Ein Tanzabend im Tiroler Landestheater

Ohne Schläppchen und Tutu

Von Thomas Rothschild

Es ist noch nicht so lange her, dass in Opernhäusern des deutschsprachigen Raums die Kategorien des klassischen Balletts konkurrenzlos herrschten. Was nicht nach Schwanensee oder Giselle aussah, fand vor den Augen des konservativen Publikums keine Gnade. Es ist ohne Zweifel Pina Bausch zu verdanken, dass da in den vergangenen Jahrzehnten gründlich umgedacht wurde. Inzwischen ist nicht unbedingt das Tanztheater à la Bausch, aber der Modern Dance aus der Tradition von Martha Graham über Merce Cunningham bis zu den aktuellen amerikanischen Truppen selbst in der Provinz daheim, das Provokationspotential hat sich verflüchtigt.

Auch in Innsbruck befindet sich die Tanzcompagnie unter der Leitung des Spaniers Enrique Gasa Valga auf der Höhe der Zeit. Die Tiroler sind nicht nur lustig und froh, sie sind auch moderner, als es die noch vor einiger Zeit berechtigten Klischees suggerieren. Birgit Scherzer und vor ihr Jochen Ulrich haben seit 2000 gute Vorarbeit geleistet. Gasa Valga konnte 2009 ein aufgeschlossenes Ensemble übernehmen. Davon zeugt der aktuelle Tanzabend, der unter dem Titel Kaleidoskop fünf sehr unterschiedliche Stücke zu einem Bild kombiniert, wie es ein Kaleidoskop eben mit farbigen Glasscherben tut.

Modern Dance definiert sich ja in Abgrenzung von und zugleich in der Auseinandersetzung mit dem klassischen Ballett. Das thematisiert die Choreographie Ballet 101 von Eric Gauthier, dem überaus erfolgreichen Tänzer und Musiker, der in Stuttgart seine eigene Compagnie gegründet hat. Sie reiht die Positionen des klassischen Kanons aneinander und kombiniert sie in rascher Folge zu einer neuen Einheit.

Ebenfalls von Gauthier, den mit dem Innsbrucker Tanzchef der Humor verbindet, stammt die Solonummer Air Guitar. Dazwischen gab es einen lyrischen Pas de deux: Come neve al sole von Rolando D'Alesio. Auf leerer Bühne, in rosa Licht getaucht, erinnert es durchaus an die klassische Tradition, bereichert sie aber durch Figuren, die bis ins Groteske vordringen.

Dass Tanztheater hochpolitisch sein kann, beweist No Comment des Koreaners Chang Ho Shin. Unter dem Titel No Comment zeigt der Fernsehsender Euronews regelmäßig unkommentierte Filmaufnahmen von meist katastrophalen Ereignissen. Die Choreographie für zwölf Tänzer suggeriert die Situation von Protest, Unterdrückung, Verhaftung und immer wieder aufflammendem Protest. Man mag an den Platz des himmlischen Friedens denken oder an den Tahrir-Platz in Kairo. Die Kontrapunktik von Parallelbewegungen und individuellen Abweichungen, die Drastik der Gesten machen dieses Stück zur Musik von Goran Bregović und von Transglobal Underground zum stärksten Auftritt des Abends.

Nach der Pause kommt wieder der Humor zum Zuge, in einem neunteiligen Potpourri des Hausherren. Ort der Handlung ist eine Bar irgendwo in einem südlichen Land, die Nummern sind locker an einander gereiht. Drei Stücke stammen aus dem Programm Tangos, was allerdings nur in Bezug auf Hernando's Hideaway aus dem Musical The Pajama Game und auf Louis Primas Buona Sera korrekt ist. Guaglione in der Version von Perez Prado ist ein kein Tango, sondern ein Mambo. Auch in den übrigen Stücken werden bekannte Hits verwendet, bis hin zum ersten Satz von Beethovens Fünfter, die witzig als Ehestreit ausgedeutet wird.

Anhaltender Jubel am Ende. Übrigens: es sind keineswegs nur junge Leute im Publikum. Modern Dance ist angekommen. Auch in Tirol. Der sterbende Schwan wird, von Gauthier, nur noch ironisch zitiert.

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erstellt am 03.1.2013

KALEIDOSKOP
Tanzstücke von Rolando D’Alesio, Enrique Gasa Valga, Eric Gauthier und Chang Ho Shin
Bühne & Kostüme für Das bin ich reloaded: Salha Fraidl

Tiroler Landestheater Innsbruck

Kaleidoskop: Roilán Ramos Hechavarria
Kaleidoskop: Roilán Ramos Hechavarria
Kaleidoskop: Carlos Contreras Ramirez, Marie Stockhausen
Kaleidoskop: Carlos Contreras Ramirez, Marie Stockhausen