Siegfried Unseld – Chronik 1970

Er nannte sich „Sieger“

Von Martin Lüdke

Nur weil er seinen Feldherrn in der Unterhose gesehen hat, begreife ein Diener noch lange nicht die Tragweite der Entscheidungen seines Herrn.
Im Hegelschen Denken, das in der von Karl Markus Michel und Eva Moldenhauer veranstalteten zwanzigbändigen Suhrkamp-Ausgabe von 1970 ein wohl letztes Mal flächendeckend an die (damals noch interessierten) Leser gebracht worden war, kommt die Figur des Dieners darum nicht gut weg. Sich selbst als Diener zu begreifen, dürfte also einige Überwindung kosten. Ein kluger Verleger, der sich wie Siegfried Unseld tatsächlich als Diener seiner Autoren sieht, ordnete sich aber gerne unter. Auch weil er wusste, dass seine eigene Bedeutung nur mit Autoren wachsen kann. Die Autoren schreiben die Bücher, der Verleger bestimmt allerdings das Programm.

Unseld, 1952 durch die Vermittlung Hermann Hesses in den Verlag eingetreten, wurde 1959 von Peter Suhrkamp als Nachfolger eingesetzt. Er übernahm von Suhrkamp die grundsätzliche Programmgestaltung, nämlich die Verbindung von „moderner“ Literatur und ihrer Theorie, für die damals in erster Linie die Kritische Theorie der Frankfurter Schule stand. Auf diese Weise setzte Unseld intuitiv auf die Hegelsche Dialektik. Zudem band er die besten seiner Autoren ein – in die Programmgestaltung. Ohne Habermas, zum Beispiel, hätte das Wissenschaftsprogramm anders ausgesehen. Ohne die Anregungen von Enzensberger, Hildesheimer, Johnson, Walser ist das Hauptprogramm nicht zu denken, ohne sie hätte es keine edition suhrkamp gegeben, kein Kursbuch, ohne Boehlich keinen Handke.
Wie das im Einzelnen ablief, darüber gibt Unseld selber Auskunft, in seiner „Chronik 1970“. Dieses Jahr ist von den Herausgebern gut gewählt. Es war vermutlich der Höhepunkt der Verlagsentwicklung, Adorno war zwar gestorben, seine Wirkung hielt an, die „Ästhetische Theorie“ erschien posthum 1970. Benjamins „Passagen-Werk“ stand noch aus. Die Studentenbewegung war gescheitert und löste sich in sektiererische Splittergruppen auf. Der Pariser Mai 68 hatte endgültig sichtbar gemacht, dass sich die Ansprüche der (ästhetischen) Moderne, Vorschein einer besseren Welt zu sein, nicht einlösen ließen. Die Verbindung von emanzipatorischer Theorie und moderner, avantgardistischer Literatur löste sich wieder auf.
Das lässt sich erst jetzt, im Nachhinein, erkennen. Auf dem Höhepunkt der Verlagsgeschichte begann der (allmähliche) Niedergang. (Als Enzensberger seinen „Untergang der Titanic“ schrieb, 1978, eine radikale Absage an jegliche Utopie, war damit Blochs „Prinzip Hoffnung“ erledigt.) Doch zurück zur Vorgeschichte.
Am Mittwoch, dem 18. Oktober 1967, beginnt der Verleger des Frankfurter Suhrkamp Verlages seine Chronik mit einer kurzen, aber programmatischen Vorbemerkung, deren erster Satz, ein Kalauer, gleich ungewollt aufschlussreich geraten ist. „Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man berichten.“ Der Wittgensteinsche Imperativ, „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“, wird von Siegfried Unseld, nur scheinbar elegant, pragmatisch umgebogen. Dieser Satz, der gegenüber seinen Adressaten Bildung ausweisen sollte, bezeugt aber vor allem Unverständnis. Und: Unsicherheit.

