DER PRINZ VON HOMBURG – Interview

Hans Werner Henze: Der Prinz von Homburg

Träume eines Eigenwilligen

Am Staatstheater in Mainz setzt Regisseur Christoph Nel der Oper „Der Prinz von Homburg“ von Hans Werner Henze ein eindrucksvolles Denkmal.

Nel inszeniert die Träume eines Eigenwilligen und entschlüsselt die Poesie der großartigen Monologe Kleists, denen dank Ingeborg Bachmann ein „zweites Leben in der Musik und mit der Musik“ widerfährt.

In einem abstrakten Bühnenraum, gestaltet vom Roland Aeschlimann, entstehen Bilder, die zur visuellen Nachhaltigkeit herausfordern. Wie von Bachmann und Henze eingefordert, verlässt sich diese Inszenierung auf die Kraft der Poesie: klanglich sowie sprachlich. Gesungen und musiziert wird zudem prächtig.

1809/1810
Heinrich von Kleist hatte es geschaffen: das Bild des eigenwilligen Träumers, das Bild des eigenmächtig gegen den Staat zu Gunsten eines schnellen Sieges Handelnden. Er erfand den klassischen Helden. Einen Helden, der träumt und nicht umkommt am Ende eines Dramas. Einer, der, begnadigt am Grabe stehend, den Lorbeerkranz und die Hand seiner Verlobten empfängt.

1960
Auch der damalige Neutöner Hans Werner Henze hatte es geschafft! Medial! Um ganz genau zu sein, im Juli 1960. Damals widmete „Der Spiegel“ Henze eine Titelstory anlässlich seiner Premiere des „Prinzen von Homburg“ an der Hamburgischen Staatsoper. Die Regie führte der „Letzte Brücke“-Regisseur Helmuth Käutner. Die Lyrikerin Ingeborg Bachmann verfasste ein für Musik eingerichtetes Libretto anhand des Kleistschen Textes. Das Publikum war in Aufruhr. „Buhen und Muhen“ gab es in jener Premiere, ebenso wie heiß klatschende Hände der Begeisterung. Heute sind Hans Werner Henzes Werke zu Klassikern geworden, bedeutende Monolithen abendländischer Musikästhetik.

Henzes „Prinz von Homburg“, weit abgerückt von nationaler und patriotischer Gesinnung, feiert die „Verherrlichung eines Träumers“, so Ingeborg Bachmann, die große Lyrikerin, die in ihrem Libretto, den „Genius der Poesie Kleists“ atmen hören möchte.

Und Henze erklärte: „Aber mir scheint, das Werk ist schon von vornherein vom Preußentum abstrahiert. Nur zufällig, des historischen Hintergrundes wegen, der frei variiert wurde, spielt sich der Konflikt im Brandenburgischen ab. Doch die Spannung zwischen dem Sein eines Einzelnen und der Staatsräson, Fragen der Missachtung von Gesetz und Ordnung, das Zittern eines Menschen vor der Gewalt der herrschenden Macht, der Mut, sich ihr zu widersetzen — all das könnte auch heute oder hätte vor tausend oder zweitausend Jahren sein können […].“

2012/2013
Andrea Breth inszenierte im Sommer 2012 zur Eröffnung der Festspiele den Kleistschen „Prinzen von Homburg“ oder „Die Schlacht bei Fehrbellin“ als düstere Fallstudie: ein „Horrorszenarium der grauen Seelen“, der halsstarrigen Gefühls-Toten. Der Prinz hatte seine Träume verspielt. Der Kurfürst sah im Prinzen den Rivalen. Auch er buhlte nicht besessen, dennoch wolllüstern um die Gunst Nathalies. Ein Vater-Sohn-Konflikt. Die Grafen und Feldmarschalle schritten durch Nebeldämpfe. Die Schlacht ward geschlagen, der Sieg galt sicher. Der Friede besiegelt. Selbst ins sichere Träumen konnte sich dieser Prinz nicht mehr zurückziehen: sein (Alb)Träumen gebar Gespenster.

Regisseur Christoph Nel beschreitet einen anderen, ebenso eindringlich düsteren Weg.

Seine Introspektionen sind nicht im schaurig schwarzen Nebelheim angesiedelt. Er betreibt sinnige „Familienaufstellungen“ um einen großen schwarzen langen Graben, der im Bühnenboden eingelassen ist. Ob das offene Grab, der Schützengraben, die Behausung der Soldaten, dieser eckige Schlund dient allem, was Unglück verheißt. Seine Figuren sind schlichte Figurinen des Kriegs oder der Träume Homburgs.

Zu Beginn, wenn Homburg sich mit dem übergroßen, weiß-fahlen Lorbeerkranz den Sieg und die Hand seiner geliebten Natalie erträumt, haftet sein Blick auf ihrem Samtrock: Er versinkt im grüngüldenen, glimmernden Farbenmeer ihres Rocks. Die Wände des zerklüfteten Guckkastens bleiben in diesen verheißungsvollen Farben. Der Guckkasten, die Welt eines Träumers. Die geschlossene Vision eines Eigenwilligen.

Nel führt tief hinein in die Welt des Nachtwandlers Homburgs, entblößt den des traumatisierten Antihelden. Er lässt innere Räume dieses zum Träumen Verdammten betreten und erleben. Henzes fulminante Klangsprache entfaltet sich parallel zu. Seine Schlachtenklänge beherrschen von Beginn an die Szenerie. Personen zu geordneten musikalische Linien führen Eigenleben – ebenso wie die Figuren auf der Bühne. Gedrückte Streicher, gepresstes Holz, flirrendes Schlagwerk bieten die schaurig beklemmende Atmosphäre dieser Studie eines Antihelden.

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erstellt am 13.1.2013

Mainz Staatstheater

Hans Werner Henze
Der Prinz von Homburg

Oper in drei Akten 

Libretto: Ingeborg Bachmann

nach Heinrich von Kleist 



MUSIKALISCHE LEITUNG HERMANN BÄUMER
INSZENIERUNG CHRISTOF NEL
SZENISCHE ANALYSE MARTINA JOCHEM
BÜHNE ROLAND AESCHLIMANN
KOSTÜME BARBARA AIGNER

Szenenfoto
Szenenfoto

© Martina Pipprich

Nächste Aufführungen

12. Januar 2013 – PREMIERE
16. Januar 2013
22. Januar 2013
22. Februar 2013
10. März 2013
11. April 2013
3. Mai 2013 – zum letzten Mal

Staatstheater Mainz