anschließend werden die Rollen umgekehrt, der Gejagte wird nun selbst zum Jäger. Der Autor entfaltet ein kriminalistisches Verwirrspiel, in dem nicht nur die Identität von Jäger und Opfer wechseln, sondern auch die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, Möglichem und Realem verwischen. Immer im Blick bleibt jedoch die zentrale Fragestellung: „Wer hat Guy und Jacques Colin an die Todesschwadronen der Duvalier-Diktatur verraten?“.

Die Geschichte wird aus der Perspektive eines außenstehenden Beobachters, des „Detektivs“ erzählt. Er registriert jede Veränderung und beobachtet vom Balkon seines Hauses aus den Wandel, der sich Schritt für Schritt in der Gesellschaft vollzieht. Der Schriftsteller hat eine ähnliche Rolle. Auch er ist eine Art Buchhalter, der alles notiert und benennt. Dieser Prozess der Erinnerungsarbeit ist ein zentrales Anliegen von Anthony Phelps. In Zusammenarbeit mit Gary Klang, einem in Québec lebenden haitianischen Autor, veröffentlichte er u.a. eine auf wahren Fakten beruhende Erzählung mit dem Titel Massacre de Jérémie – Operation vengeance („Das Massaker von Jérémie – Ein Rachefeldzug“). Der Text bezieht sich auf ein Ereignis, das in den 60iger Jahren in Haiti stattgefunden hat. Eine Widerstandsgruppe gegen die Duvalier-Diktatur war 1964 mit Booten am Strand der südhaitianischen Stadt Jérémie gelandet, um die Oppositionsbewegung im Land zu unterstützen. Die geheime Operation war jedoch verraten worden, die oppositionellen Widerstandskämpfer wurden überwältigt und hingerichtet. Diese blutige Vergeltungsmaßnahme des Diktators blieb zwar unter dem Namen „Vêpres de Jérémie“ („Das Abendmahl von Jérémie“) im Gedächtnis der Überlebenden, doch wurde auch nach dem Ende der Diktatur lange Zeit nicht über dieses traumatische Geschehen gesprochen.

Das Wachrufen von Erinnerung ist, so Phelps, eine Schlüsselfunktion von Literatur und gehört zum Wesen des Schreibens. Literatur kämpft auf diese Weise gegen das Vergessen von (Un-)Taten, Amnesie und Straflosigkeit an.

Exil in aeternum | Ewiges Exil

Nach dem Zusammenbruch der verhassten dreißigjährigen Diktatur von „Papa und Baby Doc“ (1986) kam vier Jahre später durch eine demokratische Wahl der Priester Jean Bertrand Aristide an die Macht. Phelps Traum, in sein Heimatland zurückkehren zu können, wird Realität. In Port-au-Prince wird er zum Berater von Jean-Claude Bajeux ernannt. Der Literaturprofessor und engagierte Menschenrechtsaktivist war zum Kulturminister berufen worden, wird in dieser Funktion jedoch wenig später von dem renommierten Filmregisseur Raoul Peck ersetzt. Phelps bleibt zwar im Amt, doch erinnert er sich an die Jahre in Port-au-Prince mit Unbehagen. Es beginnt für ihn eine Zeit der Ernüchterung: „Als ich mit meinen Freunden, die nicht wie ich das Land verlassen hatten oder die nach vier bis fünf Jahren zurückgekehrt waren, diskutierte, stellte ich fest, dass sie ein Wissen über Haiti hatten, das mir inzwischen fehlte. Sie machten untereinander Anspielungen, indem sie nur einen einzigen Satz zitierten. Ich stand da wie ein Idiot. Ich verstand absolut nichts.“ Ein Graben tat sich auf: „Man fühlt sich andauernd fremd“. Sein Resümee ist schmerzhaft und klingt wie eine Totenglocke: „Wir haben nicht mehr die gleichen Erinnerungen.“

Der Autor hat in der Hauptstadt, deren Bevölkerungszahl inzwischen explodiert war, seine Dreh- und Angelpunkte verloren. Er ist schockiert vom Anblick der „Cité soleil“, der Sonnenstadt, in der jetzt „das Lumpenproletariat“ lebt. Auch das nahe der Kirche Sacre Coeur gelegene Wohnviertel, das er aus früherer Zeit kannte, ist stark verändert. Dort, wo einst Schulen und Villen standen, wurden massenhaft Häuser und Hütten informell zwischen Hausnischen gepfercht. Schulgebäude verwandeln sich Freitagsabends in eine Diskothek und verbreiten einen Höllenlärm. Bitter zieht Anthony Phelps die Konsequenz: Er kehrt zurück ins ewige Exil. „Auch wenn ich mich noch als Haitianer begreife, kann oder möchte ich nicht mehr in diesem Land leben.“
Phelps beginnt, dem Leben im Exil auf seine eigene Weise Gestalt zu geben: „Ich befinde mich im ‚exil in aeternum‘,“ erklärt Anthony Phelps im Mai 2015 bei einer Lesung vor Studenten des America Romana Centrums der Universität Trier. „Schreiben ist mir zur Heimat geworden. Im Schreiben fühle ich mich wohl. Das Land der Schrift wird mich niemals ins Gefängnis werfen, ich kann mich darin frei bewegen, kann aus- und einreisen, es ist das Land, in dem ich einst sterben möchte.“

