Camille Corot, Die See. Nachtstimmung
Camille Corot, Die See. Nachtstimmung, ca. 1870, Öl auf Leinwand, 55,7 x 81,5 cm, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Reims © Foto: C. Devleeschauwer

… Corot, dieser ehrliche Geist, der in seinem Wesen nach Vereinfachung strebte, das natürliche Gefühl für die Valeurs in allen Dingen besaß, wie er sie besser als sonst einer studierte, wie er ihre Regeln darlegte, sie in seinen Werken formulierte, und wie er von Tag zu Tag glücklichere Beweise davon lieferte. (Eugène Fromentin, Les maîtres d’autrefois, 1876, dt. Ausg.: Die Alten Meister, Köln 1998, S. 139)

Ausstellung

Camille Corot in Karlsruhe

Von Isa Bickmann

Vorausgeschickt sei, dass Camille Corot (1796 – 1875) in Frankreich als einer der bedeutendsten Vorläufer des Naturalismus und Impressionismus gilt. Hierzulande ist er eher den informierteren Kreisen bekannt. Die von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und den Kuratorinnen Dorit Schäfer und Margret Stuffmann organisierte Ausstellung beeindruckt mit einer weitgehend chronologischen Hängung von über 170 Werken. Während das Museum selbst sechs eigene Werke beisteuern kann – eine Ölstudie, eine Zeichnung und drei Druckgraphiken -, stammen die restlichen Exponate aus den Sammlungen des Louvre, dem Metropolitan Museum in New York, den Uffizien in Florenz, der National Gallery in London und vielen mehr.

Durch eine jährliche Rente aus einer Erbschaft finanziell unabhängig, verfolgt Corot keine akademische Ausbildung, sondern wählt in aller Freiheit seine Lehrer, 1822 zuerst Achille-Etna Michallon (1796–1822), und nach dessen frühen Tod wird Corot von Jean-Victor Bertin (1767–1842) unterrichtet. Beide Lehrer standen in der Tradition der französischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts nach Nicolas Poussin, beide waren Schüler von Pierre-Henri de Valenciennes (1750–1819). Corot wird angeregt, hinaus in die Landschaft zu gehen und „plein air“ zu malen. Damit hatte sich der junge Künstler bereits früh für die Landschaftsmalerei entschieden. Die Präsentation in Karlsruhe wird mit Werkbeispielen dieser Lehrer wie auch einer Poussin-Leihgabe aus Berlin, „Landschaft mit dem Evangelisten Matthäus und dem Engel“ von 1640, eingeleitet.

Eine Italienreise zum Studium der alten Meister war obligatorisch für die Künstler jener Zeit, und auch Corot macht sich 1825 erstmals nach Rom auf. Von dort aus reicht er 1827 zwei Werke für den Pariser Salon ein, die beide angenommen werden. Zahlreiche Zeichnungen entstehen während der Wanderungen in der Campagna. Weitere Reisen, 1834 und 1843, führen ihn erneut nach Italien. Er ist viel unterwegs, auch innerhalb Frankreichs, in der Schweiz, immer nah an der Natur, während er in den Wintermonaten im Pariser Atelier größere Werke anfertigt, die er im Salon einreicht.

Mitte der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts beginnt Corots Bekanntheit zu steigen. Er steht mit vielen Künstlern, u.a. den Vertretern der „Schule von Barbizon“, in Kontakt, man ernennt ihn zum Chevalier der französischen Ehrenlegion, und Baudelaire schreibt begeistert in seiner Salon-Besprechung von 1845: „… une œuvre de génie — ou si l’on veut — une œuvre d’âme — où tout est bien vu, bien observé, bien compris, bien imaginé — est toujours très-bien exécutée …“. Am 14. März 1847 besucht Eugène Delacroix Corot in seinem Atelier. Man versteht sich und tauscht sich aus. 1848 wird Corot erstmals in die Jury des Salons gewählt.

Nach dem Tod von Vater (1847) und Mutter (1851), zu denen er ein sehr enges Verhältnis hat, tritt in sein Werk zunehmend eine melancholische Stimmung ein. Claude Lorrain (1600–1682) wird mehr und mehr künstlerisches Vorbild. Die Landschaftsmalerei macht ihn bekannt.
Die Karlsruher Ausstellung zeigt einige der berühmten Werke des Künstlers, wie z. B. „Marietta oder Römische Odaliske“, 1843, aus dem Petit Palais, eine der seltenen Aktdarstellungen, und das Gemälde „Souvenir de Mortefontaine“, 1864, aus dem Louvre. Auf das häufig publizierte Bild „Frau mit Perle“ von 1869, läuft man im Ausstellungsparcours direkt zu. Es zeigt deutliche Bezüge zu Leonardos „Mona Lisa“, aber aus dem unmerklichen Lächeln der Gioconda macht Corot eine introspektive Haltung, die auch bei den anderen Porträts, die er von Personen aus seinem engeren Umfeld anfertigt, typisch sind, und ist damit Meilen von der zeitgenössischen Deutung der Mona Lisa als Femme fatale entfernt. Corot lenkt den Blick auf ihre schmalen Hände und – im Vergleich zur Mona Lisa überlängten Finger.

