Die Erfindung des Bösen ernährte die Kirchen und befeuerte die amerikanischen Gemüter. Wie aber die Bösen und die Guten, die Teufel und die Engel in die deutschen Intelligenzblätter stürzten, vermag niemand zu erklären. Die Freund-Feind-Dramaturgie, die man einst manichäistisch nannte, scheint unausweichlich zu sein, wenn es um den Suhrkamp Verlag geht. Martin Lüdke hat in seinem Kommentar nach dem dramatischen Knoten gesucht.

Kommentar

Das Suhrkamp-Dilemma

von Martin Lüdke

Drama, Tragödie und Farce. Auf großer Bühne. Vielleicht erleben wir gerade den letzten Akt im Trauerspiel um den Suhrkamp Verlag. Kein Tag vergeht ohne neue Stellungnahmen, Kommentare, Berichte, Analysen und Spekulationen. Ein Machtkampf, der auch mit juristischen Mitteln ausgefochten wird. Es geht, so sehen es die einen, um das unwürdige Spiel: Geist gegen Geld. Oder, wie die anderen meinen, um die simple Frage, ob Hochmut vor dem Fall kommt. Mit einem Beschluss des Berliners Landgerichts wurde die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlages abberufen. Geklagt hatte der Minderheitsgesellschafter Hans Barlach, ein Kaufmann und Enkel des Bildhauers. Barlach hält immerhin 39% der Anteile an diesem Unternehmen. Er wurde von der Mehrheitsgesellschafterin Ulla Unseld-Berkewicz seit Jahren wie ein räudiger Hund vor der Tür gehalten und auf seine entsprechenden Klagen hin auf das Recht verwiesen zu klagen, gerichtlich. Das hat er nun, mit Erfolg, getan. Der Verlag zeigte sich überrascht. Tatsächlich überraschend scheint mir hingegen die Naivität, mit der man glaubte, die hehren Werte der Kultur gegen das banale Recht eines Investors ausspielen zu können. Die Fronten sind verhärtet. Weitere Verfahren sind anhängig. Die Entscheidung steht bevor. Am 13. Februar 2013 wird das Frankfurter Landgericht unter anderem über den Antrag auf Auflösung der Gesellschaft entscheiden.

Worum geht es überhaupt? Auch, aber sicher nicht nur um die Existenz eines Verlages, der zu bedeutendsten kulturellen Energiequelle der alten Bundesrepublik geworden war: Suhrkamp. Der Frankfurter Verlag (re-)präsentierte die Klassische Moderne der Literatur, von Brecht, Hesse und Beckett über Enzensberger und Max Frisch bis zu Bernhard und Handke. Dazu die Theorie dieser Moderne: Adorno, Benjamin, Marcuse, Habermas, aber auch Luhmann und Blumenberg. Der Kulturtheoretiker George Steiner prägte deshalb den Begriff „Suhrkamp-Kultur.“ Der Verlag war das Werk seines Verlegers: Siegfried Unseld. Doch als die Literatur der Moderne klassisch wurde, die Theorie ihre Geltungsansprüche zurückstecken musste, Habermas entsprechend von einer „Neuen Unübersichtlichkeit“ sprach, verlor naturgemäß auch der Suhrkamp Verlag an Bedeutung. Ökonomisch ging es dem Unternehmen längere Zeit noch gut, denn seine „Klassiker“, wie Brecht, Hesse, Frisch, waren zur Schullektüre geworden, ihr Absatz schien garantiert. Seit einigen Jahren bröckelt der Kanon und der Absatz sinkt.

Als 2002 der Verleger Siegfried Unseld starb, war der Verlag, auch programmatisch, in eine Krise geraten. Ein Erbfolgekrieg begann und absorbierte das öffentliche Interesse. Ulla Berkewicz, zweite Frau, Witwe und Erbin des Verlegers, setzte sich dabei 2003 durch, betrieb den Umzug des Verlages nach Berlin – und wagte, erfolgreich, einen Neustart. Auf der Short-List zum Deutschen Buchpreis 2012 zum Beispiel fanden sich drei Suhrkamp-Autoren unter den sechs Nominierten. Besser geht nicht. Der Verlag hat neue Akzente gesetzt, neue Reihen begründet, sich mit neuem Personal programmatisch neu ausgerichtet. Ob sich dieses Programm ökonomisch auszahlt, bezweifeln allerdings die Kenner der Szene.

Darauf kommt es Ulla Berkewicz aber auch nicht an. Sie möchte glänzen. Durchs Programm und durch ihre Art seiner Präsentation. Da scheint sie auch keine Kosten zu scheuen, sei es, dass sie Teile ihrer privaten Villa für knappe und schlappe 80.000 € pro Jahr an den Verlag vermietet, sei es, dass sie private Kosten über den Verlag abrechnet. Beides hat das Berliner Gericht jetzt moniert und sie deshalb als Geschäftsführerin abberufen.

In den gegenwärtigen Auseinandersetzungen stehen die Autoren wie ein Mann hinter Frau Berkewicz. Die Autoren teilen den Hochmut ihrer Verlegerin, dass mit Geld gegen Geist nicht argumentiert werden und bloßes Recht gegen den Ruhm und die Bedeutung dieses Verlages nicht zählen dürfe. Ein Irrtum. Das hätte Ulla Berkewicz von ihrem verstorbenen Gatten lernen können, aber auch aus dem Programm von Suhrkamp: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Ein Verleger sollte wissen, dass jeder Verlag auch ein Geschäft ist, dessen Bedingungen sich nicht dauerhaft ignorieren lassen.

