Schätze der Weltkulturen, Bundeskunsthalle Bonn

Schätze der Weltkulturen

Fast jede Großstadt schmückt sich mit einem Museum, das Fund- und Sammlerstücke aus fremden Kulturen präsentiert. Früher hießen sie Ethnologische Museen. In Zeiten der Globalisierung nennt man sie Weltkulturen-Museen. Sie sind keine Kunstmuseen im herkömmlichen Sinne, sondern beherbergen Alltagsgegenstände und Kunstobjekte. Um diesem Spagat zwischen Erinnerungskultur und Kunst mit einem gewandelten Museumsbegriff gerecht zu werden, suchen viele Ausstellungsmacher nach neuen, attraktiven Konzepten. In der Bundeskunsthalle in Bonn zeigt die Ausstellung „Schätze der Weltkulturen“ aus dem British Museum, wie Alltag und Kunst, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer globalisierten Welt zueinander finden. Clair Lüdenbach unterhielt sich mit der Kuratorin Elisenda Vila Llonch.

Interview

Was ist ein Schatz?

Nach welchen Kriterien haben Sie die Ausstellung geplant?

Diese Ausstellung ist ein sehr spannendes Projekt. Sie unterscheidet sich grundsätzlich von Ausstellungen, die wir im British Museum haben. Sie ist deshalb interessant, weil wir über Schätze reden wollen, Schätze, die über Zeit und Raum hinaus gehen, – die auch fürs British Museum Schätze sind. Diese wollten wir ausstellen, angefangen von den frühesten Objekten von vor etwa 2 Millionen Jahren bis zu den zeitgenössischen Stücken, die heute vom Museum gesammelt werden. Wir stellen also eine breite Palette vor, das Beste und Einzigartigste.

Wie haben Sie aus dieser Masse der Bestände im British Museum ausgewählt?

Das war eine richtige Herausforderung. Im Museum gibt es über 7 Millionen Objekte. Natürlich besteht jede Ausstellung aus einer Auswahl, ganz gleich, ob es sich um eine zeitlich begrenzte oder eine Dauerausstellung handelt. In diesem Falle wollten wir sie gleichmäßig über alle geografischen Gebiete und über den gesamten historischen Zeitraum verteilt ausdehnen. Das war unser Hauptanliegen. Daher hatten wir die Idee, die Ausstellung in sechs Sektoren aufzuteilen. Die sechs geografischen Sektoren sind: Afrika, Asien, Ozeanien, Amerika, Europa, Naher Osten und eine letzte Sektion kam hinzu, das ist die moderne Welt. Das war die Hauptstruktur, die wir erarbeitet haben. Wir versuchten, hinsichtlich Material und Chronologie ein weites Spektrum zu erfassen. Aber unsere zentrale Frage war: Was ist ein Schatz? Was ist ein Schatz für jeden? Diese Fragen standen am Anfang. Ein Schatz kann etwas sehr Persönliches sein, wie etwas Vererbtes, das weitergereicht wird von einem zum nächsten. Es kann etwas Historisches sein, das an eine spezifische Person erinnert oder für eine Kultur ein besonderer Moment in der Geschichte ist. Es kann ein ökonomischer Wert, wie Münzen aus dem Tauschhandel, sein. Auch kann es etwas Einzigartiges sein, weil es das einzig erhaltene Objekt einer Kultur ist. Das wird dann zu einem Schatz an sich. Natürlich sind Meisterwerke der Kunst ein Schatz. Die haben wir auch ausgestellt. Und Schätze können auch Sammlungen sein, besonders einzigartige Stücke, die in einem frühen Stadium gesammelt wurden, als zwei Zivilisationen miteinander in Kontakt traten. Wir haben einen wunderbaren Hut von der Nordwestküste, den George Vancouver sammelte. Ein Schatz kann auch ein religiöses Objekt sein, das für viele Menschen einen Schatz darstellt. Mit diesen Ideen begannen wir. Es gibt alles überbrückende Themen der menschlichen Geschichte und der Kulturen, aus denen hervorgeht, was sie jeweils für Wert halten und schätzen, trotz unterschiedlicher Ästhetiken und Materialien. Für uns ist Schmuck ein übergreifendes Thema. War es eine persönliche Zierde, ein politisches Statement oder ein Zeichen für die technologischen Fähigkeiten? Die Technologie ist ein großer Schatz. In der Ausstellung sieht man die ersten Schneidewerkzeuge aus Tansania. Das ist ein Schatz, der die frühe Entwicklung der menschlichen Gesellschaft dokumentiert. Aus Südamerika haben wir ein Khipu, das ist eine Dokumentationshilfe der Inka. Ein Gewebe aus geknoteten Schnüren als Rechenhilfe und Erinnerungsstütze für Erzählungen, weil es noch keine Schrift gab. Wenn wir nach Ozeanien gehen und auf die Marschall Inseln schauen, sind das mehr als tausend Inseln, die sich im Ozean ausbreiten. Das bedeutendste ethnologische Objekt von dort ist eine Stabkarte, eine Navigationshilfe, die aus Schilfrohr und Muscheln gemacht war. Sie machte erst Handels- und Wirtschaftsverbindungen möglich und führte die Seeleute über das Meer. Das sind ganz verschiedene Arten von Schätzen. Aber die Technologie ist auch ein Form davon. Wenn man in den Mittleren Osten geht, dann findet man dort die Astrolabien. Damit las man den Himmel. Sie waren nach Mekka ausgerichtet, wo der größte religiöse Schatz steht, wo man betet und wo Gott ist. Schaut man sich Europa an, dann sieht man eine wunderbare deutsche Uhr, die war der Gipfel der Technologie. An ihr konnte man die Zeit ablesen, und sie strukturierte unsere Gesellschaft auf gewisse Weise.

