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»Eine tausendfach wiederholte Lüge« (Uma mentira mil vezes repetida) heißt Manuel Jorge Marmelos Roman, für den er im Februar mit einem portugiesischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Dass das Preisgeld vermutlich für die tägliche Lebenshaltung draufgehen wird, ist wie Marmelos Schriftstellerkarriere eine portugiesische Geschichte, meint Michael Kegler.

Manuel Jorge Marmelo, Foto: Alfredo Cunha

Manuel Jorge Marmelo, Foto: Alfredo Cunha

Porträt des portugiesischen Autors

Manuel Jorge Marmelo

Von Michael Kegler

Einer sitzt in der Straßenbahn mit einem Buch in der Hand und erzählt. Über den Autor des Buches, die Handlung, Verästelungen, Bezüge. Doch das ledergebundene Buch ist erfunden. Sein Besitzer hat es aus wahllos zusammengetackerten Internetausdrucken binden lassen und denkt sich nach Tagesform aus, was kaum einer der Mitreisenden hören will: „Eine tausendfach wiederholte Lüge“ (Uma mentira mil vezes repetida) heißt der Roman von Manuel Jorge Marmelo, für den er im Februar mit dem portugiesischen Literaturpreis „Casino da Póvoa“ ausgezeichnet wurde.

Manuel Jorge Marmelo, geboren 1971 in Porto, schreibt, seit er kaum volljährig bei Portugals bekanntester Tageszeitung anheuerte. 1997 erschien seine erst Novelle, 1999 sein Roman unter dem Titel „As mulheres deviam vir com livro de instruções“ (dt. etwa: Frauen sollten eine Gebrauchsanweisung dabeihaben), der sicher zum portugiesischen Kanon der Neunzigerjahre gehört. Seitdem veröffentlichte er fast zwei Dutzend Romane, Erzählbände, Theaterstücke, und auch Kinderbücher. 2005 verfasste er mit der angolanischen Dichterin Ana Paula Tavares den durch eine Erzählung des Brasilianers Paulinho Assunção inspirierten „transatlantischen“ Roman „Os olhos do homem que chorava no rio“ (Die Augen des Mannes, der in den Fluss weinte). Einige seiner Romane spielen in „Übersee“, auf den Kapverden etwa, doch seine besten sind ganz dezent am westlichen Ende des europäischen Festlandes angesiedelt, randständig, wie auch „Somos todos um bocado ciganos“ (Wir sind alle ein bisschen Zigeuner) von 2012, in dem eine Zirkusfamilie ums Überleben kämpft.

Marmelos Schriftstellerkarriere ist auch eine portugiesische Geschichte. Als sein Verlag 2009 Insolvenz anmeldete, verschwand fast sein gesamtes Werk aus den Regalen, Ende 2012 entließ seine Tageszeitung, die renommierte „Público“, einen Großteil der Redaktion, er wurde arbeitslos. In seiner Dankesrede zum Casino da Póvoa Preis erinnerte er daran, dass er, wie Tausende von Portugiesen infolge der Sparmaßnahmen, von einem Tag auf den anderen nicht nur arbeitslos, sondern vor allem für nutzlos erklärt worden ist.

Wäre es nicht die Realität, könnte Nutzlosigkeit eine nette Metapher für literarisches Schreiben sein, so wie es der Protagonist in „Uma mentira mil vezes repetida“ betreibt: Ein erfundener Autor, ein Buch, das es nicht gibt, Geschichten, Biographien, historische Fakten, die entweder erfunden oder gut ausgedacht sind – oder am Ende doch Realität? Der Autor, den sich Marmelos Protagonist ausdenkt, um sich selbst wichtig zu machen, ist ein ungarischer Jude, dessen Bücher in den Wirren des 20. Jahrhunderts verloren gingen. Sein Weg führt von Budapest durch Europa, nach Lateinamerika gar, und endet tragisch, entweder in der Schweiz oder eben in einer Straßenbahn im verregneten Porto, wo sich ein Fahrgast dessen Geschichte nur ausdenkt. Oder traf er tatsächlich Fernando Pessoa in Castelo de Vide? Korrespondierte er mit Borges? Schrieb er vielleicht doch dieses großartige Buch?