Seit acht Jahren erst leitete Unseld damals das Unternehmen. Seinen Lektoren, vor allem Walter Boehlich und Karl Markus Michel gegenüber, zwei tatsächlich herausragenden Gestalten der frühen Bundesrepublik, fühlte er sich – „in meiner Selbstunsicherheit“ – „in vieler intellektueller Hinsicht unterlegen“. Selbst Raimund Fellinger, jetziger Cheflektor und Mitherausgeber, gesteht in seinem Nachwort zu, dass „die intellektuellen Kollegen innerhalb und außerhalb des Verlags“ in der „ersten Hälfte der fünfziger Jahre“ Unseld zwar als durchsetzungsfähig erkannt, aber nicht richtig ernst genommen haben. Auch in den späten Sechzigern musste er noch um seine Anerkennung kämpfen. Unseld gestand damals einigen seiner Mitarbeiter etwas „Genialisches“ zu, wofür er allerdings, neidlos, „Verehrung“ empfand. Diese Fähigkeit zur Begeisterung, auch zur uneingeschränkten Bewunderung zeichnete ihn tatsächlich aus.
Unseld schrieb weiter:
„Ich beginne hier eine neue Form der Aufschreibung, der Aufsagung. Ich gebe Berichte von jener Welt- und Erfahrungsbreite, die mir zustößt. Ich berichte Dinge, die mir begegnen, Vorgänge, denen ich mich stellen muß. Dabei bin ich eingedenk, daß ein Verleger im Grunde genommen immer nur an den Büchern beurteilt werden soll, die er macht, nicht an den Worten, die er über diese Bücher oder über andere Gegenstände verliert. Ich will beginnen mit einem Bericht über die diesjährige Frankfurter Buchmesse.“
Bei dieser Buchmesse gab es erstmals richtig Rabatz. Diese „Chronik eines Konflikts“ ist vorangestellt, fast hundert Seiten umfassend.
Es krachte nämlich gewaltig. Die Auseinandersetzungen auf der Buchmesse 1967 führten zu dem legendären „Aufstand der Lektoren“ – gegen ihren Verleger.
Es war deshalb eine kluge Entscheidung der Herausgeber dieses Bandes, die übrigens wieder eine herausragende Arbeit geleistet haben, diese Vorgeschichte von 1970, so ausführlich zu dokumentieren. Unseld war erstmals richtig zwischen die Fronten geraten. Im (konservativen) Börsenverein wurde ihm unverantwortliches Revoluzzertum vorgeworfen, im eigenen Haus und in der entstehenden ‚kritischen Öffentlichkeit dagegen schlichte Profitgier. Allein diese Auseinandersetzungen, spannend wie ein Krimi nachzulesen, lohnen die Lektüre. Heute lässt sich kaum noch begreifen, welche Modelle da, und zwar ernsthaft, diskutiert worden sind. Erst jetzt lässt sich erkennen, dass damit auch ein Wendepunkt der deutschen (Kultur-)Geschichte markiert ist.
An der folgenden Jahreschronik 1970, Januar bis Dezember, den nächsten dreihundert Seiten, wird der Fortgang dieses Prozesses beschrieben.

Unselds Berichte, darunter auch viele Reiseberichte erfüllten eine ganze Reihe unterschiedlicher, vor allem interner Funktionen. Der Kreis der Adressaten bleibt variabel Immer werden die leitenden Mitarbeiter informiert, also die Lektoren, öfter auch einige Autoren, dann Vertrieb, die Herstellung, Presse, Werbung. Handlungsanweisungen sind gleich beigefügt.
Es werden Entscheidungen dokumentiert, Gespräche resümiert, Erlebnisse beschrieben, darunter eine erschütternde Szene mit dem Ehepaar Koeppen. Es werden Projekte entwickelt, mit Übersetzern, Herausgebern verhandelt, die Situation ausländischer Verlage und Verleger beleuchtet. Unseld berichtet von Theaterbesuchen, meist Premieren, von Verlagsveranstaltungen und von der Resonanz, die der Verlag im sog. Sortiment, also dem Buchhandel findet. Oft skizzenhaft verkürzt, zuweilen auch in epischer Breite. Nicht selten präsentiert sich der Verleger als Erzähler. (Dazwischen, das sollte nicht verschwiegen werden, die Aufzeichnungen sind nämlich ungekürzt, finden sich auch eher dröge Passagen. Ein Autor zusätzliche braucht Belegexemplare, ein Vorschuss soll irgendwie verrechnet werden, Ernst Augustin will eine bestimmte Papiersorte. Daneben wiederum kuriose Bemerkungen, etwa, dass Peter Handke – „bei seinen Einkünften“ (!) – erst ein einziges Mal und auch dann nur 500 DM Steuern bezahlt haben soll. Dafür war dann „Frl. Ritzerfeld“, Honorare & Lizenzen, zuständig.)

