Ales Steger (rechts) und Matthias Göritz. Foto: Wolfgang Becker

Aleš Šteger (rechts) mit seinem Übersetzer Matthias Göritz im Frankfurter Literaturhaus. Foto © Wolfgang Becker

Buchkritik

Aleš Šteger: Buch der Körper

Von Thomas Scholz

Sein Evangelium ist spartanisch. „Drei aus Zwei.“ Mehr benötigt Aleš Šteger nicht, um die Frucht einer Liebesbeziehung – „Einer in Einem“ – in eine Welt zu entlassen, die er allein aus Zahlwörtern und Präpositionen konstruiert. Wie das Buch der Bücher beginnt auch sein „Buch der Körper“, sein fünfter Gedichtband, beim Schöpfungsakt. Im Nichts, aus dem Einer entsteht. Fünf minimalistische Strophen später kehrt dieser dorthin zurück, und wir haben den ersten Vorgeschmack auf die Körper enthalten, die der slowenische Autor vom Chaos aller möglichen Texte scheidet. „Alles ist möglich. / Alles vielleicht. / Und fast nichts.“

Mit präzisen Schnitten arbeitet Šteger seine minimalistische Wortschöpfung im ersten Abschnitt, der den Titel „Das“ trägt, heraus. Dreiundzwanzig mal fünf knappe Strophen, damit benennt er seine Objekte. „Etwas ins Nichts. / Etwas aus Nichts. / Etwas in Etwas.“ Dann ist alles Essenzielle umrissen. Werden, Vergehen, Zweisamkeit harmonisch und dann wieder konfliktbeladen, mal lyrisch vage, mal sehr konkret in seiner Bildlichkeit. „Verweigert sich Deinem Weigern. / Will nicht, dass Du willst. / Bestraft Deine Weigerung.“ Und gerade, wenn man die schlanke Schönheit des Rhythmus verinnerlicht hat, folgt dem „Das“ ein „Dort“.

Fünfundzwanzig mal fünf verdichtete Prosablöcke verschachteln sich hier zu labyrinthartigen Räumen. Šteger lockt durch einen scheinbar harmlosen Eingang in diesen reizvollen Irrgarten. „Wir Kinder im Dorf fürchtete uns vor einem Mann, der nicht sprach.“ Doch nach dem Mann kommt die Kunstkammer Peters des Großen, ein Spiegelkabinett und schließlich das Schädelinnere eines Jungen, in dem die 21 Föten seiner ungeborenen Brüdern und Schwester entdeckt werden. Gott wird als „Oberautoerotiker und Exhibitionist“ enttarnt, Hayden spielt Saxophon und die „Gassen sind so eng, dass man ausatmen muss, um aneinander vorbeizugehen.“ Raum auf Raum entsteht und wird gleich vom nächsten abgelöst. An dieser kaleidoskopischen Verdichtung hätte Regisseur Terry Gilliam seine wahre Freude. „Ist es eine Begegnung, wenn uns ein Gedicht aufstöbert?“ Štegers Prosablöcke sind Orte, an denen sein Erzähler sich selbst begegnet. „Wenn ich er bin, schreibe ich. Wenn ich ich bin, betrachte ich das Geschriebene.“

Und doch folgt dem „Dort“ das „Dann“, weist das Subjekt wieder von sich weg, hin zu dem Objekt in Raum und Zeit – dem Körper. Dem slowenischen Alphabet folgend ordnet Šteger jedem Buchstaben ein Wort zu und gibt ihm den passenden Wort-Körper, setzt ihn in Zeit und Raum, verkörpert sein Wort-Universum – und stellt seinen Übersetzer Matthias Göritz dadurch vor die Aufgabe, die hier unweigerlich zu Tage tretenden Bruchstellen der sprachlichen Überführung zu kitten. Dieser brilliert, indem er nicht glättet, sondern die Brüche offen lässt. „Das Wort a, aber, / Kaum in die Welt gesetzt, / Fast nur ein Buchstabe“. Jedem Gedicht ist der slowenische Ausdruck vorangestellt. Die Übersetzungsarbeit tritt erstmals an diesen lyrischen Sollbruchstellen zu Tage, an denen die Worte nicht mehr der alphabetischen Reihenfolge entsprechen, und arbeitet diesen Umstand so selbstverständlich in die laufende Verkörperung ein, dass man meinen könnte, „aber“ schreibe sich schon immer nur „a“.

In seinen 25 Wörtern changiert Šteger in minimalen Zeilen mühelos zwischen Abstraktion und konkreten Bildern, legt die Elefanten im hier und die Wüste im schon offen und stülpt seine Wörter von innen nach außen. Wer hätte gedacht, dass sich das Dunkel mit dem Tag beschmutzt? Dass ein hinkendes Wort besser ist als ein dahergelaufenes, leuchtet hingegen sofort ein. Mitten im Wort- und Körperfindungsprozess jedoch lässt Aleš Šteger seine Leser im Sattel eines Kamels zurück. „Und wer / Ist der kleine / Sultan, / Der mit dem Zügel / Zwischen den Zähnen / Auf ihm sitzt, / und murmelt / Weiter, weiter?“ Das ist der Schluss. In seinem Nachwort diagnostiziert Matthias Göritz, Štegers Buch sei „ironisches Spiel, Exerzitium, seltsamer Einblick ins Innenleben der Dichtung, radikale Denkfigur – und manchmal eine Offenbarung“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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erstellt am 13.12.2012

Aleš Šteger
Buch der Körper
Gedichte
Aus d. Slowen. v. Matthias Göritz
Schöffling Verlag, Frankfurt 2012

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