Nach seinem beeindruckenden Debüt „Heimaturlaub“, das wir ebenfalls auf Faust Kultur vorgestellt haben, hat Joachim Geil nun seinen zweiten Roman vorgelegt. Im Mittelpunkt steht Ernst Ewald Tischler, Alt-68er, der sich in seinen Sandalen schlurfend zu einer Kochsendung aufmacht, in der er als Gast auftreten soll. Durchbrochen wird dies von seinen Erinnerungen an die 1967 beginnende Studienzeit in Frankfurt. Die furios miteinander verquickten Handlungsstränge verlangen nach der ersten Lektüre des Buches umgehend nach einer zweiten. Oder man „schmeckt sich langsam durch“, wie ein Kritiker riet. Das ist auch im wörtlichen Sinn zu verstehen, denn es geht immer wieder um die leiblichen Genüsse. Likörwein aus Portoferraio, Tintenfisch mit Olivenöl und Zitronensaft überträufelt, süße Schiaccia spielen eine dramatische Rolle im Leben Tischlers wie auch die Torten im Café Laumer und das „Quetschekuche“-Rezept von Ernsts Mama.

Der folgende Ausschnitt spielt während einer Lehrveranstaltung des charismatischen Frankfurter Professors – unverkennbar handelt es sich um Adorno.

Romanauszug

Tischlers Auftritt

Da würde ich zunächst die These aufstellen, daß eine faschistische Massenbewegung in den Metropolen des Spätkapitalismus nur möglich ist unter Bedingungen, wie sie zum Beispiel heute in Amerika herrschen, daß also ein imperialistisches Land wie Amerika sich mit brutaler Gewalt in der Dritten Welt engagiert und daß dieser Prozeß brutalisierend auf das Land zurückschlägt.

Krahl schien Uschi aus der Seele zu sprechen, denn sie war so bei ihm, daß sie ihre Strähne zweimal nacheinander hinters Ohr schob und vor dem dritten Mal sogar hinter dem Ohr hervorzog, um sie dann, in einer ans Nervöse grenzenden Scharrbewegung, mehrmals hinterm Ohr zu manifestieren, das dachtest du, sei das richtige Wort jetzt. Sie sprach dabei ein tonloses Genau und schrieb ein Wort in ihr Notizheft. Rechts schrieb sie, links manifestierte sie. Dabei rutschte sie auf ihrem Klappsitz hin und her, was ihr etwas Rhythmisches, beinahe Tänzerisches gab. Aktivistisch geradezu. Und im tiefen, halbartikulierten Ton des lauten Denkens glaubtest du von ihr zu hören: Kapitalismus muß weg. Ihre Bewegungen wurden mechanisch-koboldhaft. Und du machtest dir Sorgen, denn von einem Gedanken sich forttragen zu lassen, lerntest du nun mit beherzter Eindringlichkeit vom Professor, von einem freien, nicht zweckgebundenen Gedanken, einem Gedanken, der sich aufdrängt, wenn du etwas erlebst, erfährst, wahrnimmst, anschaust, ahnst, und der als Gedanke bedenkenswert blieb, war eine Sache. Aber in dieses Denken drängende rhythmische Bewegungen einzuflechten, war dir fremd.

Ich. Glaube. Daß. Nur. Dann. Der. Gedanke. Noch. Eine. Chance. Hat. Irgendwie. Praktisch. Zu. Wirken. Wenn. Er. Nicht. Von. Vornherein. Sich. Von. Den. Möglichkeiten. Und. Den. Postulaten. Einer. Sich. Daran. Anschließenden. Praxis. Gängeln. Läßt. Ich glaube, daß nur dann der Gedanke noch eine Chance hat, irgendwie praktisch zu wirken, wenn er nicht von vornherein sich von den Möglichkeiten und den Postulaten einer sich daran anschließenden Praxis gängeln läßt. Der Satz stand nun in deinem Heft.

Am Anfang war der Gedanke. Erst beim Professor, dann bei dir. Erst mal schauen, dann was machen – oder weiterschauen. Du schautest weiter. Auf Uschi. Und um ehrlich zu sein, war es fast nicht mehr erträglich, wie die Wichtigkeit, die von Vater und Sohn vorne am Pult zu dir raunte, mit der Aufmerksamkeit kämpfte, die du dieser rätselhaften, aber entsetzlich anziehenden Uschi für deine Verhältnisse besessen entgegenbrachtest. Die nervöse Nähe derselben Sitzreihe und die unüberwindbare Ferne ihrer umherschweifenden Aufmerksamkeit ließen die Fläche deines Klappsitzes schnell warm werden, und die Unruhe, mit der du hin und her rutschtest, war genauso ausgeprägt wie die Uschis beim Zuhören. Und als du es für einen Augenblick bemerktest, eine Sekunde lang, die du über allen Reihen des Hörsaals zu schweben glaubtest und dich selbst beobachtetest, da erschien dir das Rumgerutsche als partnerschaftlicher Ausdruck. Du warst in all deiner Gehemmtheit, der Gehemmtheit einer Landauer Jugend, mit den Ladeschwierigkeiten dessen, der auszog, das Neue zu erfahren, immerhin schon als Erstsemester in der Lage, der Aleatorik unruhig sitzender Menschen eine sinngebende Gemeinsamkeit überzustülpen. War das Verliebtsein? Oder war das beides, Verstand und Gefühl? Und wenn jetzt noch eine Erektion die Wärme in der Hose steigerte und die Enge der Situation verschärfte? Sie tat es.

