Quantifizierung verändert die Vorstellung von Qualität. Im Zeitalter des Internets ist gut, was von den Suchalgorithmen im Netz-Ranking nach oben gebracht wird. Glück als Qualitätsmaßstab wird demontiert. Der Schweizer Komponist Patrick Frank hat die destruktive Seite dieser Entwicklung in ein multimediales Kompositionskonzept eingefügt und als Diskurskonzert auf die Bühne gebracht. In der Regie von Gian Manuel Rau wurde das Gegenwartsstück „wir sind außergewöhnlich“ am 19. und 20. Januar 2013 in den Berliner Sophiensälen uraufgeführt.

Wir sind außergewöhnlich ist ein als work in progress vorgestelltes, experimentelles Diskurskonzert, das Kulturtheorie in eine ästhetische Form bringt. Das Projekt ist in Kooperation mit dem Europäischen Zentrum der Künste, Hellerau, Dresden entstanden und wird dort u.a. ebenfalls zu sehen sein. Faust-Kultur verfolgt die Weiterentwicklung dieser mit zeitgenössischen Ausdrucksmitteln gestaltete Gegenwartsdiagnose. Perspektiven der Neuen Musik, Philosophie, des Theaters und Films sind hier zusammengeführt und treten auch auf der Ebene der Rezeption in einen durchaus kontrovers geführten Dialog.

Unterschiedliche Reaktionen auf das Diskurskonzert sollen darum langfristig zusammengeführt werden. Den Anfang macht Christoph Haffter, der in seinem Blogbeitrag persönliche Beobachtungen zur Uraufführung formuliert hat:

aber überzeugen Sie sich selbst

Reaktion auf das Diskurskonzert wir sind außergewöhnlich

Von Christoph Haffter

Die Strategie der Subversion treibt, was sie bekämpft, ins Unerträgliche weiter. Sie spielt die Waffen ihrer Gegner aus bis zum Verdruss, auf dass die Gegner selbst von Ihren Waffen lassen. So beschreibt Patrick Frank seinen künstlerischen Waffengang gegen die um sich greifende Wertschöpfungsmaschinerie des Kunstmarktes. Er konzipierte für die Berliner Sophiensälen ein Diskurskonzert, das diesen subversiven Angriff führen sollte: Die Partitur seines Werks law of quality wird im Bilderrahmen auf der Auktionsstaffelei ausgestellt, von Sänger Jakob Pilgram, der eben noch aus ihr gesungen hatte, als profitversprechende Investition angepriesen, aber überzeugen Sie sich selbst von ihrem Potenzial! und wie im Kochstudio die Vorspeise geht hier das Kunstwerk durch die Reihen. Die Kampfhandlungen beschränken sich jedoch nicht auf das Terrain der Parodie: Die Reflexion auf das eigene Tun wird vom Programmheft auf die Bühne verlegt, wo Frank den Philosophen Enno Rudolph über Quantität und Qualität in der abendländischen Denkgeschichte sinnieren lässt; und man weiss nicht recht, ob die Verballhornung hier endet oder ob sie erst recht beginnt, sich noch eine Stufe höher schraubt: Führt Frank hier nicht die Tendenz gegenwärtiger Kunst vor, dem Zuschauer die Auslegung abzunehmen? Kunst, die ihren Kunstanspruch gleich selbst einzulösen verspricht – eine vorzügliche Vermarktungsstrategie.

Das Diskurskonzert schreibt sich in die Tradition der Künstlerkritik ein und das unbequeme Denken auf den Banner. Der Abend muss als gelungen erachtet werden, je unerträglicher er sich gestaltet – das ist die Subversionslogik, die aus den zitierten Texten Jean Baudrillards spricht. Dessen Kritik will keine Alternative formulieren, sie will keinen Ausweg finden, sondern sie treibt das Entsetzliche unserer Tage bis zum letzten. Das Denken Enno Rudolphs ist von dieser fatalistischen Performanz jedoch weit entfernt, wenn er etwa mahnt, dass Pluralismus eine Bereitschaft erfordert, kulturelle Differenzen auszuhalten, statt sie in Populismus zu entladen; solche Gedanken bilden einen Fremdkörper in diesem subversiven Waffenkorps, der keine Versöhnung sondern Zuspitzung, keine Vermittlung sondern Entgrenzung des Abscheulichen, Übersättigung der Leere verfolgt. Ein Harry Lehmann wäre hier der bessere Hilfstrupp.

„Die 1000 wichtigsten Menschen“, „die 240 aussergewöhnlichsten Musikstücke“ flimmern innert weniger Sekunden über Leinwände, die den Hintergrund der Szene bilden. Youtube-Videos von Krisenanalytikern, Krisenberichterstattern, medialen Krisenpriestern rhythmisieren das Bühnengeschehen, zum Schluss kocht es in ein Stimmengewirr hoch, das dem weissen Rauschen der entleerten Hyperinformation einen musiktheatralischen Ausdruck geben mag. Die Inszenierung sucht geradezu die Übereindeutigkeit, und das zurecht, denn das Mehrdeutige, die Raffinesse, das Geheimnis sind nicht die Waffen eines Subversionskampfes.