Einen wichtigen Teil der Ausstellung nehmen Skizzen und Handzeichnungen ein. Empfohlen sei dazu auch die Lektüre der Texte zum Thema, die zu den hellsichtigsten und detailreichsten des Kataloges zählen. Bei den Besuchern offensichtlich höchst willkommen ist auch die Möglichkeit mittels Tablets durch die digitalisierten Skizzenbücher Corots zu blättern, während eine herkömmliche Präsentation meist nur eine von den Kuratoren ausgewählte Seite zeigen kann.

Corot experimentierte mit dem Cliché-verre-Verfahren. Er zeichnete dabei in eine Glasplatte, die mit einer Schicht aus Kollodium oder Druckfarbe bestrichen war. Auf fotosensibles Papier gebracht, konnte so unter Einwirkung von Licht die Zeichnung auf das Papier übertragen werden: „Es entsteht der fotografische Abzug eines handgezeichneten Negativs.“ (Maike Hohn im Kat., S. 316) Diese „Lichtzeichnungen“ erscheinen hochmodern in ihrer radikalen Linienführung.

Man nennt Corot einen Wegbereiter des Impressionismus. Das mag auch hinsichtlich der mittels der Farbe erreichten Lichthaltigkeit einer Freilichtmalerei und dem lockeren Pinselduktus des Spätwerks richtig sein. Schaut man aber in die in der Frankfurter Schirn noch ebenfalls bis zum 20. Januar 2013 laufende Caillebotte-Ausstellung, werden die enormen Unterschiede deutlich: Wie weit entfernt ist dieser von Corots milder Farbgebung, die er schon früh in den italienischen Landschaften einzufangen vermochte, denn Buntheit war seine Sache nicht. Wie ruhig ist die Bildkomposition bei Corot, während der Impressionismus Motive des modernen Stadtlebens umsetzte mit all ihren starken Perspektiven, ihrer Dynamik und sich bewegenden Menschen. Selbst Stadtansichten vermitteln bei Corot den besonnenen Blick des Künstlers, eines Auges, das auf der Landschaft ruht, sie betrachtet und erfasst. “Corot verlangte von sich das langsame, versenkte Betrachten in der Natur und glaubte von den Betrachtern seiner Bilder die gleiche Geduld erwarten zu können.”, so Oskar Bätschmann (in: Entfernung von der Natur. Landschaftsmalerei 1750-1920, Köln 1989, S.154). Dorit Schäfer schreibt im Katalog von einer „zwanglosen Selbstverständlichkeit, der eine friedvolle Stimmung innewohnt“, wenn sie seine dörflichen Landschaften beschreibt. (S. 108) In einem weiteren Beitrag spricht sie von seiner Farbwahl und der Bildsymmetrie, von der Fülle und Leere im Bildaufbau und im Falle der Personendarstellungen von der fehlenden Kommunikation mit dem Bildgeschehen oder dem Betrachter (401ff.), von ihrer inneren Abwesenheit. Eine allerdings wichtige Gemeinsamkeit, die Corot mit dem Impressionismus vereint, ist die Motivauswahl. Denn auch er betrachtet Plätze als bildwürdig, die noch wenige Jahrzehnte zuvor niemals als Motiv zur Wahl gestanden hätten. Das sind auch einmal eine hässliche Mauer im Vordergrund, ein paar sich auftürmende Felsen oder eine dunkle Ecke im Gebüsch, die von der Sonne kaum erreicht wird. Doch zumeist, vor allem im Spätwerk, dominieren Historien und Pastoralen. Die Riva-Serie, am Gardasee Mitte der vierziger Jahre gemalt und später vielfach paraphrasiert, mit den Zutaten Licht der Abendsonne/Mond, See, Boot, Ufergrün, Bäume, Berge, Felsen ist voller romantischer Erhabenheit und Suggestivität, welche die Verehrung der symbolistischen Maler Corot gegenüber verständlich werden lässt. Alphonse Osbert, der Seelenmaler, wäre hier als einer der Künstler zu nennen gewesen, der sich deutlich auf Corots „Abendstern“ von 1864 beruft. Leider ist dann auch der Raum, der sich den Nachwirkungen Corots auf die jüngere Künstlergeneration widmet, sparsam bestückt. Im Katalog findet sich ebenfalls nur ein kurzer Beitrag, der sich auf Pissarro, Odilon Redon, Monet und Cézanne beschränkt.
Hörstationen bieten die Bildbetrachtung mit Musikbegleitung an (zu hören sind z. B. Gluck, Beethoven und Weber), denn der Künstler war ein großer Musikliebhaber, eine schöne, wenngleich nicht neue Idee, die aber dem musikbegeisterten Künstler gerecht wird und die Verweildauer vor den Bildern deutlich verlängert.

