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Friedrich Kittler war nicht nur ein Selbstdenker, sondern auch ein Weiterdenker, dessen Geschick, heterogene Gedanken miteinander zu verknüpfen, seine Zuhörer in Bann schlagen konnte. Seine ungewohnte Weise, attraktive Zugänge so zu eröffnen, dass sich zugleich die Aufgabe stellte, dem bis dahin Ungedachten nachzugehen, hatte er mit wenigen Denkern wie Heinz von Foerster oder Alexander Kluge gemeinsam. Er war ein Kreuz- und Querdenker auf der Basis profunder Gelehrsamkeit und zugleich ein Systematiker mit technologischen Leidenschaften. Die Erwähnung seines Namens konnte bei anderen Professoren Wutausbrüche auslösen; er selbst war aber auch nicht schlecht im Verteilen kollegialer Ohrfeigen. Dem Freidenker hat nun die Zeitschrift »Tumult. Schriften zur Verkehrswissenschaft«, die im Verlag Büchse der Pandora erscheint, eine Ausgabe gewidmet: »Friedrich Kittler. Technik oder Kunst?«. Geoffrey Winthrop-Young stellt sie mit einem Textauszug vor.

Textauszug

Kittler und seine Terroristen

Von Geoffrey Winthrop-Young

Terroristen-Klartext

Friedrich Kittlers Mosse-Lecture von 2002, „Von Staaten und ihren Terroristen“, verfolgt auf den ersten Blick eine klare These: Jedes Machtsystem schafft sich seine eigenen Feinde. Diese These ist nicht nur einleuchtend, sondern hat auch eine ehrwürdige Tradition. Nach Karl Marx (den Kittler gelegentlich pries) erzeugt jedes Zeitalter in der unerbittlichen Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen die jeweiligen Kräfte für eine revolutionäre Neuordnung. Kaum haben sich die Städte mit den Palästen der Bourgeoisie gefüllt, kommt aus deren Kellern das Proletariat hervor, mit dem geschichtlichen Auftrag, sie niederzureißen. Für Kittlers thereotischen Waffenbruder Paul Virilio bringt jede neue Entwicklungsstufe der Technik ihre eigenen Formen des Unfalls und Missbrauchs hervor. Hat man erst mal den Himmel voller Flugzeuge, hat man auch Air France 447, Lockerbie und 9/11. Kittler geht davon aus, dass jeder neue Zustand – oder genauer – jede historisch kontingente Konstellation von Datenverarbeitungstechnologien und Aufschreiberegeln – Kräfte produzieren wird, die die herrschende Machtstruktur stören, indem sie diese Konstellation nutzen. Hat man erst mal Hochhäuser, dann hat man auch Terroristen, die sie in die Luft jagen. Gibt es erst mal globalen Luftverkehr, Kommunikation und einen weltweiten Schwarzmarkt für Waffen, dann hat man auch global operierende Terrornetzwerke. Medien bestimmen die Lage unserer Terroristen.

Um einen Begriff zu benutzen, den der junge Kittler besonders liebte: Das ist Klartext, ein Set von Algorithmen und Speicherregeln, die die Bedingungen bestimmen, unter denen sinnvolle Aussagen möglich sind. Der Rest – und das sind mehrere Bibliotheken voll politologischer, soziologischer, kulturwissenschaftlicher und anthropologischer Theorien zur Gewalt – ist Interpretation. Anders gesagt: Das wichtigste Wort in Kittlers Titel ist das Possessivpronomen. Es verweist darauf, dass terroristische Praktiken eine Frage von ziemlich geschlossenen Systemen und lokalisierbarem Feedback sind. Staaten produzieren ihre hausgemachten Terroristen. Darum sollte man in Kittlers Mosse-Lecture keine historisch großen Linien suchen, keinen durchgehenden blutroten Faden durch die Geschichte, der ein für alle Mal erklären würde, was Leute dazu bringt, sich selbst und andere in die Luft zu sprengen. Vielmehr geht es darum, in jeder historischen Situation genau hinzuschauen, nach den Einbrüchen der Lebenswelt, politischen Regeln, Waffenstandards, Überwachungssystemen und allen andern fragwürdigen Aktivitäten zu suchen, die einen „Staat“ konstituieren. Ganz im Sinne dieser Emphase auf den historischen Brüchen liefert Kittler stattdessen eine Reihe von historischen Momentaufnahmen: das späte British Empire, das Maßnahmen gegen frühe Schurkenstaaten und aufständische Eingeborene ergreift; das frühe amerikanische Imperium, das seine Ressourcen in Asien sichert; das globale amerikanische Imperium im tödlichen Kampf mit ebenso globalen Terrornetzwerken. Liest man das schnell genug, dann überblenden sich die Einzeleinstellungen zu einem durchgehenden Narrativ von Eskalation und Identitätsverlust.

