Quartier im Umbruch

Vom Nutzen der Unordnung

Das Frankfurter Bahnhofsviertel erhält ein neues Gesicht

Von Volker Breidecker

Mit Fotos von Harald Schröder

Deutschland kleinstes Soziallabor misst nur einen halben Quadratkilometer. Bewohnt wird es von wenig mehr als zweitausend Menschen. Sie gehören dafür 84 verschiedenen Nationen an und kennen sich doch – jedenfalls behaupten viele Bewohner das von sich – so gut wie alle persönlich, wenn nicht beim Namen, so doch den Gesichtern nach. Wie an keinem anderen Ort und wie in keiner anderen Stadt leben hier Angehörige sonst miteinander verfeindeter oder untereinander zumindest problematische Beziehungen unterhaltende Ethnien Tür an Tür, oder sie betreiben in unmittelbarer Nachbarschaft ihre Ladengeschäfte: Griechen und Türken, Inder und Pakistani, Afghanen und Iraner, Araber und Afrikaner; desgleichen Christen und Muslime, Juden und Hindus neben den Angehörigen anderer Religionen.

Moscheen grenzen hier an Logenhäuser, und in einer einzigen Ladenpassage, die zwei der drei großen Magistralen, die das Viertel durchziehen, miteinander verbindet, finden sich neben einem afrikanischen Friseur, einem karibischen Bedarfsladen und Bazaren mit fernöstlichen, afghanischen und afrikanischen Lebensmitteln gleich mehrere indische Konfektionäre und Änderungsschneidereien, die auf knallbunte, bonbonfarbene Seidenstoffe der Marke Bollywood spezialisiert sind, neben solchen mit türkischen und arabischen Äquivalenten wie aus Tausendundeiner Nacht. Dazu kommen neben fremdländischen Reisebüros und Telefonläden ein futuristischer Schallplattenladen und ein auf die hochhackigsten Absätze der Stadt spezialisiertes Geschäft für Damenschuhe.

Die alten, außerhalb des Quartiers und vor allem auch außerhalb dieser Stadt gehüteten Klischees von verruchten Bars und Bordellen sind längst obsolet, so wie die entsprechenden Etablissements schon lange nicht mehr das Straßenbild beherrschen – wenn sie es denn, außer auf manchen Seitenstraßen, je taten – so hartnäckig sich die Klischees auch halten. Ein schönes Beispiel auch dafür, welche soziale und kulturelle Vielschichtigkeit und welch hoher Grad an Differenzierung gerade in dieser Stadt und Region sich hinter dem Gemeinplatz „Migrationshintergrund“ verbirgt, ließ sich im vorigen Jahr beim örtlichen Festival „Literaturm“ beobachten: Als Olga Grjasnowa, die junge Autorin des gefeierten Romans „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ von der Schriftstellerin Zsuszsa Bánk moderiert wurde, löste eine Irritation die andere ab, obgleich die Veranstalter beide gerade aufgrund ähnlicher Migrationsschicksale miteinander ins Gespräch bringen wollten: Grjasnowa, 1984 in Baku geboren, war 1996 mit ihren Eltern aus dem von Gewalt und Bürgerkrieg zerrütteten Aserbaidschan geflohen und als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen; Bánk wurde 1965 in Frankfurt als Tochter von nach dem gescheiterten Aufstand von 1956 aus Ungarn geflohener Eltern geboren. Als gestandene Erfolgsautorin am Taunusrand lebend, vermochte Bànk der Rückschau Grjasnowas auf ihren ehemals Frankfurter Job als Schuhverkäuferin und auf ihr als besonders angenehm geschildertes Leben und Wohnen im Frankfurter Bahnhofsviertel nur leicht pikiert zu folgen.

Etwa seit der Mitte des vorigen Jahrzehnts ist etwas mit diesem lange Zeit ebenso verrufenen wie vernachlässigten Quartier geschehen: Auch neben und jenseits seines erneuerten alten Prachtboulevards Kaiserstraße ist es nicht nur wieder lebenswert, sondern auch so lebendig, pulsierend, urban geworden, wie kein zweites Frankfurter Stadtviertel. Prozesse der Gentrifizierung, denen unvermeidlich das Entstehen langweiliger Monokulturen einhergeht, hatten oder haben anderswo ihre Kulminationspunkte längst erreicht oder bereits überschritten – mit den üblichen Folgen auch der Verdrängung einkommensschwächerer Bewohner. Das Muster solcher Prozesse ist bekannt und lässt sich, wie es zunächst scheint, auch kaum irgendwo aufhalten, wo ein Stadtteil saniert, umgebaut und qualitativ aufgewertet wird. Es wird auch am Frankfurter Bahnhofsviertel nicht spurlos vorbeigehen, und viele Zeichen weisen bereits klar in diese Richtung: Je mehr neuer Wohnraum geschaffen wird, zumeist durch Umwandlung leerstehender Gewerberäume und mit Förderungsmitteln aus städtischen wie regionalen Fonds, um so interessanter wird das Viertel für Investoren und um so mehr steigen die Grundstückspreise und die Mieten. Damit wäre auch das Schicksal des gegenwärtig noch so lebendigen, heterogenen und bunten Frankfurter Bahnhofsviertels künftig besiegelt.