Im Ganzen zeigt diese Chronik bereits die Ausnahmeerscheinung Unseld. Den bedeutendsten Verleger des letzten Jahrhundert. Eine imponierende Gestalt, doch noch mitten in ihrer Entwicklung. Die Chronik zeigt die Innenseite eines straff geführten, geschickt gelenkten Unternehmens, das Bücher produziert und vertreibt. Zugleich ist diesen Informationen Geschichte eingeschrieben, den Weg des bescheidenen Unternehmens mit wenigen Mitarbeitern zu einer medialen Machtzentrale der bundesdeutschen Kulturgeschichte. Die Bewusstseinslage jener Jahre wurde von George Steiner als „Suhrkamp-Kultur“ bezeichnet. Mit Umsicht und mit Weitsicht plante Unseld den Erfolg. Er war viel auf Achse, pflegte Beziehungen, baute Freundschaften auf, kümmerte sich, zum Teil rührend, um „seine“ Autoren. Er tat alles, was in seiner Macht stand, um ihren (!) Ruhm zu mehren. Unseld wusste allerdings genau, was er wollte. In einem Brief an Ernst Bloch, in dem er den Lektoren-Aufstand penibel rekonstruiert, grüßt er „herzlich“, wie er sich engen Freunden gegenüber gerne nannte, als Dein „Sieger“. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war.
„Suhrkamp“ wurde ein Markenzeichen: das war sein Werk.
Das Namensregister der Chronik liest sich wie ein geistiger „Gotha“. Unter dem Buchstaben B findet sich u.a. Ingeborg Bachmann, Djuna Barnes, Samuel Beckett, Walter Benjamin, Thomas Bernhard, Ernst Bloch, Volker Braun, Bertolt Brecht, Hermann Broch usw., usw. Alles Suhrkamp-Autoren, deren Name mit B beginnt, aber bei weitem nicht alle.
Fast alle diese Autoren werden von Unseld bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten porträtiert. Oft liebevoll, wie etwa Beckett, meist freundlich, wie Volker Braun, zuweilen auch etwas pikiert, wie Max Frisch, leicht distanziert, wie Enzensberger. Schriftsteller haben, wie man hier so nebenbei wie eindringlich erfährt, manchmal mächtige Macken.
Zu einigen dieser Autoren, Martin Walser, Uwe Johnson, Jürgen Becker, Wolfgang Hildesheimer, entwickelte Unseld ein besonders enges Verhältnis. Auf sie konnte er sich verlassen. Das war zuweilen auch nötig.

Diese Chronik beschreibt also Geschichte, und war unsere Geschichte. Die editorische Glanzleistung ist wieder zu rühmen. Nur eine wahrhaft (geradezu Freudsche) Fehlleistung darf moniert werden. Unselds designierter Nachfolger, sein Sohn Joachim, wird auf wirklich kuriose Weise im Register versteckt. Daran zeigt sich, fast paradox, dass nicht nur der Frankfurter Suhrkamp Verlag tatsächlich Geschichte geworden ist.

Martin Lüdke

Siehe auch:
BUCHKRITIKEN

erstellt am 28.9.2010

Siegfried Unseld mit Thomas Bernhard
Siegfried Unseld (rechts) beim Gedankenaustausch mit Thomas Bernhard, Foto: Suhrkamp
Siegfried Unseld – Chronik

Siegfried Unseld – Chronik:
Band 1: 1970. Mit den Chroniken Buchmesse 1967, Buchmesse 1968 und der Chronik eines Konflikts
Herausgegeben von Ulrike Anders, Raimund Fellinger, Katharina Karduck, Claus Kröger, Henning Marmulla und Wolfgang Schopf.
Mit einem Nachwort von Raimund Fellinger
Mit zahlreichen Abbildungen
Leinen, 421 Seiten

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