Corot hatte ab den sechziger Jahren großen Erfolg, dazu trugen auch öffentliche Ankäufe und ein Bilderwerb durch Napoleon III bei. Der Handel stand Schlange in seinem Atelier. Man sagt, dass er 1873 vollständig ausverkauft gewesen sei. Mit dieser frühen Kommerzialisierung, die der Künstler freilich auch bedienen musste, geht der Vorwurf einher, „die immer gleiche, gefällige Masche“ anzubieten (hierzu Kerstin Thomas im Katalog, S. 368) und er von 1855 und 1874 etwa 30 Gemälde malte, deren Titel mit „Souvenir de…“ beginnen. Diese Kritik entstand also schon zu Lebzeiten und hat auch die spätere Rezeption beeinflusst. Ein weiteres Problem kommt hinzu: Die Zuschreibung ist nicht immer gesichert. René Huyghes berühmter Satz, Corot habe „3.000 Bilder gemalt, von denen 10.000 nach Amerika verkauft wurden“ (Kat., S. 415), was die Vorliebe der nordamerikanischen Sammler beschreibt, trägt ein bisschen Wahrheit in sich. Corots relativ legerer Umgang mit Kopien nach seinen Werken durch professionelle Kopisten – deren Arbeiten er sogar teils überarbeitete und autorisierte, jener hohe Output an Gemälden, die den Markt überschwemmten, wie Vincent Pomarède in der letzten große Corot-Retrospektive (Paris/Ottawa/New York 1996/97) bereits konstatierte, die Unübersichtlichkeit seines Werkes sowie vergleichsweise niedrige Preise bis 1930 machten sein Werk attraktiv für Fälscher – hausgemachte Probleme, die auch mit seinem Selbstverständnis als Künstler zu begründen sind, wie der laxe Umgang mit der Urheberschaft, an dem die heutigen Ausrufer einer frei zugänglichen Verwertung ihre Freude hätten, und die Verbreitung eigener Repliken, um dem Marktbedarf gerecht zu werden. Das Werkverzeichnis von Robaut aus dem Jahre 1965 war ein erster wichtiger Ansatz, es fehlt aber ein überarbeitetes, wissenschaftliches Register der Werke Corots, was bislang aus Kostengründen scheiterte, wie Gérard de Wallens im Katalog darlegt.

Der nunmehr abgegriffene Untertitel der Ausstellung „Natur und Traum“ wird dieser hervorragend inszenierten und mit einer durchdachten Auswahl bestückten Ausstellung leider nicht gerecht, auch wenn die Rêverie nach Rousseau, das träumerischen Fühlen, als ästhetische Leitlinie für Corot im Vordergrund stand, wie Kerstin Thomas in ihrem Beitrag nahelegt. Der 488 Seiten starke Katalog zur Ausstellung sei unbedingt zur Lektüre empfohlen.

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erstellt am 16.12.2012

Camille Corot. Natur und Traum

Ein besonderer Genuss ist die opulente Ausstellung des Franzosen in der Karlsruher Kunsthalle, die bis zum 20. Januar 2013 verlängert wurde.

Kunsthalle Karlsruhe

Selbstportrait von Camille Corot
Selbstportrait mit Palette in der Hand, ca. 1840, Öl auf Leinwand, 34 x 24,8 cm, Galleria degli Uffizi, Florenz, mit Genehmigung des Ministero per i Beni e le Attività Culturali
Camille Corot, Die Ruhe
Camille Corot, Die Ruhe. 1860, überarbeitet ca. 1865-70, Öl auf Leinwand, 57,8 x 101,6 cm, Corcoran Gallery of Art, Washington, D.C., William A. Clark Collection 26.41
Camille Corot, Ville d'Avray
Camille Corot, Ville d'Avray. Waldeingang mit Kuhhirtin, ca. 1825, Öl auf Leinwand, 46 x 35 cm, Scottish National Gallery, Edinburgh, erworben mit Hilfe von A.E. Anderson in Erinnerung an seinen Bruder Frank, 1927
Camille Corot, Rom. Insel und Brücke von San Bartolomeo
Camille Corot, Rom. Insel und Brücke von San Bartolomeo, ca. 1826-28, Öl auf Papier auf Leinwand, 27 x 43,2 cm, National Gallery of Art, Washington, D.C., Patrons' Permanent Fund, © Foto: Courtesy of the National Gallery of Art, Washington, D.C.
Camille Corot, Erinnerung an Mortefontaine
Camille Corot, Erinnerung an Mortefontaine, 1864, Öl auf Leinwand, 65 x 89 cm, Paris, Musée du Louvre © bpk | RMN |René-Gabriel Ojéda
Camille Corot, Frau mit Perle
Camille Corot, Frau mit Perle, ca. 1868-70, Öl auf Leinwand, 70 x 55 cm, Paris, Musée du Louvre © bpk | RMN | Stéphane Maréchalle

Kurzfilm zur Ausstellung „Camille Corot. Natur und Traum.”
Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.

Katalog
Buchhandelsausgabe
Klappenbroschur
24,5 × 30,5 cm
488 Seiten
490 Farbabb.
Deutsch
Kehrer Heidelberg, 2012
ISBN 978-3-86828-332-7
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