Das Quantifizieren von Qualtitäten, das Übersetzen von erlebten Intensitäten der Kunst ins Zähl- und Zahlbare des Marktes führt in absurde Spiele, es ist genauso unmöglich wie notwendig. Die Frage ist nur: Wen stösst dieses Anti-Spektakel zum Denken an, wer fühlt sich von ihr angegriffen, wer ist verstört und sagt sich so kann es nicht weitergehen? Ist der Gedanke, der hier multimedialen Ausdruck findet, nicht längst in ebendem bon sens angekommen, den Patrick Frank zu bekämpfen vorgibt?

Christoph Haffter
geboren 1988, studierte in Basel, Paris und zur Zeit in Berlin Musikwissenschaft und Philosophie. Er schreibt regelmäßig für Musikzeitschriften und Radio.
Blog der Donaueschinger Musiktage 2012

Quantifizierung verändert die Vorstellung von Qualität. Gut ist, was von Suchalgorithmen im Internet-Ranking nach oben gebracht wird. Glück als Qualitätsmaßstab wird demontiert. Der Schweizer Komponist Patrick Frank hat die destruktive Seite dieser Entwicklung in ein multimediales Kompositionskonzept eingefügt und als Diskurskonzert auf die Bühne gebracht. In der Regie von Gian Manuel Rau wird das Gegenwartsstück „wir sind außergewöhnlich“ am 19. und 20. Januar in den Berliner Sophiensälen uraufgeführt. Mehr zur Inszenierung gibt es hier.

»Immer dort, wo nichts mehr ist, bildet sich eine Art Überfülle«
Jean Baudrillard

Diskurskonzert

Im blinden Fleck der Postmoderne

Von Andrea Pollmeier

Mit welchen Folgen muss eine Gesellschaft rechnen, die ausschließlich quantifiziert? Zerstören Suchalgorithmen, die in quantitative Gesamtsysteme eingebettet sind, die traditionelle Werteordnung? Wann wird ein Kunstwerk zu einem bloß quantitativ funktionierenden Massenprodukt? Ist Qualität quantifizierbar?

Der Schweizer Komponist Patrick Frank hat sich diesen heiklen Zeitfragen zugewandt. In dem Diskurskonzert „wir sind außergewöhnlich“, das am 19. und 20. Januar zusammen mit Regisseur Gian Manuel Rau in den Berliner Sophiensälen uraufgeführt wird, spürt Frank dem Moment, in dem Qualität in Quantität übergeht, nach und überträgt die Erfahrung dieses Umbruchs in eine dekonstruierende, multimediale Sprache. Die Krisenstimmung der Gegenwart wird mit den Mitteln der Neuen Musik, die auch Film und Videoelemente einbezieht, hier auf die Spitze getrieben.

Im ersten künstlerischen Teil des Projektes werden in drei Kapiteln die Themen ‚Quantitäten’, ‚Populismus’ und ‚Subversion’ musikalisch und im theoretischen Diskurs inszeniert. Romantische und moderne Liedklänge, von Jakob Pilgram (Tenor) und Judit Polgar (Klavier) auf der Bühne live eingespielt, geben der Sehnsucht nach einer Schönheit Ausdruck, die der Gegenwart nicht mehr entspricht. Diesem romantischen Rückbezug wird die multimediale Sprache der Moderne entgegengesetzt: Moderne Lichtblitze, akustische Doppelungseffekte und Videobilder aus energiereichen Beamern lassen in Sekundenbruchteilen 1000 Berühmtheiten oder die 240 bestverkauften Musikhits Revue passieren.

Die Quantifizierung der Qualität wird visuell (Bühne: Michel Schranz, Lichtgestaltung: Markus Brunn, Video: David Rittershaus) und akustisch (Klangregie: Jürg Lindenberg) auf die Spitze getrieben. Das als Konzeptstück eingespielte Video „Law of Quality“ wird diesen Umschlag von Qualität in Quantität im Verlauf einer Auktion speziell für den Bereich der Bildenden Kunst abbilden. Quantifizierung hat inzwischen offensichtlich alle Bereiche des Lebens infiziert. Kunst, Musik, zum Event stilisierte Talks – alles scheint mit postmoderner Inhaltsleere durchlöchert zu sein.

Die Idee der Qualität soll jedoch erahnbar bleiben: In einem philosophischen Diskurs, den Patrick Frank zusammen mit dem Philosophen Prof. Enno Rudolph auf der Bühne realisiert, wird der Blick auf die blinden Flecken der Postmoderne gerichtet, Wertewandel in seinen Ursachen reflektiert.

Diese zwischen massenhafter Sinnesreizung und konzentrierter Reflexion hin- und herschwingenden Impulse regen, so das offene Konzept des „aussergewöhnlichen“ Projekts, zur Diskussion an und motivieren das Publikum, in einem eigens hierfür vorgesehenen Diskursraum bei Brot und Wein selbst zu Mitwirkenden zu werden.

