Buchkritik

Deix and beyond

Von Thomas Rothschild

Manfred Deix hat längst über die Grenzen Österreichs hinaus seine Fans. Er war es, der die Geschmacklosigkeit, weitaus radikaler als die Kollegen von der Neuen Frankfurter Schule, die in „pardon“ und später in der „Titanic“ ihr Zentralorgan fanden, zum Kunstprinzip erhob. Aber die Sujets allein erklären seinen Erfolg noch nicht. Es ist die Perfektion der Zeichnung und der Ausmalung, die ihn in die Nähe eines Fernando Botero rückt und die Bewunderung gerade seiner deutschen „Konkurrenten“ erregt hat. Als Deix vor langer Zeit anfing, sagte man sich beim Betrachten seiner Figuren: diesen Typus hat er gut getroffen. Heute geht man durch Österreichs Straßen und Dörfer und stellt verblüfft fest: da drüben steht eine Figur von Deix.

Manfred Deix ist der heute wohl bekannteste österreichische Karikaturist, aber er ist nicht der einzige. Die gezeichnete Satire ist in der Alpenrepublik in vielerlei Gestalt beheimatet, und ihre Protagonisten können durchaus als Pendant zum österreichischen Kabarett gesehen werden, das ja auch eine ganz eigene Qualität besaß und besitzt. Irgendwie muss die Geschichte Österreichs den Hang und die Begabung zum Spott, zur Lächerlichmachung gefördert haben. Es gibt viel Gemeinsames zwischen Bronner, Kreisler, Qualtinger, Resetarits, Hader, Bernhard, Jelinek, Schwab und Deix oder Haderer.

Zu den großen Vorläufern von Deix gehörte Erich Sokol, der aus seiner Sympathie für die Sozialdemokratie kein Geheimnis machte. Mit Deix teilt er die Liebe zum minutiös ausgemalten Detail. Jedes seiner Blätter scheint museumsreif. Sein konservativer und überaus erfolgreicher Gegenspieler war Gustav Peichl, der seine dünnen Striche unter dem Namen Ironimus veröffentlichte und den jeder in Österreich kannte wie kaum einen zeitgenössischen Schriftsteller.

In deutschen Zeitschriften ist wohl Gerhard Haderer am häufigsten vertreten, der durchaus mit dem zwei Jahre älteren Deix verglichen werden kann, obwohl er nicht ganz so bissig ist und seine Figuren nicht ganz so ungustiös ausfallen. Seine Einfälle sind nicht weniger grotesk, nicht weniger politisch als die von Deix, und auch technisch gehört Haderer zu den bedeutendsten Zeichnern unserer Gegenwart.
Bei Luis Murschetz und mehr noch bei Paul Flora, die über Jahre hinweg die Identität der „ZEIT“ mitbestimmt haben, zögert man, von Karikaturen oder Cartoons zu sprechen. Gerade die filigranen Zeichnungen von Flora sind selbständige Grafiken, bei denen der Witz oder gar die Pointe in den Hintergrund tritt. Bei ihm findet man am ehesten eine Verwandtschaft zur englischen Tradition. Ob seine Herkunft aus Tirol, also aus der „Provinz“ und nicht aus der Großstadt Wien, eine Rolle spielt, wäre eine Reflexion wert.

Wie groß die Vielfalt der österreichischen Talente auf dem Gebiet der Karikatur ist, dokumentiert ein schöner Band aus dem Molden Verlag (ja, den gibt es noch). Eine Abteilung der Sammlung ist „Porträts & Köpfen“ gewidmet. Dass sie den Karikierten schmeicheln würden, wäre gelogen. Aber es ist nun einmal das Wesen der Karikatur, dass sie Typisches übertreibt – und was für Menschen typisch ist, muss nicht unbedingt erfreulich sein, auch wenn sie selbst es (also sich) anders sehen. Mehr über den Karikaturisten als über seinen Gegenstand sagt es allerdings aus, wenn Ironimus einen Thomas Bernhard zeichnet, der auf die Landkarte von Österreich pinkelt. Da biedert er sich der Denunziation durch die Spießer an. Für das Anpinkeln sollten Satiriker Verständnis haben. Manfred Deix hätte es.

Manfred Deix – Zeichner und künstlerischer Humorist

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erstellt am 13.12.2012

Maria Schuster (Hrsg.)
Alles bestens. Karikaturen & Cartoons aus Österreich
Wien Graz Klagenfurt, Molden 2012

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