Gauthier Dance Trailer 2010

Ein Bolero für den Kaffeeklatsch

Gauthier Dance präsentiert »Future 6«

Von Thomas Rothschild

Mit Future 6 setzt Gauthier Dance am Stuttgarter Theaterhaus seine erstaunliche Erfolgsgeschichte fort. Sechs Stücke von sechs Choreographen hat Eric Gauthier im sechsten Jahr des Bestehens seiner Truppe aufs Programm gesetzt, davon sind fünf Uraufführungen. So unterschiedlich die individuellen Ausdrucksformen sind – eins haben sie gemeinsam: sie haben sich vom Schönheitsbegriff des klassischen Balletts verabschiedet. Sie ziehen das Groteske dem Eleganten, die heftige, kantige Bewegung der gleitenden vor. Der menschliche Körper wird weniger aus seinen natürlichen Abläufen her definiert als einem mechanischen Konstrukt angenähert, als hätte er anstelle von Gelenken Scharniere. Diese Erinnerung an den Automaten erzeugt, ganz im Sinne von Henri Bergson, Komik. Gauthier hatte von Anfang an eine Neigung zum Komischen. Der ätherisch feierliche Charakter des traditionellen Balletts ist ihm fremd, wird, wenn er anklingt, ironisch gebrochen. Auch das jüngste Programm zeichnet sich durch Komik aus – am wenigsten übrigens in Gauthiers eigener Choreographie, die auch die schwächste des Abends ist. Für Takuto hatte sich der Chef der Compagnie von japanischen Trommlern inspirieren lassen. Aber die können halt besser, was die Tänzer nun nachahmen, und Choreographie spielt schon bei den japanischen Musikern eine Rolle. Da kann das Tanztheater wenig hinzufügen.

So ernüchternd diesmal Gauthiers eigene, ein wenig berechnende Choreographie (im Vergleich mit dem hohen Niveau der anderen Stücke) war, so atemberaubend war das Solostück I Found A Fox, das sich Gauthier zu einem Song von Kate Bush von seinem Stuttgarter Kollegen Marco Goecke buchstäblich auf den Leib zuschneiden ließ. Hier wird die Annäherung an den Automatenmenschen besonders augenfällig. Was in Strawinskys Petruschka und auch in seinem Jeu de cartes (einer Paradenummer von Gauthiers Freund und Kollegen Egon Madsen) angelegt ist, wird hier auf die Spitze getrieben. Dabei darf Gauthier auch zeigen, welche technische Perfektion er erreicht hat.

Der witzigste Beitrag kommt von dem Israeli Itzik Galili, der mit Das Sofa den bisher triumphalsten Hit von Gauthier Dance geschaffen hat. Cherry Pink And Apple Blossom White ist ein modern abgewandeltes Pas de deux, in dem ein Mann und eine Frau einander zur Musik von Pérez Prado in raschem Übergang abstoßen und anziehen, verjagen und verführen. Das ist das ewige Geschlechterdrama im Zeitraffer, komisch in seiner Aussage und zugleich tänzerisch und rhythmisch ohne Makel.

In den komplexen Burning Bridges des Tschechen Jiří Bubeníček und in Malasangre des Spaniers Cayetano Soto, dem als Idee die Biographie der kubanischen Sängerin Le Lupe zugrunde liegt, dürfen sich größere Teile des Ensembles gemeinsam, in Paaren und solistisch profilieren. Beide Choreographien zeichnen sich durch Vitalität und eine vehemente Körpersprache aus. Bei Soto sind Reminiszenzen an lateinamerikanische Gesellschaftstänze offenbar beabsichtigt. Die Grenzen zwischen Ballett und Gesellschaftstanz – man denke an den Walzer – waren ja immer schon fließend. Und gerade die Musik und die Tänze Lateinamerikas besitzen ein gestisches Potential, das sich das Tanztheater gerne zueigen macht.

Mit dramaturgischer Intelligenz hat Gauthier einen Bolero ans Ende des Blicks in die Zukunft gesetzt. Mit Maurice Béjarts berühmter Choreographie hat dieses Stück des Wiesbadener Ballettdirektors Stephan Thoss nur Ravels Musik gemeinsam. Die sechs älteren Damen, die sich da zu dieser Musik in Ekstase steigern, haben mit Christoph Marthaler oder Alvis Hermanis mehr zu tun als mit Béjart, und wiederum tritt Komik an die Stelle ornamentaler Grandezza. Und doch lässt sich die Erinnerung an Béjarts großen Wurf nicht auslöschen. So witzig dieser neue Bolero im Detail ist: die faszinierende Klimax von Béjarts Choreographie, die Ravels Crescendo so kongenial visualisiert, findet keinen Ersatz.

Zu Beginn tritt Eric Gauthier, wie er es gerne tut, vor den Vorhang, umschmeichelt das Publikum und umgarnt es mit seinem jungenhaften, ein wenig koketten Charme in englisch-deutschem Mischmasch, in dem es nichts ausmacht, wenn er von Chancen in der Bedeutung von Risiken spricht. Er muss gar nicht erst um Standing Ovations betteln. Er bekommt sie. Hätte er für das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters kandidiert – jede Wette: die Grünen wären nicht zum Zug gekommen.

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erstellt am 17.1.2013

GAUTHIER DANCE – Future 6
Eine Produktion von Theaterhaus Stuttgart
in Kooperation mit der Schauburg München


Mit Choreographien von Jirí Bubenícek,
Itzik Galili, Eric Gauthier, Marco Goecke,
Cayetano Soto und Stephan Thoss
Künstlerische Leitung / Choreograph:
Eric Gauthier
Company
Coach: Egon Madsen

Ballettmeister: Renato Arismendi

Künstlerische Leitung Bühne und Kostüme:
Gudrun Schretzmeier

Licht und technische Koordination: Mario Daszenies

Tanz: Elisenda Cladellas Parellada, Anneleen Dedroog, Katharina Diedrich, Eric Gauthier, Miriam Gronwald, Rosario Guerra, Anna Süheyla Harms, Florian Lochner, William Moragas, Sebastian Kloborg, Maria Prat Balasch, David Stiven Valencia Martinez, Tars Vandebeek

Weitere Termine:
Theaterhaus Stuttgart