Nachruf auf Gerhard Schoenberner

Von innen aus gesehen bestehen Biographien

aus Niederlagen

Von Peter Mosler

Es war 1961, als ich dem Namen Schoenberner zum erstenmal begegnete. Damals erschien „Der gelbe Stern“, ein Buch über die Judenverfolgung im Dritten Reich. ich war Schüler und hatte von dem Massenmord noch nie gehört. Später erfuhr ich von Schoenberner, dass Rolf Hochhuth bei Bertelsmann „Der gelbe Stern“ lektorierte. Hochhuth schrieb gerade „Der Stellvertreter“. All das geschah in dem Land ohne Erinnerung.
„Der gelbe Stern“ ist ein säkularer Erfolg geworden, immer wieder übersetzt und neu aufgelegt. Schoenberner ging 1973 als Leiter des „Deutschen Kulturzentrums“ nach Tel Aviv, das später „Goethe-Institut“ heißen sollte. Später war er an der Umwidmung des Reichssicherheitshauptamtes zur „Topographie des Terrors“ beteiligt, ebenso an der Neubegründung der sogenannten „Wannseevilla“ als Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“, das er 1992-1996 leitete.

Ein Pionier der Erinnerung – aber damit nicht genug. Von 1991 – 1995 war er Vizepräsident des PEN und dessen Beauftragter der Initiative Writers in Prison. Gerhard Schoenberner hat Bücher, Artikel, Ausstellungen, Filme produziert. Aber ihm war alles nicht genug. Er sagte mir „Von innen aus gesehen bestehen Biografien aus Niederlagen“.

Dann schrieb er 2011 das Buch „Fazit. Prosagedichte“, erkundete eine neue Sprachlandschaft. Er schreibt von deutscher Geschichte, Weltgeschichte, Menschengeschichte. In diesem Buch ist nichts erfunden. Es ist das Stenogramm des Lebens, souverän rhythmisiert. Am 4. November erlebte ich Schoenberner im Buchhändlerkeller in Berlin bei einer Lesung. Er war intellektuell präsent, reagierte druckreif auf Publikumsfragen, vital und spontan. Als ich ihn um ein Autogramm bat, sagte er: „Später, ich muss erst die Gäste begrüßen.“

Er ist einen Monat danach gestorben, am 10. Dezember 2012. Er bereitete eine Neuausgabe des „Gelben Stern“ vor. Etliche Berliner Intiativen, die sich ihm verpflichtet fühlen, publizierten eine Anzeige im „Tagesspiegel“, gezeichnet von Wolfgang Benz (TU) bis Herbert Wiesner (PEN. Für Schoenberners Frau Mira ist sein plötzlicher Tod ein Schock gewesen. Sie hat sein Leben geteilt und mit ihm nachgedacht, geschrieben, korrigiert. Aber ihr Name kam nicht vor. Sie sagte bescheiden: „Die Firma heißt Gerhard Schoenberner.“ Der Autor sagte mir: „Ohne unsere Frauen sind wir nichts.“ Aber – um Vergebung! ist es nicht ein glücklicher Tod für Gerhard Schoenberner gewesen, dies „wie vom Blitz erschlagen“, noch auf der Höhe der Vitalität und der intellektuellen Präsenz…?

Er hat gelebt als ein republikanischer Kämpfer, in der Nachbarschaft von Ossietzky, Tucholsky, Hiller und anderen großen Namen der Weimarer Republik. Hätte es mehr seines Schlags in der Bundesrepublik Deutschland gegeben, hätten wir mit weniger politischen Skandalen leben können. Er war hartnäckig und zielstrebig.

Am 10. Januar 2013 findet um 19.00 Uhr in der „Topographie des Terrors“ in Berlin eine Gedenkfeier für Gerhard Schoenberner statt.

Peter Mosler, geb. 1944 in München, Schulzeit in München, Berlin, Köln, Studium in Erlangen, Athen, Tübingen, Frankfurt/M. Lebt als Schriftsteller, in Berlin, zuletzt „Von Unterreichenbach nach Abessinien“ in Kommune (Dez. 2012)

Kommentare


Katja karin Heidemann-Trapp - ( 27-10-2013 01:36:56 )
Ich kam aus Paris nach Berlin.Ich lernte Gerhard Schoenberner kennen durch den Filmproduzenten Manfred Durniok.Besuchte ihn privat und er gab mir viel zu lesen,aber was mir noch in Erinnerung blieb,war die Geschichte"Der Vietnam Krieg.Er bekam den Auftrag von den Amerikanern darüber zu schreiben,er war mitten drin,dann kam ganz plötzlich die Absage.Er wußte nicht warum und ich frag mich dies auch heute noch.Wo liegt schoenberner?Ich möchte ihn besuchen nach 43 Jahren

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erstellt am 10.1.2013