Immer wieder fällt mir die Episode ein, in der Oscar Schidinski in bewegender Weise an den ungarischen Akkordeonisten erinnert, einen riesigen Mann, der viel kleiner aussieht, als er in Wirklichkeit ist, wegen seines Buckels, den er als Interpret romantischer Lieder an einer der Seine-Brücken in Paris erwarb: Er spielt sein Akkordeon, und es sieht aus, als würde er in sich selbst verschwinden, sein ganzer Körper zieht sich zusammen und in sich zurück, man weiß nicht, ob wegen der Kälte oder der Feuchtigkeit, die mit dem Nebel aus dem Fluss aufsteigt, oder weil ihn etwas von innen heraus verbraucht. Schon mehrmals habe ich begonnen, die Geschichte von Lázlo zu erzählen, doch nie gelingt es mir, sie zu Ende zu erfinden. Tränen schießen mir in die Augen, wenn ich nur daran denke.

„Es muss ein sehr schönes Buch sein“, trösten mich die Mitreisenden in der Straßenbahn. Klopfen mir mitfühlend auf die Schultern, und ich senke bescheiden den Kopf und pflichte ihnen bei: Es ist ein Buch, wie es noch nie jemand geschrieben hat.

Marmelos Roman ist ein sehr schönes Buch, das so großartig erzählt ist, wie es sein Erzähler von sich in Anspruch nimmt und von dessen tatsächlicher Wirklichkeit man sich wieder wird überzeugen können, sobald die unmittelbar nach der Preisverleihung vergriffene Auflage nachgedruckt wurde. Quetzal, einer der wenigen verbliebenen unabhängigen Verlage in Portugal, hat vor zwei Jahren begonnen, Manuel Jorge Marmelo wieder zu entdecken: Die neuen Romane und auch seine „Klassiker“.

An jenem Nachmittag fragte mich ein Herr, ein Rentner, einer von denen, die ihre freie Zeit damit vertreiben, im öffentlichen Nahverkehr spazieren zu fahren, wie denn Oscar Schidinski über Santo Antão hätte schreiben können, ohne je dort gewesen zu sein. Das ist in der Tat eine sinnvolle Frage, auf die ich immer gefasst sein muss. Ehrlicherweise hätte ich antworten müssen, dass ich die Worte aus einem Artikel in einer Reisezeitschrift kopiert hatte. Doch in diesem Fall darf ich nicht ehrlich sein, und so erzählte ich ihm, solche Dinge seien nicht zu erklären; Schidinski habe Santo Antão vielleicht genauso erfunden wie Gabriel García Márquez Macondo oder Juan Rulfo Comala. (…)

Ach, und erwähnte ich bereits, dass am Ende des Buches – also dem von Marmelo – eine herrliche Liebesgeschichte steht? Eine wirkliche (sofern das in einem Roman möglich ist) und daher überhaupt nicht geschriebene? Also eine, die sich der Leser oder die Leserin zwangsläufig selbst ausdenken muss? Dass das Buch – also das vom Protagonisten erfundene – sich mit dieser beginnenden Liebesgeschichte nicht nur erledigt hat, sondern sogar verloren geht? Verloren gehen muss, um nicht als Lüge entlarvt zu werden? In dem Moment, in dem es endlich jemand beachtet?

Wäre der Roman nicht schon Ende 2011 erschienen, also ein Jahr vor seiner Arbeitslosigkeit, würde man sagen, ein Glück, dass die Krise in Portugal zu solchen Massenentlassungen geführt hat, dass ein Journalist endlich Zeit hat für seine eigentliche Berufung, das literarische Schreiben. Doch so ist es nicht. So banal ist nicht einmal das Leben. Oder banaler? Das Preisgeld wird vermutlich für die tägliche Lebenshaltung draufgehen. Aber plötzlich ist Manuel Jorge Marmelo in Portugal wieder bekannt; es ist das Comeback eines noch immer sehr jungen, grandiosen Autors, der nie wirklich weg war.

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erstellt am 24.3.2014

Manuel Jorge Marmelo
Uma Mentira Mil Vezes Repetida
Roman
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Michael Kegler betreut auf Faust-Kultur den Schwerpunkt: Lusophone Literatur und stellt in loser Folge Autoren und Autorinnen in einführenden Porträts, Gesprächen und Textauszügen vor.

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