Was ist denn ein „Freier Schriftsteller“? Ein Euphemismus wie „Stiller Ozean“? Besteht der Unterschied darin, dass ein unfreier Schriftsteller für Lohn, ein freier Schriftsteller aber für Honorar schreibt? Was einem Autor, der beschließt, jetzt ein freier Schriftsteller zu werden, im Kopf herum geht, erfährt man gewöhnlich aus seinen Memoiren. Es gibt Ausnahmen. Malte Abraham sprach mit dem Autor Matthias Nawrat über die Freiheit eines freien Schriftstellers.

Interview

Eine Lebensentscheidung, die man treffen muss

Du bist nun „Freier Schriftsteller“, wie man so sagt. Deine letzte Arbeit hast du gekündigt, du verdienst dein Geld jetzt ausschließlich mit dem Schreiben. Wie kam es dazu?

Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, mal für längere Zeit nur zu schreiben, aber ich habe mich nicht getraut, die Sicherheit loszulassen, die mir mein letzter Job immerhin noch gegeben hat. Dann habe ich – für mich überraschend – ein Jahres-Arbeitsstipendium des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst des Landes Ba-Wü zugesprochen bekommen, und da hab ich mir dann gesagt: Sie geben dir ein Jahr lang Geld, also mach es jetzt. 

Wie lange muss du dir nun keine Sorgen mehr um Geld machen, und wie oft machst du dir trotzdem welche?

Über das Jahr hinaus könnte ich noch ein weiteres von dem Geld, das ich mit Buchverkauf, Lesungen und Preisgeldern eingenommen habe, leben. Aber ich denke mir schon oft: Danach muss man dann wieder schauen. Auf der anderen Seite: In Deutschland geht ja keiner vor die Hunde, insbesondere, wenn er gerne arbeitet. Und ich arbeite gerne. Ich denke oft, dass man als älterer Autor unter Umständen wieder in Kneipen jobben muss, wenn man sich nicht irgendwie anders im Betrieb etabliert hat und wenn die Förderung abnimmt.

Erstmal hast du dich aber ein Stück weit etabliert, wie hast du das gemacht?

Ich habe etwa zehn Jahre lang meine Texte an irgendwelche Wettbewerbe, Zeitschriften und Verlage geschickt, ohne dass, bis auf wenige Ausnahmen, was draus geworden ist. Irgendwann habe ich ein paar Leute kennen gelernt, die auch schreiben, und zusammen haben wir unsere Texte besprochen, das war ein erster Schritt. Dann habe ich mich am Literaturinstitut in Biel beworben und wurde genommen, und dort habe ich noch mehr Schriftsteller kennen gelernt, auch welche, die schon im Literaturbetrieb drin waren, zum Beispiel Silvio Huonder, der dort offiziell mein Mentor war. Über ihn habe ich erste Kontakte zu Verlagen bekommen. Und nachdem ich mit „Arkadiusz Protasiuk” den MDR-Literaturwettbewerb gewonnen hatte, ging alles plötzlich schnell, dann wollte mein jetziger Verlag das Manuskript zu „Wir zwei allein” drucken. Entscheidend war auf jeden Fall meine Zeit am Literaturinstitut.

Ist die Situation für Autoren deiner Generation durch eine größere Anzahl von Stipendien und Preisen leichter als für die davor?

Ich kann das nicht so gut einschätzen, weil ich die Situation davor aus persönlicher Erfahrung nicht kenne. Aber was ich sagen kann, ist, dass die Förderung für junge Autoren zwei Seiten hat. Für mich lief es bisher sehr gut mit solchen Dingen, und das hilft mir jetzt natürlich, mich aufs Schreiben zu konzentrieren. Und Schriftsteller, die zum Beispiel Lyrik schreiben oder eher avantgardistische Prosa, leben oft hauptsächlich von diesen Förderungen. Aber wie es der Vertreter der BKS-Bank bei der Übergabe des Publikumspreises der Klagenfurter Literaturtage an Cornelia Travnicek so schön ausgedrückt hat: Als Schriftsteller kann man langfristig nur vom Publikum leben.
 
Ist Erfolg für dich eine finanzielle Größe, Unabhängigkeit in Form von schwarzen Zahlen auf dem Konto oder was würdest du als Erfolg bezeichnen?

Erfolg ist für mich schon auch, wenn jemand zu mir sagt: Dein Text ist für mich sehr bedeutsam, und wenn er dann auch noch die richtigen Gründe nennt. Aber das ist nur äußerer Erfolg. Das Wichtigere ist der Moment, in dem mir ein guter Satz oder eine ganze gute Szene gelungen sind. Das ist das größte Hochgefühl, das ich kenne. Alles andere ist vollkommen unwichtig. Ich habe mich zum Beispiel nach dem Unterschreiben meines ersten Buchvertrags zwar sehr gefreut, aber nur etwa einen Tag lang. Dann habe ich gedacht: So what. Millionen von Schriftstellern haben Bücher rausgebracht. Dabei hatte ich in den zehn Jahren, in denen ich davor für die Schublade geschrieben habe, mir immer ausgemalt, wie ich mich freuen würde, wenn es endlich mal klappt. Nee, das beste ist, wenn man was Gutes geschrieben hat. Sonst würd ich gar nicht schreiben. Und für Geld sowieso nicht. Aber natürlich ist es gut, dass ich jetzt auch mal ganze Tage hintereinander in einen Text eintauchen kann.

„Freiheit beginnt im Herzen und geht über in den Arm“ heißt es an einer Stelle deiner Erzählung „Arkadiusz Protasiuk“. Freiheit, also als Bewegungsfreiheit und sei es nur um zu schreiben, kann man das sagen?

Dieser Satz in „Arkadiusz Protasiuk” ist für mich in erster Linie eine Ironisierung des polnischen Pathos. Aber der Satz hat für mich in seinem Kern schon auch die Bedeutung, dass Freiheit als Behauptung nicht ausreicht. Das ist ein Gedanke, der zum Beispiel bei den französischen Existentialisten auftaucht: Frei ist nur der, der frei handelt. Und in diesem Sinne kann ich sagen, dass es in meinem Leben auch den Moment gab, da ich mir gedacht habe, ich könnte Schriftsteller sein und versuchen davon zu leben, trotz der Ängste, die ich vor diesem Schritt gehabt habe. Aber ich wäre es nicht geworden, wenn ich nicht die Verlockungen eines geregelten und abgesicherten Lebens in den Wind geschossen hätte. Das ist eine Lebensentscheidung, die man treffen muss. Man muss schreiben wollen, und man muss es dann auch tun, koste es, was es wolle. Man sieht es schon an dem Pathos, mit dem ich das hier sage: Ich bin eben doch auch Pole.

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erstellt am 30.12.2012

Matthias Nawrat, Foto: Lorena Simmel
Matthias Nawrat, Foto: Lorena Simmel

Matthias Nawrat ist 1979 in Opole (Polen) geboren, zog 1989 nach Bamberg und studierte zunächst Biologie in Heidelberg und Freiburg und bis Anfang des Jahres Literarisches Schreiben am Schweizer Literaturinstitut in Biel. Er gewann mit seinen Texten unter anderem den MDR Literaturpreis und den Kelag-Preis der Klagenfurter Literaturtage. 2012 veröffentlichte er seinen Debütroman „Wir zwei allein“. Seit Ende des Jahres kann er vom Schreiben leben und tut dies in Berlin.

Matthias Nawrat
Wir zwei allein
Roman
Fester Einband, 192 Seiten
ISBN 978-3-312-00497-3
Nagel & Kimche, 2012

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