Aber muss das wirklich sein, so wie bereits an einer exponierten Stelle der Kaiserstraße zu sehen? Dort entsteht gerade ein mächtiger, aber etwas einfallsloser Komplex – „K58“ genannt – mit bereits verkauften Eigentumswohnungen der Luxusklasse, dessen Architektur sich weder in den Maßstäben noch im Material in die Umgebung der vorhandenen Gründerzeitbauten einfügt, sondern eher gewissen Neubauten von Berlin-Mitte nachgebildet zu sein scheint. Oder lässt sich solchen nicht doch zumindest so weit gegensteuern, dass am Ende und gewissermaßen als Ausgleich tatsächlich das entsteht, was die Stadtplaner und die an den Planungen beteiligten Bewohner und Gewerbetreibenden, die hier seit Jahren auch besonders aktiv sind, eigentlich im Sinn haben: die Aufwertung eines vormals heruntergekommenen Quartiers kraft seiner besseren sozialen und demographischen Durchmischung. Und dabei könnten gerade die Besonderheiten und obendrein die unleugbar vorhandenen Probleme und Brennpunkte dieses Quartiers auch eine positive Wirkung entfalten: Denn woran schon frühere kommunalpolitische Vorgaben gründlich scheiterten, alle Versuche, sowohl die Drogenszene als auch das Prostitutionsgewerbe aus dem Viertel zu vertreiben, daran wird sich hier auch in Zukunft nichts ändern, was Gentrifizierungsprozesse unweigerlich begrenzen wird.

Dafür sorgt zunächst schon der nahe Hauptbahnhof als einer der größten europäischen Verkehrsknotenpunkte und Umschlaghafen für Menschen. Desgleichen die zumeist gut ausgelastete Hotellerie in seinem Umkreis – das Viertel rühmt sich der weltweit größten Hoteldichte –, deren Bettenzahl das Fünffache der Einwohnerzahl erreicht. Hier ist nun einmal das Entrée der Stadt, wo Gäste und Gastgeber, für die die französische Sprache nur ein einziges gemeinsames Wort kennt – „l'hôte“, der Wortstamm für das „Hotel –, im Geben und im Nehmen und in Gastfreundschaft zusammenkommen sollten. Um so grotesker, dass die Stadt Frankfurt und die Deutsche Bahn sich noch immer darüber streiten, an welcher der Autorennbahnspuren, die den Bahnhofsvorplatz in für Gäste, Reisende und andere Passanten besonders widriger und lebensgefährlicher Weise durchziehen, die beiderseitige Zuständigkeit anfängt und aufhört, also endlich durch einen adäquaten Umbau des Vorplatzes gemeinsam dafür sorgen, dass der Hauptbahnhof in seinem 125. Jubiläumsjahr auch historisch zugehöriges Quartier wieder annimmt, um von neuem damit zusammenzuwachsen – auch der Gastfreundschaft zuliebe, die hier ihr Quartier finden und behalten sollte.

Nun sind Bahnhöfe und Bahnhofsviertel schon immer auch die Orte transitorischer, devianter und niederer Gewerbe. Deshalb werden Prostitution als auch Drogenkonsum hier immer ihre Niederlassungen bewahren. Bordelle im klassischen Sinn gibt es im Frankfurter Bahnhofsviertel ohnehin keine mehr, an ihre Stelle sind florierende Laufhäuser getreten, die fast alle in naher Nachbarschaft angesiedelt sind. Auffällig an der gesamten Sexindustrie im Bahnhofsviertel ist, dass diese bereits eifrig an ihrer eigenen Musealisierung arbeitet: Die Laufhäuser, die ihre Fassaden zum Teil schon mit zeitgenössisch künstlerischem Skulpturenschmuck verschönerten, veranstalten inzwischen sogar Hausführungen „nur für Frauen“; und vormalige Striptease-Bars musealieren ihr samtenes Plüschmobiliar aus der Nachkriegszeit, während sie die klassischen Nacktshows und selbst den Table-Dance durch ein höherwertiges Kulturprogramm, das vor allem junge Gäste anzieht, ersetzt haben. Und was das neuralgische Drogenproblem angeht, so hat dies zwar weiterhin auch seine sichtbar unschönen Seiten, ist aber durch die vorbildlich liberalisierte Frankfurter Drogenpolitik nicht mehr annähernd so gravierend und vor allem nicht mehr so tödlich wie noch vor zwei, drei Jahrzehnten. Die Szene konzentriert sich um insgesamt drei sogenannte „Druckläden“, in denen die Abhängigen nicht nur einem kontrollierten Konsum nachgehen können, sondern wo sie auch sanitäre Einrichtungen vorfinden sowie medizinische, soziale und psychologische Betreuung in Anspruch nehmen können.