Und wieso all das analysieren? Abwegig? Unfähigkeit zu lieben? Einfacher wäre es, wenn immer immer wieder die Sonne aufginge und ab und zu die Hose. Du mußtest ernüchtert lachen. Verstand, Gefühl, Libido konnten verkrampfend wirken, obwohl sie in einer Vorlesung über Ästhetik sicher nicht falsch waren. Dein ausgetrockneter Mund konnte ein Verlangen bedeuten.

Sie schaute plötzlich zu dir. Blickübertragung, tischlertest du für dich. Und sie lächelte dich an. Du vertieftest dich in ihr Lächeln, weshalb sie eine Grimasse schnitt, einmal wohl weil dein Blick klebte, aber vielleicht auch, weil sie wußte, daß du einen Sinn für so was hattest. Nach deinem Auftritt im Auftritt als Ausrufer. Du hattest. Du schmiegtest daz kinne und ein dîn wange in deine Hand und rutschtest gekonnt mit dem Ellenbogen von der Tischkante ab. In diesem Augenblick zu denken, wie man zer welte sollte leben, schien doch zuviel Theorie, vor allem weil Uschi darauf einen Zug aus einer Zigarette imitierte und sich dann hektisch mit den Händen übers Gesicht fuhr, als hätte sie die Zigarette verloren und würde ihr nachtasten. Nachtasten. Ein Wort für ein Leben. […]

Dann zeigte Uschi dir die internationale Kampffaust der Genossen, und du zeigtest ihr, wie man einen Kapitalisten an einen Laternenpfahl hängte. Du zogst deine Krawatte in die Höhe und strecktest die Zunge heraus, als wolltest du dich strangulieren. Was für ein Mutzuwachs. Du zogst dich tatsächlich ein Stück nach oben, bis du merktest, daß du als einziger im Auditorium standest.

Eine Wortmeldung, murmelte einer vom AStA. Der Professor schaute dich an und holte mit seinem Blick den nervös hin und her springenden Hilfsblick des Genossen Krahl ein. Du hattest die Zunge wieder eingezogen und wolltest dich setzen, aber deine Hand hielt noch die Krawatte in die Höhe. Zumindest das Bild dessen, der sich mit seiner eigenen Krawatte würgend nach oben zog, stand mit dir im Raum. Du standest neben dir. Alles für Uschi. Du ließt die Krawatte fallen, nesteltest daran herum, zupftest sie zurecht, machtest aus dieser Bewegung eine immer klarere Abstandsgeste, nein, du zogst deine Wortmeldung zurück. Dein Kopfschütteln. Der Professor und Krahl schauten sich an, schauten dich an. Du setztest dich. Applaus der zweitausend Knöchel. Die Vorlesung war zu Ende. Und Uschi war weg. Suchend taumeltest du im Vorraum des Hörsaalgebäudes umher, aber sie war weg.

Gut gemeinte Aktion in der Vorlesung, sprach dich von der Seite jemand an. Aber viel zu unreflektiert, um subversiv zu sein. So geht das nicht. Es war der Genosse Krahl, umringt von kopfschüttelnden Kommilitonen. Schon klar, dachtest du. War ja nur für Uschi. Aber das Private ist öffentlich. Ganz bestimmt in einem Hörsaal.

Du nahmst nicht den Aufzug, nahmst die Treppe, fünf Stockwerke, vielleicht konntest du einen Aufzug mit einer Uschi überholen und schautest unten nochmal nach. Nach dem fünften Aufzug gabst du auf. Das konnte doch nicht sein. Das macht einen doch wirr im Kopf. Man spielt doch nicht erst gemeinsam die Pantomime der Weltrevolution, um sich dann zu verkrümeln.

Heute morgen hattest du noch Onkel Willi auf dem Sofa im Wohnzimmer der Witwe Knapp vorgefunden. Über einem Stuhl hingen traurig seine Hosen nebst Hosenträgern. Sein Hemd hatte er anbehalten. Neben dir war aus der Küche die Witwe aufgetaucht, legte ihre Hand auf deine Schultern und meinte: Männer können schon schlunzig sein. Er hat geschnarcht wie einst mein Heinz. Ich hab ihn bis ins Schlafzimmer rüber gehört. Wissen Sie, es war da so was von einer Säge drin. Da müssen ganze Wälder gefallen sein. Und des alles in einer Nacht. Ich hab kein Auge zu gemacht. Aber ob Sie’s glaube tun oder net, und sie rieb deine Schulter unschuldig tantenhaft, es war mir net unangenehm.

Du bliebst bewegungslos vor dem Sofa mit dem mittlerweile leise sägenden Willi stehen. Inzwischen hatte die Witwe Knapp zwei Tassen Kaffee auf einem Tablett aus der Küche gebracht. Eine Tasse drückte sie dir mit Untertasse in die Hand, die andere nahm sie. Und so standet ihr wie zwei alte Kaffeetanten mit abgespreizten Fingern im Wohnzimmer und schautet euch den Schlafenden auf dem Sofa an.

Is jetzt e bißje wie im Zoologische Gadde beim Doktor Grzimek, gell, nur is da der Kaffee net so gut.

Gerne hättest du beim Gedanken an den Morgen vor der Vorlesung nach der Vorlesung Uschis Hand plötzlich auf deiner Schulter gespürt.

Joachim Geil

Textauszug (S. 100–104) mit freundlicher Genehmigung des Steidl Verlags
© Steidl Verlag Göttingen 2012

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erstellt am 13.12.2012

Joachim Geil
Tischlers Auftritt
Roman
Gebunden, 480 Seiten
ISBN: 9783869305127
Steidl Verlag, Göttingen 2012

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