Buchkritik

Kennen Sie Barbara Kwiatkowska?

Eine Geschichte des polnischen Films

Von Thomas Rothschild

So viel gute Presse wie Michael Krüger hat kein anderer Verleger. Er schafft sich die Gelegenheiten, und die Medien nehmen sie gern wahr. Ob er kommt oder geht – das Lob folgt ihm auf den Fuß. Krügers Attraktivität liegt in seinem Erfolg. Wer Krüger huldigt, wähnt sich an dem Erfolg beteiligt. Das ist natürlich eine Täuschung. Aber wer so viele Nobel- und Büchner-Preisträger in seinem Verlag vereinen konnte, der hat schon mehr als die übliche Hofberichterstattung (vulgo: Gratiswerbung) verdient.
Über all den tatsächlichen Verdiensten des nunmehr scheidenden Hanser-Chefs und seinem konkurrenzlosen Riecher für Qualität wie für Durchsetzbarkeit auf dem Markt vergisst man leicht, dass Michael Krüger, fast konsequenter noch als einst Siegfried Unseld, bedenkenlos fallen lässt, was sich nicht verkauft. So mancher Autor, der sich schon zu den Hausautoren rechnete, wurde kühl verabschiedet, wenn seine Bücher in den Regalen stehen blieben. Zum Opfer des Primats des Absatzes vor der Qualität selbst dort, wo Qualität gepflegt wird, wurde auch die Reihe Film des Hanser Verlags. Filmliteratur hat sich in Deutschland – anders als in Frankreich – nie gut verkauft. Umso erstaunlicher war es, dass Hanser diese ambitionierte und so sorgfältig edierte Reihe über Jahre hinweg für wichtig genug hielt, um an ihr festzuhalten. Schon zuvor hatte Hanser die für eine intakte Filmkultur eigentlich unverzichtbare Eisenstein-Edition von Hans-Joachim Schlegel abgebrochen, weil sich zu wenig Käufer fanden. Wer aber, wenn nicht die größeren Verlage, die Verluste mit Erfolgstiteln gegenfinanzieren können, sollte sich um Filmliteratur und andere Sparten, die zwar keine Marktrenner sind, aber die Kultur einer Sprachgemeinschaft mitbestimmen, kümmern? Die in Sonntagsreden eingemahnte „gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen“ – gilt sie nicht in besonderem Maße für Verlage?

Was die Großverlage vernachlässigen, übernehmen kurioser- und bewundernswerter Weise kleine, oft spezialisierte Verlage wie zum Beispiel der Schüren Verlag in Marburg. Es gab Zeiten, da waren umfangreiche Monographien über nationale Filmkulturen keine Seltenheit. Wer aber käme heute auf die Idee, 562 Seiten mit der Geschichte des polnischen Films zu füllen? Schüren hat das Wagnis unternommen. Ausgerechnet der polnische Film! Wann ist zuletzt ein polnischer Film in den deutschen Kinos gelaufen? Filmliebhaber aber, die noch mit dem europäischen Film und nicht nur mit Hollywood aufgewachsen sind, erinnern sich an die unglaubliche Bedeutung, die just der polnische Film in den späten fünfziger Jahren erlangen konnte, noch bevor auch der tschechische, slowakische und ungarische und sehr viel später der rumänische Film internationale Beachtung erfuhren. Wenn heute die Jahre des Kalten Krieges rückblickend gerne so dargestellt werden, als habe es jenseits der Eisernen Vorhangs nur eine kulturelle Wüste gegeben, dann ist das nicht nur eine Geschichtsklitterung, sondern es verschweigt auch, dass sich der westdeutsche Film vor Fassbinder, Kluge, Wenders, Herzog zum polnischen Film etwa wie das Stadtbild von Ludwigshafen zu dem von Krakau verhielt. Das ist umso beschämender und unerträglicher, wenn man den größeren historischen Zusammenhang bedenkt. Nach allem, was Deutsche den Polen zwischen 1939 und 1945 angetan haben, wirkt jede Ignoranz und jede Arroganz gegenüber der polnischen Kultur wie die Pose des Verlierers, der sich als Sieger fühlt (und es, in wirtschaftlicher Hinsicht und dank Marshallplan, auch tatsächlich war).

Der nun vorliegende Band ist einerseits umfassend, andererseits uneinheitlich, was bei drei Herausgebern und zwei Dutzend Autorinnen und Autoren, größtenteils aus Polen (und erfreulich gut übersetzt), zum kleineren Teil aus Deutschland, nicht verwunderlich ist. Er ist grob chronologisch und im Detail nach Problemkreisen geordnet, die freilich auf unterschiedlichen Ebenen liegen. „Gender-Diskurse“ und „Bilderwelten des Dokumentarischen“ ergeben bestenfalls eine Kreuzklassifikation. Viel Platz wird dem Animationsfilm eingeräumt, ein kurzes Kapitel über das polnische Filmplakat mit zahlreichen farbigen Abbildungen ist dazwischen geschaltet. In der Tat hat man in Polen auf diesem Gebiet unkonventionelle Wege beschritten, die seinerzeit international bewundert wurden.

Zu kurz kommt die Filmmusik. Auch in diesem Bereich, insbesondere beim Einsatz von Jazz, war der polnische Film-Avantgarde. Auch dem Kurzfilm hätte man mehr Platz einräumen können. Dass Roman Polański mit seinen Kurzfilmen Aufsehen erregt hat, noch ehe Messer im Wasser entstand, wird nur knapp erwähnt. Ob es schlau war, einige der bekanntesten und erfolgreichsten Spielfilme zu vernachlässigen, weil sie in anderen (deutschen) Publikationen bereits analysiert wurden, kann angezweifelt werden. Immerhin gelten Andrzej Wajdas Asche und Diamant, Andrzej Munks Fragment Die Passagierin oder Mutter Johanna von den Engeln von Jerzy Kawalerowicz und noch ein paar andere Spielfilme zu Recht als Meilensteine nicht nur der polnischen, sondern der internationalen Filmgeschichte. Das gleicht einer Geschichte der englischen Literatur, die Hamlet und den Sommernachtstraum nur kursorisch anspricht.

Auch ein Star wie Barbara Kwiatkowska ist den Autoren gerade eine Erwähnung wert. Sie hatte für den polnischen Film keine geringere Bedeutung als die gleichaltrige Anna Karina für den französischen Film. Wollte man etwa nur die verschwindend kleine akademische Minderheit erreichen, die die verstreute, größtenteils vergriffene Literatur zum polnischen Film kennt?

Tribute to Barbara Kwiatkowska

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erstellt am 02.1.2013

Konrad Klejsa/
Schamma Schahadat/
Margarete Wach (Hg.):
Der Polnische Film
Von seinen Anfängen bis zur Gegenwart
Schüren, Marburg 2012
562 Seiten

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