Was dann noch die allgemeine Sicherheit und die Abwehr der Kriminalität im Viertel angeht, so ist an keinem anderen in Frankfurt die Polizei in sowohl auffälliger als auch unauffälliger Weise schneller und wirksamer präsent als im Bahnhofsviertel. Am lebenswertesten und liebenswürdigsten ist das Viertel aber durch den Charme und die Aktivitäten derer, die hier leben und arbeiten. Da ist zum Beispiel als wohl wichtigster, emsigster und beinahe allgegenwärtiger Repräsentant des Bahnhofsviertels der Künstler Oskar Mahler, der nicht nur ein selbstgeschaffenes „Hammermuseum“ eröffnet hat, der als selbsternannter „Stadtteilbildhauer“ sein Bahnhofsviertel gleichzeitig erforscht und gestaltet – indem er erforscht und nach dem schaut, was da, was an Potentialen, auch ungenutzten, vorhanden und es im Dialog mit anderen zur Sprache und zum Auszudruck zu bringen verhilft. Deshalb kann Oskar Mahler, ehemals ausgebildeter Gestalttherapeut und vormals landesweit prominenter Puppentheatermacher, der in diesem Viertel in den sieben oder acht Jahren seines Wirkens schon unglaublich viel bewegt hat, mit Recht von sich sagen, er wolle „das Bild des Viertels neu entwerfen“. Der Idee zufolge, die er von diesem Stadtquartier hat, ist das Viertel selbst „eine Idee“, und „der Idee entsprechend, befindet sich das Bahnhofsviertel auch heute noch in der Zukunft“. Wie alles wird auch dieses Viertel sich immer wieder ändern. Als Transitraum oder, wie Mahler sagt, als „Gästezimmer“ einer gastlicheren Stadt, hat es aber jede Chance sich in diesem Stadium des Übergangs zwischen einem „nicht mehr“ oder „noch nicht“ auf Dauer zu erhalten und seinen unverfälschten Charme zu bewahren. Auf ins Bahnhofsviertel! Auch und gerade für die Frankfurter gibt es da, wie in einer Wunderkammer, noch viel zu entdecken.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

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erstellt am 17.1.2013

Bahnhofsviertel Frankfurt, Foto © Harald Schröder
Bahnhofsviertel Frankfurt, Foto © Harald Schröder
Bahnhofsvorplatz Frankfurt, Foto © Harald Schröder
Bahnhofsvorplatz Frankfurt, Foto © Harald Schröder
Hauptbahnhof Frankfurt, Foto © Harald Schröder
Hauptbahnhof Frankfurt, Foto © Harald Schröder
Alims Fischmarkt, Foto © Harald Schröder
Alims Fischmarkt, Foto © Harald Schröder
Moschee in der Münchener Straße, Foto © Harald Schröder
Moschee in der Münchener Straße, Foto © Harald Schröder
Logenhaus in der Kaiserstraße, Foto © Harald Schröder
Logenhaus in der Kaiserstraße, Foto © Harald Schröder
Münchenerstraßen-Szene, Foto © Harald Schröder
Münchenerstraßen-Szene, Foto © Harald Schröder
Türkisches Cafe, Foto © Harald Schröder
Türkisches Cafe, Foto © Harald Schröder
Schwester Eva, Foto © Harald Schröder
Schwester Eva, Foto © Harald Schröder

Ein schöner Lese-Bildband über das internationalste und vielseitigste Quartier der Mainmetropole ist im Frankfurter B3 Verlag erschienen:

Im Bahnhofsviertel
Expeditionen in einen legendären Stadtteil
Herausgeber: Jürgen Lentes und Jürgen Roth, Autoren u.a. Matthias Altenburg, Matthias Beltz, Eva Demski, Bodo Kirchhoff, Jürgen Lentes, Jürgen Roth, Peter Zingler
Hardcover mit Schutzumschlag,
240 Seiten, mit über 180 Abbildungen
ISBN: 978-3-938783-71-9

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