Staatsorchester Stuttgart, 1999

DVD-Besprechung

Bezaubernd

Die Stuttgarter Alcina auf DVD

Von Thomas Rothschild

Wenn vom Regietheater die Rede ist, werden immer wieder die gleichen Namen genannt. Es sind in der Regel die begnadeten Selbstdarsteller, die Virtuosen der Provokation, denen die Aufmerksamkeit der Bewunderer und der Verächter sowie der Medien zuteil wird. Kurioserweise wird in diesem Kontext das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito kaum je erwähnt, obwohl es seit Jahren für seine Arbeiten fast ausschließlich positive bis überschwängliche Kritiken einheimsen durfte. Vielleicht liegt das am ruhigen, freundlichen, bescheidenen Auftreten der beiden, vielleicht liegt es auch daran, dass Jossi Wieler, ursprünglich im Sprechtheater daheim, in den vergangenen Jahren zunehmend und seit der Übernahme der Stuttgarter Oper als Intendant ausschließlich Opernregie macht. Hier freilich, auf der Opernbühne, darf er zusammen mit seinem von der Dramaturgie kommenden Kollegen Sergio Morabito als der neben Peter Konwitschny intelligenteste und anregendste Regisseur des gegenwärtigen Musiktheaters gelten. Von Morabito, der gelegentlich im Schatten Wielers steht, kann man sich ein genaueres Bild machen, wenn man seinen Einführungen im Foyer der Stuttgarter Oper lauscht. An seiner universalen Bildung, seiner didaktischen Fähigkeit, seiner Rhetorik könnten sich die bestallten Universitätsprofessoren ein Beispiel nehmen.

1998, noch in der Intendanz Zehelein, haben Wieler und Morabito Händels Alcina inszeniert. Sie steht immer noch, mit veränderten Besetzungen, auf dem Spielplan. Mit dem ursprünglichen Ensemble liegt diese auch für den heutigen Umgang mit Händel wegweisende Inszenierung auf DVD vor. Bei Wieler und Morabito ist Alcina keine Zauberin, sondern eine moderne liebeshungrige Frau der besseren Gesellschaft, die an Delphine Seyrig in Letztes Jahr in Marienbad erinnert. Und vom unersättlichen Hunger nach Liebe handelt das ganze Stück. Alcinas Gegenspieler Ruggiero ist gleich zu Beginn davon getrieben und verteilt sein Zärtlichkeitsbedürfnis über alle Anwesenden, egal welchen Geschlechts. Alcinas Liebe ist so suggestiv, dass einem die „Hexe“ am Ende leid tut, nachdem ihre Eifersucht und ihr Rachebedürfnis die Sympathie eigentlich auf ihre Opfer hätten lenken sollen. Diese, von Tieren, Pflanzen und Steinen zu Menschen rückverwandelt, verhalten sich im knappen Schlussbild, von der getöteten Alcina ironisch beäugt, wie Tiere. Diese Alcina ist am Schluss, ähnlich der Platée in Rameaus gleichnamiger Oper, wenn auch um Welten verführerischer, nur noch die gedemütigte Frau.

Händels Oper entpuppt sich in dieser Inszenierung als später Verwandter von Shakespeares Komödien über die Irrungen und Wirrungen der Liebe. Wieler und Morabito spielen exzessiv mit der Geschlechterambiguität, die durch die Hosenrolle der Bradamante, einer anderen Viola aus Was ihr wollt, vorgegeben ist. Anders aber als bei Shakespeare verlangen die Arien mit ihren zahllosen Wiederholungen der Regie Mühen ab, wo die Handlung still steht. Die Einfälle scheinen dem Regieduo nicht auszugehen, und sie sind stets mehr als Ausdruck der Scheu vor einem statischen Deklamationstheater. Nicht nur die gerade singenden Protagonisten, auch die Nebenfiguren sind ständig in Aktion, tun etwas, was dem Text eine zusätzliche Bedeutung verleiht. Anstelle einer Balletteinlage wird sogar eine rätselhafte Traumszene realisiert, in der sich Ruggiero vom Bräutigam Bradamantes unter der Anleitung von Bradamantes Vertrautem Melisso selbst in eine sterbende Braut verwandelt.

Anna Viebrock liefert in ihrem Bühnenbild jene Patina, die man bei ihr erwarten darf. Aber diesmal hat sie nicht eines jener Vexierbilder entworfen, bei denen Innen- und Außenraum changieren, sondern einen überdimensionierten Bilderrahmen, der mal den Blick auf den dahinter liegenden, sich verändernden Raum frei gibt, mal einen Spiegel vortäuscht. Der Spiegel wiederum erlaubt diverse Doppelgängereffekte. Wer hat es mit wem: da darf man schon an Così fan tutte denken, und Melisso scheint in der Gestalt von Ruggieros Erzieher Atlante der eigentliche Drahtzieher, ein Vorläufer von Don Alfonso zu sein.
Aber was nützt die gescheiteste Regie, wenn die Musik nicht stimmt. Auch die Kastratenrollen des Ruggiero wurde in Stuttgart nicht mit einem Countertenor, sondern mit einer Frau besetzt, ebenso wie die für einen Knabensopran komponierte Rolle des Oberto. So kommen in dieser Aufführungen fünf großartige Frauenstimmen zusammen: Catherine Naglestad in der Titelrolle, Alice Coote als Ruggiero, Helene Schneiderman als Bradamante, die sich als ihr eigener Bruder ausgibt, sowie Catriona Smith als Morgana und Claudia Mahnke in der Hosenrolle des Oberto. Sie alle bringen das Material, das Händel in dieser Oper zur Verfügung stellt, voll zur Geltung, unterstützt von dem Staatsorchester Stuttgart unter der Stabführung von Alan Hacker, das vergessen lässt, dass es sich nicht um ein spezialisiertes Barockorchester handelt. Kaum zu glauben, dass dieser Reichtum an musikalischer Innigkeit und Schönheit fast zwei Jahrhunderte von den Opernbühnen verschwunden ist, und ein weiterer Beleg für die Dummheit von Prognosen, die verkünden, was angeblich für alle Zeiten tot und veraltet sei.

Das einzige Ärgernis betrifft die gedankenlose Fernsehästhetik. Da der Ton die räumlichen Verhältnisse der Bühne wiedergibt, die Kamera aber die Sänger in die Mitte des Bildes oder sogar an den anderen Rand rückt, hört man von rechts singen, die oder den man links sieht.

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erstellt am 18.12.2012

Georg Friedrich Händel – Alcina

Conductor: Alan Hacker
Stage Directors: Jossi Wieler,
Sergio Morabito,
Catherine Nagletstad

Arthaus Musik
Regie: János Darvas
Laufzeit: 159 Minuten

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