02. Februar 2018 bis 06. April 2018 - Theater Duisburg, Opernplatz, Duisburg

© Gert Weigelt

Dreiteiliger Ballettabend b.34

Der dreiteilige Ballettabend b.34 vereint Choreographien von Martin Schläpfer (Appenzellertänze); Marco Goecke (Le Spectre de la Rose) und Kurt Joos (Der Grüne Tisch)

Appenzellertänze von Martin Schläpfer - Dass Martin Schläpfer aus dem Appenzell – jener hügeligen, von Weideland und Streusiedlungen geprägten Ostschweizer Region – stammt, ist immer wieder Thema von Filmbeiträgen und Interviews über den Choreographen. Dass er für eine Premiere des ballettmainz im Jahre 2000 mit dem ebenso distanzierten wie liebevollen Blick des weltläufigen Künstlers, der seine Heimat doch nie ganz verlassen hat, ein rührendes, komisches, aber auch bitterböses Tanzstück über die dort lebenden Menschen und ihre Bräuche kreierte, wissen die wenigsten. In einer Neueinstudierung mit dem Ballett am Rhein sind seine „Appenzellertänze“ nun endlich wieder zu erleben.

Le Spectre de la Rose Marco Goecke - „Ich bin der Geist der Rose, die du gestern trugst beim Ball“, lauten zwei Verse aus einem Gedicht Théophile Gautiers, das die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die nach der Rückkehr von einem Ball mit einer Rose in der Hand einschläft: Sie träumt vom Geist dieser Rose, der durch das Fenster in ihr Zimmer springt, mit ihr tanzt und wieder verschwindet, bevor sie aufwacht. 1911 brachte Mikhail Fokin inspiriert durch Gautiers Gedicht und zu Carl Maria von Webers „Aufforderung zum Tanz“ sein Ballett „Le Spectre de la Rose“ in Monte Carlo zur Uraufführung – und erntete damit einen unbeschreiblichen Erfolg nicht nur wegen der Interpretation durch die beiden Ballets Russes-Stars Tamara Karsawina und Vaslav Nijinsky. Vielmehr war ihm mit einer an die Formen des Art Nouveau angelehnten Bewegungssprache und der Kreation einer männlichen Hauptrolle, die weit über das Rollenverständnis des Tänzers im klassischen Ballett als Kavalier der Ballerina hinausgeht, ein zentrales Werk des modernen Tanzes zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelungen, das auch nachfolgende Generationen immer wieder zur Auseinandersetzung reizte. Als im Jahre 2009 Les Ballets de Monte Carlo Marco Goecke beauftragten, seine eigene Version von „Le Spectre de la Rose“ zu choreographieren, nahm dieser die legendäre Vorlage ernst und ging zugleich eigene Wege: Dem Hauptpaar stellte er sechs untergeordnete Geister und der „Aufforderung zum Tanz“ mit „Der Beherrscher der Geister“ eine zweite Komposition Carl Maria von Webers zur Seite. In seiner einzigartigen Bewegungssprache – geprägt von jenem für sein Choreographieren so typischen Flattern, Zittern, Reißen und Vibrieren, das von tief innen heraus nach außen bricht und den Tänzerkörper wie unter Starkstrom setzt – fand Marco Goecke zu einer bewusst den Esprit des Gedichts atmenden und doch neue Räume eröffnenden Neuinterpretation der über hundert Jahre alten Vorlage.

Der Grüne Tisch Kurt Joos - Es waren die Menschen des späten Mittelalters, die mit ihrer Liebe zu uns direkt ansprechenden Bildern die Figur jenes Todes erfanden, der in einem nicht abreißenden Reigen jeden zum Tanz bittet, bevor er ihn mit sich in sein dunkles Reich nimmt: Papst, Kaiser, Kardinal, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettler – Mann, Frau, Kind … Vor dem Tod sind sie alle gleich und keiner kann ihm entkommen. Die Ambivalenz zwischen Lebenslust und Todesangst fand im Motiv des Tanzens ihr eindrückliches Sinnbild – sei es in den dramatischen Dichtungen, die im sakralen Rahmen ihre Aufführungen erlebten, sei es in den oft lebensgroßen Wandgemälden in Kirchen und Kapellen, an Beinhäusern oder Friedhofsmauern.
Ein Fries – nämlich der berühmte, um das Jahr 1460 entstandene und bei einem Luftangriff 1942 zerstörte Totentanz in der Lübecker Marienkirche – inspirierte Kurt Jooss 1932 zu seinem Ballett „Der Grüne Tisch“ und damit zu einem brennenden Plädoyer für Menschlichkeit und Pazifismus: An einem Grünen Tisch steigern sich zehn Herren – Politiker, Diplomaten, Spekulanten und andere Drahtzieher der Weltgeschichte – in immer heftigere Diskussionen. Auf dem Höhepunkt ziehen sie ihre Pistolen. Es fällt ein Schuss, Krieg bricht aus, ein Totentanz beginnt. Im letzten Bild schließt sich der Kreis: Wieder diskutieren die Herren. In der Synthese von Mitteln des freien deutschen und des klassisch-akademischen Tanzes zählt „Der Grüne Tisch“ bis heute zu den bedeutendsten und bühnenwirksamsten Meisterwerken des dramatischen Tanztheaters. Und mehr: „Genauer ist auf der Tanzbühne nie gezeigt worden, dass Krieg kein unabwendbares Schicksal ist, sondern jener Interessenkonflikt, in welchen die Besitzenden die Habenichtse hineinziehen“, schrieb Jochen Schmidt über das Werk. (Walter H. Krämer)

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erstellt am 10.6.2015