Kollektive Erinnerung

Im allgemeinen historischen Bewusstsein und in Schulbüchern wird die jüdische Geschichte so sehr auf die Verfolgungsgeschichte seit dem Mittelalter verengt, dass sie damit fast nur noch als Vorgeschichte des Holocaust erscheint. Diese fragwürdige pädagogische Einlösung der Forderung des »Nie wieder!« hat ihre Kehrseite darin, dass die Juden nur als Opfer wahrgenommen und noch nachträglich zu Ausgegrenzten in unserem historischen Bewusstsein werden.

Dieses Thema zieht sich als eine von zwei Leitlinien durch die Beiträge dieses Buches. Es ist die Frage nach der Verfolgungsgeschichte, der Schuld, der historischen Verantwortung und der Fluchtversuche daraus. Zu dieser problematischen Wahrnehmung von Geschichte kommt noch hinzu, dass dafür gegebene Erklärungen, d.h. Erklärungen für Vorurteile, Hass, Feindseligkeit, Antijudaismus oder Antisemitismus, oft selbst dem Erklärungsmuster der Stereotypen und Vorurteile folgen, die sie verurteilen. Die Verurteilung des Vorurteils reicht noch nicht zu dessen Auflösung, wenn nicht ein anderes Urteil (im Sinne einer adäquaten Beurteilung) in der Sache erfolgt. Dies zeigt sich insbesondere beim Thema des Geldes, zu dem die Juden nach weit verbreiteter Auffassung eine besondere Affinität haben sollen, seit sie im Mittelalter einerseits durch den Ausschluss aus zahlreichen Berufen und andererseits durch das angebliche Zinsverbot für die Christen vermeintlich exklusiv den Geldverleih betrieben – was jedoch nicht der historischen Wahrheit entspricht.

Dieses Problem aufzuzeigen, zu analysieren und zu erklären, ist, verknüpft mit anderen Aspekten der jüdischen Geschichte und ihrer Wahrnehmung, die zweite Leitlinie in diesem Buch.

Auszug aus »Zwischen Urteil und Vorurteil«

Einleitung

Es gibt kein historisches Thema, mit dem sich die deutsche Geschichtswissenschaft, die Journalistik und interessierte Öffentlichkeit sowie das »offizielle« Deutschland mehr befassen als mit demjenigen, das im Brennpunkt der deutsch-jüdischen Geschichte steht: Nationalsozialismus und Holocaust (Shoah). Eine so intensive Vergegenwärtigung des Vergangenen garantiert jedoch noch keine erschöpfende Aufarbeitung des Geschehenen. In der deutschen Sprache und in der kollektiven Erinnerung haben sich in den vergangenen Jahrzehnten die Begriffe dafür gewandelt: Ursprünglich stand dafür Auschwitz emblematisch als der Ort des Geschehens, dessen Wahrnehmung auch lange darauf fixiert war. Übersehen oder vernachlässigt wurde dadurch, was zeitlich vor dem in den Vernichtungslagern industriell organisierten Mord und örtlich abseits davon durch die SS-Einsatzgruppen stattfand. So kritisierte Timothy Snyder 2009 den verengten Blick der westeuropäischen Wahrnehmung auf das Schicksal der west- und mitteleuropäischen Juden, all jener, die nach Osten in die Vernichtungslager deportiert wurden, und die entsprechende Ausblendung des Schicksals der osteuropäischen Juden: »By 1943 and 1944, when most of the killing of western European Jews took place, the Holocaust was in considerable measure complete. Two thirds of the Jews who would be killed during the war were already dead by the end of 1942.«(1)

