CD-Kritik

Zum Hundertsten des Wiener »Simpl«

Von Thomas Rothschild

Das legendäre Wiener Kabarett der fünfziger Jahre kam nicht aus dem Nichts. Wer wissen will, wo Bronner oder Kreisler ihre Wurzeln haben, muss sich anhören, was in der Zwischenkriegszeit im Simpl vorgetragen wurde. Das Simpl – so die eingebürgerte Abkürzung von Simplicissimus – gibt es zwar immer noch, in der Wollzeile prangt immer noch sein Signet, die rote Bulldogge – eine Variante der bekannten Zeichnung von Th. Th. Heine – , aber mit dem Simpl, das Kabarettgeschichte schrieb, hat es nicht mehr viel zu tun.

Im Simpl traten seit seiner Gründung im Jahr 1912 vorwiegend jüdische Künstler auf. Aber im Publikum amüsierten sich Juden und Antisemiten gemeinsam über deren Späße. 1938 kam dem Kabarett dann die eine Hälfte des Publikums abhanden, und auch die Stars des Simpl verschwanden aus dem gleichen bekannten Grund. Fritz Grünbaum starb 1941 im KZ Dachau an Tuberkulose, Karl Farkas konnte über die Tschechoslowakei und Frankreich in die USA flüchten.

Auch die im Simpl gesungenen Couplets stehen in einer Tradition, in der Tradition des Wiener Volkstheaters. Von Nestroy über Hermann Leopoldi bis zu Hugo Wiener zieht sich ein Strang, der zwar in Deutschland, insbesondere in Berlin Verwandte hat, aber doch eine spezifisch wienerische Ausprägung zeigt. Auffallend ist der Sprachwitz. Der absolute Meister der komischen Reimkunst war Karl Farkas, der sich auch als Blitzdichter einen Namen machte. Hier ein Beispiel aus seinem Repertoire:

In Wien fährt man so gern auf Urlaub
genießt die Wälder im Naturlaub
doch muss man ist die Kasse klein
sich in Gastein kasteien
und statt ans Mittelmeer zu fahren
hat man keine Mittel mehr zu fahren
die Urlaubsfrüchte pflückt man heut
im Schrebergarten mit der Maid

Pflückt das Mädel Ribisel
zwick ich sie in’s Knie bissel
pflückt das Mädel Orchideen
hat sie häufig Storchideen
pflück ich mit ihr weiße Mandeln
krieg ich Sehnsucht anzubandeln
pflückt der Jüngling Rosmarin
was geht’s uns an
loss ma r ihn

Ich hab einen Freund
das ist ein Schneider
verschuldet ist das Luder leider
sein Zahnarzt hat kein Geld gesehen
er knirscht mit unbezahlte Zähn
in Lemberg lebt er unzufrieden
schickt aus dem Osten Westen in den Süden
seine Tochter war sehr schön
sie hat einst bessre Nächte gesehen

Pflück ich mit ihr Ribisel
zwick ich sie ins Knie bissel
pflücken wir Spitzwegerich
gar nicht lange zöger ich
sie macht lächelnd ihre Knickse
doch die Nixe is a schicke Frau
und gab sich gern mir hin
wenn der Mondschein schon schön schien

Dieser Song vom Ribisel
freute hoff ich sie bissel
weil in unserer Pleitezeit
mich ein anderes Kräutl freut
pflück ich tagelang Maschanska
bleibt kein Groschen mir kein anziger
pflück drum Tausenguldenkraut
weil’s mir vor den Schulden graut

Man findet diesen „Song“ neben anderen auf einer CD, die zum hundertsten Geburtstag des Simpl erschienen ist. Zu den beliebten Interpreten zählte auch Armin Berg, der den Überzieher und den Gewissenhaften Maurer des in Berlin populären Otto Reutter so überzeugend nach Wien transferierte, dass man ihn für den Autor der beiden Erfolgstitel hielt.

Als Karl Farkas nach dem Krieg nach Wien zurückkehrte, konnte das Niveau der Zwischenkriegszeit noch einmal erreicht werden. Mit Karl Waldbrunn hat Farkas jene Doppelconferencen wiederbelebt, die er vor dem Anschluss mit Fritz Grünbaum zum Markenzeichen des Simpl gemacht hatte und die Gerhard Bronner später mit Peter Wehle und Helmut Qualtinger imitierte (wobei einige der besten Texte vom Team Qualtinger und Carl Merz, den Autoren des Herrn Karl, geschrieben wurden).

Neu hinzugekommen war nach dem Krieg Hugo Wiener, für dessen Couplets Cissy Kraner eine ebenso kongeniale Interpretin war wie Blandine Ebinger für die Chansons von Friedrich Hollaender. Wieners Strophenlieder mit der einprägsamen Schlusszeile im Refrain schlagen, zumal von Cissy Kraner gesungen, die Brücke zwischen dem anspruchsvollen Kabarett und dem volkstümlichen Schlager. Wie platt wirkt doch im Vergleich dazu, was heute als Comedy firmiert.

Weit über das Simpl hinaus populär wurden Maxi Böhm, Gunther Phlipp und Heinz Conrads, letzterer vor allem durch eine sonntägliche Radiosendung, die beiden ersten durch nicht besonders anspruchsvolle Filme. Maxi Böhms Parodie auf eine seinerzeit äußerst beliebte Autofahrersendung wirkt heute allerdings verstaubter als die Couplets aus der Vorkriegszeit. Sie verdienen es, von jungen Menschen erneut entdeckt zu werden. Bei jenen, die Max Raabe lieben, sollten sie eine Chance haben.

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erstellt am 09.1.2013

100 Jahre Simpl
Von Grünbaum bis Farkas
Preiser Records PR 90813

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