In seinem Roman La contrainte de l´inachevé (2006), der unter dem Titel Der Zwang des Unvollendeten 2015 im Litradutk-Verlag auf Deutsch erschienen ist, setzt sich Phelps mit den Erlebnissen seines damaligen Rückkehrversuchs auseinander. Doch nähert er sich auch als Dichter diesem sensiblen Thema. Eines seiner berühmtesten Werke erschien 1968 unter dem Titel Mon pays que voici und wurde nahezu ein Kultbuch:

Auszug aus der Ode an die Heimat
Mon pays que voici

J'ai vu ô mon Pays tes enfants sans mémoire
dans toutes les capitales de l'Amérique
le coui tendu et toute fierté bue
genoux ployés devant le dieu-papier
à l'effigie de Washington

—————-

Ich sah, oh du meine Heimat,
in allen Großstädten Amerikas
deine Kinder erinnerungslos
die Schale des Bettlers ausgestreckt
jeden Stolzes beraubt
kniend
vor dem göttlichen Papier mit Washingtons Kopf

(…)

et il y a ton nom
Ton nom charnière
ton nom pivot
ton nom sésame
ô mon Pays que voici

—————-

es gibt deinen Namen
Dein Name als Angelpunkt
dein Name als Drehpunkt
dein Name aus Sesam
oh meine Heimat wie diese hier

Siehe auch Mon pays que voici (Auszug)

Anthony Phelps (zusammen mit seinem Verleger Peter Trier)

Anthony Phelps (zusammen mit seinem Verleger Peter Trier) am Institut français in Mainz am 30.5.2016

Der Text basiert auf Gesprächen, die im Rahmen einer Lesung seines 2015 auf Deutsch erschienen Romans „Der Zwang des Unvollendeten” (frz. Originalitel: La contrainte de l’inachevé ) am 11.05.2015 in Trier stattfanden. Die Veranstaltung bildete den Auftakt zu einer Lesereihe, in der das America Romana Centrum der Universität Trier literarische Werke renommierter haitianischer Autorinnen und Autoren in Trier vorstellt.
Andrea Pollmeier und Marlène Séraphin.

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erstellt am 29.5.2016

Anthony Phelps, Foto: Andrea Pollmeier
Anthony Phelps, Foto: Andrea Pollmeier

Anthony Phelps, geboren 1928 in Port-au-Prince, ist Lyriker, Prosaautor, Journalist, Vortragskünstler und Bildhauer. Er zählt zu den bedeutendsten Autoren Haitis. 1960 war er Mitbegründer der Gruppe Haïti Littéraire und der Zeitschrift Semences. In Port-au-Prince leitete er das Kulturprogramm von Radio-Cacique. Als Gegner Duvaliers ging er nach einem Gefängnisaufenthalt 1964 ins Exil nach Montreal. Für kurze Zeit war er nach dem Ende der Diktaturen von Jean-Claude und Francois Duvalier als Berater im Kulturministerium der Republik Haiti tätig.

Zum literarischen Werk Phelps zählen rund dreißig Bücher, u.a.:

Mon Pays que voici (1968),
La bélière Caraibe (1980)
Orchidée nègre(1987)
Moins l'infini (Paris, Les Éditeurs Français Réunis, 1973), überarbeitet unter dem Titel Des fleurs pour les héros, (Paris, Le temps des cerises, 2013) | dt. : Denn wiederkehren wird Unendlichkeit (Berlin, Aufbau-Verlag, 1976)
Mémoire en colin-maillard (Montreal, Editions Nouvelle Optique, 1976), nouvelle édition en 2015. Le Temps des cerises, France. | dt. : Wer hat Guy und Jacques Colin verraten? (Trier, Literatdukt-Verlag, 2016)
La contrainte de l'inachevé, (2006 im Verlag Leméac, Montreal) | dt.: Der Zwang des Unvollendeten (Trier, Litradukt-Verlag, 2015)

Anthony Phelps erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter zweimal den Preis der Casa de las Americas. Im Frühjahr 2014 hielt er sich im Rahmen des Projekts Kreyol, die Kultur des Widerstandes in der Karibik in der Künstlervilla Waldberta bei München auf.