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bis 21. Januar 2018 - Kunsthistorisches Museum Wien, Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien

Rubens, Selbstporträt, um 1638

Rubens. Kraft der Verwandlung

Rubens, das ist große Schau, das ist Wucht, Gigantomanie. Bei ihm gibt es mehr Bewegung, mehr Figuren, mehr Raum, mehr Licht und Farbe als je in einem Bild zuvor. Unerreichte Fleischlichkeit in explosiver Kraft. Der Meister des flämischen Barock, der in einem Brief von sich selbst sagte, er habe weder Zeit zu leben noch zu schreiben, steht für unnachahmliche Schnelligkeit in der Ausführung seiner Arbeiten, er hatte einen Geschäftssinn, ein Gespür für Wirkung und Markt, das nach wie vor überwältigt. An die 3000 Werke sollen aus seinem Atelier stammen, an die 600 davon hat er selbst abgesegnet.

In Kooperation mit dem Frankfurter Städel thematisiert die derzeitige Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien laut Pressetext „einen bisher wenig beachteten Aspekt in Rubens’ Schaffensprozess: Sie zeigt, wie tief er in den Dialog mit Kunstwerken berühmter Vorgänger und Zeitgenossen eintrat und wie dies sein etwa fünfzigjähriges Schaffen prägte“.

In sechs Sälen werden insgesamt etwa 120 Werke, darunter 48 Gemälde und 33 Zeichnungen von Rubens, ausgestellt. Neben antiken Originalskulpturen aus Marmor und Bronze finden sich auch Gemälde von Vorbildern und Zeitgenossen, Tizian, Tintoretto, Goltzius, Elsheimer und anderen. Das beispielhafte Gemälde Christi vor dem Volk, eine Leihgabe aus der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg, zeigt, wie Rubens von der antiken Skulptur eines Kentauren über eine Zeichnung seine Darstellung des „Ecce homo“ entwickelte. Diese frühe Art der Aneignung oder – wie der Ausstellungstitel vorgibt – „Verwandlung“ macht Rubens, wie es heißt, so „modern“. Ein Genie auf fremden Federn?

 

Peter Paul Rubens (1577-1640) arbeitete, wie damals üblich, nicht allein, sondern versammelte in seiner Werkstatt („Factory“) Gehilfen und Spezialisten – darunter Anthony van Dyck, Frans Snyders, Jan Steen oder Cornelius Schut – für je bestimmte Aufgaben: Hintergründe, Tiere, Blumen, Landschaften, Gewänder, Gesichter … Für die Haut jedoch gab es niemanden als Rubens selbst, der diese lebendige Vielfalt des Teints so beherrschte. Dem Ideal einer klassischen Schönheit nach italienischem Vorbild konnte Rubens eher nichts abgewinnen. Ihm ging es vielmehr um lebensnahe Wirklichkeit, die teilweise sogar etwas derb wirkt – wie im „Venusfest“ von 1636/37.

 

Die eigentliche Kunst lag für den Flamen – auch hierin ist er ganz „modern“ – in der Erfindung, im Entwurf. Wie er die originäre Bildidee organisiert, mit welchem Schwung er all die Figuren zu einem Ganzen fügt, zeigen die kleinen farbigen Skizzen, die in ihrer unwahrscheinlichen Expressivität faszinieren. Die Arbeit selbst, die Ausführung und Übertragung auf große Leinwand, überließ er anderen, nahm am Schluss noch spontane Veränderungen und Retuschen vor, widmete sich Detailfragen, um dem Ganzen einen Zauber, eine Lebendigkeit zu geben – kurz: seine Handschrift. Im KHM werden, ganz im Sinne der Kunstvermittlung, diese meisterlichen Handzeichnungen oder Ölskizzen den großen Gemälden zur Seite gestellt, an denen die ungemeine Dynamik und Kompositionsgabe erkennbar wird. Darüber hinaus zeigen seine Studien – beispielsweise von römischen und antiken Skulpturen –, was den von seinem achtjährigen Aufenthalt in Italien geprägten Künstler vor allem interessierte: Fragen der Umsetzbarkeit von Bewegung, eine gewisse Haltung, Perspektive, anatomische Details.

 

Wer auf den großen Gemälden wirklich von Bedeutung ist, wird in der Genauigkeit der Ausgestaltung der Physiognomie, der Gesichtszüge zentraler Figuren deutlich, die sich auffällig von den oft monoton gezeichneten Nebenfiguren unterscheiden. Rubens diente den habsburgischen und anderen Majestäten bekanntlich als Porträtist und Diplomat – beauftragt mit so heiklen politischen Agenden wie der Versöhnung zwischen England und Spanien. Sein Selbstporträt mit dem Degen eines Edelmanns zeigt, wie sehr er sich seiner politischen Stellung bewusst war – ein distanziert-skeptischer Blick, gelassen, aber Haltung zeigend. Damit drückt er eine ernste Überlegenheit aus, welche die Oberflächlichkeit des üppigen (Auftrags-)Prunks letztlich zu durchschauen scheint. Gerade bei erwähntem „Ecce homo“ von 1612, dem Plakatsujet der Ausstellung, scheint weniger der leidende Christus Vorbild gewesen zu sein, der selbstbewusste  Gesichtsausdruck erinnert vielmehr an den Künstler selbst: Sehet, welch ein Mensch!

(Elvira M. Gross)

 

Kuratiert wurde die Ausstellung von Gerlinde Gruber, Kunsthistorisches Museum Wien, Stefan Weppelmann, Direktor der Gemäldegalerie und Jochen Sander, Sammlungsleiter Deutsche, Holländische und Flämische Malerei vor 1800, Städel Museum, Frankfurt.

 

Abb.: Peter Paul Rubens, Selbstporträt, um 1638, Öl auf Leinwand, Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

 

Weitere Informationen zur Ausstellung


erstellt am 10.6.2015