Was ist in diesem Zusammenhang Kunst, und was sind alltägliche Gegenstände?

Wir versuchten, uns von dem eurozentristischen Begriff der Kunst zu entfernen. In der ganzen Ausstellung haben wir uns die Frage gestellt: Was ist Kunst für die anderen? Deshalb haben wir so eine umfassende Materialsammlung, angefangen von antiken Kulturen bis zu denen, die nicht mehr existieren und völlig verloren gegangen sind. Aber in der letzten Abteilung bringen wir alles in die Gegenwart und erforschen, wie jede einzelne Region der Welt ihre eigenen Schätze entwickelt aus sehr verschiedenen Ideen und Materialien. Und auch, wie in die Zukunft geschaut wird, aber auch auf die Vergangenheit und die Gegenwart. Was uns alle vereint und globalisiert, ist, dass wir alle Gegenwartskunst erzeugen. Doch jeder behält seine strenge Individualität. So entstehen Schätze und Meisterwerke der Kunst, denn sie schauen auf ihre jeweilige politische und kulturelle Vergangenheit. Und das macht ihre Individualität aus. Wir haben zum Beispiel eine Autohaube von einem Toyota, die von einem zeitgenössischen Künstler von der amerikanischen Nordwestküste gestaltet wurde. Das ist ein sehr modernes Kunstwerk, aber es wirft auch einen Blick zurück auf die Kultur an der Nordwestküste. Es ist verziert mit einem Kupferschild, dem höchsten Statussymbol eines Häuptlings und im traditionellen Stil gemalt. Das ist ein traditionelles Design innerhalb eines sehr modernen Objekts. Es ist Teil eines Autos, eines Toyota; und der Künstler signalisiert, das ist das neue Statussymbol. Dieses Statussymbol, das Auto, verbindet alle Kulturen in der heutigen Zeit und ist für alle gleichermaßen ein Statussymbol. Es ist unser Bestreben, die traditionellen Dinge lebendig in die Gegenwart zu bringen.

Das Schlüsselwort ist „Schatz“.

Ja, was wir schätzen und werthalten. Wir interpretieren das auf vielfache Weise. Darum geht es in dieser Ausstellung. Man kann sie immer wieder besuchen und empfindet sie jedes mal anders. Man findet immer neue Wege zu den Objekten und entdeckt neue Aspekte in den Objekten, entweder für sich selbst oder als Teil der Kultur der anderen. Die Grundstruktur dieser Ausstellung ist schon ungewöhnlich. Sie hat keine lineare Struktur und hat kein Anfang und kein Ende. Wir haben einen zentralen Raum, ähnlich wie im British Museum. Von dort verteilen sich sternförmig die sechs Abteilungen. So kann man selbst entscheiden, wo man beginnen will und welche Reihenfolge man wählt.

Die Ausstellungsstücke sind in solch exzellentem Zustand. Wurden sie so gefunden? Oder wurden sie perfektioniert?

Die Geschichte jedes einzelnen Objekts, seiner Herkunft und Konservierung, ist ganz unterschiedlich. Für diese Ausstellung mußten wir kein Objekt restaurieren. In dieser besonderen Ausstellung zeigen wir nur Objekte aus unserem Depot, die sonst nie im British Museum zu sehen sind. Dazu gehören sehr kostbare Textilien, die sehr empfindlich auf Licht reagieren. Deshalb können wir diese Sachen nicht in einer Dauerausstellung zeigen. Umso mehr sahen wir hier eine Gelegenheit, sie auszustellen. Nur für vier Monate kann man sie anschauen, dann müssen sie wieder ins Depot.

Aus dem Englischen von Clair Lüdenbach.

Clair Lüdenbach

Katalog
Schätze der Weltkulturen
Format 24,5 × 28 cm, Softcover
Umfang: 224 Seiten
British Museum Press

Katalog bestellen

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 30.12.2012

AUSSTELLUNG
Schätze der Weltkulturen
Die Großen Sammlungen: The British Museum
Bis 7. April 2013

Bundeskunsthalle Bonn

Astrolabium

Astrolabium, Ägypten, 1200–1300
Messing mit Silbereinlagen
© Trustees of the British Museum

Hörbeispiel aus der Audioführung:
Naher Osten: Astrolabium

Vogelmann-Findling

Vogelmann-Findling
Osterinsel (Rapa Nui)
Wahrscheinlich spätes 18. – Mitte 19. Jahrhundert
Stein
© Trustees of the British Museum

Hörbeispiel aus der Audioführung:
Ozeanien: Vogelmann-Findling

Schachkönig
Schachbischof

oben
Figur eines Königs aus dem Satz der Lewis Schachfiguren

unten
Figur des Bischofs aus dem Satz der Lewis Schachfiguren
Fundort: Isle of Lewis, Äußere Hebriden, Schottland
Wahrscheinlich in Norwegen hergestellt
Um 1150–1200
Walrossbein
© Trustees of the British Museum

Hörbeispiel aus der Audioführung:
Europa: Lewis-Schachfiguren

Hörbeispiele mit freundlicher Genehmigung von tonwelt professional media GmbH

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Bundeskunsthalle Bonn