Ausstellung

El Taco im Frankfurter Portikus

Ab wann ist ein Ausstellungsobjekt ein Kunstwerk? Kommt es auf die Form oder den Ort der Präsentation an? Hängt es davon ab, ob sich die Aussage eines Objektes erweitern kann, wenn es in einen Kunstkontext gestellt wird? Das sind alles Fragen, die seit Marcel Duchamp bewegen, und immer wieder im Zentrum künstlerischen Interesses stehen, denn das Ding an sich kann Inhalte in sich tragen, die über den bloßen Anschein hinausgehen, und vermag damit die Schwelle zur Kunst überschreiten.

Die künstlerische Leiterin der dOKUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev, hat in Frankfurt gemeinsam mit dem scheidenden Rektor der Städelschule, Daniel Birnbaum, die ersten Teilnehmer der in zwei Jahren stattfindenden Kasseler Großausstellung, Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg, vorgestellt. Die beiden argentinischen Künstler zeigen eine erste Etappe ihrer Arbeit für die Documenta. Im sonst leeren Raum des Portikus liegt eine zweiteilige Skulptur, ein Meteorit, zwei Tonnen schwer, ein biomorphes Stück Himmelsgestein, das zwei glatte Schnittflächen aufweist. Die eine glänzt metallisch, die andere weist einen Rostbelag auf. Vor 4000 Jahren ist er vom Himmel gefallen als Teilstück eines Meteoritenregens, der auf eine Region in Argentinien niederging und ursprünglich dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter und damit den Anfängen unseres Planetensystems entstammt. Er wurde „El Taco“ nach seinem Fundort, einer Ranch in Nordargentinien, benannt, wo man ihn 1962 entdeckt hatte. Bevor seine wissenschaftliche Erforschung begann, trug er schon zwei Vergangenheiten mit sich: eine außer- und vorirdische – er ist älter als unser Planet – und eine zweite, terrestrische, denn den Ureinwohnern der Region war die himmlische Herkunft des Meteoritenfeldes bekannt. Sie gaben dem Gebiet den Namen „Piguem Nonralta“, was Himmelsfeld bedeutet, und verehrten die eisernen Brocken als Teil der Weltentstehung (was ja den wissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Zeit recht nahe kommt). Der Metallgehalt – man vermutete Silber – lockte vom 16. bis 18. Jahrhundert immer wieder auch die spanischen Eroberer auf Expeditionen in die Region, welche aber nichts von seiner himmlischen Herkunft ahnten und daher vulkanische Ursprünge des Gesteins vermuteten.

Das Ausstellungsobjekt verweist nicht nur auf seine eigene Geschichte, sondern auch auf die seines Fundortes. Die wissenschaftliche Untersuchung, die letztendlich zu seiner Teilung führte, folgte dann in den sechziger Jahren. Argentinien übergab El Taco offiziell der Smithsonian Institution in Washington. Mangels dortiger technischer Möglichkeiten brachte man ihn 1965 nach Mainz ins Max-Planck-Institut für Chemie, wo er zerschnitten wurde, was ausführlich mit Bild- und Textdokumenten belegt ist. Die eine Hälfte des Meteoriten befindet sich seitdem im Smithsonian Institut. Dort lagerte sie im Depot geschützt, aber vergessen und wurde nie von Argentinien zurückgefordert. Sie ist noch nie ausgestellt worden. Die andere Hälfte fand irgendwann ihren Platz im Garten des Planetariums von Buenos Aires. Außerdem besitzt das Washingtoner Institut zwei Schnittscheiben, 66 kg und 73 kg schwer, die sich im Labor bzw. Meteoritensaal des National Museum of Natural History befinden. 267 Kilo Schnittspäne aus der damaligen Teilung werden seit 2005 im Frankfurter Senckenbergmuseum aufbewahrt.

Die im Portikus ausgestellten beiden „unterschiedlichen Leben“, wie Simon Starling es im Interview mit den beiden Künstlern beschreibt, sind deutlich sichtbar, die eine Schnittfläche ist metallisch glänzend, die andere trägt die Spuren von Wind und Wetter. Faivovich und Goldberg haben die Geschichte des Himmelsgesteins mit allen Details, Archivmaterialien, Fundort und Lagerorten erkundet und nun beide Hälften in einem Land zusammengebracht, wo der Begriff der Teilung nicht unbekannt ist, in dem überdies das Entzweischneiden des Steines erfolgt war.
Das Ausstellungsobjekt trägt also nicht nur die Geschichte des Universums ins sich, als Kultobjekt in seiner präkolumbianischen Zeit und spricht von der Gier nach wertvollen Metallen der Eroberer, sondern auch die Geschichte seiner wissenschaftlichen Erforschung. Es behauptet sich als ein starkes Symbol für Teilung. El Taco zeugt überdies von der Schwäche eines Landes wie Argentinien gegenüber dem wissenschaftlichen Erkenntnisdrang einer Weltmacht und davon, wie das Land mit seinem Kulturgut umgeht. Das sind globale Geschichten, die nicht auf Kontinente und einzelne Länder beschränkt sind, sondern uns alle betreffen. Damit öffnet sich über den naturhistorischen Kontext hinaus ein Assoziationsraum, dem sich die beiden Künstler seit fünf Jahren widmen. So ist diese Ausstellung und die sie begleitende Publikation ein erster Hinweis darauf, dass sich die Documenta-Leiterin in ihrem kuratorischen Bestreben noch mehr als ihre Vorgänger der globalisierten Welt stellen wird.

Isa Bickmann

Das Buch zur Ausstellung „The Campo del Cielo Meteorites“, erste von der dOCUMENTA (13) herausgegebene Schrift, ist bei Hatje Cantz erschienen.

Portikus

documenta

erstellt am 28.9.2010

Luisa M. Villar posiert neben dem Meteoriten vor seiner Verschiffung nach Buenos Aires, „El Taco”-Ranch, Santiago del Estero, Januar 1963

El Taco am Max-Planck-Institut für Chemie, 1966.
Techniker während der ersten Schritte der Sektionierung El Tacos am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz
(Image courtesy of the Max Planck Institute, Mainz/Senckenberg Museum, Frankfurt)

Daniel Birnbaum
Daniel Birnbaum, fotografiert von Peter Loewy