Aber entgegen der chronologischen Ordnung fängt Kittler in der Mitte an, im Deutschland der RAF, um 1970. Natürlich weiß er genau, wovon er redet: Das ist sein Land und seine Generation, das sind seine Terroristen. Das Thema ist ihm so vertraut, dass trotz seiner Düsterkeit eine gewisse Leichtigkeit aufkommt. Manchmal liest sich die Konfrontation zwischen der RAF und dem deutschen Sicherheitsapparat wie eine comedy of terrors. Danach werden die Dinge undeutlicher. Kittlers Klartext ist nicht das Ergebnis einer Reduktion oder Implosion, sondern einer Verdichtung, als würde Sand durch das schmale Loch einer Sanduhr gepresst. Im Fortschreiten seiner Argumentation löst dieser Klartext sich mehr und mehr auf. Aber genau da wird es am interessantesten, denn – wie in vielen Kittler-Texten – ist die eigentliche Pointe nicht so sehr der Inhalt seines Arguments, sondern vielmehr die Spur der Verwüstung, die es hinterlässt.

Es lohnt sich darum, dieser Verdichtung auf den Spuren eines jüngeren Kittler nachzugehen, wo ein sehr unwahrscheinlicher Held seinen Platz in seinem Pantheon einnimmt.

Textauszug

Zu den Römern

Von Friedrich Kittler

Das Griechenalphabet erreicht Italien

Empire und Empirie
Enzensberger, Mausoleum

Rom beginnt wie alles Große nicht von sich her, sondern aus und in der Kreuzung drohend fremder Welten. Romulus und Remus, die brüderlichen Gründerhelden Roms, müssen ins etruskische Gabii auswandern, um daselbst die Lettern und Musik zu lernen.(4) Aus eben dieser Stadt, zwölf Kilometer nordöstlich von Rom, stammt um -780 (oh Wunder) die älteste griechische Inschrift, die bislang an unseren wissenschaftlichen Tag gekommen ist.(5)

Um -770 besiedeln Griechen und Phoiniker (lange vor Hans Werner Henze und seiner großen Muse Bachmann) eine kleine Insel, die bei Griechen Pithaikusai oder Affeninsel heißt: Ischia im schönsten Golf der Welt. Sie bringen beide ihre Alphabete mit, die Konsonantenschrift Karthagos und das Vokalalphabet von Chalkis.(6) Die vor Barbaren sichere Insel Ischia ist eine erste Handelsniederlassung fern im Westen, die aus Elbas reichen Minen Blei und Eisen aufkauft und verschifft.(7) So treten die Etrusker, denen Elba und (im Namen schon) auch die Toscana eignen, mit Griechen und Phoinikern in Verkehr. So hat Odysseus Kirke, die Sirenen, kurzum Italien entdeckt. So ökonomisch billig legen sich Historiker, nun schon zum zweiten Mal, den Ursprung unserer Schrift zurecht.