Dies liegt natürlich zunächst daran, dass die Zeitzeugenschaft weitgehend den überlebenden westeuropäischen Opfern zu verdanken ist, nicht nur, aber auch, weil es nach 1945 keine vergleichbare Rede- und Pressefreiheit in Osteuropa gab und weil nicht nur die Kenntnis davon, sondern auch ihre wissenschaftliche Aufarbeitung stark dieser westeuropäischen Perspektive gefolgt ist. Und es liegt auch daran, dass der Zweite Weltkrieg und damit verbunden der Holocaust aus der westlichen und mehr noch aus der deutschen Perspektive so sehr als deutsche Geschichte verstanden werden, dass das Geschehen kaum in seiner europäischen geographischen Tragweite und besonders das osteuropäische Judentum kaum in seiner demographischen und kulturellen Dimension wahrgenommen werden. Der Impuls, den TV-Serie Holocaust Ende der 1970er Jahre für eine neue Vergegenwärtigung dieser Vergangenheit bewirkte – damit verbunden auch ein neuer Begriff dafür –, geschah ja auch durch die Erzählung des Schicksals der deutsch-jüdischen Familie Weiss aus Berlin. Zeitzeugen, deren Berichte in Schulbüchern zitiert werden, sind in der Regel deutsche Jüdinnen und Juden, die polnischen und anderen bleiben weitgehend anonym auf den Fotos und in den Texten der Lehrbücher. So überschätzen Schülerinnen und Schüler oft den Anteil der deutschen Juden an den Millionen Opfern des Holocaust, so wie überhaupt der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung in Deutschland seit dem Mittelalter von vielen (darunter auch Studierende der Geschichte) auf 5 Prozent, 10 Prozent oder noch mehr geschätzt wird (real ≤ einem Prozent).

Erst Claude Lanzmanns Film) Shoah hatte, abgesehen von seiner Monumentalität, auch das Verdienst, die (mittel-)osteuropäische Realität des Geschehens vor Augen zu führen – ein Aspekt, der auch mir erst in jüngster Zeit nach dem erneuten Anschauen des Films in seiner ganzen Tragweite klar wurde. Lanzmann gebührt außerdem das Verdienst, den hebräischen Begriff Shoah entsprechend in die europäische Erinnerungskultur eingeführt zu haben, der noch einmal eine andere Perspektive in sich birgt, nämlich eine spezifisch jüdische, schon sprachlich: Holocaust bleibt ein aus dem Griechischen übernommenes amerikanisches Wort, ein terminus technicus der Historiker, Shoah drückt eine andere Dimension der Empfindung aus.

So wie die Wahrnehmung des Holocaust in dem genannten Sinne lange Zeit verengt war und es in weiten Kreisen auch noch ist, so ist auch die Wahrnehmung der jüdischen Geschichte insgesamt verengt, nämlich weitgehend reduziert auf die Verfolgungsgeschichte durch die Jahrhunderte mit dem Holocaust als Kulminationspunkt im Fokus. Die Kritik daran ist schon vergleichsweise alt, auf entsprechende Publikationen wird nachfolgend an der einen oder anderen Stelle verwiesen, und sie wird wohl in Zukunft auch noch weiter gehen müssen, da die Zunahme der quantitativen Beschäftigung mit diesem Thema noch keine qualitative Verbesserung des Verständnisses der deutsch-jüdischen Geschichte garantiert. So sehr für die historische Darstellung gefordert wird, dass die Opferperspektive angemessen berücksichtigt werden soll, so sehr ist die Einengung der Geschichte auf eine Opfergeschichte fatal, dies kommt nicht zuletzt in dem unter Jugendlichen bereits banalisierten Schimpfwort »Du Opfer!« auf perverse Weise zum Ausdruck. Solch eine Opfer- oder Verfolgungsgeschichte zieht sich durch die Schulbücher vom Kreuzzugspogrom bis zum Holocaust, so sehr, dass die Schüler, wie ich es oft genug erlebe, gar nicht verstehen, warum Juden solange »bei uns« lebten, wenn sie dauernd um ihr Leben fürchten mussten.