Ulla Berkewicz gilt als beratungsresistent, der von ihr gedemütigte Barlach als rachsüchtig.

Das heißt, hier sollte endlich unser – das öffentliche – Interesse ins Spiel gebracht werden. Denn Suhrkamp war und ist eben mehr als ein Verlag. Dieser Verlag ist ein wesentliches Stück unserer Kulturgeschichte, in Vergangenheit und Gegenwart. Deshalb muss durch eine öffentliche Vermittlung der Konflikt beigelegt und die Zukunft dieses Unternehmens gesichert werden. Ob Ulla Berkewicz weiterhin die Verlegerin spielt, ob Hans Berlach künftig durch einen Geschäftsführer im Verlag, der auch ihm gehört, vertreten ist, das sind Peanuts gegenüber der Tatsache, dass die Existenz von Suhrkamp auf dem Spiel steht.

Kommentare


Vespasia Pellegrino - ( 08-01-2013 09:22:18 )
Das Ende der alten Bundesrepublik war auch das Ende Suhrkamps. Der Rest sind Backlist und Zuckungen.

Fritz Iversen - ( 28-12-2012 03:51:08 )
Das mit dem "öffentlichen Interesse" halte ich für leicht übertrieben. Wenn es die "Suhrkamp-Kultur" gegeben haben sollte, so gibt es sie heute jedenfalls nicht mehr, sondern nur noch deren müdes Nachglimmen und unglückliche Reprise-Versuche, wie die Berliner Villa eindrucksvoll zeigt - was für ein schon in der Intention verschmockter und falscher Versuch, die Westend-Villa Unselds wiederaufleben zu lassen. In Berlin hätte man sich anders repräsentieren müssen - aber das mal nur nebenbei.
Zum intressanten Punkt kommt man, wenn man sich genauer überlegt, was Sie als "Peanuts" bezeichnen, nämlich dass es mehr oder minder unerheblich sei, von wem der Verlag geführt wird. Ich glaube, dies ist eine erhebliche Verkennung der Lage: Ob ein Barlach-Vertreter und/oder Berkewicz, beides sind keine Lösungen, die das Problem lösen können, dass sich der "Suhrkamp-Kultur" heute im Markt stellt. Die Nachfrage nach der gediegenen Hoch-Intellektualität sinkt (siehe dazu auch die Lamenti von Michael Krüger aus jüngster Zeit), die Backlist-Einnahmen zur Quersubventionierung sinken ebenso. Auch die Leser-Demographie scheint sich einschneidend zu ändern.
Der Verlag hat - da hat sich Barlach noch 2006 viellicht irren können - nicht mehr ein gut mit Brecht-Tantiemen geöltes "Suhrkamp-Kultur"-Programm, sondern ein Portfolio, das von Jahr zu Jahr schwieriger wird, programmatisch durchzuhalten. Da ist nichts drin, was den Massenmarkt aufschließt. Deshalb braucht der SV paradoxerweise in den nächsten Jahren MEHR geschäftliche Cleverness als jeder andere deutsche Verlag, mehr als Hanser, Rowohlt, Fischer oder auch bspw. der bei Randomhouse angehängte Lucherthand-Literaturverlag, der sich allmählich auch wieder sehr gut macht. SV braucht sehr viel geschäftliche Disziplin der Geschäftsführung, wenn man eine Zukunft haben will. Wer kann diesen Verlag jetzt ebenso solide wie ideenreich in die Zukunft führen? Barlach will ja nur sein Geld mit Gewinn herausziehen, im Moment ist er ja in jeder Hinsicht der Dumme. Berkewicz scheinen offenkundig die unternehmerischen Fähigkeiten zu fehlen. Fazit: Wenn man den Konflikt gütlich beilegt, ist mE für den Verlag noch gar nichts gewonnen.
Zur Erinnerung: "Es ist den Autoren nicht länger zuzumuten, dass die Zufälligkeit der Erbnachfolge bei Verlagen in Privatbesitz ihre literarische Arbeit gefährdet." Wer schrieb das? Günter Grass. 1975 anlässlich des 50jährigen Verlagsjubiläums. Luchterhand ist auch erst wieder hochgekommen, als das Verlagsmodell wirtschaftlich geklärt worden war. Und Carl Hanser wusste das schon 1928, dass ein literarischer Verlag per se die Spekulationsnische des Verlagswesen ist: "Als er seinen Verlag 1928 gründete, waren es von Anfang an zwei unternehmerische Zielsetzungen: ein literarischer Verlag mit hohem Anspruch und ein technischer Fachverlag mit industriellem Praxisbezug." Nur bei Suhrkamp glaubt man noch, dass mit dem schwierigsten Teil des ganzen Verlagsgeschäfts so einfach in den nächsten Jahren und Jahrzehnten durchkommt? Nein, so nicht. Nicht mit Barlach, nicht mit Berkewicz, nicht mit den beiden zusammen.

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erstellt am 27.12.2012

Mit dem Aufruf »Eigentum verpflichtet« haben mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp-Verlags eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit gefordert:

Komplette Unterschriftenliste