Stimmen der Akteure

Patrick Frank:
Da qualitative Außergewöhnlichkeit nicht mehr festzustellen ist, wird die Quantität zum neuen Instrument der Differenz. Quantität = Qualität lautet die Formel, mit der die ekstatische Gesellschaft effizient abermillionen indifferente Informationen verarbeiten kann. Darunter zu leiden haben diejenigen kulturellen Leistungen, die nicht quantitativer, sondern qualitativer Natur sind: beispielsweise die Kunst oder die Geisteswissenschaften. Mit dem Zwang zur quantitativen Logik wird auch die Kunst in den Sog des Scheins gezogen. Die Massenkultur des Außergewöhnlichen ist das Bild einer entfesselten, möglichkeitsüberfluteten Gesellschaft im manischen Kampf um Differenz.

Enno Rudolph:
Außergewöhnlichkeit ist gewöhnlich geworden. Das ist die Kehrseite des sozialen und weltanschaulichen Pluralismus, den wir zu Recht gern verteidigen: Je mehr Menschen unterschiedlicher Kultur in einer Gesellschaft neben- und miteinander leben, desto mehr haben sich die Bürger in der Tugend der Toleranz zu üben. Pluralismus ist Ausdruck und Index der Liberalität einer Gesellschaft. Andererseits – wenn der Pluralismus zur Toleranz gegenüber der Indifferenz, und wenn damit die Indifferenz zur Gestalt der Toleranz gegenüber einer unbeschränkten sozialen Vielfalt wird, kann es zu einer fatalen Selbstzerstörung des gesellschaftlichen Pluralismus kommen: Der Pluralismus hebt sich auf und geht in Indifferenz über. Diese Entwicklung dürfte leicht durch erklärte Gegner des Pluralismus gefördert werden – sie sind die Profiteure der tragischen Wehrlosigkeit des Pluralismus. Sie haben alte Gesichter: nämlich solche der Intoleranz und der Feindschaft gegenüber den Anderen. Pluralismus ist eine Qualität, die Vielfalt pflegt und fördert, statt Vielheit verwaltet. Geht die Vielfalt verloren, wird die Welt nur noch in Größen und Zahlen, nicht in unverwechselbaren Eigenschaften wahrgenommen: Der Umschlag der Qualität in Quantität ist damit definitiv vollzogen. Die Digitalisierung der großen Mehrzahl unserer Kommunikationsprozesse ist ein exemplarischer Vorgang dafür. Der Prozess der Ersetzung von Qualität durch Quantität ist derart erfolgreich, dass unsere Sinne für die Wahrnehmung von Qualitäten stumpf geworden sind. Selbst Glück ist seit langem zu einem quantifizierbaren Ziel geworden, das Sein zur Habe, das Leben zur Zahl, zur verlängerbaren Frist, zur Anzahl der bloßen Wiederholungen von leeren Lebensvollzügen. Das vereinfacht sowohl den Kommerz als auch den Diskurs, – aber auch die Beherrschbarkeit der großen Mehrheit durch die wenigen siegreichen Expertokraten auf dem Schlachtfeld der diversen Zahlenspiele: derjenigen der Großfinanzen, der Lebenswissenschaften und der Demographien. Der Umschlag der Qualität in Quantität hat irreversible Züge angenommen.

Enno Rudolph

Gian Manuel Rau:
Die Dramaturgie des Abends folgt den Gesetzen des Verführungs- und Entzugsprinzips. Unser Heißhunger nach maximaler Reizüberflutung wird mit chirurgischer Präzision zerlegt und vorgeführt. Es entsteht ein sinnlich-ernsthaftes Protokoll, dessen intimer Kern eine beharrliche philosophische Untersuchung darstellt, in Form eines Gespräches und eines Vortrags inmitten einer Aufführung von Musikstücken und Beleuchtungswitterungen.

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erstellt am 13.1.2013

»Das metastasenartige Wachstum quantitativen Denkens und quantitativer Moral beschert der Gesellschaft nie enden wollende Glücksversprechen.«

Patrick Frank

»Eine Gesellschaft, die ausschließlich qualifiziert, explodiert im Faschismus. Eine Gesellschaft, die ausschließlich quantifiziert, implodiert im Populismus.«

Patrick Frank

Jean Jacques Rousseau beschrieb den Moment, in dem das qualitative Leben eines imaginären Urzustands in ein vom Markt geprägtes, quantitatives Leben umschlägt:
O-Ton Enno Rudolph I

Glück als Qualitätsmaßstab wird im Zeitalter der Quantifizierung demontiert:
O-Ton Enno Rudolph II

Audios © Andrea Pollmeier, Faust-Kultur

Wie die Neue Musik auf gesellschaftliche Tendenzen der ausgehenden Postmoderne reagiert beschreibt Patrick Frank in seinem Vortrag:
Patrick Frank: Subversionen in der Musik heute