bis 26. August 2018 - Liebieghaus Skulpturensammlung, Schaumainkai 71, 60596 Frankfurt am Main

Foto: Liebieghaus / Norbert Miguletz

William Kentridge. O Sentimental Machine

Die Liebieghaus Skulpturensammlung zeigt über 80 Arbeiten und Installationen des 1955 geborenen, südafrikanischen Künstlers William Kentridge. Dies ist nach „Jeff Koons. The Sculptor“ (2012) die zweite Intervention eines Gegenwartskünstlers in die Sammlung des Liebieghauses. Neben Werkgruppen wie der Installation „Refusal of Time“ (2012), der namengebenden Videoinstallation „O Sentimental Machine“ (2015) oder dem vollautomatischen Miniaturtheater „Black Box / Chambre Noir“ (2005) sind in Frankfurt auch neue Arbeiten des Künstlers zu sehen. Darunter die Bronzeskulpturen-Serie „Lexicon“ (2017) oder die kinetische Skulptur „Coffee Pot“ (2018).

 

Die von Sabine Theunissen inszenierte und von Vinzenz Brinkmann und Kristin Schrader kuratierte Ausstellung erstreckt sich über nahezu alle Bereiche und Räume der Liebieghaus Skulpturensammlung. So entsteht ein künstlerischer Dialog, in dem die konzeptionellen, erzählerischen und ästhetischen Intentionen des Künstlers eine enge Verbindung mit der musealen Sammlungspräsentation eingehen. 1896 wurde der Bau der Liebiegvilla am Ufer des Mains (auf Sachsenhäuser Seite) fertiggestellt. Die Familie von Liebieg war durch die industrielle Revolution des Textilgewerbes, aber auch durch die Arbeitskraft der teilweise bis zu 5.000 Mitarbeiter*innen und den günstigen Bezug der Rohstoffe zu großen Reichtum gekommen. Villa und Park wurden der Stadt Frankfurt per Testament zum Erwerb angeboten – mit der Auflage, an diesem Ort ein Museum einzurichten. Dieses wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als Sammlung konzipiert, die die Geschichte der Skulptur anhand ausgewählter Werke erzählt – allerdings aus einer bürgerlichen und europäischen Sicht.

 

Der Weg durch die Ausstellung „William Kentridge. O Sentimental Machine“ zieht sich durch insgesamt 27 Räume und beginnt bereits auf dem Weg zum Foyer der Skulpturensammlung, in dem Papierrisse aus William Kentridges Figurenserie „Proccessione di Riparazioniste“ (2018) zu sehen sind.

 

Die Arbeiten von William Kentridge sind interdisziplinär und führen jeweils unterschiedliche Medien und Genres zusammen. Dabei zeigt er ein grundlegendes Interesse an Phänomenen der Bewegung, an dessen materiell-mechanischer und optisch-illusionistischer Erzeugung. Für einen Besuch der Ausstellung sollte man Zeit mitbringen, um wirklich und in voller Länge in die teils bis zu 30 Minuten dauernden Raum-, Klang- und Bildinstallationen einzutauchen. Ein Teil von ihnen zu werden. So ist man direkt aufgefordert, sich in den Raum der namengebenden Installation „O Sentimental Machine“ hineinzubegeben. Auf dem Sofa oder auf einem der bereitgestellten Stühle Platz zu nehmen. Das Werk greift die Arbeitsbeziehung von Leo Trotzki zu seiner Sekretärin Evgenia Shelpeina auf und spielt an auf das utopische Ideal Trotzkis von einem rationalen, maschinenähnlichen Menschen.

 

Mit der Installation „Black Box / Chambre Noir“ thematisiert der Künstler den Genozid der Kolonialmacht Deutschland an den Hereros. Insgesamt starben etwas 80.000 Angehörige dieses Volkes durch Kampf und Verfolgung. Die Überlebenden kamen in Konzentrationslager, die später als Vorbilder für den Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten dienten. William Kentridge entwickelte diese Black Box als Miniaturtheater zusammen mit dem Komponisten Philip Miller im Jahre 2005 und zeichnet die Vision eines europäisch gebildeten Bürgertums, das in zunehmenden Maße Verbrechen an der Menschlichkeit zu verantworten hat.

 

Den ehemaligen Speisesaal der Villa dominiert während der Ausstellung William Kentridges kinetische Skulptur „Singer Trio“ Drei Nähmaschinen der Firma „Singer“ sind auf einem Tisch montiert - verstärkt werden die „Stimmen“ noch durch drei Megaphone, aus denen afrikanisches Liedgut erklingt. Zusammen mit dem Bühnenbildner Jonas Lundquist hat William Kentridge extra für diese Ausstellung eine kinetische Plastik erstellt. Eine handelsübliche Espressokanne imitiert – wenn denn die Technik funktioniert! – die Bewegung eines Menschen. Überhaupt hat es die Espressokanne dem Künstler angetan. Sie ist in mehreren Varianten und Arbeiten zu sehen. Auch die Papierarbeit „Self-Portrait as a Coffee Pot“ zeigt diese Espressokanne - durch Gliedmaßen als menschliches Wesen überformt.

 

Bleibt zum Schluss noch der Vorschlag, diese Ausstellung auf keinen Fall zu versäumen und mit folgenden Worten von Philipp Demandt, dem Direktor der Liebieghaus Skulpturensammlung, zu schließen: “William Kentridges Werke entfalten innerhalb unserer Sammlungspräsentation ein einzigartiges Gespräch mit den religiösen, ethischen und politischen Konzepten der Kunst von der Antike bis ins 19. Jahrhundert. Es ist eine ganz besondere Atmosphäre, die im Zusammentreffen der eigenen Sammlung und ihrer Räumlichkeiten mit der ganzen Bandbreite der kreativen Arbeit dieses umtriebigen Künstlers entsteht. Hier werden alle Sinne bestmöglich in Beschlag genommen!“

Walter H. Krämer

 

Abb.: William Kentridge in der Ausstellung, Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung / Norbert Miguletz

 

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erstellt am 10.6.2015