Dantons Tod im Staatstheater Karlsruhe
Theaterkritik

Dem Preis der Revolution ins Auge blicken

Simone Blattner inszeniert am Badischen Staatstheater Karlsruhe „Dantons Tod”

Von Jennifer Warzecha

Georg Büchners genialisches Drama „Dantons Tod” ist nicht nur revolutionär in Bezug auf den Inhalt, sondern auch auf die Form – gemessen an der Zeit, in der der Dichter es verfasste. Es handelt von den Wirren, die die Französische Revolution mit sich bringt – und von den Machtkämpfen der zwei Protagonisten Danton und Robespierre miteinander. Ersterer stirbt, wie der Titel schon besagt, am Ende geradezu märtyrerhaft. Hiervon ist in der Inszenierung am Badischen Staatstheater, inszeniert von Simone Blattner (Kostüme: Claudia González EspÌndola, Musik: Christopher Brandt), leider zu wenig zu sehen und zu fühlen. Zwar ist „Dantons Tod” kein Drama mehr nach der Aristotelischen „Katharsis”, die den Zuschauer mitleiden und -fürchten lässt. Doch ein bisschen mehr Enthusiasmus wäre schon allein aufgrund der Situation der Revolution und der Figur des revolutionären Dantons angebracht gewesen. Das Drama ist unterteilt in drei Akte (statt der vier wie in der ursprünglichen Fassung von 1835) und endet mit dem Selbstmord Luciles und dem Aufschrei „Es lebe der König!”. Alain Rapports Bühne und Raum ist eine Holzbühne, die nicht nur mitten im Zuschauerraum aufgebaut ist, sondern auch jedes Mal den nächsten Akt einleitet. Die Handlung spielt insgesamt im Jahr 1794. Es gibt unterschiedliche Schauplätze, eine längere Zeitdauer, in dem das Drama spielt, und eine Liebesgeschichte als Nebenstrang. Das entspricht der Form des offenen Dramas. Dadurch, dass die Regisseurin ihre Personnage sehr verkleinert einsetzt, kommt es jedoch stark an die Grenze zu der geschlossenen Form. Es ist das fünfte Jahr der Französischen Revolution und der Wohlfahrtsausschuss tagt unter der Führung Robespierres. Danton (Frank Wiegard) ist, wenn er sich nicht mit seiner Truppe der revolutionären Köpfe, die da sind: Lucile (Joanna Kitzl), Legendre (Simon Bauer), Camille (Thomas Halle) und Lacroix (Gunnar Schmidt) unterhält (auch bei Robespierre findet sich ein ähnliches Lager an Gefährten), in, mimisch überzeugenden, Monologen, die dem Publikum Mitteilung über seine revolutionären Ideen und den weiteren Verlauf der Handlung geben, zu sehen. Nur: auch hier wird es ein wenig unpräzise. Gerade Frank Wiegard als Danton wirkt zusammen mit Timo Tank als Robespierre sehr eindrücklich in seiner schauspielerischen Leistung. Egal, ob Danton lediglich gelangweilt vorne an der Bühnenrampe sitzt und genüsslich an seinem Rotwein nippt und dabei ins Publikum blickt oder davon spricht, dass das Leben „nicht der Mühe wert” sei, während er Camille am Knie packt und selbst seine Beine mit Nachdruck auf einen Holzstuhl stellt – rhetorische Wirkung haben seine Rede und sein Agieren schon. Schon so sehr, dass unklar ist, ob der Monolog nicht doch ein klarer Dialog mit dem Publikum ist. Danton möchte sich „lieber guillotinieren lassen, als eine Rede halten”. Diese Aussage passt nicht zum tatsächlichen Redeanteil des Protagonisten. Es zeugt aber von der kämpferischen Natur des Dantons. Lediglich – die Bilder könnten greifbarer sein und dementsprechend szenisch umgesetzt werden. Wo ist die Guillotine, wie sieht sie aus? Zwar ist im Programmheft die Rede davon, dass das Bühnenbild an ein „Schafott und damit an die Öffentlichkeit der Prozesse und Hinrichtungen und deren Analogie zu Theateraufführungen” erinnere. Diese öffentliche Wirkung fehlt ein wenig – trotz des Geräuschs, das am Ende den Ton der Guillotine widergibt und dem Leben der Revolutionäre und Kämpfer ein Ende setzt. Auch der Chor, der „inhaltliche Akzente setzen” (Programmheft) soll, und die Figuren der Revolutionäre, die wie Figuren eines Meta-Dialogs auf der bühnenhaften Mauer sitzen, als Lucile den Tod ihres Gatten bedauert und sich schließlich selbst umbringt, machen das nicht wett. Dass die Personnage klein gehalten und die Liebesgeschichten im Stück bis auf die von Lucile und Camille ignoriert werden sollten , verriet schon die Einführung in das Stück. Weniger ist mehr, doch diesem weniger an Figuren hätte trotzdem ein wenig mehr an figurativer Inszenierung nicht geschadet. Das, trotz der Verwendung der Sprache des für Büchner so typischen Sozialdramas. Denn um „Was ist das, was in uns lügt, mordet und stiehlt?” zu symbolisieren, braucht es doch ein wenig mehr szenische Fantasie, trotz lustiger Einlagen wie dem Einsatz von Strumpfbeinen, die den Fuß des Volkes symbolisieren sollen.

erstellt am 23.12.2012

DANTONS TOD
Ein Drama von Georg Büchner

REGIE Simone Blattner
BÜHNE Alain Rappaport
KOSTÜME Claudia González Espíndola
MUSIK Christopher Brandt
DRAMATURGIE Kerstin Grübmeyer

Staatstheater Karlsruhe