Auf jener schönen Affeninsel läuft es anders. Zum ersten Mal wohl in der Schriftgeschichte stehen den Eingeborenen zwei Zeichensätze frei zur Wahl. Doch welches von den beiden Alphabeten um -700 aus Ischia (oder dessen Gründung Kume/Cumae) siegreich nach Italien gelangt, liegt fast auf der Hand.(8) Allein das griechische Vokalalphabet kann beliebige Sprachen encodieren, auch solche, die wie das Etruskische zwar lesbar sind, jedoch bis heute noch nicht decodiert. Wir können also (dank den Griechen) alle Texte mühelos verlauten, wissen aber dennoch nicht, was sie besagen. Etruskisch bleibt ein Rätsel unserer Sprachgeschichte, das (wie schon Hephaistos wusste) nur bei den Allophonen auf der Insel Lemnos wiederkehrt.(9) Als würden Griechen staunend dessen gewahr, dass rund ums Mittelmeer nicht alle Münder griechisch sprechen, obwohl sie jedes Zeichen lesen können. So paradox wird seit Erfindung des Vokalalphabets die Schriftgeschichte.

Um dies fremde Alphabet an ihre unbekannte Sprache anzupassen, schreiben die Etrusker es vielmals als solches auf,(10) fast wie einst in Ugarit, wo den Lettern erstmals ordinale Werte zugewiesen wurden. Doch diese Listen täuschen darüber weg, dass es um griechische Vokale, dies weltweit einzige Ereignis, nicht mehr immer geht. Für Pescennius als Eigennamen steht etruskisch nur ein knappes PSCNI; Götternamen wie Minerva schrumpfen in der Niederschrift zu MNVRA.(11) Offenbar ist das Etruskische nicht wie Homeros’ Griechisch aus lauter klingend vollen Silben aufgebaut. Die Betonung auf dem Wortanfang, die das Lateinische zunächst beerben wird, schluckt Vokale in der Mitte (um nur am Schluss Minervas Frausein zu verraten). Wer also die etruskische Minerva in seiner Muttersprache anruft, wird, was die dunkle Zeichenfolge MNVRA abkürzt, zwar lesend mühelos ergänzen; uns anderen aber hilft nur die lateinisch ausgeschriebene MINERVA.

ANMERKUNGEN

  • (4) Dion. Hal. Ant. Rom. I 84, 2–4; Plut. Vit. Rom. VI 1 (mit Dank an Joachim Latacz). Über andere sagenhafte Schriftbringer wie den Arkader Euandros, einen Sohn der Nymphe Carmenta, siehe Tac. Ann. XI 14, 3. Dazu Ranke-Graves, 5 1965, I 163, und Hammarström, 1920, 52f.
  • (5) <= 1.5.1.1.
    (6) <= 1.2.2.3.1.
  • (7) Ich habe Elba selber nur am Horizont auftauchen sehen, träume aber deinen Briefen von der Insel nach.
  • (8) Vgl. dagegen Hammarström, 1920, 52: „Es ist bemerkenswert, dass die Überlieferung der Antike selbst vom Ursprung der italischen Schrift aus Kampanien nichts wissen will, sondern einhellig dieselbe aus dem griechischen Festlande eingeführt sein lässt. Auf solche Sagen oder Fragen haben wir noch immer keine Antwort.“
  • (9) Od. VIII 294. Über Etrusker auf Lemnos vgl. auch Thuc. IV 109 und Ap. Rhod. IV 1760f.
  • (10) Vgl. Hammarström, 1920, 0, und Blanck, 1992, 14f., über die ausgegrabenen Abecedarien von Marsiliana, Caere usw.
  • (11) Wade-Gary 1950, 11–14; Powell, 1991, 110.

Auszüge aus dem Sonderheft TUMULT über Friedrich Kittler. © Büchse der Pandora, Wetzlar 2012

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erstellt am 13.1.2013

TV Doku Spiegel Unberechenbarkeit 1/3: Friedrich Kittler im Gespräch mit Alexander Kluge

Zeitschrift TUMULT
Friedrich Kittler
Technik oder Kunst?
Büchse der Pandora, 2012
ISBN 978-3-88178-540-2

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