In ihrer Anthologie »Über den Dächern das Licht / Nad Střechami Světlo« versammelt die Dichterin Klára Hůrková je 22 Autorinnen und Autoren aus Tschechien und Deutschland. Eric Giebel hat mit Klára Hůrková über ihr literarisches und künstlerisches Werk sowie über die politische Gegenwart Tschechiens gesprochen.

Gespräch mit Klára Hůrková

»Der Wunsch nach Demokratie ist sehr stark«

Eric Giebel: Als ich deine Anthologie das erste Mal in der Hand hielt, war ich über den Umfang erstaunt. Welche Beweggründe hat ein Mensch, die Texte von 22 deutschen und tschechischen Autorinnen und Autoren in die jeweils andere Sprache zu übertragen?

Klára Hůrková: Das Hauptmotiv war meine Lust, mich mit Texten zu beschäftigen, die mich interessierten. Man sagt, dass Lyrik-Übersetzung im Allgemeinen sehr schwer ist, aber es kommt sehr darauf an, ob der Übersetzer freie Wahl der Texte hat und ob sie ihn wirklich ansprechen. Ich habe mir diese Freiheit genommen und die Übersetzungsarbeit sehr genossen. Während der Arbeit entdeckte ich weitere Texte, Lyrik und Prosa, die ich in die Anthologie aufnehmen wollte. Sie sollte ein ausgewogenes Werk werden, in dem beide Nationalitäten und beide Geschlechter etwa gleich stark vertreten sind. Mir war klar, dass ich nicht alle berücksichtigen kann, die es wert wären – und bei der Zahl 44 (Autorinnen und Autoren) hatte ich das Gefühl, es wird für diese Anthologie-Ausgabe reichen.

Im Vorwort schreibst du, der Kontakt zu den tschechischen Autorinnen und Autoren sei verknüpft mit den ersten direkten Präsidentschaftswahlen im Januar 2013. Die damaligen Diskussionen hätten dich mit unerwarteter Intensität emotional in deine alte Heimat zurückgeworfen. Was und wie wurde bis zur Stichwahl Miloš Zeman versus Karel Schwarzenberg im Internet diskutiert?

Das ist eine schwierige Frage, die ich mit Sicherheit nicht erschöpfend beantworten kann. Ich kann nur sagen, die Feststellung hat mich emotional berührt, dass das geistige Erbe der „Samtenen Revolution” von 1989 lebt. Die Politik in der Tschechischen Republik schien mir nach 24 Jahren ebenso verflacht, geld- und machtbestimmt wie überall. Doch die erste direkte Präsidentschaftswahl, in deren ersten Runde 9 Kandidaten angetreten sind, weckte in vielen Menschen vergessene demokratische Ideale – sie hatten plötzlich das Gefühl, doch mitbestimmen zu können, in welcher Art Gesellschaft sie leben wollen. Auch wenn die meisten wahrscheinlich ahnten, dass es auch nur eine Illusion ist, gab es zumindest die Hoffnung, einen individuellen Weg zu gehen. Ich habe bei den Diskussionen im Internet gemerkt, dass es in Tschechien viele Menschen gibt, die etwas Besseres wollen als das, was wir tatsächlich (in der Politik) haben. Meine Generation ist in einem totalitären Regime aufgewachsen, und aus diesem Grund ist der Wunsch nach Freiheit und Demokratie in uns sehr stark. Wir wollen glauben, dass wir eine Wahl haben … Und viele von uns glauben auch, dass das Wort, die Literatur, eine wirksame Kraft ist, diese Werte zu verteidigen.

Welche Rolle spielt das Sudetenland („Pohraničí – Grenzgebiet“) in der politischen Diskussion in Tschechien und, mit Blick auf Europa, werden deiner Meinung nach aktuell mehr bilaterale Brücken gebaut als durch nationalistische Unternehmungen eingerissen?

Die deutsch-tschechischen Beziehungen waren und sind kompliziert. Ich habe 27 Jahre lang in der Tschechoslowakei gelebt, seit fast 25 Jahren lebe ich in Deutschland. Während dieser letzten 25 Jahre musste ich vieles überdenken und neu beurteilen, was ich in meiner Jugend über die Geschichte gelernt habe. Und ich bin, glaube ich, immer noch nicht am Ende. Tatsache ist, dass die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland in der Tschechischen Republik heute immer noch ein kontroverses Thema ist. Und bei der Präsidentschaftswahl spielte es meiner Meinung nach eine wichtige Rolle. Als Schwarzenberg die Vertreibung der Sudentendeutschen während des Wahlkampfs ausdrücklich verurteilte, hat er sich – in Augen vieler Wähler – selbst geschadet. Durch private Anzeigen in der Boulevardpresse (zu denen sich keiner bekennen wollte) wurden er und seine Frau als sehr rechtsorientierte Deutsch-Freunde diffamiert, was den Ausgang der Präsidentschaftswahl möglicherweise beeinflusste. Es ist ein sehr schwieriges Thema. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass man es durch “bilaterale Brücken” überwinden wird. Eher wird es weiterhin verdrängt.

„Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: ,Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt', und ließ sich hinabfallen. In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.” Glaubst du, man kann auf Prags Brücken Georg Bendemann begegnen, auch wenn man Kafka nicht gelesen hat?

Kafkas Werk gehört zur Weltliteratur. Das bedeutet, seine Aussagen haben allgemeine, wenn auch nicht absolute Gültigkeit und man kann seinen Figuren überall begegnen, nicht nur auf Prags Brücken. Aber sicherlich auch dort! Kafkas Verhältnis zu Prag, das man aus seinem berühmten Zitat kennt, ist für mich sehr nachvollziehbar: „Prag läßt nicht los. … Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muß man sich fügen oder –. An zwei Seiten müßten wir es anzünden, am Vysehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich, daß wir loskommen.” Genauso empfinde ich es oft auch …

Du arbeitest auch als Bildende Künstlerin. Ich bin dem Rat einer weiteren literarischen Figur, Jakub Brandl, gefolgt und habe mir bei meinem Pragaufenthalt ein Gemälde von Henri Rousseau angesehen „– sein Selbstporträt, auf dem er auf dem Kai vor dem Eiffelturm schwebt – seit der Weltausstellung 1889 malte er das neuartige Ungetüm immer wieder – mit der Palette und dem Malerbarett auf dem Kopf, Zeichen seines Status als Künstler – Geht in die Nationalgalerie, dort hängt er!” Wie wichtig ist gesellschaftliche Anerkennung für die Entstehung und den Fortbestand eines künstlerischen Werks?

Spontan geantwortet, für die Entstehung eines künstlerischen Werks spielt die gesellschaftliche Anerkennung keine Rolle. Nein, Kunst entsteht aus ganz anderen Motiven! Natürlich sehnen sich die meisten Künstler nach Anerkennung, aber das ist sekundär. Und für den Fortbestand? Klar, die „Gesellschaft” hat die Macht, bestimmte Werke auf ein Podest zu heben und andere untergehen zu lassen. Manchmal lässt mich der Gedanke nicht los, dass viele gute Kunstwerke im Laufe der Geschichte einfach verschwunden sind und die, die wir heute kennen, nur eine willkürliche Auswahl darstellen … Wer weiß. Jedenfalls liebe ich dieses Bild von Henri Rousseau!

Ich wünsche der Anthologie viel Zuspruch und danke dir für das Gespräch.

Das Gespräch führte Eric Giebel

Klára Hůrková

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 11.6.2014