Dieses Thema zieht sich als eine von zwei Leitlinien durch die meisten der nachfolgenden Beiträge dieses Buches. Es ist die Frage nach der Verfolgungsgeschichte, der Schuld, der historischen Verantwortung und der Fluchtversuche daraus. Zu dieser problematischen Wahrnehmung von Geschichte kommt noch hinzu, dass dafür gegebene Erklärungen, d.h. Erklärungen für Vorurteile, Hass, Feindseligkeit, Antijudaismus oder Antisemitismus, oft selbst dem Erklärungsmuster der Stereotypen und Vorurteile folgen, die sie verurteilen. Die Verurteilung des Vorurteils reicht noch nicht zu dessen Auflösung, wenn nicht ein anderes Urteil (im Sinne einer adäquaten Beurteilung ) in der Sache erfolgt. Dies zeigt sich insbesondere beim Thema des Geldes, zu dem die Juden nach weit verbreiteter Auffassung eine besondere Affinität haben sollen, seit sie im Mittelalter einerseits durch den Ausschluss aus zahlreichen Berufen und andererseits durch das angebliche Zinsverbot für die Christen vermeintlich exklusiv den Geldverleih betrieben – was jedoch nicht der historischen Wahrheit entspricht. Dieses Problem aufzuzeigen, zu analysieren und zu erklären, ist, verknüpft mit anderen Aspekten der jüdischen Geschichte und ihrer Wahrnehmung, die zweite Leitlinie, die sich durch die meisten der nachfolgenden Abschnitte des Buches zieht. Sie untersuchen diese Problematik in ihren verschiedenen Facetten. Im Zentrum steht dabei die als solche nicht messbare kollektive Erinnerung, materialisiert dadurch, wie sie sich in Geschichtsbüchern und v.a. in Schulgeschichtsbüchern niederschlägt, die ihrem pädagogischen Auftrag und ihrem »heimlichen Lehrplan« zufolge, wie man früher in der pädagogischen Kritik sagte, genau diese kollektive Erinnerung in ihren Dimensionen von Bewusstheit und Unbewusstheit vermitteln. Im Hintergrund und stellenweise auch im Vordergrund steht dabei auch die unmittelbare eigene Erfahrung als Geschichtslehrer an einem Gymnasium.(2)

Es handelt sich bei den hier versammelten neun Beiträgen um ursprünglich eigenständige Veröffentlichungen in Zeitschriften oder Sammelbänden oder um bislang unveröffentlichte Vorträge. Die Analyse zur Geschichte und Aktualität von Joseph Süß Oppenheimer wurde für dieses Buch geschrieben. Die älteren der hier zusammengefassten Texte wurden, wo nötig, überarbeitet und aktualisiert, bei thematischen Überschneidungen wurden Querverweise eingefügt. Der erste Beitrag darf als ein zusammenfassender Auftakt für die Gesamtthematik verstanden werden.

  • 1 Timothy Snyder: »Holocaust: The ignored reality», in: The New York Review of Books, July 16, 2009, online bereits am 25.6.2009 in: Eurozine, www.eurozine.com/articles/2009-06-25-snyder-en.html. Snyder zieht dabei auch eine Parallele zu den Verbrechen des Stalinismus, vgl. Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, München (C.H. Beck), 2011.
  • 2 Es handelt sich dabei um eigenständige Erfahrungen und Recherchen seit über einem Jahrzehnt, die auch Gegenstand der Diskussion und des Austausches mit Martin Liepach waren und sind und seit 2009 in meine Arbeit am Pädagogischen Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt eingeflossen sind.

Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Geiger und Humanities Online

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erstellt am 23.12.2012

Wolfgang Geiger
Zwischen Urteil und Vorurteil
Jüdische und deutsche Geschichte in der kollektiven Erinnerung
200 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-941743-23-6

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Wolfgang Geiger, geb. 1956, studierte Französisch und Geschichte für das Lehramt, promovierte 1986 in Frankfurt am Main und 1996 in Nantes, dort mit einer Dissertation zum Frankreichbild im Dritten Reich, und ist seit 1999 Lehrer an einem Gymnasium in Hessen. Seit 2006 ist er Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität Frankfurt, zunächst am Seminar für Didaktik der Geschichte, dann am Historischen Seminar. Er ist Mitarbeiter des Pädagogischen Zentrums des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt.