DVD-Kritik

Michael Gielens Beethoven

Erinnerung an ein Orchester, das es demnächst nicht mehr geben wird

Von Thomas Rothschild

Jeder Schauspieler träumt davon, den Hamlet und später, im Alter, den Lear zu spielen, aber nur wenige erreichen dieses Ziel. Jeder große Dirigent träumt davon, alle neun Symphonien von Beethoven zu dirigieren, und fast alle haben sie sich diesen Traum erfüllt. Die Frage ist nicht, ob eine weitere Einspielung des gesamten Zyklus gebraucht wird: Er ist einfach für jeden Dirigenten der Nachweis, dass er die Meisterprüfung bestanden hat.

Seit den achtziger Jahren wetteifern die Befürworter des Originalklangs um die gültige Neuinterpretation von Beethovens Symphonien. Die Hanover Band unter der Leitung von Monica Huggett und Roy Goodman, Roger Norrington gleich zwei Mal, mit den London Classical Players und mit dem RSO Stuttgart, Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner – sie alle wurden ausgiebig gefeiert und diskutiert. Claudio Abbado, Sir Simon Rattle, der einmütig bejubelte Paavo Järvi, Riccardo Chailly haben die Anregungen der historischen Aufführungspraxis teils aufgenommen, teils konterkariert.

Michael Gielen hat bereits 1997-2000 im damals gerade fertiggestellten Konzerthaus Freiburg und zum geringeren Teil im Festspielhaus Baden-Baden alle neun Symphonien mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg auf CDs eingespielt. Neuerdings aber häufen sich die DVD-Editionen, die gegenüber den Tonträgern den Vorteil haben, dass sie, wenn die Bildregie intelligent ist, einerseits die Arbeit des Dirigenten, andererseits die Partitur sichtbar machen. So ist nun auch Gielens Zyklus als DVD-Box erschienen, und was die Kamera angeht, hat sich dieses Unternehmen gelohnt: Sie konzentriert sich, trotz einer stellenweise überflüssigen Hektik, tatsächlich auf die Instrumentengruppen, die jeweils das Thema übernehmen, und macht so transparent, was beim „blinden“ Genuss der Musik unter Umständen überhört wird. Leider ist die tontechnische Qualität nicht optimal. Der Klang wirkt, verglichen mit anderen Aufnahmen, etwas gedämpft, in den höheren Frequenzen abgeflacht. Das kann kaum im Sinne Gielens sein. An wenigen Stellen sind die Blechbläser so ausgesteuert, dass sie das restliche Orchester zuzudecken drohen.

Michael Gielen gilt zu Recht als der Intellektuelle unter den lebenden Dirigenten. Schon in den siebziger Jahren schockierte er das konservative Publikum der Frankfurter Museumskonzerte, als er in Beethovens Neunter zwischen dem dritten und dem vierten Satz Arnold Schönbergs Ein Überlebender aus Warschau einfügte, um das seinerzeit irritierend Moderne der nicht nur fast, sondern buchstäblich zum Schlager verkommenen Ode an die Freude wiederherzustellen (1970 hatte Miguel Rios seinen Song of Joy verbrochen). Auf solche Provokationen verzichtet Gielen bei seiner Gesamteinspielung, aber modern wirkt sein Beethoven allemal.

Michael Gielen ist kein Anhänger der Originalklangbewegung, sein Orchester spielt, anders als etwa die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi, auf heute üblichen Instrumenten. Aber auch Gielen liefert einen schlanken Beethoven, seine Interpretation ist analytisch, nicht pathetisch. Die dynamischen Gegensätze treibt Gielen weniger als manche andere Interpreten ins Extrem. Stimmige Geschlossenheit scheint eher als Plastizität und Dramatik sein leitendes Prinzip zu sein. Im zweiten Satz der Eroica nimmt er die Angabe „Marcia funebre“ im doppelten Wortsinn ernst. Aber auch das Allegretto der 7. Symphonie, das in den vergangenen Jahren eher schneller gespielt wurde, dirigiert Gielen wie früher – unvergesslich der Einsatz in Jacques Demys „Lola“ – langsam, mehr getragen als fröhlich, und verstärkt so den Kontrast zum Presto des dritten Satzes. Bei ihm dauert der zweite Satz 8:30, bei Järvi immerhin nur 7:44 Minuten. Beide Auffassungen haben ihren Reiz und ihre Logik, aber die Wirkung ist grundverschieden.

Obwohl die Aufnahmen im Abstand von drei Jahren entstanden, ergeben sie tatsächlich einen Zyklus, der die kontinuierliche Entwicklung vom Erben Mozarts – beim Ende des zweiten Satzes der zweiten Symphonie scheint Gielen dem Meister Reverenz zu erweisen – zum Revolutionär der symphonischen Form nachvollziehbar macht. Bekanntlich dachte man nach Beethovens Tod, mit ihm (und dem zu seinen Lebzeiten in Beethovens Schatten stehenden jüngeren Schubert) sei die Symphonie am unerreichbaren Gipfel angelangt, bis Schumann, Brahms, Bruckner, später Mahler und noch im 20. Jahrhundert Prokofjew oder Schostakowitsch bewiesen, dass das Potential nicht ausgeschöpft war.

Ein Jahr vor Gielens Zyklus wurde die Beethoven-Box von Christian Thielemann mit den Wiener Philharmonikern veröffentlicht. Zugespitzt könnte man sagen: Thielemanns Interpretation verhält sich zu der von Gielen oder gar von Järvi wie Schlegel/Tiecks Übersetzungen zu Shakespeares Originalen. Freilich: auch Thielemann ordnet Beethoven historisch ein. In den ausführlichen Gesprächen mit Joachim Kaiser, die seine Edition begleiten, spricht er im Zusammenhang mit dem ersten und dem vierten Satz der 2. Symphonie von einem „Rossinischen Brio“. Für Joachim Kaiser ist Thielemann ein „unternehmungslustiger konservativer Typ“. Das trifft die Sache ziemlich genau. Bemerkenswert auch, dass just der sehr selbstbewusste Thielemann erwähnt, wie ein überragendes Orchester vom Format der Wiener Philharmoniker einen Dirigenten – etwa in Bezug auf Tempi – von seiner Planung abbringen und eigene Vorstellungen durchsetzen kann. Bei Thielemann dauert der zweite Satz der 7. Symphonie übrigens 9:28, also signifikant länger als bei Gielen oder erst recht bei Järvi. Im Gespräch mit Kaiser gibt es einen Zusammenschnitt von Aufnahmen mit Karl Böhm, der diesen Satz extrem langsam, mit Herbert von Karajan und Leonard Bernstein, die ihn in einem mittleren Tempo, und von Georg Solti, der ihn deutlich schneller spielt – und man hat den Eindruck, jedes Mal ein anderes Werk zu hören.

Kurioserweise ist in dem Gespräch zwischen Kaiser und Thielemann wiederholt davon die Rede, dass Beethoven zeige, was er könne, oder es wird einfach nur geschwelgt, aber das Wort „Spannung“ kommt kein einziges Mal vor. Wenn etwas Thielemanns Interpretation nicht nur gegenüber der von Gielen auszeichnet, dann ist es genau dies: die Spannung, die seinem Hinweis auf das Opernhafte in Beethovens Symphonien entspricht. Darin kann allenfalls Leonard Bernstein mithalten. Bei dessen eindrucksvoll langsamer Lesart des zweiten Satzes der 9. Symphonie kommt man freilich nicht umhin, den Anlass der Aufzeichnung – den Fall der Berliner Mauer – mitzudenken. Bei Thielemann kommt die dramaturgische Denkweise besonders bei seinen ungewöhnlich lang ausgehaltenen Generalpausen zum Ausdruck. Mit Brecht: „Es geht auch anders, doch so geht es auch.“

DVD-Cover

Gielen zieht keine Schau ab. Keine großen Gesten, keine Hinwendungen des Profils zum Publikum. Der Dirigent, dessen von einem Rolf Walter gezeichnetes Porträt auf der Hülle der Box und der einzelnen DVDs als Affront gelten muss, wirkt durchweg konzentriert und ernst, nur ganz selten verirrt sich die Andeutung eines Lächelns auf seine meist halbgeöffneten Lippen. Kurios ist der verhaltene Applaus des Freiburger Publikums, außer bei der 7. Symphonie. Ist es von Gielens Interpretation so erschlagen, dass es ihm und sich den Klatschlärm ersparen möchte und erst recht das idiotische Jauchzen, das sich neuerdings, wohl aus Amerika importiert, verbreitet, insbesondere unter den jugendlichen Kollegen von Schauspielern, deren Selbstdarstellungsbedürfnis es nicht erträgt, dass sie an einem Abend nicht auf der Bühne stehen, oder fehlt es ihm schlicht an Begeisterungsfähigkeit? Wie anders, wie enthusiasmiert reagiert doch das Publikum in der Bonner Beethovenhalle bei Paavo Järvi.

P.S.:
Das erwähnte Gespräch zwischen Joachim Kaiser und Christian Thielemann muss einem nicht gefallen. Es hat einen unangenehm großbürgerlichen Gestus, in seiner affektierten, manchmal prätentiösen Formulierungswut, hinter der sich nicht immer bedeutende Erkenntnisse verbergen. Stil und Ambiente dieses Gesprächs passen exakt zum Publikum, das man bei den Konzerten im Saal des Wiener Musikvereins beobachten kann. Die so genannte „klassische Musik“ ist ohne Zweifel eine Domäne der Bourgeoisie. Es ist dieser Klassencharakter, was viele Linke zu Verächtern der „Hochkultur“ macht, die sie am liebsten entsorgen würden. Das ist aber die denkbar unsinnigste Reaktion, und sie dient ganz gewiss nicht jenen, deren Interessen die Hochkultur-Kritiker zu vertreten vorgeben.

In dem Film My Name Is Joe von Ken Loach gibt es eine wunderschöne Szene, in der der proletarische Titelheld erzählt, wie er zu einer Tonbandkassette mit Beethovens Violinkonzert gekommen ist: Im Suff hat er einmal einen Stapel Kassetten in einem Musikladen geklaut. Anschließend verkaufte er sie im Pub, nur diese, das Violinkonzert von Beethoven eben, wollte niemand haben. Zuhause hat er die Kassette dann angehört und die Musik liebgewonnen.

Diese emotional aufgeladene Szene ist von Bedeutung für die Botschaft des Intellektuellen und Künstlers Ken Loach, der tatsächlich mit dem Proletariat sympathisiert. Sie macht sinnlich erfahrbar, was den Arbeitern vorenthalten wird, was sie gemeinhin gar nicht erst kennen lernen: die bürgerliche Kultur. Und sie vermittelt eindringlich, dass Arbeiter diese Kultur durchaus genießen können, wenn sie ihr, wie Joe, unerwartet, durch einen Zufall, begegnen. Was für die Bourgeoisie oft nur noch Statussymbol ist, wurde für Joe „magic“.

Diese Szene hat im übrigen einen Vorläufer – in einem DDR-Film von 1972! In Heiner Carows Legende von Paul und Paula bricht die Titelheldin, eine einfache Angestellte in einem Supermarkt, in Tränen der Begeisterung aus, als sie bei einem Freiluftkonzert genau dieses Stück, Beethovens Violinkonzert, hört. Der „cultural gap“ wird hier dadurch versinnlicht, dass Paula zwischen den Sätzen applaudiert. Paul weist sie unwirsch zurecht, doch nach und nach nehmen die anderen Zuhörer und schließlich auch Paul ihr Beispiel auf und spenden klatschend Beifall. Die Hochkultur muss den „bildungsfernen“ Schichten der Bevölkerung zugänglich gemacht, nicht auf den Müll geschmissen werden. Das haben ein paar Pseudoradikale bloß nicht begriffen.

erstellt am 17.1.2013

Michael Gielen
Beethoven
Symphonies 1-9
EuroArts 2050558 (3 DVD)

DVD bestellen